Berlin

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Samstag, 28. Mai 2016

Buch der Woche - Teju Cole, Open City

"Aus den Büchern erfuhr ich, wie vielschichtig die Welt ist, wie unterschiedlich. Für mich ist Amerika kein Monolith wie für Khalil. Ich weiß, dass es dort ganz unterschiedliche Menschen gibt, mit unterschiedlichen Vorstellungen, ...Aber die Welt soll endlich wahrnehmen, dass die so genannte arabische Welt auch kein Monolith ist, jeder von uns ist ein Individuum. Auch wir sind uns nicht immer einig."

Teju Cole ist für mich einer der umfassendsten Chronisten der heutigen Welt, in welcher die Grenzen absolut durchlässig sind und eine der Hauptherausforderungen darin besteht, den Menschen dabei zu helfen, die Angst vor dem Fremden zu überwinden, das Fremde als etwas zu verstehen, das zu uns gehört. Vielleicht klingt das viel zu absichtsvoll. Möglicherweise besteht der Grund, Romane wie Open City zu schreiben in nichts geringerem als dem Wunsch, sich selbst zurecht zu finden in der Welt der durchlässigen Grenzen, in der es für einen Amerikaner mit schwarzer Haut anders ist als für eine Deutsche mit weißer Haut oder einen Araber, der Muslim ist. Einer Welt, in der wir so viele Informationen tagtäglich in uns aufnehmen, dass wir im Grunde keine Zeit mehr haben, sie zu verarbeiten, womit das Fremde auch in uns lebt und die Grenzen in uns durchlässig sind. Die Rollen, die man zugedacht bekommt im Erzählstrom der Allgemeinheit, sind unabhängig davon, wer man wirklich ist. Sie speisen sich aus den Äußerlichkeiten, die den anderen sagen, in welche Schublade man gehört. Sich selbst fremd zu werden, das ist leicht.
Teju Cole ist ein in den USA geborener Schriftsteller, Kunsthistoriker, Essayist und Fotograf, der in Nigeria aufgewachsen ist und als Jugendlicher zurück in die USA kam. Heute lebt er in Brooklyn.
ImageSein großartiger Roman Open City, der auf Deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen ist, handelt von dem Psychiater Julius, der eher einsam zu sein scheint, vielleicht sich selber fremd ist und der an den Abenden und freien Tagen lange Spaziergänge durch New York macht, dabei sowohl über sein eigenes Leben nachdenkt, als auch über Musik, Politik, Kunst. Sein innerer Monolog, der kultiviert ist und klassische Musik (Mahler!) genauso kennt wie Literatur und Philosophie, behandelt die drängenden Themen unserer Zeit, sowohl die im Inneren der Menschen (wer bin ich? wo gehöre ich hin?) als auch die politischen (9/11, Antisemitismus, Fremdenhass, Israel, die politische Rolle der USA, die Identität Europas).
Das Buch wurde 2011 veröffentlicht. Manchmal kommt er mir bei der Lektüre hellsichtig vor, wenn ich Abschnitte wie diesen lese: "Brüssel war eine Stadt im Wartezustand, wie unter einer Glaskuppel, mit traurigen Straßenbahnen und Bussen. Überall sah ich Menschen, viel mehr als in anderen europäischen Städten, die so wirkten, als wären sie gerade aus einer sonnendurchfluteten Ferne angereist. Ich sah alte Frauen mit schwarzen Mustern um die Augen, ihre Köpfe in dunkle Tücher gewickelt, und junge Frauen, die gleichermaßen verschleiert waren. Der Islam in seiner konservativen Form war überall präsent, ... Doch das war die europäische Gegenwart, die Grenzen waren durchlässig. Die psychische Anspannung der Stadt war überall spürbar." Dann hört es sich vor dem Hintergrund der Anschläge vom vergangenen März an, als hätte er sie voraus geahnt.
Autoren wie Teju Cole, mit einem völlig anderen Hintergrund als meinem weißen, deutschen, weiblichen Blick auf alles, was gerade geschieht, kann Dinge sagen, die ich mich noch nicht einmal zu denken traue, weil da längst eine Sperre in uns installiert ist, offen und unvoreingenommen auf die Geschehnisse, auf andere Menschen zu schauen. Es gibt so viele Kategorien, in die man gesteckt werden kann und die einen mundtot machen, aus Angst, in einem unangenehmen Licht zu erscheinen. Auf der anderen Seite ist da diese europäische Arroganz, die man nur haben kann, wenn man sich mit seinem Pass in dieser Welt vollkommen grenzenlos bewegen darf, wenn man das Gefühl, diskriminiert zu werden, eigentlich nicht wirklich kennt. Als Julius mit einer belgischen Bekannten zu Mittag isst, und ihr davon berichtet, dass ein marokkanischer Bekannter von ihm es in Belgien schwierig findet für Araber, ist ihre Reaktion eine, die mir nur allzu bekannt vorkommt: "Wissen Sie, ich kenne diese Typen, sagte sie, diese jungen Männer, die sich ständig von der Welt angegriffen fühlen. Das ist gefährlich. Wenn Leute denken, sie wären die Einzigen, die gelitten haben, dann ist das sogar sehr gefährlich. ... Unsere Gesellschaft hat sich für diese Menschen geöffnet, aber sobald sie drinnen sind, jammern sie nur. Warum zieht jemand irgendwohin, wenn er dann unbedingt beweisen muss, wie anders er ist?"

