Berlin

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Mittwoch, 20. September 2017

Buch der Woche - Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke

„Ich mußte nach Hause in die Bucht, ohne meine Anwesenheit da, all das Jahr durch, verlöre das Buch seinen Ort und seinen Grund.“

Ein Buch wie eine Meditation.
Ein Schriftsteller schreibt über sieben Freunde, darunter sein Sohn, alle in irgendeiner Form auf Reisen. Er schreibt über die Frau, die er liebt, mit der er lebt, mit der er den Sohn hat und doch verlassen sie sich immer wieder, kann er das Leben mit einem Alltag kaum ertragen, denn alles ist eigentlich auf diese Meditation, die sein Schreiben ist, ausgerichtet. Alles andere stört den Fluß und die Konzentration.
Er lebt in einem alten Haus in der Nähe von Paris, absichtlich in einer klaren Entfernung zu dieser hektischen, auch wichtigtuerischen Metropole, in welcher das Wesentliche unter Hyperaktivitäten vieler Art verschüttet ist.
Aus diesem Haus und seinem Garten heraus unternimmt er tägliche Spaziergänge, im Grunde Wanderungen in die Umgebung.
Wer beginnt, dieses Buch zu lesen, wird sehr schnell in die Umhüllung der Worte gezogen, die Handkes Schreibkunst Seite um Seite entrollt. Ein säuselndes Beschreiben der Welt, die aus dem Haus besteht, seinem Garten, der Umgebung, der Häuser, der Bäume, der Tiere, der Freunde….
In seiner langsamen Genauigkeit konzentriert sich Handke darauf, das Wesentliche zu finden, welches dem alltäglichen Leben da draußen diametral entgegensteht und ihm doch an jeder Stelle eingewoben ist wie ein unsichtbarer Faden.
Der Schreiber beschreibt sein Jahr in der Niemandsbucht, in dieser Landbucht außerhalb von Paris, die niemand kennt, die niemandem etwas bedeutet, wo außer ihm und den Alteingesessenen, die wirklich zum größten Teil alt sind, älter als er, niemand hin möchte. Selten nur verirrt sich ein Fremder dorthin. Selten nur besucht ihn ein Freund.
Dieses Jahr in der Niemandsbucht ist wie ein weißes Blatt, das er mit seinem Leben, behutsam, Tag für Tag, füllen (beschreiben) kann. Behutsam denn, es sollte nichts hinein gelassen werden, das nicht wesentlich ist. Wesentlich ist die Verwandlung, die geschieht, die unvermeidlich geschehen muss, wenn man so hochkonzentriert bei der Sache bleibt.
„Jede Epoche meines Lebens wurde bestimmt von dem täglichen Hin und Her zwischen Ausweglosigkeit und seelenruhigem Weitermachen. Weder vorher noch nachher habe ich je Stunden einer solch vollkommenen Ruhe erlebt. Und indem die Tage andauerten und ich, ob panisch oder seelenruhig, bei der Sache blieb, erschien mit der Zeit immer kräftiger an der Stelle des zwischendurch mich weiterwürgenden „Ende“ das Ding Verwandlung.“
Dass man das Wesentliche im Leben nicht durch irgendwelches Tun finden kann, sondern nur durch Lassen – indem man zum Beispiel an seinem Ort in der Niemandsbucht verweilt, der ein weißes Blatt ist, das aber auf gar keinen Fall gefüllt werden soll mit klugen Bewertungen, Urteilen, Meinungen oder Schlussfolgerungen. Es soll vielmehr gefüllt werden mit Beobachtungen. Der Schreiber in der Niemandsbucht beobachtet aus seinem Fenster und auf seinen Wanderungen das Geschehen in der Bucht, auch das Geschehen in sich, er fängt die Augenblicke ein und bringt sie auf die Seite.
Mein Jahr in der NiemandsbuchtDieses Buch ist eine Meditation. Es zu lesen, verlangsamt und beruhigt.
Man wird sich der Dinge um einen, der Gedanken in einem kristallklar bewusst und zumindest ich habe beim Lesen immer wieder den unbändigen Impuls, mit aller Sinnlosigkeit aufzuhören, um mein Jahr in der Niemandsbucht zu beginnen. Denn nur dort kann Verwandlung stattfinden.

Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke ist eines der wenigen Bücher, die ich bislang in diesem Jahr gelesen habe, welches mich wirklich glücklich machte. Sehr große Leseempfehlung!

Und da wir schon beim Empfehlen sind, möchte ich noch einmal auf den wunderbaren Film hinweisen, Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte, durch den ich verspätet, aber Gott sei Dank nicht zu spät, erst Handke für mich enteckt habe. Am Anfang des Jahres habe ich noch sein Wunschloses Unglück besprochen. Auch dies ein für mich herausragendes Buch.

(c) Susanne Becker




Donnerstag, 14. September 2017

Gleißendes Glück - Film

"Du bist dein eigenes Universum und dein eigenes Glück. Du bist frei und warst es schon immer."

Gestern sah ich den großartigen Film "Gleißendes Glück" mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur, die beide für mich zu den wirklich herausragenden deutschen Schauspielern gehören und in ihrem Zusammenspiel etwas kongeniales hatten.
Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von A.L. Kennedy.

Sehr lange hatte ich den Film hier liegen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Protagonistin Helene Brindel an einer Stelle von ihrem Filmehemann fast zu Tode geprügelt wird. Je älter ich werde, desto zögerlicher setze ich mich derartigen Gewaltszenarien in Filmen aus. Deshalb ließ ich den Film liegen. Wegen der Schauspieler, auch wegen der Autorin, war ich mir eigentlich sicher, dass es ein sehr guter Film sein würde, ging aber davon aus, dass er negativ und brutal wäre.
Ich bin sehr froh, dass ich mir den Film nun angeschaut habe. Denn: er ist gar nicht negativ. Spannend, sogar hoch spannend, das ja. Selten habe ich in einem Film so oft die Luft angehalten. Aber weniger aus Angst, sondern mehr aufgrund der Intensität der sich entwickelnden Geschichte, einer ganz großen Liebesgeschichte.

