Berlin

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Samstag, 21. Mai 2016

Joachim Meyerhoff - Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

"Großvater: "Wie gehts denn eigentlich Irmgard?"
Großmutter: "Wer ist das denn?"
Großvater: "Wie bitte?"
Großmutter übertrieben laut, als würde sie über einen See rufen : "Wer ist daaaas?"
Großvater: "Na, die mit dem schnellen Wagen. Hui."
Großmutter: "Hermann, ich bitte dich! Du hast gekleckert!"
Großvater: "Ich hab überhaupt nicht gemeckert! Ich hab nur gefragt, wie es dem Irmelchen geht?"
Großmutter: "Du hast Wein auf dem Hemd. Tu da Salz drauf!"
Großvater: "Wie bitte?"
Großmutter vorwurfsvoll mit Handtrichter in seine Richtung brüllend: "Tuuu da Salz drauf!" und dann leise wie für sich: "Wie im Irrenhaus!"

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche LückeSchon bei der Urlaubsplanung war mir klar, dass ich den Meyerhoff mitnehmen würde. Ich mochte sein mittleres Buch Wann wird es endlich wieder so wie es nie war sehr, auch, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die mich wirklich oft zum Lachen gebracht hatten. Ich bin niemand, der leicht bei Büchern lacht, bzw. vielleicht suche ich mir dafür auch die falschen Bücher aus? Nein, ich glaube eher, es gibt sie nicht so häufig, diese klugen, gut geschriebenen Bücher, die so ganz nebenbei eine Geschichte nach der anderen präsentieren, und jede einzelne völlig unauffällig zu ihrer Pointe führen, ohne dass es anstrengend wirkt. Das kann Joachim Meyerhoff wie eigentlich kein anderer Schriftsteller, der mir spontan einfallen würde. Es hat so Loriotmomente, wo ja auch die Wirklichkeit unaufgeregt gezeigt wird und man lacht sich tot.
Manchmal finde ich diese Art des Erzählens bei Amerikanerinnen, zum Beispiel Heidi Julavits oder Jenny Offil. Aber da sind es eher die intelligenten Wortspiele, schnell und markant, die mich zum lauten Auflachen bringen. Bei Meyerhoff, und das ist in meiner Zeit als Leserin einmalig, laufen mir teilweise beim Lesen die Lachtränen übers Gesicht. Das mag auch an der Vertrautheit liegen: der Autor ist in meinem Alter und viele der banalen Eckdaten (Tritop Waldmeister trinken z.B., haben einen derartigen Wiedererkennungseffekt, dass ich, vor Freude vibrierend, im Flugzeug meinen wildfremden Nachbarn beinahe angestoßen hätte, um ihn zu fragen, ob er sich auch noch daran erinnern könne, wie lecker das Zeug war. Der Sitznachbar war aber höchstens 20, also, er konnte sich eh nicht erinnern.)

