Berlin

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Freitag, 17. Juni 2016

Buch der Woche - Fallensteller von Sasa Stanisic

"Der Druck von hinten, das Geschiebe. Mo und ich können ja nicht für immer dieses Leben selbst aussuchen. Es ist unausweichlich, dass wir irgendwann irgendwo bleiben und für jemand anderen, einen Polizisten vielleicht, unausweichlich sind."
Für mich ist das neue Buch von Sasa Stanisic in all seinen verschiedenen Geschichten, genau immer wieder ein Buch über dieses Thema: Wie wir Menschen, und vielleicht auch wir Tiere, versuchen, uns unser Leben selber auszusuchen, wie von hinten geschoben wird, so dass wir dabei in Fallen geraten, unvermeidlich; wie wir uns danach sehnen, für jemanden, für etwas unausweichlich zu sein, wovor wir uns im gleichen Moment auch entsetzlich fürchten, weil diese Unausweichlichkeit ja die Falle schlechthin ist, in der man dann möglicherweise ein Leben lang sitzt. Alle Helden sind wirklich Helden in diesem Buch, weil sie sich so unglaublich ernsthaft und aufrichtig abmühen damit, Menschen zu sein. Dabei wird kaum ein Thema ausgespart, das uns heute beschäftigt. Dies geschieht in keinster Weise plakativ, sondern wie es die gesellschaftliche Aufgabe eines Schriftstellers idealerweise vorsieht, hat Stanisic bereits ganz viel von dem, was gerade erst geschieht, verdaut, daraus Geschichten gemacht, die das Außergewöhnliche bereits aus dem Blickfeld der Gewöhnlichen zu etwas macht, das ganz und gar zu zu uns und unseren Leben dazu gehört.
Wunderbar ist das und poetisch ist das neue Buch von Sasa Stanisic auch, dabei so voller Fabulierlust, dass man beim Lesen süchtig wird. Selten trauen sich Autoren, ihrer Fantasie so derart freien Lauf zu lassen. Wenn sie es tun, ist es in den meisten Fällen nicht so gut, wie bei Stanisic. Ich bin noch nie einem Autor in den Wald gefolgt, um mit einer Hirschherde "eine Runde Fifa auf der X-Box zu spielen, und alle Hirsche wollen als FC Bayern spielen", der Oberhirsch heißt auch noch Dietmar, ganz ehrlich, das könnte mir kein anderer Autor unterjubeln, ohne dass ich das Buch zuschlagen und mich etwas anderem widmen würde. Aber bei Stanisic ist die Fabulierlust so meisterhaft, so tiefgründig und wunderschön, dass ich in der U-Bahn mehrere Stationen zu weit fahre, mit Dietmar, und irgendwann verwundert feststelle, dass die U-Bahn nicht mehr fährt, sondern in einer Art dunklem Tunnel steht, leer, das Licht innen geht auch aus. Ich panicke. Dietmar, wo sind wir? Da kommt der BVG-U-Bahnfahrer, grinst meine Panik an, geht im dunklen Tunnel außen an der Bahn vorbei, winkt majestätisch, steigt am anderen Ende wieder in die U-Bahn-Fahrerkabine ein und fährt aus dem Tunnel raus. Das Licht geht an und ich merke, ich bin über die Endhaltestelle hinaus gefahren und jetzt ist diese Endhaltestelle die Anfangshaltestelle. Das macht aber nichts. So habe ich mehr Zeit zum Lesen gewonnen.

