Berlin

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Montag, 27. Februar 2017

Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari

Es geschieht mir nicht häufig, dass ich ein Buch lese und es dann am liebsten in Gänze zitieren würde, weil eigentlich das ganze Buch wie ein großes Gedicht ist, welches mit seinen Worten in die Tiefen der menschlichen Existenz abtaucht, um dort dem Grauen nicht auszuweichen. Welcher Mut gehört dazu, ein solches Buch zu schreiben, in sich diesen Schmerz zu finden, aus dem die Worte aufs Papier bluten?

Ich empfinde, dass wir in einem Zeitalter der Angst leben. Alle haben Angst. Viele erliegen dieser Angst und suchen nach Sündenböcken und schnellen Lösungen. Das Wegducken vor der Angst ist eigentlich das Schlimme an ihr. Wer seiner Angst nachgibt, der hat verloren. Mut ist, der Angst ins Auge zu schauen und dann so lange diese Angst auszuhalten, bis der Schlamm sich gesetzt hat, der Schlamm im eigenen Inneren, der einen dazu bringen möchte, um sich zu schlagen. Die Angst aushalten, bis das Wasser wieder klar ist, um dann aus dieser Klarheit heraus zu handeln. Keine Klarheit ist klarer als jene, die nach durchlebten, heftigen Gefühlen auftritt.

Dieses Buch ist wie eine Katharsis. Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari, erschienen im, ich muss es noch einmal sagen, wunderbaren SecessionVerlag. Poetisch vom ersten bis zum letzten Wort. Das Original aus dem Französischen übersetzt hat Christian Rusiczka.

Heute war ich im Ocelot Buchladen in Mitte, um gleich ein Exemplar dieses Buches als Geschenk für meinen Kollegen zu kaufen. Ich suchte herum und als ich fragte, „Habt ihr dieses Buch, das gerade erst heute erschienen ist?“ Da nickten die beiden Buchhändlerinnen „Ja, aber natürlich, das ist doch ein befreundeter Verlag!“ Wir strahlten uns an. Denn wir wussten auf der Stelle, dass wir den gleichen Geschmack haben. Gleich am Eingang lag ein großer Stapel!
Beim Bezahlen fragte mich die eine Mitarbeiterin: „Wer glauben Sie, ist in dem Buch der Erzähler?“
Ich: „Ich weiß nicht, aber ich dachte mir irgendwann, dass es einfach Jérôme Ferrari ist, der Schriftsteller selbst, der uns berichtet vom Abtauchen in die menschlichen Tiefen, von der Begegnung mit Menschen, die wir beide vermutlich in unserem Leben so nicht treffen werden, von denen es aber im Grunde sehr viele gibt.“
Sie nickte: „Ja, zu dem Schluss bin ich irgendwann auch gekommen. Aber zuerst dachte ich, der Erzähler wäre Gott. Bis dann irgendwann über Gott geschrieben wird.“
„Für mich ist es ein Protokoll über die Suche nach Gott in unserer Zeit, in einer Lebenswelt, die mit meiner nichts zu tun hat. Von der ich aber annehme, dass sehr viel mehr Menschen in ihr leben, als in meiner.“
„Ein Paralleluniversum."
"Ja, das aber vielleicht dichter bevölkert ist als mein Universum."
"Ich sehe es genauso!“
Ich bin also heute meinen Lieblingsbuchhändlerinnen untreu geworden, was ich praktisch nie tue. Aber ich habe es nicht bereut. Für ein solches Buchkaufgespräch lohnt es sich!

„Gewiss, die Dinge enden schlecht, und doch, du wärest fortgegangen und du wärest, sobald die Umarmung der Welt zu drückend geworden wäre, zurückgekehrt zu dir nach Hause. Aber so ist es eben nicht gelaufen, denn die Dinge enden auf ihre rätselhafte und grausame Weise schlecht und lassen sämtliche Illusionen der Hellsichtigkeit an sich zerschellen.“

Von Anfang an weiß man also, die Dinge enden schlecht. Dieses Buch wird uns nicht erklären, wie wunderbar die Welt ist. Hier wird das Geworfensein der menschlichen Existenz deutlich gemacht am Beispiel zweier Personen, die symptomatische Rollen übernehmen in unserem von Gier und Kriegen zerfressenen Hier und Heute: Söldner an einem Checkpoint im Libanon und Headhunterin.
Ein junger Mann verlässt sein französisches Dorf und wird Söldner auf der Suche nach Bedeutung, in der Hoffnung, sich zu spüren. Die Sehnsucht, ein besonderes Leben zu führen, nicht in der langweiligen Alltäglichkeit, Sinnlosigkeit, stumpf zu enden. Er begegnet dem Tod, der ihn verschont, aber doch verändert. Als er in sein Dorf zurückkehrt, ist es nicht mehr sein Zuhause. Er erinnert sich an seine Teenagerliebe zu Magali, die mittlerweile in einer Stadt lebt und als Headhunterin in einer gänzlich auf Optimierung ausgerichteten Firma arbeitet und sich vollkommen mit dieser Welt identifiziert. Sie ist wie ein Teil der Corporate Identity, sowie alle anderen Mitarbeiter dort auch. Sie leben für und durch die Arbeit und empfinden darin eine Illusion von Sinn.
Der junge Mann schreibt Magali einen Brief. Er möchte sie wiedersehen. Sie ist wie ein Synonym von Liebe für ihn. 
„…so ist sie jener Teil von dir, der heil geblieben ist. Vielleicht der einzige.“

