Direkt zum Hauptbereich

Miljenko Jergovic - Die unerhörte Geschichte meiner Familie

Wenn mich jemand fragt, welches das Buch ist, das mich in diesem zu Ende gehenden Lesejahr am meisten, am allermeisten beeindruckt hat, so würde ich antworten: Die unerhörte Geschichte meiner Familie von MiljenkoJergovic.

Das hat mehrere Gründe.
Die Fabulierlust Miljenko Jergovics ist vielleicht der erste Grund, den ich nennen würde. Wie jemand von Hölzchen auf Stöckchen kommt und ihm einfach immer mehr einfällt, er das nicht zurück hält, sondern alles alles aufs Papier bringt, das hat mich unglaublich beeindruckt und ich habe wirklich jede einzelne der 1100 Seiten mit einem körperlich spürbaren Genuss verschlungen. Hier begegnet man einem zutiefst begnadeten Erzähler. Ich wüsste keinen zweiten zu nennen, den ich mit ihm in eine Reihe stellen könnte. Im Verlauf der Geschichte nennt er selbst einige, Peter Nadas, Paul Auster unter anderen, ich denke, das ist die Reihe der Giganten, in die er gehört, und das weiß er und beansprucht seinen Platz entgültig durch diese unerhörte Geschichte. Die Parallelgeschichten von Peter Nadas sind das Buch, das er ausdrücklich dabei hat, als er zum letzten Mal Sarajevo besucht, zum letzten Mal seine sterbende Mutter aufsucht, als er wieder weg fährt, packt er dieses Buch ganz nach oben in die Reisetasche.
Miljenko Jergović: Die unerhörte Geschichte meiner FamilieEr erzählt jeden Winkel jedes Seitenarms jeder seiner Geschichten, und wenn er sie nicht erzählt, dann erwähnt er sie zumindest mit dem Hinweis, dass er darüber einen ganzen eigenen Roman verfassen könnte, leider aber nicht die Zeit dazu habe, oder die Mittel, um die in diesem Fall notwendige umfangreiche Recherche zu finanzieren. Wie Sasa Stanisic es in seiner wunderbaren Rezension des Werkes bemerkte, hat dieses Buch 1 Million Seiten. Es hat das ganze Jahrhundert, jeden einzelnen Menschen, fast jedes Thema, welches eine Rolle spielte in diesem vergangenen Jahrhundert in sich. Nichts wird ausgespart. Ganz Europa kommt darin vor. Nichts wird verschwiegen, und wenn es verschwiegen wird, dann so: Ich verschweige das jetzt! So offen ist dieses Buch und so ehrlich, so geradeheraus. Das ist der zweite Grund, warum ich es liebe. Nichts wird ausgespart und alles wird haargenau betrachtet durch das Brennglas Sarajevo und das Brennglas Stubler-Familie.

