Berlin

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Mittwoch, 27. Januar 2016

Navid Kermani - Dein Name

„Insofern ist dies keine Chronik der Heiligen.“

Nein, aber vielleicht ist das Buch eine Chronik des Heiligen, die von Navid Kermani unter dem Titel „Dein Name“ in vierjähriger Arbeit geschaffen wurde, eine Chronik des Heiligen, das in unserer aller Leben in jedem noch so banalen Akt genauso wohnt, wie in den großen Taten. Eine Chronik dessen, was wir nicht kontrollieren, dem wir uns nur ergeben können.

„Natürlich ist es eine Utopie, in einem einzigen Text alles zu schreiben – er wäre unlesbar. Es geht darum, eine Form zu finden, die die Lebensfülle zwar nicht birgt, das wäre unmöglich, aber den Text zum Unendlichen hin öffnet.“

Während er die Toten nennt, deren Leben er durch das Buch verlängert, indem er sie erinnert, geht sein Leben weiter, als Ehemann, Vater, Schriftsteller, Sohn, als Meinungsverkäufer "..., danach holt er die Tochter vom Judo ab, um sie mit zum Rundfunk zu nehmen, wo er für eine vierminütige Meinung einen guten Tageslohn verdient zuzüglich sieben Prozent für die Pensionskasse. Einen anderen Verdienst hat er nicht, seit er seine Meinung nicht mehr schriftlich zu begründen vermag. Selbst als die Frau auf der Intensivstation lag, ist er öfter auf den Flur gegangen, um für oder gegen etwas zu sein - für einen Tageslohn in vier Minuten zuzüglich sieben Prozent kriegt er sich immer in den Griff." Auch darüber berichtet er. Er berichtet darüber in einer Weise, mit der man als Leserin sofort verbunden ist, weil einem da von den Seiten so vieles vertraut entgegenkommt: Verzweiflung, Freude, Glück, das Hadern mit dem Alltag und dem ganzen Leben – allgemeinmenschliches wird am Beispiel eines Einzelnen so hautnah und begeistert, so akribisch und authentisch, geschildert, dass es beim Lesen zu einem Teil des eigenen Lebens wird. Die Person, die gerade das Buch eines Schriftstellers der Navid Kermani heißt, liest, nennen wir sie Susanne Becker, war für die drei Monate der Lektüre eine meiner Hauptidentitäten. Seitdem ich das Buch gestern beendet habe, fühle ich mich ein wenig verloren. Ich fange alle drei Stunden ein neues Buch an und lege es wieder beiseite. Es hat keinen Zweck. Dieses Lebensbuch muss wirken dürfen. Ich kann erst wieder ernsthaft lesen, wenn ich es verdaut habe. 

Ein Roman, 1232 Seiten lang, in welchem „Navid Kermani die Namen aller nennen möchte, die ihm auf Erden etwas bedeuteten, nicht nur die ihm fehlen.“
Das ist ein Unterfangen, das mich, die ich auf hochkomplizierte, sehr lange Romane wie eine Süchtige reagiere, natürlicherweise sofort gefangen nahm. Ich wollte meinen Job kündigen, um dieses Buch ganztägig lesen zu können.
Vom ersten Satz an faszinierte es mich: „Es ist Donnerstag, der 8. Juni 2006, 11:23 Uhr auf dem Laptop, der einige Minuten vorgeht, also 11:17 Uhr ungefähr, oder, da er den Satz noch schreibt, 11:18 Uhr.“
Ein Roman, 1232 Seiten lang, in welchem ein Schriftsteller, der Navid Kermani heißt, darüber berichtet, wie er diesen Roman, den ich gerade lese, schreibt und was währenddessen in seinem Leben und um ihn herum so alles geschieht. Lesungen, Sterben, Streits, mit der Tochter in die Kölner Philharmonie gehen, eine zweite Tochter wird als Frühchen geboren, Sex, Geldsorgen, Krebs, Reisen als Berichterstatter und privat, ein Jahr als Stipendiat in Rom, das Ringen um die Ehe mit der Frau, die er liebt und von der er hofft, dass sie das Buch als Liebeserklärung versteht, eine Poetikvorlesung in Frankfurt, Hölderlin lesen, Jean Paul lesen, darüber schreiben.
Das Buch reicht vom allertrivialsten, zum Beispiel, wie er im Chatroom einer FrAndrea33 idealere Orgasmen bereitet, als er es in Wirklichkeit je vermöchte, bis zum Heiligsten, wie wir Gott suchen und manche ihn finden. Eine Chronik des Lebens und also ist es ihm gelungen, es zum Unendlichen hin zu öffnen.