Das Buch ist eine Art Hommage an seine Großeltern, bei denen Meyerhoff dreieinhalb Jahre lang lebte, während er die Otto-Falckenberg-Schauspielschule besuchte und keine eigene Bleibe fand. "Da boten mir meine Großeltern an, für die ersten Wochen bei ihnen zu wohnen. "Wenn du erst mal in München bist, Lieberling, dann wirst du bestimmt etwas finden. So lange sollst du uns herzlich willkommen sein." Er wurde im rosa Zimmer untergebracht: "Die Wände waren rosa. Rosenquarzweintrauben und anderes Rosenquarzobst lagen in einer hauchdünnen Rosenquarzschale. Die Lampenschirme in Zartrosa. Das Bett war stets rosa bezogen. Durch die rosa Stoffjalousie fiel mattrosa Licht auf den altrosa Teppichboden." Meyerhoff darf das Zimmer in der ganzen Zeit seines Aufenthalts auch nicht verändern. Als er einmal, nach fast drei Jahren, ein paar Möbel verrückte, um sich ein wenig heimisch  einzurichten, den Hotelzimmercharakter des Raums zu mildern, flippte die Großmutter vollkommen aus und er musste auf der Stelle alles an seinen Platz zurück stellen. "..., du strapazierst unsere Nerven aufs Äußerste. Du bist ja unberechenbar. Eine Heimsuchung! Dein Verhalten ist impertinent!"
Als er wieder auszog, tat er es mit einem Koffer, als wäre er nur eine Woche zu Besuch gewesen. Das regelmäßige, von keinerlei Unwägbarkeiten erschütterte Leben der Großeltern war in seiner Konstanz und Starre auch durch den Einzug eines etwas verrückten Enkels in keinster Weise aus der Bahn zu werfen. Vielmehr passte der Enkel sich von Anfang an nahtlos den Großeltern an und genoss die Sicherheit der geregelten Tagesabläufe, die durch regelmäßige und zeitlich exakt getacktete Einnahmen diverser alkoholischer Getränke klar strukturiert waren. Am Morgen begann man mit einem Glas Champagner zum Frühstück und hangelte sich durch verschiedene Gaben von Weiß- und Rotwein über Whiskey am späten Abend zum Cointreau hinüber, der den Tag abrundete. Man darf wohl mit Fug und Recht sagen, dass die Großeltern sehr stilvolle Alkoholiker waren (obwohl ein Arzt der Großmutter erstaunlicherweise noch kurz vor ihrem Tod die Leber eines jungen Mädchens bescheinigte)  und auch der Enkel oft genug in der Villa in Nymphenburg sturzbetrunken ins rosa Bett wankte, das eigentlich etwas zu kurz für ihn war, so dass die Füße am Ende überragten.
Die Erzählungen aus dem großelterlichen Alltag und Leben machen regelrecht süchtig (ja, ich gebe zu, man könnte bei der Lektüre auch Alkoholiker werden), und wie gesagt, werden so knochentrocken zu ihrer Pointe geführt, dass ich ständig laut lachte, kichernd im Stuhl saß und mein gesamtes Umfeld mit dem alle zwei Abschnitte ausgestoßenen Ruf: "Darf ich Euch diese Stelle noch ganz kurz vorlesen, die ist einfach zum Brüllen!" nervte.  Jeder, der mir beim Lesen zusah, wollte mir das Buch praktisch aus den Händen reissen, so offensichtlich war der Spaß, den die Lektüre mir bereitete. Dabei ist es aber kein Schenkelklopfer, sondern die ganze Zeit auch zum Nachdenken anregend. Wenn zum Beispiel der Großvater, der immerhin Philosophieprofessor gewesen ist,  dem Enkel eine Charakteranalyse vom Feinsten darbietet: "Für dich scheint alles Phänomen zu sein. Du staunst ja über alles und sei es noch so unbedeutend. Die Welt anzustaunen ist eine sehr kindliche und friedliche Angelegenheit. Aber es ist auch furchtbar hilflos. Deine Teilhabe ist dadurch sehr eingeschränkt." "Was meinst Du mit Teilhabe, Großvater?" "Dadurch, dass du deinen Blick auf die Welt perfektionierst, drohst du dich selbst aus ihr auszuschließen Teilhabe hieße, ein Bestandteil der Welt zu sein." Für mich einer der Schlüsselsätze des Buches, der mich in den Himmel starren und meinen Gedanken nachhängen ließ (War meine Teilhabe möglicherweise auch sehr eingeschränkt?). Der gleiche Großvater hielt auf der anderen Seite innerfamiliäre Diaabende ab (Achtung! Auch hier griff wieder die direkte Erinnerung meiner Kindheit nach mir!), die Meyerhoff  "Nahtoderlebnisse" nennt.