Die Hausfrau Helene Brindel kann schon seit einiger Zeit nicht mehr schlafen. Sie steht nachts auf, bereitet schon einmal das Frühstück für ihren Ehemann vor und schaut Fernsehen. In der Regel findet ihr Mann sie morgens schlafend auf dem Wohnzimmerteppich vor. Der Fernseher läuft immer noch. Die Fernbedienung liegt neben ihrer Hand.
Tagsüber putzt sie das ohnehin blitzblanke Haus. Sie kauft ein und bereitet aufwändige Mahlzeiten für sich und den Ehemann, die jener durchaus zu schätzen weiß, wenn er auch sonst eine unterschwellige Aggressivität ausstrahlt, die auf der Stelle begreifen lässt, warum Helene Brindel so wenig spricht. Denn ganz schnell kann ein falsches Wort, ausgesprochen oder verschwiegen, diesen Mann zum Ausrasten bringen.
Eines Tages, beim Putzen der Küchenlampe, hört sie im Radio die Stimme eines Wissenschaftler, Eduard E. Gluck, Gehirnforscher, der über die Möglichkeiten zum menschlichen Glück spricht, dass wir unendliche Kapazitäten besitzen, glücklich zu sein, dass wir diese Kapazitäten bewusst trainieren und leben lernen können.
Helene Brindel glaubte einst an Gott. Aber sie hat ihren Glauben verloren. Das ist für sie ein massives Problem. Diese Männerstimme macht ihr Hoffnung und so kontaktiert sie den Professor, trifft ihn am Rande eines Kongresses heimlich in Hamburg.
Mit diesem Treffen, das für sie die Hoffnung birgt, irgendwie zu ihrem oder einem anderen Glauben zurückfinden zu können, beginnt eine zarte, sehr berührende Liebesgeschichte von zwei Menschen, die an einer je eigenen Wand stehen und an ihrem Leben verzweifeln. Denn auch der Professor hat ein riesiges Problem: er ist pornoabhängig, er kann seine eigenen Theorien nicht auf sich selbst anwenden.
Wie Martina Gedeck und Ulrich Tukur diese Nuancen der emotionalen Öffnung, des sich Veränderns durch das Eintreten eines anderen, eines richtigen Menschen in das eigene Leben, wie sie das spielen, ist sensationell Wie subtil beide den Mut darstellen, der dazu gehört, sich für einen anderen zu öffnen. In vielen Besprechungen wird auf die Größe der Gedeckschen Leistung hingewiesen, was absolut stimmt. Allerdings hat mich den ganzen Film über auch Ulrich Tukur beeindruckt, der den selbstherrlichen Wichtigtuer gibt, um dann, Stück für Stück, für ihn selbst unfassbar, aufgrund seiner Gefühle an etwas in seinem tiefsten Inneren heranzukommen, das vielleicht die Fähigkeit zu gleißendem Glück sein könnte. Seine Courage, dort hin zu gehen, an diese Stelle, wo er seine gesamte, mühsam aufrecht erhaltene Fassade verlieren wird, das war groß! Die von Tukur dargestellte Wandlung geschieht an keiner Stelle plump. Er zeigt sie so subtil, nur mit seinem Gesicht, mit seiner Körpersprache - das hat mich mindestens genauso beeindruckt wie die Leistung Martina Gedecks. Wie am Anfang schon erwähnt: die beiden sind kongenial.

Für mich ist dieser Film ein ganz großer Liebesfilm. Er ist aber auch das Protokoll einer psychologischen und spirituellen Vision Quest, Eduard und Helene finden durch einander ihren Heiligen Gral und am Ende, könnte man sagen, baden sie in gleißendem Glück. Du bist frei und warst es schon immer.

Sehr schön! Sehr empfehlenswert! Hochintensiv!

(c) Susanne Becker

Samstag, 2. September 2017

4.07 Uhr

4.07 Uhr.
Der Hahn kräht,
lockt mit seinem Ruf
das erste Licht
in die Geräusche der Nacht.

Irgendwo schläft ein Maler.
Er träumt von einem Bild,
das nur noch Stille ist.
Irgendwo erwacht ein Mönch.
Auf dem Weg in den Zendo
lächelt er seinem Spiegelbild zu.

4.07 Uhr.
Der Hahn kräht,
lockt mit seinem Ruf
den Großen Wagen über den Himmel
bis in mein Fenster.
Dort steigt er, neben dem Mirabellenbaum,
am Himmel entlang.
Alles ist still.
Das Licht kommt.

(c) Susanne Becker

Sonntag, 27. August 2017

Karl Ove Knausgard - Das Amerika der Seele

„Zu schreiben heißt, das Innere zu suchen, einen Ort, wo es das Soziale nicht gibt, man es aber sehen kann, einen Ort, wo Grenzen überschritten und auf diese Weise sichtbar und neu definiert werden.“

Lange habe ich gebraucht, um Das Amerika der Seele von Karl Ove Knausgard zu beenden. Ein Buch mit achtzehn Essays zu so unterschiedlichen Themen wie die Kunst von Cindy Sherman, die Kunst von Sally Mann, die eigene Darmtätigkeit, Adolf Hitler, das Massaker von Utoya, Knut Hamsun, Sören Kierkegaard, die Bibel, das Schreiben…..
Das Spektrum Knausgards scheint unendlich. Beim Lesen gewinnt man immer wieder den Eindruck, seiner persönlichen Spur zu folgen. Er sitzt in seinem Schreibzimmer, er liest, er taucht ein in den eigenen Raum von Stille und Nichts, aus welchem er dann seine Texte holt, die eine Kombination sind von ihm selbst, seinem Leben, und dem, was er so liest, während er arbeitet. Schon allein aus diesem Grund finde ich das Buch unendlich spannend. Es ist wie eine offene Tür in sein Innerstes, in seinen Schreibprozess. Das hat mich sehr fasziniert.

Es gab dabei natürlich Essays, die mich weniger ansprachen. Das liegt in der Natur der Sache, denke ich. Denn wenn man jemandem so tief folgt in seine Gedankenwelt, dann klingen manche Pfade stärker in einem an als andere, weil man ja selbst auch eine Gedankenwelt hat. Ich lese niemals neutral. Das ist meine große Schwäche. Ich sehe niemals von meinem eigenen Raum ab, sondern lese aus diesem heraus. So war es natürlich, dass mich die Essays am stärksten ansprachen, in denen ich Verwandtschaft wahrnehmen konnte, oder aber Inspiration in neue Richtungen fand.
Karl Ove Knausgard hat, und darin erinnern mich diese Essays an die Bände von Mein Kampf, die ich bisher gelesen habe, keinen Anspruch auf Objektivität. Er schenkt sich dem Leser immer ganz und nackt, auch in diesen Essays, die von einem anderen Autor möglicherweise zu gleichen Themen viel neutraler verfasst worden wären. Aber gerade das schätze ich an Knausgard: die absolute Schutzlosigkeit, mit der er sich vor den Leser stellt.
Ich liebe seinen Mut.
Parallel zu seinem Buch lese ich gerade Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke. Die ganze Zeit über spürte ich zwischen beiden Büchern eine Verwandtschaft, eine Art Parallele. Ich würde sie in etwa so formulieren: Beide Autoren konfrontieren sich mit dem absoluten Nichts in sich und bringen das Ergebnis dieser Konfrontation in Worten zu Papier, die sehr persönlich sind und doch alles persönliche transzendieren. Schreibtag für Schreibtag holen beide aus diesem Nichts die Wahrheiten hervor, die sich ihnen offenbaren. Im Schreiben und damit auch für den Leser, scheinen sie einen Raum zu erschaffen, in dem sie die Dinge, inclusive sich selbst, ohne den Zwang zu Konsens oder gesellschaftlicher Vorgaben neu denken und sehen. Man folgt ihnen bei der Lektüre in diesen Raum und in diese spannende Sicht auf die Welt, die nur entstehen kann, wenn man den Mut hat, wirklich frei zu denken,
Das ist für mich die Verbindung. Ich dachte während der Lektüre immer wieder darüber nach und dann finde ich am Ende des letzten Essays jenen letzten Satz, der sich auf die Bücher Handkes bezieht: „…, vielleicht ist es jetzt die Aufgabe der Literatur, dorthin zu gehen, wohin die Erzählung nicht kommt. Mit anderen Worten, dorthin, wo nichts ist, aber alles wird.“
Dorthin gehen Knausgards Bücher, wo nichts ist, nichts fest steht, aber alles wird, werden kann, auch noch einmal neu: Immer sind sie ein Ausdruck des Lebens in seiner Erscheinungsform Mensch, und zwar in einer sehr klaren, sehr entwickelten Form.