Der dritte Grund ist, dass es ausgeht von dem Sterben seiner Mutter, und so vieles, was er in der so genannten Reportage Mama Ionesco niederschreibt, erinnert mich 1:1 an das Sterben meiner Mutter und wie ich mich damals fühlte, wie man versucht, dem Unvermeidlichen, dem Schmerz, der Angst auszuweichen. Das ist ein subjektiver Grund. Aber  das macht ja nichts. Ausgehend also vom Sterben der Mutter erzählt er die Geschichte seiner Familie mütterlicherseits, der Familie Stubler, die mit ihm, der keine Kinder hat, zuende gehen wird. Er erzählt, und wenn nötig, erfindet er auch ein wenig, die Geschichten aller möglichen Familienmitglieder und bietet damit eine Tour de Force durch die Geschichte Jugoslawiens, vom 1. Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg. Es zeigt die Vernichtung der Juden, die Vertreibung, die Ustascha und ihre Verbrechen, die Uneindeutigkeit, in welcher sich die Menschen dieses, und im Grunde jedes Ortes angesichts der Geschehnisse, die dann irgendwann Geschichte sein werden, befinden.
Die Mutter stirbt in Sarajevo, dem Geburtsort Jergovics, den er allerdings während der Einkesselung der Stadt im Jahr 1993 verlassen hat. Er lebt seitdem, prominent angefeindet, in Zagreb.
Für das Sterben seiner Mutter, zu der er, und die zu ihm, immer ein schwieriges Verhältnis hatte, kehrt er ein letztes Mal nach Sarajevo zurück, lässt sich von der Mutter die Geschichten erzählen, die sie noch erinnert. Er hatte einen Roman über diese Familiengeschichte mütterlicherseits bereits vor längerer Zeit begonnen, Die Stublers hatte das Manuskript geheißen. Aber er musste damit aufhören. Denn er stieß an eine Wand aus Schweigen. Im zweiten Weltkrieg war der ältere Bruder der Mutter, Mladen, unter nicht ganz klaren Umständen ums Leben gekommen. Darüber wurde sehr viel geschwiegen. Aufufernd geschwiegen. Keiner sprach davon. So dass auch dem Dümmsten irgendwann klar war, dass sich hinter dieser Wand die wahre Geschichte verbirgt. Die Großmutter hatte alle Fotos und Briefe, alles, was an den Erstgeborenen, heiß geliebten Sohn erinnerte, vernichtet in ihrer Trauer. Dieses Schweigen erstickte die Erzählung, an der er schrieb. Als die Mutter nun also im Sterben lag, nutzte Jergovic die Gelegenheit, sie zum Erzählen zu bringen, auch, um die eigene Unsicherheit dieser emotional so intensiven Situation mit ihr in den Griff zu bekommen.

„Die Erzählung, die in unserer Mitte, mitten in unserer Pein aufleuchtete, brachte uns einander nahe. Sie musste die zweifelsohne schlimmeren Qualen aushalten, und meine waren schon so, dass ich es kaum aushielt. Die Pein war von der Art, dass ich noch im Schlaf alles präsent hatte.
Die Erzählung war Ausdruck absoluten Glücks.“

Wo sie sich nicht erinnert, denkt er sich Wahrscheinlichkeiten aus, die aber vermutlich genau so geschehen sind, oder nicht. Im Grunde spielt das gar keine Rolle.
Ein Zentrum der Erzählungen ist dabei immer wieder dieser Bruder der Mutter, Mladen, der aufgrund der Überzeugung seiner Mutter nicht zu den Partisanen gegangen war, sondern zur deutschen Waffen SS, was möglich gewesen war, da die Familie ursprünglich deutsch war, aus dem rumänischen Banat stammte. Jergovics Großmutter wollte ihren Sohn um jeden Preis retten, und dachte, er sei bei der Waffen SS am sichersten. Sie setzte ihren Willen gegen Mladen durch, der bei einem letzten Heimaturlaub geplant hatte, zu den Partisanen zu fliehen, sie setzte sich gegen den Ehemann durch, der von Anfang an nichts hielt von den Deutschen, die seiner Meinung nach den Krieg verlieren würden.
Sie hatte einen großen Irrtum begangen, eine Fehleinschätzung, und dieser Irrtum sollte Mladen das Leben kosten. Dieser Irrtum sollte die Mitglieder dieser Familie, ihre Beziehungen untereinander formen und bestimmen bis in die Gegenwart. Hätte Miljenko Jergovic Kinder, auch sie würden durch diesen Irrtum beeinflusst werden. So stark ist die Vergangenheit. So gnadenlos wirkt das, was vor uns war, auf uns, bis ins Heute (Dieses Thema war ja auch schon präsent in meinem letzten Blogbeitrag über Ruth Zylberman. Auch Jergovic erforscht, genau wie sie, die Topographie unserer Lebensräume.)
Von Mladens Tod hat sich die Familie, so scheint es, bis heute nicht erholt. So ist Jergovics Roman in meinen Augen vor allem eine Verarbeitung dieses Todes, der das Leben seiner Mutter vollkommen bestimmte und somit ihr Verhältnis zu ihm. Es ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit, auch mit der Mutter, von der er sich niemals geliebt fühlte. Es ist eine Abrechnung mit der Tatsache, dass Miljenko Jergovic sich von seiner Mutter niemals geliebt fühlte. Mit der Tatsache, dass er ihr das noch übel nimmt, als sie im Sterben liegt. Es ist eine Abrechnung mit der Tatsache, dass seine Geburtsstadt Sarajevo ihn verstoßen hat. Er versucht damit zurande zu kommen. In meinen Augen gelingt es ihm. Alles hat mit allem zu tun.
Das Buch ist zutiefst menschlich. Es zeigt den Menschen in seiner Abgründigkeit und als das Wunder, welches er ja auch ist. Beides. Das ist der vierte Grund. Diese Erzählung ist Ausdruck absoluten Glücks, sie macht somit die Leserin glücklich, absolut, auf jeder Seite. Irgendwo las ich, noch bevor ich das Buch begonnen hatte, dass es zu lang sei und sich an vielen Stellen unnötig wiederhole. Ich kann dem nicht zustimmen. Ich habe keine Seite, keinen Satz gefunden, die ich persönlich als überflüssig betrachten würde. Wo es Wiederholungen gab, und von denen gab es einige, hatte ich niemals das Gefühl, sie seien überflüssig. Vielmehr empfand ich, dass Jergovic mit jeder Wiederholung ein wenig tiefer eindrang in das vergangene Geflecht, auf welchem sein Leben gründet. Jede Wiederholung führte uns eine Schicht tiefer in den Raum.

