Berlin

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Samstag, 16. Dezember 2017

Halb Taube Halb Pfau von Maren Kames


„C: Ich möchte etwas, das unter Einsatz des ganzen Körpers entsteht.“

Mit ihrem Debüt, für das Maren Kames den Poesie-Debut-Preis Düsseldorf 2017, sowie den Anna- Seghers-Preis 2017 gewonnen hat, führt sie uns hinein in eine Landschaft, in der alles möglich ist. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich ist der Raum in einer größtmöglichen Offenheit gestaltet. Weiß, lichtdurchflutet, leer. Das spiegelt sich auch im Layout wider. Die Aufgabe besteht darin, diesen Raum, dieses Land „Nimm meinen Schädel, das ist das Land“ zu besiedeln, auszuloten, zu bebauen. Das geht drinnen und draußen, im Land und im Schädel. Dazu soll alles zum Einsatz kommen, der ganze Körper, jede Seite. Auch jede leere Seite hat eine Bedeutung. Weiß wie Schnee. Die Antarktis. Es gibt Stellen in dem Buch, da denke ich, Maren Kames ist Roald Amundsen. Wird sie den Pol erreichen, bevor es keinen Pol mehr geben, bevor alles geschmolzen sein wird? 

Das Weiß und Leer der Landschaft, ich las es als eine Metapher des Lebens, in das wir alle geworfen werden. Wie sich zurechtfinden? Die Gedichte, das ganze Buch, ist ein Versuch der Orientierung, für sich selbst und jeden, der es liest. Ausgeliefert und doch Meister des eigenen Schicksals. 

Man fängt mit der Leere an und landet irgendwann bei den Großvätern, den Müttern. Ohne den Bezug auf sie kann man sich selbst nicht verorten.

„Dass ich Flecken finde auf deinen Händen, dass deine Verwirrung eine Kapsel. Wie du vor einem Fenster sitzen wirst, dein Profil im Gegenlicht, die Krümmung deiner Nase zum Beispiel,
dein durchsichtiges Haar.“

Wie sich durch die Landschaft bewegen? Wie mit dem umgehen, was man in ihr findet? Nicht findet?
Da muss auch Liebe sein. Ohne Liebe kann man sich nicht verorten. Was ist Liebe?

"Ich höre: das kleine Geräusch das deine
Zunge beim Aufwachen in der Mundhöhle
macht..."

Aber auch erkennen, wie sehr man selbst die Landschaft, die Leere, das Weiß prägen kann. All das ist ja Leben. 

"Offenbar geht es darum, das Land zu durchqueren, es womög-
lich zu besiedeln. Das bin also ich, wie ich das Land durchquere, 
es mir erschließe."

Eingelassen in den Text, es fällt so leicht, das Buch zu lesen, jede Seite ist anders, auch anders gestaltet, das Layout ist lebendig, eingelassen sind QR-Codes (und Mensch, war ich froh, dass ich mir endlich vor drei Wochen ein Smartphone zugelegt hatte!), die einen entführen in Klangwelten, in ein weiteres Ausleuchten der Räume, auch über die Ohren.

Das Buch ist herausragend gestaltet. Der Secession Verlag ist berühmt für seine schönen Bücher, aber dieses ist noch schöner, mit seinem silber changierenden Moiré-Einband, der etwas arktisches für mich hat, gleißender Schnee bis an den Horizont und mittendrin, in blauer Schrift, der Himmel, der Titel. Der Beginn, diese Endlosigkeit auszumessen. Der Beginn, sich selbst zu verorten: halb Taube halb Pfau.  Es ist schön, dieses Buch in Händen zu halten. Es schmiegt sich an. 
Es hat mich in seinem Mut, einfach alles so zu machen, wie es passt, und nicht, wie "man" es macht, beglückt. Viele der Sätze in dem Buch haben mich auch beglückt. Sehr oft dachte ich beim Lesen: es ist wahr, Lyrik macht glücklich. Poesie ist ein Gebet. 

Lest es, dann macht es Euch vielleicht auch glücklich!

Ich danke dem Secession Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar. 

(c) Susanne Becker

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