Am besten haben mir drei der letzten vier Essays gefallen. Sie handeln alle in irgendeiner Form vom Schreiben.
In „Das Leben in der unendlichen Sphäre der Resignation“ berichtet er von einem Aufenthalt in Beirut, wo er an einem Autorentreffen teilnahm, sich durchaus nach der Berechtigung für sein Schreiben fragte, angesichts der Spuren von Krieg und Zerstörung, die er dort wahrnahm, in der Stadt und in den Texten der Autoren, während seiner von der Ablehnung durch eine Frau handelte. In seiner freien Zeit las er in Beiruter Cafés Kierkegaard und fand eine Verbindung zwischen muslimischen und christlichen Überlieferungen.
„Es ist eine Frage des Sinns. Der im Leben zu finden ist. Je mehr das Leben bedroht ist, desto größere Bedeutung erhält der Sinn darin, und er ist dort am größten, wo der Tod ist: …“

In „Die Literatur und das Böse“ schreibt er über die Frage, wie das Böse in der Literatur behandelt werden kann. In diesem Zusammenhang kommt wieder sehr stark die im Grunde all sein Schreiben durchziehende These auf, dass es offen, so frei wie möglich geschehen muss. Wenn es für den Autor nötig ist, sich dem Konsens der Gesellschaft zu beugen, um etwa nichts zu schreiben, was einen Eklat auslösen könnte, dann ist das nicht richtig. Richtig kann nur sein, das Böse in einer Weise zu behandeln, dass deutlich wird: es ist ein Teil des Menschseins, genau wie auch das Gute. Wir müssen das Böse in uns akzeptieren. Es ist verlogen, es nicht kennen zu lernen, sondern von vornherein zu verdammen, um sich selbst beinahe plakativ auf die Seite des Guten zu stellen. Es ist auch gefährlich, dies zu tun. Denn wie will man das Böse in sich bekämpfen, wenn man sich weigert, es zu kennen? Er nennt in diesem Essay Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard, Céline, Samuel Beckett als Beispiele von großen Neinsagern, die sich jedem Konsens verweigert haben. Er verknüpft damit keinerlei Bewertung dessen, was sie gesagt oder geschrieben haben. Er sagt lediglich: dass die Literatur der Ort sein sollte, an dem auch über das Böse frei und offen gesprochen werden kann, wo es als innerhalb des menschlichen Spektrums liegend anerkannt wird.

In dem letzten Essay, der mir persönlich in dem Buch am besten gefallen hat, „Dorthin, wo die Erzählung nicht kommt“, behandelt er die Aufgabe des literarischen Lektors, er schreibt über die Literaturwelt Norwegens, aber vor allem auch über sein eigenes Schreiben. Er gibt Einblicke in seine Entwicklung als Schriftsteller und seinen Schreiballtag, und wahrscheinlich ist es deshalb mein Lieblingsessay.
Ich habe es an anderer Stelle bereits geschrieben, dass ich Knausgard sehr mag, auch wenn ich nicht alles mag, was er schreibt. Es gibt ganze Kapitel, die mich schlichtweg nicht interessieren, die ich sogar oberflächlich finde. Aber er steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, er taucht ab in diesen Raum aus Nichts, er schreibt darin, er lässt sich von seinem Schreiben wie an einem roten Faden entlang Bücher lesen, die sein Denken immer weiter prägen und formen, und all das schenkt er uns, seinen Lesern. Vieles davon gehört zum Besten, was es meiner Meinung nach gerade zu lesen gibt!

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 17. August 2017

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Ein wenig Leben – Als ich das erste Mal von diesem Buch hörte, mir daraufhin bei Goodreads die Besprechungen und den Inhalt anschaute, war mir eigentlich sofort klar, dass es kein Buch für mich war. Ich bin normalerweise nicht jemand, die vor dem Dunkel, den Abgründen der menschlichen Existenz zurück weicht, das Böse, zu dem Menschen fähig sind, hat mich immer interessiert. Denn ich halte es für einen Beweis der menschlichen Freiheit, dass wir böse sein können. Mich interessiert, wie die Menschen umgehen mit dieser Freiheit, die ja im Umkehrschluss auch beinhaltet, dass wir gut sein können.

Dennoch sprach dieses Buch mich nicht an. Bis meine Freundinnen es für sich entdeckten, es reihenweise lasen und mich mit ihrer Begeisterung unsicher machten. Ich bestellte es mir und ordnete es sehr weit unten im SuB ein. Kurz vor einer Reise in den Sommerferien, in der ich erwartete, etwas Zeit zum Lesen zu finden, stellte ich mich selbst vor die Frage: Ein wenig Leben, Die unerhörte Geschichte meiner Familie oder 4 3 2 1?
Ein wenig LebenMein Bauch sagte: 4 3 2 1, irgendetwas anderes sagte: Ein wenig Leben. Fragen Sie mich bitte nicht, warum! Aber die Stimme sagte auch noch so etwas wie: Dann haben wir es hinter uns. Ich hatte Angst vor dem Buch. 

