Berlin

Berlin

Sonntag, 7. Januar 2018

Lissabon

Angeregt durch einen Kommentar in meinem Blog, aber noch vielmehr durch meine letzte Lissabon Reise, die gerade erst wenige Monate zurückliegt, kam mir der Gedanke, hier einmal ein paar Vorschläge zu machen für all jene, die vorhaben, in nächster oder späterer Zeit Lissabon zu bereisen. Wenn Ihr, wie ich, Eure Reisevorbereitungen gerne mit Hilfe von Lektüre, Filmen und Musik bestreitet, dann habe ich hier ein paar Ideen für Euch. Ich übernehme aber keine Haftung! Wenn Ihr Euch, wie ich, in Lissabon verliebt, gibt es nur eine Hilfe: immer wieder hinfahren.

„Quem nao viu Lisboa, nao viu coisa boa!“ („Wer Lissabon nicht gesehen hat, hat nichts Schönes gesehen.“) Portugiesisches Sprichwort, dem ich voll und ganz zustimme.

Eines der klassischen Bücher, in denen Lissabon eine Hauptrolle spielt, habe natürlich auch ich verschlungen. Nachtzug nach Lissabon, 2004  von Pascal Mercier geschrieben, ist eine wunderbare Geschichte über einen Schweizer Altphilologen, der eine Zeitreise unternimmt und auch eine Reise im Hier und Jetzt: nämlich von Bern nach Lissabon.
Die Geschichte trägt ihn und die Leser zurück in die Zeit des Salazarregimes, in die Folterkeller und zu Widerstandskämpfern gegen die Diktatur, aber auch ins heutige Lissabon, wo er auf der anderen Seite des Tejo eine Augenärztin trifft, die ihm endlich eine Brille verschreibt, mit der er etwas sehen kann.
Eine spannende Geschichte, ein Krimi, der auch philosophisch und psychologisch tiefsinnig ist.


2013 wurde das Buch von Bille August mit Jeremy Irons in der Rolle des Gregorius Mundus verfilmt. Ich mochte den Film, auch wenn er bei weitem nicht an das Buch heran kommt.


Ein anderer Film, den ich sehr gerne gesehen habe in seiner, aus heutiger Sicht, langsamen Genüsslichkeit, Altmodigkeit fast, aber dies trifft ja im Grunde ein bisschen auf alle Filme von Wim Wenders zu, und der das Lissabon zeigt, welches ich liebe: Lisbon Story. Bereits 1995 gedreht, geht es um einen Deutschen, der in der Alfama zu einer Fadoband stößt und ein Geheimnis lüften möchte. Bei der Gruppe handelt es sich um Madredeus, die für diesen Film von Wenders praktisch entdeckt und danach sehr berühmt wurde. Der Deutsche und die Sängerin erleben eine zarte Liebesgeschichte, aber die größte Liebesgeschichte erlebt der Zuschauer, der durch die alten Gassen der Stadt geführt wird. Der Film besticht durch wunderbare Bilder. Wenn man dann wirklich nach Lissabon kommt, erkennt man auf der Stelle, dass Wenders Film, zwanzig Jahre alt, dennoch das Wesen dieser Stadt eingefangen hat, welches noch immer genau so lebendig ist. In diesem Sinne sind seine Filme vielleicht doch nicht altmodisch, sondern sie gehen in die Tiefe, was heute möglicherweise mit altmodisch gleich bedeutend ist.

Ein Jahr in Lissabon ist ein leicht zu lesendes kleines Buch von einer Deutschen, erschienen im Herder Verlag, die sich so sehr in die Stadt am Tejo verliebt hat, dass sie beschließt, ein ganzes Jahr dort zu leben und darüber zu schreiben, vor allen Dingen über den Alltag. Es soll kein Buch für Touristen sein, sondern zeigen, wie es sich dort lebt. Gut lebt es sich dort. Nach der Lektüre hatte ich umgehend Lust, selbst mindestens ein Jahr in dieser wunderbaren Stadt zu bleiben. 