Neben den Schilderungen des Lebens mit den Großeltern und Rückblenden in die familiäre Vergangenheit erzählt Meyerhoff auch immer wieder von seinen Erlebnissen an der Schauspielschule, wo genau dies, nämlich die mangelnde Teilhabe, ebenfalls immer wieder mal thematisiert wird "Wir sind es ehrlich gesagt leid, dich wie ein rohes Ei zu behandeln."
Das Buch ist eine Erzählung über sein Ringen um Teilhabe, darum, nicht immer nur der Beobachter zu sein, sondern sich hinein zu begeben, wozu natürlich der Weg über die Schauspielschule, zumindest von außen betrachtet, ein brutaler Weg ist für jemanden, der sich eigentlich verstecken möchte, der gar nicht so gerne gesehen werden mag.
Gerade seine Gabe, so präzise beobachten zu können, beflügelt sein Schreiben auch. Dass er all diese Anekdoten in der Erinnerung behalten hat, so präzise wiedergeben kann,  auch das ist unglaublich. Würde ich versuchen, über meine Familie rückblickend zu schreiben, müsste ich das meiste erfinden.
Auch wenn er von den Mitschülern und Dozenten an der Schauspielschule berichtet,  ist das zum Brüllen komisch.
"Dramaturgie- Unterricht hatten wir bei einem gelb gerauchten Altachtundsechziger, der sich nur für meine Mitschülerinnen interessierte. ... Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Flossen auf die Schauspielschülerinnen zu legen und sie dann nicht mehr loszulassen. Nach einem Jahr waren alle vier Frauen während seines Unterrichts mit ihren Stühlen einen halben Meter vom Tisch abgerückt. Er war ein brillanter Grapscher. ... Es widerte mich an und doch beeindruckte mich seine Dreistigkeit."
Als ich das Buch in die Hand nahm, rechnete ich damit, die Erfolgsgeschichte des großen Schauspielers Joachim Meyerhoff präsentiert zu bekommen, der nach einigen Unbilden die Schauspielschule triumphal abschloss und ein Star wurde. In Wahrheit ist es ein Buch über seine stolpernde Selbstfindung, sein Verlorensein Anfang 20 in einem Gemisch aus irgendwelchen Gefühlen, diffusen Zukunftsvisionen und dem Nichtwissen, wer man eigentlich ist. Wer jemals Anfang 20 und verwirrt war, wird keinerlei Mühe haben, sich in diesem Buch, bei dem man wirklich auf jeder Seite lachen muss, wieder zu erkennen. Er beschreibt seinen mühsamen Weg zum Schauspieler, so ehrlich und schonungslos, ohne jemals pathetisch oder peinlich zu sein, dass man sich postwendend aller eigenen Peinlichkeiten erinnert und diese plötzlich viel weniger schmählich finden kann. (Gut, ich habe meiner Mutter einmal sturzbetrunken auf die Füße gekotzt, aber das ist nichts gegen die Geschichte, als Meyerhoff seiner Großmutter in die Haare gekotzt hat!)  Eine Geschichte wider den Perfektionswahn der heutigen Zeit, wo jeder immer schon alles kann und genau weiß, was er werden möchte und damit massig Geld verdient, bevor er 24 ist.
In einer meiner Lieblingsszenen sitzt Meyerhoff nackt mit Derrick, also Horst Tappert, einem Freund der Großeltern, in der großelterlichen Sauna und stellt begeistert fest, dass es zwischen dem Menschen und der Rolle keinen Unterschied mehr gibt. Vielleicht könnte das eine verlockende Zukunft sein? "Ich war, was die Schauspielerei anging, ein konfuser Nullpunkt, ein wirres Irgendwas, und er war das genaue Gegenteil: ein überformtes Fernseh-ich...Dieser tränensackbehängte Mensch hatte den Horst Tappert in sich schon lange aufgegeben und war mit Haut und Haaren ein Derrick geworden."

Ein wunderbares Buch, furios, witzig, klug und zärtlich. Ein Buch, dass seine Menschen liebt, gerade wegen all der Fehler, die gar keine sind.
Lest es!! Es ist übrigens im Kölner Kiwi-Verlag erschienen (ja, genau, Kiepenheuer & Witsch!), und weil es aus Köln kommt, wie ich, liebe ich es doppelt!

(c) Susanne Becker


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