Fallensteller also, ein Band voller Erzählungen, erschienen im Luchterhand Literaturverlag. Ich gebe zu, die ersten beiden Geschichten haben mir nicht so gut gefallen, auch im Rückblick mag ich sie nicht. Ich wollte das Buch schon beiseite legen, war auch ein bisschen enttäuscht. Aber immerhin war es Stanisic,  ich hatte ihn schon einmal live gesehen, und ich hatte seine anderen Bücher gelesen und geliebt. Da legt man ein Buch nicht so einfach zur Seite, was eine gute Entscheidung war. Denn im dritten Kapitel schlug die Fanfalle zu und seitdem sitze ich darin fest, ziemlich beglückt, beschwipst von dieser Sprache, die einfach immer weiter fließen sollte, wie Kölsch, oder meinetwegen Champagner, so dass ich nichts anderes mehr lesen muss.
Auf trat also Mo, und eine Icherzählerin, die ich ewig für einen Icherzähler hielt, bis sie irgendwann, in der dritten oder so Geschichte von den beiden, als "deine Kleine" tituliert wurde, von den Pizzaalbanern. Da waren die Geschichten, die vorher schon gut waren, noch viel besser. Weil da dieses Kribbeln dazu kam, das eben da ist, wenn ein Typ und eine Kleine bestimmte Storylines zusammen erleben.
"Mo und ich wollen zu den christlichen Menschenrechtsaktivisten stoßen, die auf einem Rheinfloß in einer Rheinstadt ein Rheinfest feiern. Das Wasser steht uns unsymbolisch bis zum Hals." Weil Mo in die Menschenrechtsaktivistin Rebekka aus Köln verliebt ist, schwimmen sie also durch den Rhein zu diesem Floß und mischen sich unter die Menschenrechtsaktivisten. Denn Mo ist niemand, der die Liebe leicht nimmt. "Mo bemüht sich einfach stärker um Liebe, als das heutzutage üblich ist, wo es oftmals reicht, dass zwei Menschen in die gleiche Richtung auf ihrem Smartphone wischen, um miteinander quasi schon im Bett zu landen." Ein andermal sind sie, auch wieder wegen Rebekka, auf einer Vernissage in Stockholm, wo sie dann eines der Bilder der ausstellenden syrischen Surrealistin stehlen, um es teuer zu verkaufen und ihr das Geld dann zukommen zu lassen. "Man kann ja nicht immer nur nichts tun."
Mo und die Kleine begegnen uns immer wieder in den Geschichten, verfolgen eine Turteltaube in Reykjavik oder tauchen unangemeldet auf der Vor-Hochzeits-Party seiner Schwester Sabrina auf, wo Teams gebildet und Spiele gespielt werden. Ständig gibt es in diesen Geschichten Situationen, die peinlich sind und in denen man total als Alien auffällt. Großartig!
Nach Mo treffe ich Hirten, auf der Romanija, wo es auch mal, fast, eine Fabrik gegeben hätte. Auch die haben mich sofort auf ihrer Seite. "Ich habe gehört, auf dem Karstklotz namens Romanija, zwischen öden Kalkschollen und Hügelgräbern aus Klaubsteinen, Gräbern für illyrische Hirten und jugoslawische Partisanen stehe eine Fabrik. Sie hat ein paar bescheidene Träume hergestellt. Die Hirten haben ihrem Räuspern gelauscht und hüten ihr Zögern."
Schließlich ist da noch Georg Horvath. In einem Flugzeug auf dem Weg nach Brasilien sitzt er neben einem Asiaten, der ihn den ganzen Flug über, zu seiner Irritation, nicht beachtet, sondern Filme mit Außerirdischen schaut, während Georg Horvath sich den Inflight-Riesling so reichlich schmecken lässt, dass er sich nach der Landung verirrt. Auch ihm begegnen wir mehrfach.

Ich habe das Buch noch lange nicht beendet, Gott sei Dank. Es wäre ein Jammer, all diese Charaktere, die so echt sind, und gleichzeitig so verrückt, schon wieder zu verlassen. Also, echte Charaktere müssen ja verrückt sein. So wie echte Menschen. Jeder hat schließlich seine Macken. Diese Macken erkennt und poetisiert Sasa Stanisic mit einer ungeheuren Leichtigkeit und Liebe zu den Typen und ihren Geschichten. Auch platzt das Buch vor Humor, einerseits, vor Melancholie andererseits, weil es eben nicht so leicht ist, dieses Leben, man verzettelt sich, so mag es erscheinen, unvermeidlich. Aber doch ist es eines der positivsten Bücher, die ich bislang in diesem Jahr gelesen habe. Es ist nicht so witzig, dass man ständig lachen müsste (wie mir das zum Beispiel bei Meyerhoff erging), sondern es ist feiner, so dass man lächelt, die ganze Zeit, beglückt, unter diesen Menschen gelandet zu sein, die so einzigartig, verrückt und verloren sind.
Mo und Georg Horvath, so wie Lada, den wir schon aus "Vor dem Fest" kennen, gehören schon jetzt zu meinen Lieblingscharakteren in Büchern, also ich meine "Lieblingscharaktere aller Zeiten und für immer, nicht nur gerade jetzt". In "Vor dem Fest" gab es noch Momente, wo ich mich fragte, warum die Geschichte aufgeschrieben werden musste. Ich nahm Enden wahr, die irgendwie im Leeren verbaumelten. Aber bei Fallensteller kommt mir dieser Gedanke gar nicht mehr. Die Geschichten, die teilweise Fortsetzungen sind, dringen weiter in die Tiefe und in die Breite, sie führen stellenweise "Vor dem Fest" fort, erzählen auch, wie es dem Ort ging, der durch diesen Jugo-Autor plötzlich zu einer Art literarischen Metropole geworden ist. "Später sind dann "Literatur-Touristen hergeradelt, "auf den Spuren des Buchs". Kamen bei Ulli vorbei, wollten Fotos machen. Musst du dir mal vorstelle! Pichelst schön in aller Ruhe deine Molle, plötzlich latscht ein Lesezirkel aus Lübeck in die Garage."
Die Geschichten locken die baumelnden Enden in die Falle, nicht alle, was aber gut ist, man darf sich schon auf Stanisics nächstes Buch freuen. Möge seine Fabulierlust niemals enden. Amen!

© Susanne Becker



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