Sehr schnell in die Lektüre hinein, als ich mich zum ersten Mal wirklich unwohl fühlte durch das Buch, fragte ich mich: Warum lese ich eigentlich, nicht dieses Buch, sondern generell?
Auf diese Frage gibt es für mich diverse Antworten: 1. Lese ich, weil ich mich gut fühlen möchte. Ha, da war dieses Buch ja ein wirklicher Volltreffer!! Meine Freunde, mit denen ich den Urlaub verbrachte, sprachen sanft mit mir, wiesen mich darauf hin, wie deprimiert ich bei und nach der Lektüre wirke und regelmäßig schallte ein "Wie lange noch?" quer über den Hof zu mir herüber. 
2. lese ich, um meinen Horizont zu erweitern, in alle denkbaren Richtungen. Bislang hatte ich diesen Grund eher religiös, kulturell, international verstanden, in Welten einzudringen, die ich bislang nicht kannte und die meine Weltsicht öffnen. Mit Ein wenig Leben bekam dieser Grund eine neue Dimension. Mit der eigentlichen Hauptperson Jude, der während seiner Kindheit und Jugend unglaublich brutal misshandelt und sexuell missbraucht wurde, lernt man das Innenleben und die Möglichkeiten, danach überhaupt noch Glück zu finden, eines zutiefst traumatisierten Menschen kennen. Das war für mich ohne Frage eine Erweiterung meines Horizonts.
3. lese ich, um philosophische Interessen zu befriedigen, siehe oben, 4. geografische Interessen, 5. lese ich, und das klingt wirklich ein wenig kitschig, und es ist auch kitschig,  um das Gute in mir zu nähren, das positive. Ich bin zu alt, um mein Leben mit Inhalten zu verbringen, die mich dunkel stimmen, die mich aussaugen oder runterziehen. Denn ich habe in den letzten Jahren sehr deutlich verstanden, dass man umso mehr geben kann, je besser man sich fühlt.  Dann gibt es noch einen 6. Grund, der damit zu tun hat, dass es einen sehr stillen Raum in einem gibt, den ich immer dann versuche, zu betreten, wenn ich schreibe, aber auch sonst so häufig wie möglich. Ich lese unglaublich gerne Bücher, die mich in diesen Raum führen. Als Beispiele würden mir da Friederike Mayröcker einfallen, Peter Handke und Arbeit & Struktur von Herrndorf. 
Ein wenig Leben befriedigt vielleicht noch Grund 3, aber keinen der anderen zuletzt genannten Gründe für mich. 

Eine weitere Frage, die ich mir stellte, war: Wie wähle ich Bücher aus? Die Antwort ist einfach: 100% intuitiv. Ich weiß im Grunde sehr schnell (d.h. innerhalb weniger Minuten), welches Buch mich interessiert und welches nicht. Ich liege mit meiner Einschätzung selten daneben. Allerdings missachte ich sie manches Mal aus oberflächlichen Gründen wie: Alle lesen das Buch, also muss ich auch!
Ich bin ein Lesesoldat. Das heißt, einmal angefangen, bemühe ich mich, jedes Buch zu beenden. Dies nicht zu tun, löste bei mir schon immer ein schlechtes Gewissen aus, ein Gefühl des Versagens.

Ein wenig Leben also. Ich wusste nach einer Minute, dass ich das Buch nicht lesen wollte. Ich las es trotzdem und, obwohl ich mich bei der Lektüre zunehmend unglücklich fühlte, las ich weiter.
Der Anfang ist übrigens betörend. Vier Freunde aus New York City werden dem Leser vorgestellt, ihre Beziehungen untereinander, ihre Persönlichkeiten, ihre Lebenswege, ihre Freundschaften, die so tief und so stark sind, dass man sie selten in dieser Reinheit im wahren Leben findet. Es ist auch eine Liebesgeschichte, die an manchen Stellen wunderschön ist. Zu allem Überfluss haben alle vier Freunde unglaublich interessante Berufe, sie sind extrem erfolgreich und reisen durch die Welt.
Langsam aber kriecht das Dunkel, das von Jude ausgeht, aus der Geschichte heraus zum Leser, und auch zu den anderen Protagonisten der Geschichte, zunächst wie ein Schatten, dann aber immer brutaler. So wie Jude alle Menschen in seinem Leben dazu zwingt, nicht offen über das zu reden, was geschehen ist, so wird auch der Leser irgendwie bezwungen, in einer Atmosphäre der Negativität zu bleiben. Wie oft las ich in Rezensionen Sätze wie: "Dieses Buch hat mein Leben übernommen." oder ähnliches. 
Jude ist traumatisiert, man könnte sagen, durch seine Kindheit seelisch verstümmelt. Zu vielen zwischenmenschlichen Dingen ist er schlichtweg nicht fähig. Viele Rezensenten haben unrealistische Teile des Plots, der Geschichte bemerkt, die in der Regel mit den wunderbaren Lebenswegen der Protagonisten zu tun haben. Was mich am meisten irritiert hat: Wie jemand, der derart traumatisiert ist, so viele Menschen in seinem Erwachsenenleben haben kann, die ihn über alles lieben, die alles für ihn tun würden. Da sind nicht nur die Freunde Willem, Malcom und JB, sondern auch Harold, ein Lehrer an der Universität, der ihn adoptiert, oder der Arzt Andy, der immer wieder die schrecklichen Wunden versorgt, die Jude sich selbst mit Rasierklingen zufügt. Er schneidet sich ganze Stücke Fleisch aus den Armen und bringt sich einmal fast um, als er mit der Klinge zu nah an die Pulsader gekommen ist. All das wird haarklein geschildert. Das Schneiden ist Judes Mittel, den Schmerz über die Vergangenheit, die Erinnerungsbilder unter Kontrolle zu halten. Es ist auch sein Mittel, das Leben generell unter Kontrolle zu halten. Immer dann muss er sich am intensivsten schneiden, wenn seine Gefühle, auch in positiver Hinsicht, zu stark für ihn werden. Immer wieder schlich sich bei der Lektüre die Frage ein: Wie kann jemand, der so unehrlich allen gegenüber ist, soviel Liebe auslösen? Das halte ich nicht für realistisch. Opfer von sexuellem Missbrauch, zumal in diesem Ausmaß, sind in aller Regel nicht die Menschen, die im Erwachsenenleben in Erfolg und Liebe baden. Oder sehe ich das falsch?
Die Beschreibungen von Gewalt, sexuellem Missbrauch, aber auch vom Ritzen haben mich wirklich niedergedrückt. Ich hatte manchmal regelrecht Wut auf Jude. Ich wollte ihn anbrüllen, dass er endlich eine Therapie machen solle. Ich war auch wütend auf die anderen im Buch, dass sie ihn nicht zwangen, in Therapie zu gehen, sich anstattdessen von ihm, dem dysfunktionalsten Mitglied der Gruppe, die Regeln für die Beziehungen vorschreiben lassen.
Ich war allerdings auch voller Hochachtung für die Autorin, die es so lange in einem derartigen Raum von Schmerz und Trauma aushalten konnte. Denn das die Beschreibungen so lebendig sind, so wahr, das liegt natürlich daran, dass sie eine exzellente Schriftstellerin ist. Nichts an dem Buch ist effekthascherisch. Es ist ein zutiefst aufrichtiges Buch.  