Er wartet auf ihre Antwort, während sie den Brief zunächst in den Tiefen ihrer Tasche vergräbt. Nachdem sie ihn gelesen hat, erinnert sie sich an die Freiheit der Vergangenheit, die unbegrenzten Möglichkeiten, Liebe, Gefühle, alles im Grunde Störfaktoren in ihrem jetzigen Leben.
Beide, der junge Mann und Magali, sind auf ihre Weise gebrochen. Wird sie auf seinen Brief reagieren?
So war dieses Buch für mich auch eine wunderbar zarte, traurige Liebesgeschichte. Liebe in den Zeiten von Krieg und Gier. Große Hoffnung, sie schwingt viele Seiten mit, auf das einzige, das heil geblieben ist.
„So heftig wir die Welt auch verurteilen, so sind wir doch ein Teil von ihr, und dies muss akzeptiert werden, denn außerhalb der Welt, da ist nichts, keine Ruhe, keine Güte, …“

Dies ist kein freudiges Buch. Es ist vielmehr ein drastisches Buch und ließ mich an etwas denken, das ich einmal bei Terézia Mora, ich glaube, in ihrem Buch Nicht sterben, gelesen habe, über die Drastik beim Erzählen, dass man dahin gehen muss, wo es weh tut, aber man muss es auf eine Weise tun, dass man den Leser nicht verliert. Es gibt zum gleichen Thema auch noch einen Essay von ihr aus der Zeitschrift Bella Triste (Nr. 16, leider vergriffen, aber die wunderbare Redaktion hat mir den Text eingescannt und gemailt) besorgt. Die Mora sagt im Grunde dies: dass es die Aufgabe des Schriftstellers ist, Drastisches zum Ausdruck zu bringen, dem Leser vor Augen zu führen. Er muss dies mit einer so perfekten und schönen Sprache tun, dass der Leser, obwohl ihm der Text zu nahe kommt, dennoch nicht anders kann als weiter zu lesen. Wenn der Text nicht schön ist, aber dem Leser dennoch auf die Pelle rückt, wird er ihn in die Ecke pfeffern. Für mich ist Ferraris Buch ein wunderbarer Beweis dieser Mora-These. Denn die Sprache ist einmalig schön! Sie ist tatsächlich ein Grund, dass man immer weiter liest, auch wenn es weh tut, und man sich davon stehlen möchte.

Das Leben ist etwas, das weh tut. Auch! Nicht nur! Kunst muss es wagen, diese Region des absoluten Schmerzes nachzuspüren. Das Buch ist wie ein Requiem, ein Buch voller Schmerz, das einen jedoch bei der Lektüre mit einem großen Reservoir an Ruhe und Güte beschenkt, also kathartisch. Denn es ist wahr, und man versteht dies während der Lektüre sehr genau: der Söldner, der Krieg, der Tod, die im kapitalistischen Optimierungswahn sich selbst Verlierende, sie sind ein Teil von uns, von unserem Leben. Ja, im Grunde sind auch sie Gott. Dies macht Angst. Wir können nur bestehen, wenn wir uns vor der Angst nicht wegducken, sondern hindurch gehen, aufrecht. Die Angst führt zur Wahrheit.
Ein Gott Ein Tier ist für mich eine dringende, eine absolut aktuelle Lektüre gewesen, und hat mir einmal mehr gezeigt, wie unglaublich sensibel dieser Verlag seine Manuskripte auswählt. Für mich einer der Verlage, die heute wirklich am Puls der Zeit publizieren. Ein Verlag, der Poesie und Politik auf einzigartige Weise immer wieder verbindet. Hut ab!

Weitere Bücher von Jerôme Ferrari im Secession Verlag: Predigt auf den Untergang Roms, welches mir im Ocelot auch sehr ans Herz gelegt wurde und für das Ferrari im Jahre 2012 den Prix Goncourt erhalten hat; Balco Atlantico; Das Prinzip; Und meine Seele ließ ich zurück

Herzlich danke ich dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

(c) Susanne Becker




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