Keine Frage innerhalb einer Familie ist jemals ganz und objektiv zu beantworten, es sei denn, man hat den Mut, die Antwort zu (er)finden. Jergovics Buch zeigt unter anderem eines sehr deutlich: dass Erinnerung, Geschichte eine subjektive Angelegenheit ist. Wer den Mut hat, die Lücken zu füllen, der kreiert möglicherweise eine Geschichte, die wahrhaftiger ist als die Wirklichkeit. Es geht bei der Erinnerung, bei der Erzählung von Geschichte ja nicht nur um Fakten. Es geht um einen Seelenraum, in dem diese Familie Stubler und ihre Mitglieder und Nachfahren die wurden, die sie waren und sind. Es geht um den Seelenraum, in dem Miljenko Jergovic der wurde, der er ist. Diesen Raum hat er abgeschritten und die Fakten, die er präsentiert, sind die Wahrheit.

Der fünfte Grund, warum ich Jergovics Buch so liebe, ist der Mut, der aus jeder Seite spricht. Miljenko Jergovic ist einer der mutigsten Schriftsteller, die ich aktuell nennen könnte, ich persönlich. Andere kennen andere Schriftsteller. Er kritisiert alle, vor allem sich selbst, aber auch anderen gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund. Das kommt vielleicht gerade auf dem Balkan, wo der Krieg noch nicht sehr lange her ist und die Nationalitäten sich im Grunde nicht im Frieden befinden, sondern in einem schmorenden Waffenstillstand, es kommt dort nicht gut an. Er erträgt die Angriffe, den Hass, das Ausgegrenztsein. Er verschweigt sie nicht, denn sie gehören zum Seelenraum der Erzählung, die sein Leben ist. 

Dies ist für mich ein großes Buch! Ich habe jede Seite genossen und geliebt und kann es Euch nur von Herzen empfehlen. Um es mit den Worten Stanisics zu sagen: "Dies ist ein großes Buch, und so viele große Bücher liest man nicht, aber wenn man eines erwischt, dann weiß man das sofort."  

Ich danke dem Schöffling Verlag sehr herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Als nächstes werde ich im übrigen nun endlich, es liegt hier gefühlt seit ewig, Paul Austers 4 3 2 1 lesen und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Jergovic diese Wahl gutheißen würde. 