Auf Seite 508 konnte ich allerdings nicht mehr. Plötzlich war der Gedanke, das Buch einfach beiseite zu legen, extrem befreiend. Ich wollte nichts mehr darüber lesen, was Jude sonst noch alles zugestoßen war, und ich wollte auch keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, ob Jude sich am Ende umbringen würde, ob einer der anderen sich umbringen würde, oder ob es zum Schluss der Geschichte vielleicht doch noch so etwas wie Hoffnung geben könnte. Ich wollte mich auch nicht länger fragen, wie jemand wie Willem es so lange in einer Beziehung mit Jude aushalten kann. Liebe! Klar! Aber irgendwie auch extrem dysfunktional.  
Es gab Passagen, wo über die Liebe, die Freundschaft geschrieben wurde, die mich wirklich unglaublich berührt haben. Es gab große Momente in dem Buch. Und möglicherweise wären alle meine Zweifel, alle meine offenen Fragen beantwortet worden, wenn ich die letzten zweihundert Seiten auch noch gepackt hätte.

Aber letztlich hat dieses Buch mir vor allem folgendes gebracht: Die Einsicht, dass ich Bücher nicht pflichtschuldigst lese und schon gar nicht zwanghaft beende. Ich übergebe mein Lesen ab jetzt vollkommen meiner Intuition. Das ist vielleicht für ein solches Buch eine etwas dünne Einsicht. Aber ich mag sie.

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 3. August 2017

Knausgard und ein Gedicht von Edgar Lee Masters

Heute hatte sie sehr viel durcheinander gelesen. Das tat sie in letzter Zeit häufiger, vor allem immer dann, wenn kein Buch es schaffte, sie ganz zu fesseln. Sobald dies einem Buch gelang, sie so richtig an sich zu reißen, dann las sie nur noch dieses. In letzter Zeit gelang dies selten. Das letzte Buch, das sie so gefesselt hatte, war Überbitten von Deborah Feldman gewesen, ansonsten in diesem Jahr nur Seethaler und Erpenbeck bislang. Seit über sieben Monaten sehnte sie sich verzweifelt nach Büchern, die sie zogen, aber meistens zog sie sich durch die Bücher und in letzter Zeit kam ihr immer mal wieder der Gedanke, eine Lesepause einzulegen, um sich einfach mal ungestört die Leere in ihrem eigenen Kopf anzuschauen, oder auch das Gerede.
Heute hatte sie gelesen, u.a. in The Penguin Anthology of20th Century American Poetry, ein Gedicht von Edgar Lee Masters, in dem es hieß:

Where are Ella, Kate, Mag, Lizzie and Edith,
The tender heart, the simple soul, the loud, the proud, the happy one? –
All, all, are sleeping on the hill.
One died in shameful child-birth,
One of a thwarted love,
One at the hands of a brute in a brothel,
One of a broken pride, in the search for heart’s desire,….

All, all are sleeping, sleeping on the hill.

The Hill, offensichtlich der Friedhof, der Ort, an dem die Toten schlafen, nachdem sie das ein oder andere Leben gelebt hatten. Der Ort, an den wir alle gehen, nachdem wir das ein oder andere Leben gelebt haben. Der Weg dorthin ist für jeden etwas undurchsichtig. Man hofft, dass man eines Tages aufwacht (bzw. nicht mehr aufwacht) und dort ist, wahrscheinlicher ist es aber, dass der Weg dorthin ein wenig mühsamer ausfallen wird. Der Ort, an dem wir viel länger sein werden als in diesem einen oder anderen Leben, in dem wir oft genug nicht wissen, was wir mit unserer Zeit anfangen sollen. Wie viel davon sind wir bereit zu vergeuden? Wie viel davon nutzen wir wirklich? Die menschliche Existenz schein sehr angsteinflößend zu sein, denn die meisten Menschen, die sie kennt, betäuben sich, um sie auszuhalten: Smartphones, Haschisch, Wein, Fernseher, Internet sind in ihrem Umfeld die gängigsten Betäubungsmittel. Sie selbst versucht gerade, sich nicht zu betäuben. Ihr Ziel ist es, immer klarer zu werden. Das ist nicht immer einfach. Sie weiß aus erster Hand, dass es beunruhigend und schmerzhaft ist, als Mensch zu leben.  

Das andere Buch, Das Amerika der Seele, in dem sie schon eine Weile liest, das sie manchmal packt, dann wieder langweilt, dann geradezu anwidert (wenn er darüber schreibt, wie er scheißt), das sie mit seinen einzelnen Essays bislang nicht so viel anfangen konnte, wie es seine Bücher Lieben oder Leben geschafft haben. Im Grunde nur Lieben so richtig. Leben, auch Sterben, fand sie eher schwierig, wenn auch suchterzeugend. Knausgard, von wem wohl sonst sollte hier die Rede sein. Träumen hat ihr der Verlag zwar geschickt, es ist aber leider nie bei ihr angekommen.
Kämpfen, sie weiß nicht, ob sie es lesen möchte, Spielen genauso. Sie mag Knausgard, vor allem dafür, dass er bei Kind und Kegel die Disziplin aufbringt, jeden Morgen sich um 5 an den Schreibtisch zu schleppen und diese vielen, oft sehr klugen, oft sehr tiefen, in jedem Fall unverrückbar wahren Worte aus sich heraus aufs Papier zu lenken. Dafür liebt sie ihn. Dann wieder geht er ihr unglaublich auf die Nerven. Er geht sehr tief, um dann wieder, unvermittelt, labernd an der Oberfläche zu bleiben, sätzelang, seitenlang. Das nervt sie. Ihr fehlt der Fokus, die Konzentration. Heute las sie bei ihm über Sloterdijk „Seit Beginn des modernen Zeitalters, also seit Pascals Zeit, hat die menschliche Welt konstant, jedes Jahrhundert, jedes Jahrzehnt, jedes Jahr und jeden Tag lernen müssen, neue Wahrheiten über „ein nicht auf den Menschen bezügliches Außen hinzunehmen und zu integrieren“, schreibt Sloterdijk, und bezeichnet die Menschen als „Idioten des Kosmos“.
Man landet auf dem Hill, egal, was man macht. Das Universum schert sich nicht wirklich um uns. Nimm das, Mensch und mach das beste daraus.
Der Mensch ist das Wesen, vielleicht das einzige Wesen, das seine Situation analysieren kann. Auf diese Welt geworfen mit der Fähigkeit, böse zu sein, was letztlich Sinnbild seiner Freiheit ist, plus, er kann sich selbst auch noch dabei zusehen, es reflektieren, wenn er so richtig in die Tonne greift. Dass er böse werden kann, das ist der ultimative Freiheitsbeweis. Dass der Mensch sich dagegen entscheiden kann, ist umso mehr ein Beweis seiner Freiheit. Dass er sich angesichts des Hills und der absoluten Gleichgültigkeit des Universums dazu entschließen kann, gut zu sein, das ist im Grunde fast übermenschlich. Er kann der Versuchung widerstehen und allen Verlockungen zum Trotz ein unglaublich helles Licht in sich anzünden und gut werden, so richtig gut. Kein Wesen kann so gut werden, wie ein guter Mensch, wegen der Absicht. Nimm das, Trump und deine Freakshow von Familie! Aber für all das wird es niemals eine Goldmedaille geben, niemals eine Belohnung. Sterben werden auch die besten. Auch sie landen auf dem Hill, genau neben den Schlechten. Das machte ihr Angst. Nein. Das macht ihr eigentlich gar keine Angst. Das war jetzt aus den Tasten geplumpst wie eine Floskel. Es macht ihr  vielmehr Angst, dass sie auf dem Hill landen könnte, bevor sie alles verstanden hatte. Auch Knausgard wird auf dem Hill landen, und dann wird irgendwann wieder jemand von vorne damit anfangen, um 5 aufzustehen und Wahrheiten aus seinem tiefsten Inneren auf ein leeres Blatt Papier zu lenken. Sie glaubt, dass man als Mensch die Gabe hat, wirklich viel zu verstehen, alles, im Grunde das ganze Leben. Weitergeben kann man dieses Wissen nicht. Leider. Die Belohnung ist das Verstehen. Denn es bringt Frieden. Sie hat keine Geduld mehr mit Menschen, die sich darum nicht bemühen, nicht aufrichtig. Sie interessiert sich eigentlich nur noch für Menschen, die in den kreativen Raum gehen, in die absolute Stille und Leere, die dort herrschen, eintreten, und dann in einem kreativen Akt alles zutage fördern, was sie dort in sich finden. Oder vielleicht es auch nicht zutage fördern. Vielleicht ist das nicht immer nötig. Es geht primär darum, dort zu verweilen und Licht zu machen. Solange wie möglich, so hell wie möglich. Das hört sich sehr einfach an, ist aber im Grunde so eine Art Quantenphysik.

Menschen, die sie wirklich bewundert, sind diesbezüglich Nick Cave, Marina Abramovic, Georgia O’Keeffe. Sich kompromisslos in diesen Raum begeben. Auch Karl Ove Knausgard tut dies. Sie mag nicht alles, was er schreibt. Aber sie mag, dass er schreibt und dass er mit dem, wie er es erschafft, ein unglaublich starkes und beeindruckendes Plädoyer für das Gute im Menschen, das Stille und Leere, hält, aus dem heraus der Mensch, wenn er es möchte, ein helles Licht anzünden kann. Dafür ist sie ihm dankbar.

Obwohl dies noch keine Rezension des Buches ist möchte sie dem Luchterhand Verlag doch schon einmal sehr herzlich danken dafür, dass er ihr ein Rezensionsexemplar hat zukommen lassen.

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 2. August 2017

Gedanken über Nell Zink und sie selbst

gewaltige Ressourcen an Langeweile und Einsamkeit ausbeuten, um ungestört zu schreiben“ Nell Zink

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte sie eine neue Schriftstellerin entdeckt. Ihr Name war Nell Zink. Sie lebte nur eine Stunde entfernt von Berlin, in einer sehr kleinen brandenburgischen Stadt, sie hatte auch mal in Virginia gelebt, sie war im gleichen Jahr wie sie geboren. Das reichte ihr persönlich, also, das waren genug Parallelen, um sich mit ihr auf eine seltsame Art und Weise seelenverwandt zu fühlen. 
Diese Nell Zink hatte jahrzehntelang praktisch für sich selbst geschrieben, oder für einen Freund, und sich mit Gelegenheitsjobs, zum Beispiel auch als Sekretärin (womit sie eine weitere Parallele gefunden hatte!) über Wasser gehalten. Sie hatte gar nicht wirklich damit gerechnet, jemals veröffentlicht zu werden. Sie hatte auch keinerlei Lust auf den Literaturbetrieb. Ihren literarischen Durchbruch hatte sie dann Jonathan Franzen zu verdanken. Dem hatte sie nämlich, als Antwort auf einen Essay über Vogelmord im Mittelmeerraum, ein dort sehr akutes Problem, eine entrüstete Email geschrieben, weil er den Vogelmord in Bosnien in diesem Essay nicht erwähnt hatte. Daraufhin entspann sich zwischen den beiden ein Emailaustausch, wohl eher über Vögel, als über Literatur, den Franzen aber dennoch so wunderbar fand, dass er irgendwann zu dem Schluss kam, nicht nur er sollte etwas von Nell Zink lesen dürfen. Er versuchte, ihre Manuskripte an Verlage zu vermitteln, erfolglos. Ihr selbst gelang es, einen ganz kleinen New Yorker Verlag zu finden, der einen Roman von ihr heraus brachte, für praktisch kein Geld, aber sie musste das vermutlich tun, um Franzen zu beweisen, dass es ging. Daraufhin nahm sich Franzens Agent ihrer an und verkaufte die Rechte an dem Buch unter anderem nach Deutschland. Sie bekommt mittlerweile sechsstellige Vorschüsse auf Buchverträge. Sie lebt in einer spärlich eingerichteten Wohnung in Bad Belzig. Sie sagt Dinge wie „Ich versprach mir nichts  vom Leben als schreibender Mensch“. Womit leider ein entscheidender Unterschied zwischen ihnen beiden festzustellen wäre. Denn sie selbst hatte sich praktisch alles vom Leben als schreibender Mensch versprochen. Geld, Glück, Zufriedenheit, Ruhm, Anerkennung, Liebe, Bewunderung, ein tolles Haus auf dem Land, Freunde, Bewunderer und inneren Frieden. Nicht notwendig in dieser Reihenfolge, aber in dieser Vollzähligkeit. Verrückt, wie sehr sie all ihre Bedürfnisse und Hoffnungen seit vierzig Jahren auf das Schreiben projiziert hatte, ihm treu geblieben war, obwohl es keine dieser Hoffnungen erfüllt hatte. Das Schreiben war möglicherweise ihre ganz große Liebe. Ihre ganze große Illusion. Aber das stimmte nicht ganz. Denn sie hatte durch das Schreiben einen Zugang gefunden zu diesem riesigen Reservoir an Langeweile und Leere, das in jedem wohnt und das die meisten gar nicht gut kennen. Sie hatte es kennen gelernt. Sie war mitten drin. Sie war noch lange nicht damit am Ende. Das war keine Illusion. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 19. Juli 2017

Lesung mit Molly Antopol im Jüdischen Musuem

Am Samstag war ich bei einer Lesung und Gespräch mit Molly Antopol, welche im Rahmen des Jüdischen Kultursommers im Jüdischen Museum in Berlin stattfand. Eine Schriftstellerin, die sich bislang nicht wirklich auf meinem Radar zeigte, die Veranstaltung rein zufällig entdeckt, und da ich mich sowieso in der Nähe befand, bin ich hin gegangen. Pure Neugierde. Bereut habe ich es nicht!

Molly Antopol hat mit ihrem Band von Erzählungen, Die Unamerikanischen, erschienen bei Hanser, vor einer Weile Furore gemacht und aus diesem Buch wurde gelesen, es gab aber auch eine ganz neue, kurze Geschichte, die sie während der Arbeit an ihrem aktuellen Roman geschrieben hat, um zwischendurch nicht das Gefühl zu haben, den Verstand zu verlieren. Romane zu schreiben ist eine recht einsame und langwierige Angelegenheit.
Die deutschen Versionen der Texte las die Schauspielerin Katharina Marie Schubert, das Gespräch führte Antopols Übersetzerin Patricia Klobusiczky kongenial.

Antopols Geschichten spielen u.a. in Israel, den USA, Russland, in u.a. den Jahren 1942, während der McCarthy-Ära (50er Jahre) und heute. Sie umspannt ein enormes Pensum an historischen Momenten und Personen, die alle irgendwie mit ihrer Familiengeschichte verankert sind, ohne diese buchstabengetreu zu erzählen. Wie Antopol es ausdrückte, geht es ihr weniger um eine historische Nacherzählung, als um eine emotionale Wahrhaftigkeit. Sie kann nicht über lebende Personen schreiben. Sie wüsste gar nicht, wie sie dies anstellen sollte. Sobald sie beginnt, zu schreiben, entwickeln sich die Personen in der Geschichte wie von selbst.
Wenn sie eine Geschichte schreibt, und dafür benötigt sie normalerweise ein bis zwei Jahre, schreibt sie diese immer wieder neu, redigiert und wechselt dabei auch wiederholt die Erzählperspektive. Grundsätzlich dauert es, bis sie die Person herauskristallisiert hat, welche dann schlussendlich die Geschichte erzählen wird. Diese Person ist häufig jene, welche im Verlauf der Geschichte die größte Schuld auf sich geladen hat und somit in irgendeiner Form die stärkste Reue empfindet. Ihre Erfahrung beim Schreiben ist es, dass diese Schuldgefühle ein großartiger und ganz natürlicher Motor für eine Geschichte sind. Es gibt, grob gesagt, zwei Möglichkeiten, wie Menschen mit Schuld umgehen, 1. sie bleiben in dem Gefühl stecken und wiederholen für den Rest ihres Lebens ein daraus resultierendes, unter Umständen traumatisches, Muster, 2. sie versuchen, aus dem dunklen Loch ihrer Erfahrung heraus zu kommen. Beide Impulse treiben eine Geschichte voran.
Programmatisch fand ich persönlich den Titel des Erzählbandes Die Unamerikanischen. Meine Freundin, mit der ich dort war, fragte mich nach der Lesung, was er wohl bedeutet. Spontan sagte ich, dass ich ihn sehr aktuell fände. Denn gerade wird von Trump und seiner Regierung ja wieder alles angeprangert und ausgegrenzt, was deren Meinung nach unamerikanisch ist. Hautfarben, Nationalitäten, Einstellungen, Verhaltensweisen, Religionen werden ohne jede Scheu angegriffen.
Die Geschichten Antopols handeln von Personen, die in vieler Hinsicht unamerikanisch sind: Kommunisten, die von McCarthy gehetzt werden, Juden, die erst nach Amerika emigrieren oder emigriert sind, und zunächst eben gar keine Amerikaner sind, sondern beispielsweise Partisanen in russischen Wäldern, die gegen die Nazis kämpfen, Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen als unamerikanisch fühlen. Unter McCarthy, der unrühmlichen Ära der Berufsverbote und schwarzen Listen, galten als unamerikanisch alle Aktivitäten, die in irgendeiner Form als kommunistisch eingeschätzt werden konnten. Dazu gehörten dann auch schnell generell amerikakritische Töne. Unzählige Kulturschaffende, auch und gerade Journalisten und Schriftsteller, erhielten damals Berufsverbote. Kunst braucht Freiheit. Und Amerika war damals alles andere als frei. Unwillkürlich taucht in meinem Kopf die Frage auf: War Amerika eigentlich irgendwann frei? Oder war diese Freiheit immer nur eine programmatisch eingesetzte Illusion? Antopol erwähnt die tiefe Verzweiflung, die unzähligen Suizide, die unter Kulturschaffenden jene amerikanische Ära gekennzeichnet hat. Ihr neuer Roman, an dem sie gerade hier in Berlin im Rahmen einer Fellowship der American Academy arbeitet, spielt in dieser Zeit des Kalten Krieges. Ihre Großeltern waren überzeugte Kommunisten. Ihr Großvater war in den USA wegen seiner politischen Überzeugungen inhaftiert. In diesem Zusammenhang erwähnte sie, dass einer ihrer absoluten Lieblingsfilme Das Leben der anderen sei. Denn er habe ihr vor Augen geführt, wie das System in den USA dem in der DDR gar nicht so unähnlich gewesen sei.
Für mich war dieser Abend in vieler Hinsicht interessant. Als leidenschaftliche Leserin weiß ich schon jetzt, dass ich ihren Erzählband unbedingt lesen möchte. Denn die Kostproben daraus waren wunderbar.
Aber er war auch in inhaltlich für mich spannend. Denn es wurde mir bewusst, wie sehr ein Land, das offiziell das Label FREIHEIT auf jeder seiner Aktionen, von denen viele brutal und kriegerisch waren und sind, stehen hat, als wäre es ein Werbeslogan, in Wahrheit diesen Grundwert missbraucht. Die USA waren das Land, in dem ich persönlich meine Freiheit fand. Ich habe es in der Tat seinerzeit als Heimat der Freiheit wahrgenommen, weil es genau dies für mich war. Subjektiv ist dieses Land vermutlich für viele Menschen ein Hort der Freiheit, ein Ort, an dem sie sie selbst sein können. Aber global gesprochen ist dieses Land möglicherweise auf dem Weg, eine Art Diktatur zu werden. Vielleicht war es das sogar schon immer, nur in einem angenehmen Gewand? Molly Antopol erzählte von einem Gespräch mit einer Verwandten, und der unvermeidlich darin auftauchenden Frage: Wann ist es so schlimm in einem Land, dass man sagt, es ist schlimm? Ist es jetzt in der Türkei schlimm? In Syrien? Seit wann ist es das und wie lange hat die Welt nicht hingeschaut. Was muss geschehen, dass die Welt hinschaut und erkennt, da hat schon längst eine Abwärtsspirale weg von Demokratie und Freiheit eingesetzt.
Antopol wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der amerikanische Präsident massiv die Pressefreiheit einschränkt.