Ein Roman, 1232 Seiten lang, in dem der Schriftsteller, der Navid Kermani heißt, die Selberlebensbeschreibung seines Großvaters liest, der in Isfahan/Iran gelebt hat, der nicht wirklich gut schreiben konnte, aber ein aufrechter, ehrlicher Mensch war, aus dessen Selberlebensbeschreibung, die wir gemeinsam mit dem Schriftsteller lesen, ergänzt und ausgeschmückt und manchmal, der guten Leserlichkeit geschuldet, umformuliert vom Schriftsteller, erfährt man sehr viel über den Iran, früher und heute, den Islam, früher und heute. Man erfährt auch, dass Gott schön ist. So wird die Chronik, die keine Chronik der Heiligen sein soll, genau dazu. Profan und spirituell, alles in einem, genau wie das wirkliche Leben im gleichen Moment von der Erleuchtung zur Blamage kippen kann. Das hat man weniger in der Hand, als es einem recht sein kann. Aber am Ende sind wir möglicherweise alle Gott, also heilig.
Während der Schriftsteller das Buch schreibt, sein Hauptwerk, lese ich es, so dass in gewisser Weise die Gegenwart zur Vergangenheit wird, und umgekehrt, so dass in gewisser Weise der Schriftsteller zum Leser wird, und umgekehrt.
Wenn man Dein Name liest, lernt man einiges über den Islam und über den Iran und seine Geschichte. Auch darüber lernt man etwas, dass die Einmischung zum Beispiel der Briten, der Amerikaner im Jahre 1953, der Sturz des Premierministers Mossadegh mit Hilfe der Geheimdienste, dieser Sturz eines Politikers nicht nur etwas zu tun hat mit der Entwicklung des Landes Iran, sondern dass dies auch einer der Puzzlesteine gewesen ist, die zu den Anschlägen des 11. Septembers, möglicherweise sogar zu der Flüchtlingskrise geführt haben, die uns gerade alle so beschäftigt, die den Berichterstatter in dem Roman, den ich lese, schon 2006 und 2007 und 2008 beschäftigt hat, womit er einer derjenigen war, die im letzten Sommer nicht aus allen Wolken fielen, als die Flüchtlinge plötzlich bis hierher kamen, in großen Mengen. Er hatte es kommen sehen und seit Jahren versucht, darauf hinzuweisen wie ein Rufer in der Wüste. Zu Recht bekam er für seine Worte im letzten Jahr, 2015, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, für den er sich mit einer großartigen Rede bedankte. Natürlich erhielt er noch sehr viele andere Preise, erhält eigentlich ständig welche. Das freut mich, weil er in meinen Augen tatsächlich eine herausragende Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur des Hier und Heute ist, der sich wie kein anderer interessiert und einmischt, der mitdenkt und niemals locker lässt.