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, ist natürlich ein Muss, wenn man sich auf Lissabon vorbereiten möchte. Hier habe ich mal ein wenig zu ihm geschrieben. Nein, niemand kann nach Lissabon fahren und Pessoa übergehen. Als ich im Oktober dort war, wohnte ich in der Mouraria. Um zum Tejo zu kommen oder in die Einkaufsstraßen, nach Barrio Alto oder zum berühmten Aufzug, kreuzte ich regelmäßig seine Rua dos Douradores. Jedes Mal durchzuckte mich etwas, das fast wie ein religiöses Gefühl war. Ehrfurcht vielleicht. Ich wandele auf den selben Steinen, auf denen er (oder der fiktive Charakter dieses großen Buches) jeden Tag zu seiner Arbeit im Büro ging. Schön ist auch das Casa Fernando Pessoa. Ich habe noch immer die Eintrittskarte von meinem Besuch dort vor dreieinhalb Jahren. An der U-Bahnhaltestelle Chiado sitzt er selbst, lebensgroß, und die Touristen lassen sich mit diesem Metall-Pessoa fotografieren. 
Generell hat es mich beeindruckt, wie lebendig die Literatur in Lissabon ist und wie sehr die Literaten, ob noch lebend oder längst verstorben, eine Rolle spielen im Straßenbild und verehrt werden. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die älteste Buchhandlung der Welt, nicht weit von der Pessoa Statue, genau in Lissabon befindet. Die Livraria Bertrand.
Hier ist noch einmal ein älterer Text von mir über zeitgenössische portugiesische Schriftsteller.
Jose Saramago, der portugiesische Literaturnobelpreisträger, dem in Lissabon ebenfalls ein Museum gewidmet ist, eigentlich ist es eine Stiftung, das Casa de Bicos, und dessen Asche vor diesem Museum unter einem Olivenbaum begraben ist, hat unzählige Bücher geschrieben. Empfehlen möchte ich Claraboia oder Wo das Licht einfällt. Denn ich finde die Idee so wunderbar, dass ein ganzes Buch in einem einzigen Haus spielt, einem Mietshaus, dessen Bewohner wir lesend dabei beobachten, wie sie versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Viele seiner Werke sind auf Deutsch bei Hoffmann & Campe erschienen.

Der Sarkophag von Luís Vaz de Camoes übrigens, dem Nationaldichter Portugals, ist sogar in Belem aufgebahrt, so wie derjenige der Könige Portugals. Dies nur noch einmal als Anmerkung bezüglich der Bedeutung, die Schriftsteller in Portugal geniessen. Ich weiß nicht, ob ich etwas Vergleichbares in irgendeinem anderen Land je wahrgenommen hätte. Belehrt mich gerne!

Peixoto  ist ein zeitgenössischer und sehr erfolgreicher portugiesischer Schriftsteller, der in Lissabon lebt und sehr viel reist. Die deutschen Übersetzungen seiner Bücher erscheinen im Wiener Septime Verlag. Einmal durfte ich ihn bei einer Lesung erleben und fand ihn einen sehr beeindruckenden Menschen. Hier ist meine Rezension zu seinem Buch Das Haus im Dunkel.

Noch ein letzter Lektüretipp: Lissabon Eine Stadt in Biografien, erschienen im Merian Verlag. Darin enthalten sind die Biografien vieler bekannter früherer und heutiger Bewohner der Stadt, an deren Lebenswegen entlang man sich durch die Straßen bewegen kann. Natürlich Fernando Pessoa, Jose Saramago, aber auch die Fadista Amàlia Rodrigues oder die Malerin Paula Rego, deren Museum in Cascais mehr als empfehlenswert ist, sind darin enthalten.

Wenn Ihr in Berlin wohnt und in der Zwischenzeit auch kulinarisch ein wenig verreisen wollt, empfehle ich Euch das Pastel in der Wrangelstaße oder dessen Mutterhaus Bekarei in der Dunckerstraße. Dort gibt es die echten Pastel de Natas (sogar in veganer Variante, das macht sie natürlich etwas weniger echt), und in der Dunckerstraße gibt es auch das göttliche Pao de Deus, sagte man mir.

Viel Spaß und até breve a Lisboa!

(c) Susanne Becker


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen