Berlin

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Sonntag, 27. August 2017

Karl Ove Knausgard - Das Amerika der Seele

„Zu schreiben heißt, das Innere zu suchen, einen Ort, wo es das Soziale nicht gibt, man es aber sehen kann, einen Ort, wo Grenzen überschritten und auf diese Weise sichtbar und neu definiert werden.“

Lange habe ich gebraucht, um Das Amerika der Seele von Karl Ove Knausgard zu beenden. Ein Buch mit achtzehn Essays zu so unterschiedlichen Themen wie die Kunst von Cindy Sherman, die Kunst von Sally Mann, die eigene Darmtätigkeit, Adolf Hitler, das Massaker von Utoya, Knut Hamsun, Sören Kierkegaard, die Bibel, das Schreiben…..
Das Spektrum Knausgards scheint unendlich. Beim Lesen gewinnt man immer wieder den Eindruck, seiner persönlichen Spur zu folgen. Er sitzt in seinem Schreibzimmer, er liest, er taucht ein in den eigenen Raum von Stille und Nichts, aus welchem er dann seine Texte holt, die eine Kombination sind von ihm selbst, seinem Leben, und dem, was er so liest, während er arbeitet. Schon allein aus diesem Grund finde ich das Buch unendlich spannend. Es ist wie eine offene Tür in sein Innerstes, in seinen Schreibprozess. Das hat mich sehr fasziniert.

Es gab dabei natürlich Essays, die mich weniger ansprachen. Das liegt in der Natur der Sache, denke ich. Denn wenn man jemandem so tief folgt in seine Gedankenwelt, dann klingen manche Pfade stärker in einem an als andere, weil man ja selbst auch eine Gedankenwelt hat. Ich lese niemals neutral. Das ist meine große Schwäche. Ich sehe niemals von meinem eigenen Raum ab, sondern lese aus diesem heraus. So war es natürlich, dass mich die Essays am stärksten ansprachen, in denen ich Verwandtschaft wahrnehmen konnte, oder aber Inspiration in neue Richtungen fand.
Karl Ove Knausgard hat, und darin erinnern mich diese Essays an die Bände von Mein Kampf, die ich bisher gelesen habe, keinen Anspruch auf Objektivität. Er schenkt sich dem Leser immer ganz und nackt, auch in diesen Essays, die von einem anderen Autor möglicherweise zu gleichen Themen viel neutraler verfasst worden wären. Aber gerade das schätze ich an Knausgard: die absolute Schutzlosigkeit, mit der er sich vor den Leser stellt.
Ich liebe seinen Mut.
Parallel zu seinem Buch lese ich gerade Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke. Die ganze Zeit über spürte ich zwischen beiden Büchern eine Verwandtschaft, eine Art Parallele. Ich würde sie in etwa so formulieren: Beide Autoren konfrontieren sich mit dem absoluten Nichts in sich und bringen das Ergebnis dieser Konfrontation in Worten zu Papier, die sehr persönlich sind und doch alles persönliche transzendieren. Schreibtag für Schreibtag holen beide aus diesem Nichts die Wahrheiten hervor, die sich ihnen offenbaren. Im Schreiben und damit auch für den Leser, scheinen sie einen Raum zu erschaffen, in dem sie die Dinge, inclusive sich selbst, ohne den Zwang zu Konsens oder gesellschaftlicher Vorgaben neu denken und sehen. Man folgt ihnen bei der Lektüre in diesen Raum und in diese spannende Sicht auf die Welt, die nur entstehen kann, wenn man den Mut hat, wirklich frei zu denken,
Das ist für mich die Verbindung. Ich dachte während der Lektüre immer wieder darüber nach und dann finde ich am Ende des letzten Essays jenen letzten Satz, der sich auf die Bücher Handkes bezieht: „…, vielleicht ist es jetzt die Aufgabe der Literatur, dorthin zu gehen, wohin die Erzählung nicht kommt. Mit anderen Worten, dorthin, wo nichts ist, aber alles wird.“
Dorthin gehen Knausgards Bücher, wo nichts ist, nichts fest steht, aber alles wird, werden kann, auch noch einmal neu: Immer sind sie ein Ausdruck des Lebens in seiner Erscheinungsform Mensch, und zwar in einer sehr klaren, sehr entwickelten Form.

Am besten haben mir drei der letzten vier Essays gefallen. Sie handeln alle in irgendeiner Form vom Schreiben.
In „Das Leben in der unendlichen Sphäre der Resignation“ berichtet er von einem Aufenthalt in Beirut, wo er an einem Autorentreffen teilnahm, sich durchaus nach der Berechtigung für sein Schreiben fragte, angesichts der Spuren von Krieg und Zerstörung, die er dort wahrnahm, in der Stadt und in den Texten der Autoren, während seiner von der Ablehnung durch eine Frau handelte. In seiner freien Zeit las er in Beiruter Cafés Kierkegaard und fand eine Verbindung zwischen muslimischen und christlichen Überlieferungen.
„Es ist eine Frage des Sinns. Der im Leben zu finden ist. Je mehr das Leben bedroht ist, desto größere Bedeutung erhält der Sinn darin, und er ist dort am größten, wo der Tod ist: …“

In „Die Literatur und das Böse“ schreibt er über die Frage, wie das Böse in der Literatur behandelt werden kann. In diesem Zusammenhang kommt wieder sehr stark die im Grunde all sein Schreiben durchziehende These auf, dass es offen, so frei wie möglich geschehen muss. Wenn es für den Autor nötig ist, sich dem Konsens der Gesellschaft zu beugen, um etwa nichts zu schreiben, was einen Eklat auslösen könnte, dann ist das nicht richtig. Richtig kann nur sein, das Böse in einer Weise zu behandeln, dass deutlich wird: es ist ein Teil des Menschseins, genau wie auch das Gute. Wir müssen das Böse in uns akzeptieren. Es ist verlogen, es nicht kennen zu lernen, sondern von vornherein zu verdammen, um sich selbst beinahe plakativ auf die Seite des Guten zu stellen. Es ist auch gefährlich, dies zu tun. Denn wie will man das Böse in sich bekämpfen, wenn man sich weigert, es zu kennen? Er nennt in diesem Essay Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard, Céline, Samuel Beckett als Beispiele von großen Neinsagern, die sich jedem Konsens verweigert haben. Er verknüpft damit keinerlei Bewertung dessen, was sie gesagt oder geschrieben haben. Er sagt lediglich: dass die Literatur der Ort sein sollte, an dem auch über das Böse frei und offen gesprochen werden kann, wo es als innerhalb des menschlichen Spektrums liegend anerkannt wird.

In dem letzten Essay, der mir persönlich in dem Buch am besten gefallen hat, „Dorthin, wo die Erzählung nicht kommt“, behandelt er die Aufgabe des literarischen Lektors, er schreibt über die Literaturwelt Norwegens, aber vor allem auch über sein eigenes Schreiben. Er gibt Einblicke in seine Entwicklung als Schriftsteller und seinen Schreiballtag, und wahrscheinlich ist es deshalb mein Lieblingsessay.
Ich habe es an anderer Stelle bereits geschrieben, dass ich Knausgard sehr mag, auch wenn ich nicht alles mag, was er schreibt. Es gibt ganze Kapitel, die mich schlichtweg nicht interessieren, die ich sogar oberflächlich finde. Aber er steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, er taucht ab in diesen Raum aus Nichts, er schreibt darin, er lässt sich von seinem Schreiben wie an einem roten Faden entlang Bücher lesen, die sein Denken immer weiter prägen und formen, und all das schenkt er uns, seinen Lesern. Vieles davon gehört zum Besten, was es meiner Meinung nach gerade zu lesen gibt!

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker


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