(c) Teju Cole, Tim Knox
Julius reist nach Brüssel, weil er ein in Nigeria geborener Halbdeutscher ist, und seine deutsche Großmutter vor vielen Jahren nach Brüssel gezogen sein soll. Er hat keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter und kann deshalb keine weiteren Informationen über die Großmutter einholen. Aber er erinnert einen Besuch dieser Oma in Nigeria und sehnt sich danach, sie wieder zu sehen. Ohne Adresse reist er also nach Brüssel und streift auch dort allein durch die Straßen, in der Hoffnung, seiner Oma zufällig zu begegnen. Er lernt Farouk kennen, der in einem Internetcafé arbeitet, und Khalil, dem der Laden gehört. Sie reden über Europa, die USA und was es bedeutet, als Marokkaner, der eigentlich seinen Doktor machen möchte, nach Europa zu kommen. "Ja, sagte Khalil, Europa ist nicht frei. Die Freiheit wird zwar behauptet, aber das sind nur Worte. Rhetorik. Und wenn man etwas über Israel sagt, stopfen sie einem gleich das Maul mit ihren sechs Millionen ... Jedes Mal, wenn wir über die palästinensische Situation zu sprechen versuchen, sagte er, hören wir: sechs Millionen. ... Ich wollte ihm sagen, dass wir uns in den Vereinigten Staaten mit scharfer Israel-Kritik auch deshalb zurück hielten, weil sie schnell in Antisemitismus kippt, verzichtete aber darauf, weil ich wusste, dass sich meine Angst vor Antisemitismus, genau wie meine Angst vor Rassismus, so tief eingegraben hatte, dass sie längst prärational geworden war." In Coles Roman, der irgendwie auch ein philosophischer Essay ist, prallen diese verschiedenen Welten immer wieder ganz deutlich aufeinander und es wird einem als Europäerin der Spiegel vorgehalten, der sagt: Man kann die Welt vollkommen anders sehen als du. Alle Schlüsselerlebnisse deines Lebens können anders interpretiert werden. Deine Interpretation, deine Perspektive ist eine unter vielen möglichen. Es kommt immer auf den Ausgangspunkt an. Ich muss an eine Postkarte denken, die mir einmal eine Freundin schickte. Auf ihr sieht man ein Fenster, durch das man aus einem dunklen Raum in eine wunderschöne Berglandschaft hinaus schaut und daneben steht ein Spruch, der vom Dalai Lama stammen soll: "It is your mind, that creates this world." Nichts da draußen ist objektiv. Alles ist eine Spiegelung unseres Bewusstseins.
Wenn ich Bücher wie das von Teju Cole lese, dann erinnere ich mich sofort wieder, wie schnell ich bereit bin, und das ist ja eine durchaus menschliche Art, meine so persönliche Sicht auf die Welt als objektiv wahr und unantastbar zu betrachten. Dann halte ich alles, was dem widerspricht, für Quatsch, und um diese Haltung aufrechterhalten zu können, ist es teilweise nötig, die Menschen, die mir widersprechen, zu diffamieren. Denn wenn sie Recht hätten, hätte ich unrecht und das würde unter Umständen mein Universum ins Wanken bringen. Davor hat jeder Angst. Das ist normal. Die Frage ist dann, wie man mit der Angst umgeht. Julius, der Protagonist, geht mit dieser Angst auf eine Weise um, die ich sehr typisch für die heutige Zeit finde: er vereinzelt. Er lebt hauptsächlich in seiner Arbeit, der Kunst, eher oberflächlichen Begegnungen, ist aber das ganze Buch hindurch ein einsamer Spaziergänger und Denker, überaus klug, vermutlich nicht beziehungsfähig, eventuell auch nicht empathisch, obwohl Psychiater.
Wenn Menschen sich vor dem Fremden fürchten, wehren sie es oft genug brutal ab. Der Grat der Diffamierung ist dabei variabel und kann bis zur Entschmenschlichung gehen, die dann auch Gewalt rechtfertigt.
Wir leben gerade in einer Zeit und an einem Ort, wo man das alles wieder so genau beobachten kann, wie die Mechanismen funktionieren und welche Rolle die Wut dabei spielt.t Teju Cole hat das, was heute so deutlich und unübersehbar stattfindet, schon 2011 gesehen: "Aktionismus war Selbstzweck geworden und führte zu noch mehr Aktionismus. Und das beste Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Jugend für die eigene Sache zu gewinnen, war Wut. Die einzige Möglichkeit, dieser Verlockung von Gewalt nicht zu erliegen, schien darin zu bestehen, kein Anliegen zu haben, fern jeglicher Loyalitäten zu bleiben, sich rauszuhalten. Doch war das nicht eine gravierendere ethische Verfehlung als die Wut selbst?"