Im übrigen gibt es auf meinem Blog noch die Rezenzion seines Buches Vater, welches von ebendiesem und seiner Familie handelt. Viel dünner, aber genauso gut!

(c) Susanne Becker





Kommentare

Beliebte Texte

Svenja Leiber, Staub

„Vielleicht gehöre ich tatsächlich zu den Menschen, die an den harmloseren Stellen der Welt Gefahr vermuten, während die wirklichen Gefahren eine Art Wind in den Segeln ihres Lebens sind."
Das neue Buch von Svenja Leiber ist ungewöhnlich. Was bei ihren Büchern eigentlich immer zutrifft. Sie schreibt keinen Mainstream. Es kommt mir so vor, als schriebe sie aus einem inneren Raum heraus, der sehr meditativ ist, auch philosophisch.
Staub ist ein Roman, der die Frage erforscht, wer wir sind, ob wir jemals sind, wer wir sind und wie sehr wir uns selbst und andere durch unsere Konstruktionen und Bilder voneinander in Gefängnisse sperren. Das Verlorensein in der Festlegung und die Flucht daraus. Paul Jandl nennt Svenja Leibers Bücher in der NZZ „luzide literarische Psychologie“. Für mich trifft er damit sehr genau, was sie mit all ihren Werken tut und was sie in der Landschaft der deutschen Literatur für mich einzigartig macht: sie erforscht die Situationen des Menschen, sein Geworfense…

Buch der Woche - Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz

"Die Furcht, die in jedem jüdischen Haus herrschte, die Furcht, über die man fast nie sprach, die uns nur indirekt, wie Gift, Tropfen für Tropfen eingeflößt wurde, das war die grauenhafte Furcht, wir wären vielleicht wirklich nicht sauber genug, wären vielleicht wirklich zu laut, würden uns zu sehr in den Vordergrund drängen, wären zu gewieft und zu geldgierig. Vielleicht wäre unser Verhalten tatsächlich unpassend. Es gab so eine Todesangst, die Angst, wir könnten, Gott behüte, einen schlechten Eindruck auf die Gojim machen, und dann würden sie wütend werden und uns deshalb wieder schreckliche Dinge antun, die man sich lieber gar nicht vorstellte. Tausendmal hämmerte man jedem jüdischen Kind ein, sie auch dann nett und höflich zu behandeln, wenn sie grob oder betrunken waren.... man dürfe sie nicht reizen..." So erzählt es in Amos Oz' Buch die Schwester der Mutter ihrem Neffen. So war es vor dem Holocaust.
Dies ist mein erstes Buch von Amos Oz und hätte es mir nicht vor ei…

Denial - oder: ich verdränge.

Vor einigen Wochen sah ich das Stück Denial im Maxim Gorki Theater hier in Berlin. Ist es ein Stück? Vielleicht eher eine Art Entwicklung der offenen Frage: wie können wir trotz all des Schmerzes, der in uns und um uns ist, leben?  Das Suchen nach den Antworten beginnt bei Yael Ronen und der Truppe mit der Idee. Die Aufführungen, das „fertige“ Stück scheinen immer, und das schätze ich daran, wie eine Präsentation von work in progress. Man lässt das Publikum teilhaben an den bisherigen Ergebnissen der Forschung und lädt zu eigener Forschung ein. Es gibt immer so viele Antworten wie Antwortende, oder Fragende. Es ist das zweite Stück, das ich von Yael Ronen sehe, und beiden gemeinsam ist die Offenheit der Haltung, die es der Zuschauerin sofort ermöglicht, eine Antworten zu suchen.
Es geht hier um die offene Frage, wie wir Menschen in der Lage sind, all das zu verdrängen, was in unserem direkten Leben und um uns herum geschieht, Schmerzen und Leid erzeugt und weiter so zu leben, als wär…