Berlin

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Dienstag, 26. Dezember 2017

Buch der Woche - Stille von Erling Kagge

Stille
„Gute Dichter erinnern mich an große Entdecker. Indem sie die richtigen Worte wählen, setzen sie Gedanken in meinem Kopf in Gang, ein bisschen wie die Berichte der Entdecker, die ich als kleiner Junge las.“

In seinem kleinen, feinen Buch „Stille. Ein Wegweiser.“ tut Erling Kagge für die Leserin genau dies: er wählt Worte, aber auch stille Momente, und setzt damit die Gedanken in Gang, die immer um die gleichen Fragen kreisen, jene, die Kagge zu Beginn seines Buches stellt und die er versucht, zu beantworten:
„Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?“
In dreiunddreissig Abschnitten forscht Kagge, mit einem denkbar offenen Geist, der Stille hinterher. Dazu nimmt er sowohl seine eigenen Erinnerungen zur Hilfe, als auch den Austausch mit Zeitgenossen wie dem norwegischen Dichter Jon Fosse oder der Performancekünstlerin Marina Abramovic. Ich schätze Marina Abramovic sehr, wie man hier und hier auf meinem Blog nachlesen kann. Daher verwunderte es mich auch nicht, als ich gerade ihre Antwort auf seine Frage: was ist Stille, am inspirierendsten fand: "Das Gegenteil von Stille ist laut Abramovic ein Hirn, das arbeitet. Und denkt. Wenn du Ruhe finden willst, musst du aufhören zu denken. Nicht tun. Die Stille ist ein Werkzeug, um der Umgebung zu entkommen." 
Kagge liest auch Bücher von Ludwig Wittgenstein ("worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen") oder Emily Dickinson und unterhält sich mit seinen Töchtern, Teenagern, die mehr am Smartphone hängen als an seinen Lippen.

„Stille kann langweilig sein.“


Vor nur zwei Wochen sah ich zufällig, bevor ich überhaupt von der Existenz dieses Büchleins wusste, den Film „Zeit für Stille“ von Patrick Shen im Kino, der im Grunde die gleiche Thematik beleuchtet. Ich möchte diesen Film jedem von Herzen empfehlen, der sich für die Frage „Was ist Stille?“ interessiert.

Kennen wir heute überhaupt noch Stille? Ist Stille ein äußerer Zustand der Geräuschlosigkeit oder ein ruhender Ozean in unserem eigenen Inneren, aus dem Antworten zu allen Fragen aufsteigen, bevor wir sie überhaupt stellen könnten? Ist die Stille in uns abhängig von einer Geräuschlosigkeit im Außen oder ist diese Stille möglicherweise immer da?

Bereiche wie Meditation, die Natur, die Musik von John Cage spielen genauso in diese Überlegungen wie die Verzweiflung der modernen Menschen in der Stadt, der ununterbochen Geräusche hören muss, die er nicht in sein Leben eingeladen hat, ununterbrochen online ist, weil er nicht weiß, wie man wieder offline geht, die Stille andererseits eigentlich nur noch mit Qual und Langeweile, der bedrohlichen Konfrontation mit dem Abgrund im eigenen Inneren, in Verbindung zu bringen vermögen. Haben wir Angst vor der Stille?
Was ist Stille? Es gibt in dem Buch keine bahnbrechenden Antworten auf die Frage. Denn die Stille ist vielleicht ein Rätsel, für jeden etwas anderes. So muss auch jeder seine eigene Antwort, seine eigene Stille finden.
„Die Stille wird niemals alt unter der Sonne, sie ist immer wieder neu. In der Wissenschaft geht es um Beobachtungen über einen bestimmten Zeitraum hinweg, um etwas Nachprüfbares. Die Wissenschaft erklärt das Materielle, das Geschaffene. … Jenseits der Erkenntnis beginnt die Stille.“

Nein, bahnbrechende Erkenntnisse kann und will das Büchlein gar nicht bieten, denn die Stille beginnt jenseits, und da hinein muss jeder sich selbst begeben. Aber es lädt ein in den Raum, wo man sich der eigenen Stille, was immer man darunter versteht, zuwenden kann. 

"Der Mystiker Rumi soll einmal gesagt haben: "Jetzt muss ich still sein und die Stille entscheiden lassen, was Wahrheit ist und was Lüge..."

Herzlich danke ich dem Suhrkamp/Insel Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

(c) Susanne Becker



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