In letzter Zeit lese ich häufig Bücher, die meine Welt aus einer mir eher fremden Perspektive zeigen Andere Bücher, die mir da einfallen, waren für mich Dein Name oder auch Americanah, sowie die Bücher von Elif Shafak. Jeden Tag, wenn ich mein Laptop öffne, sehe ich Rezensionen von anderen Bloggern, die diese Bücher ebenfalls entdecken. Heute zum Beispiel bei Buchpost, Die Sirenen von Bagdad, das sofort Einzug auf meine ToReadList hielt.
Des weiteren habe ich gerade in der letzten Zeit einige Filme gesehen, die mich sehr beglückt haben. Der wichtigste für mich war vielleicht No Land's Song, aber auch Taxi Teheran oder Das Mädchen Wajda sowie Stein der Geduld gingen für mich in diese Richtung.

Wenn die Grenzen durchlässig sind, und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der sie das nicht sind, denn nur in einer solchen Welt ist Freiheit möglich, des Denkens, des Seins, für alle. Wenn das aber gelingen soll, dann geht es nur über Kennenlernen und Offenheit und das Eintauchen in andere Perspektiven. Es geht nicht, wenn wir von allen anderen verlangen dass sie sich uns anpassen.
Je mehr man weiß, desto mehr Spaß hat man und desto weniger Raum ist da für Angst.

"Es geht darum, sich eine Herausforderung zu suchen und etwas auf eine vollendete Weise durchzuführen, ob man mit dem Fallschirm springt oder von einer Klippe oder einfach nur eine Stunde bewegungslos dasitzt und schweigt, man muss es so machen, dass es Schönheit hervorbringt."
Man kann auch ein Buch schreiben, so wie Teju Cole, der es auf eine Weise tut, die auf jeder Seite Schönheit hervorbringt. Open City ist eines dieser Bücher, die einen mit ihrer Eleganz und ihrer tiefen Menschlichkeit glücklich machen.

Hier ist noch, zum Abschluss, ein tolles Interview mit Teju Cole, das im Jahre 2013 im Online Magazin Guernica, welches ich im übrigen sehr schätze, erschienen ist.

(c) Susanne Becker

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