Das Buch, das zunächst begonnen wurde als eine Art Chronik der Toten, die dem Schriftsteller etwas bedeutet hatten, wird mehr und mehr zu einem Buch über die Selberlebensbeschreibung des Großvaters, die wir gemeinsam mit Kermani lesen und verfolgen das, was er daraus macht und wie er es macht. Vermutlich ist Kermani der einzige Mensch, der diese Memoiren komplett gelesen hat und da er Schriftsteller ist, ein guter und bekannter dazu, im Land der Franken, wird die Geschichte des Großvaters, die im Iran nie veröffentlicht wurde, so sehr der Großvater sich dies gewünscht hatte, schlussendlich im Land dieser Franken, die Großvater so bewunderte, für Furore sorgen und Preise gewinnen. Aber das weiß auch der Schriftsteller, während er das Buch schreibt, nicht. Vielmehr quälen ihn Selbstzweifel und immer wieder die Frage, ob dieses Buch überhaupt etwas sein kann. Sein Schweizer Verleger reagiert irgendwann gar nicht mehr auf seine Mails und Anrufe, so dass der Schriftsteller davon ausgehen muss, zunächst für die Schublade zu schreiben und sowieso ohne Verlag dazustehen.
Von der ersten Seite an teilt uns der Schriftsteller, der Navid Kermani heißt, fast auf jeder Seite, später seltener, aber immer noch hin und wieder, Datum und Uhrzeit mit. Er verankert den Text somit fest und ganz konkret in der Zeit, Wir erleben mit ihm Lesungen, das Sterben, eine Geburt, eine Krankheit, erfahren gleichzeitig von seinen Selbstzweifeln, seiner Wut, seiner Arbeit und den Renovierungsarbeiten in seiner Wohnung, „zuhause herrscht der Handwerker in weißer Latzhose zwischen Bad und Kinderzimmer, damit auch über den Flur, der mit Zeitungen ausgelegt ist“, so wie vom Mann vom Abschleppdienst „Das ist das vierte Mal, dass ich sie abschleppe“, und dass der Peugeot nun auch tot ist. „Bitte, nicht jetzt auch noch ein neues Auto suchen müssen, es dürfte ja nicht irgendeins sein, sondern mindestens so schön wie der große Peugeot, dazu schadstoffarm, zuverlässig und ein Schnäppchen.“
Wir lesen mit dem Schriftsteller, der Navid Kermani heißt, Hölderlin und Jean Paul, wir lernen, Neil Young zu schätzen und verbringen ein Jahr in der Villa Massimo in Rom. In diesem Jahr erkrankt der Schriftsteller selbst an Krebs und muss sich einer Chemotherapie unterziehen.
Das Buch ist intim, zugleich allgemeingültig. Ein persönliches Totenbuch, ein Requiem und ein Buch des Lebens. Selten bin ich bei der Lektüre eines Buches so nah an mich selbst heran gerückt, an die Todesangst, so nah an den Autor heran gerückt, an seine Lebenslust, an seine Lust, jeden Tag zu protokollieren, was ist, und es wird niemals langweilig, da er so wunderbar schreibt, dass es einen hinein zieht mit einem unglaublichen Sog. Das Leben ist so wunderbar, dass ich Kermani, den das Autokorrekturprogramm ständig Germany nennen möchte, und das ist schon wunderbar an sich, für den Rest meines Lebens dabei lesend beobachten möchte, wie er lebt. Selten hat mich ein Buch so inspiriert. Die Sprache mal makellos, mal locker. Da ist so viel Humor, soviel gnadenlose Selbstbespiegelung, auch Eitelkeit, natürlich, wie sollte man ein Buch von 1232 Seiten über sich selbst schreiben und dabei nicht eitel sein? Und was ist überhaupt schlecht daran?
So ist das Buch auch ein Buch über das Schreiben eines Romans und last but not least ein Buch über das Lesen.
 „Jean Pauls Romane sind der permanente Verfremdungseffekt. Wie im epischen Theater, gleichwohl ohne Didaktik, kommentiert der Romanschreiber das eigene Romanschreiben und stellt es somit in seiner Romanhaftigkeit heraus. Fortlaufend weist Jean Paul auf besonders schwierige Passagen hin, die er dann innerhalb der Handlung um einen Tag  verschiebt, um als Romanschreiber selbst ausgeruhter zu sein, rechtfertigt sich für seine Exkurse, redet seine Figuren an, entschuldigt sich beim Rezensenten für Stellen, die ihm missraten seien, lobt sich für ausgefallene Metaphern,…“
Navid Kermani zitiert Jean Paul in gewisser Weise, nicht nur wortwörtlich, indem er uns immer wieder an seiner Lektüre des Autors, so wie auch an derjenigen Hölderlins, teilhaben lässt, sondern auch im Tun, indem er selbst den Leser anspricht, sich beim Romanschreiben zuschaut, kommentiert, sich an den Verleger wendet, den Rezensenten, sich erklärt und so erst das Romanschreiben eines Romanschreibers namens Navid Kermani ins Romanhafte erhebt.
Aber Kermani liest nicht nur Hölderlin und Jean Paul, en passant erwähnt er auch andere Bücher, die während des Schreibens von Dein Name in seinem Leben eine Rolle spielten. Er hat dabei vor allem mein Interesse für Ruth Schweikert, John Coetzee und Philip Roths Jedermann geweckt.

Kermani, Buddha, Notizbuch, Laptop - mein neuer
Arbeitsplatz mit Aussicht in den Hof

Dein Name ist ein riesiges Buch, ein Roman, wie ich noch keinen las und der zu meiner großen Freude einmal mehr bestätigte, was ich immer glaubte: dass es für das Schreiben von Romanen keine Regeln gibt und auch keine Verbote. Man kann in einen Roman hinein nehmen, was man möchte, solange es funktioniert. Und bei Kermani funktioniert es von der ersten bis zur letzten Seite. Auch wenn er am Anfang und über weite Strecken selbst nicht damit gerechnet hat. aber es funktioniert, weil es Kermani am Ende schafft, die Öffnung zum Unendlichen wieder einzufangen, somit das Unendliche in einer ungeheuer eleganten Wendung zurück ins Endliche, in unser aller begrenztes Hier und Jetzt zu lenken.
Ein in jeder Hinsicht schweres Buch, an dem ich mir fast einen Bruch getragen hätte, weil es überall mit hin musste, damit ich bei jeder Gelegenheit darin lesen konnte (einen Tennisarm auch! halten sie oder Sie dieses Buch mal in der U-Bahn hoch, um darin zu lesen, lustig ist anders!) und für das ich ganze drei Monate gebraucht habe, länger als für „Krieg und Frieden“.
Ein riesiges Buch, das dem Leser viel abverlangt, aber ihn dafür genauso reich belohnt.
Ein Buch weit über den Tod hinaus und mitten hinein ins Leben, auch ins eigene, in dem man durch und während der Lektüre anders schaut und am Ende eine Ahnung hat davon, wie sehr der Tod das Leben ist, aber auch das Leben der Tod, und dass wir alle Gott sind.

 © Susanne Becker


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