Ein wunderbarer Abend mit einer tollen Schriftstellerin!

(c) Susanne Becker


Mittwoch, 12. Juli 2017

Buch der Woche - Wir sind die Früchte des Zorns von Sabine Scholl

Sabine Scholl schenkt dem Leser mit ihrem Buch „Früchte des Zorns“ eine Familiengeschichte, ihre Familiengeschichte. Im Mittelpunkt stehen mehr oder weniger ausschließlich die Frauen, die Mütter eigentlich. Es geht also um jene Frauen, die durch das freiwillige oder gezwungene, das im Grunde unvermeidliche Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse, der eigenen Träume, der eigenen Räume zur Selbstentfaltung, oft ein Leben lang, durch das Gebären von Kindern und die ständige Sorge für diese der Kitt unser aller Gesellschaft sind. Im Guten wie im Schlechten.
18529333Es ist ein Buch, das dem Frust der Frauen, der Wut, der Entrüstung, der Enttäuschung, der Traurigkeit dieser Frauen nachspürt und eine Stimme gibt. Auf jeder Seite wird die Trauer darüber spürbar, was alles möglich wäre, wenn die Frauen ihre Kinder in einer Welt bekämen, in welcher Gleichberechtigung wahrhaft praktiziert würde. An den Müttern kann man ablesen, ob und inwieweit es Gleichberechtigung gibt. Das wurde mir in dem Moment klar, als ich selbst Mutter wurde.
Ich fand die Übung, mein Ego ständig zurück zu stellen, teilweise sehr spannend. Denn ich beschäftige mich noch viel länger, als dass ich Mutter bin, mit Buddhismus. Es half mir streckenweise sehr, meine Kinder, meine ganze Familie als eine Art Klostereinrichtung zu betrachten, wobei die Kinder ausgezeichnete Zen Meister abgaben. Die Klostereinrichtung bestand einzig aus dem Grund, mitten in Kreuzberg, um mir die Lächerlichkeit und absolute Überflüssigkeit meines Egos und seiner lachhaften Bedürfnisse klar zu machen. So gesehen hatte die Sache sehr viel Gutes. Andere gehen für so manche Erkenntnis, die mich beim Spülen oder Staubsaugen ansprang auf teure Meditationskurse irgendwo in Asien.  

Wir sind die Früchte des Zorns leuchtet den Kampf der Frauen um ihr eigenes Leben mit so einer sehr starken, kleinen LED Taschenlampe aus. Bis in die hintersten Winkel der Frauenleben leuchtet das Buch und sagt so vieles schnörkellos, was in anderen Büchern poetisiert wurde, also im Grunde irgendwie auch beschönigt. An allen möglichen, im Grunde wunderschönen Orten leuchtet die Taschenlampe herum: ein Dorf in Österreich, Paris, Chicago, New York, Wien, Berlin. Es folgt damit dem Lebensweg der Erzählerin, die viel herum gekommen ist in ihrem Leben. Ein Jahrhundert an Frauenleben, ein Jahrhundert an Versuchen, dem Ganzen auf die Spur zu kommen: Ist es gerechtfertigt, dass Frauen zornig sind? Ist es ein Wunder, dass sie nicht noch viel zorniger sind und was hält ihren Zorn im Zaum?
Die Mutter der Erzählerin will nicht mehr leben. Immer wieder unternimmt sie Versuche, sich das Leben zu nehmen. Eine Österreicherin, auf dem Dorf. Unwillkürlich denkt man an die Mutter Peter Handkes, der in Wunschloses Unglück, wie ich hier schon einmal berichtet habe, ein großartiges Denkmal gesetzt wurde. Ihr und somit allen unglücklichen Müttern, die sich selbst aufgaben, um eine Familie nicht zu zerstören.
Sabine Scholls Buch ist nicht angenehm zu lesen. Es tut weh. Es ist auch lästig. Obwohl es zum Teil meine eigene Situation ausleuchtet, hatte ich keine Lust, mir immer wieder klar machen zu lassen, wie trist sie ist, hoffnungslos womöglich? Zumal ich diese Ansicht so nicht teile. Wenn man aber Trost sucht oder Weichspülerei, dann ist man bei ihr, das hatte ich hier schon bei Die Füchsin spricht festgestellt, an der falschen Adresse. Sie spricht eine klare und niemals beschönigende Sprache. Das muss man mögen.
Ich tat dies nicht das ganze Buch hindurch. Die Entrüstung, die ständige Wut, auch das Jammern, sie haben mich zeitweise ermüdet. Man verfängt sich beim Lesen in den Fangseilen auch der eigenen Entrüstung und, Achtung, jetzt wird es wieder buddhistisch, da sagte ich mir irgendwann, dass Entrüstung auch nur eine unter vielen Perspektiven ist, die man dem, was ist gegenüber, einnimmt. Insofern eine freie Wahl. So eingeschnürt man sich vorkommen mag in einem durch Pflichten eingeengten Alltag, in der Geschichte, die man sich selber von seinem Leben erzählt. Es steht einem frei, die Perspektive zu wechseln. 
Wir sind die Früchte des Zorns. Wenn man eine Geschichte wieder und wieder mit Entrüstung erzählt, dann wird das bleiben: die Entrüstung. Sie wird sich einschreiben in uns, in unsere Leben, dann auch wieder in die Leben unserer Töchter (und Söhne). Ich möchte das nicht. Ich wünsche mir einen Wechsel der Perspektive. Ich würde fast behaupten, dass dies mein persönliches Lebensziel ist. Ich möchte so frei denken, dass sich dadurch alles verändert.
Was ich mochte an dem Buch, neben der Tatsache, dass Sabine Scholl sich diesem Thema gewidmet hat. Denn das möchte ich noch einmal klar sagen: Frauen sind das Servicepersonal dieser Welt. Ob sie es wollen oder nicht. Sie haben nur dann Glück, wenn sie unter Männer fallen, die bereit sind, die Hälfte mit zu tragen, die bereit sind, ihr Ego genauso zurück zu stellen, wie es die Frauen seit Jahrhunderten tun und oft genug daran verzweifeln.
Was ich noch an dem Buch mochte: Diese Vielfalt, diese bunte Familiengeschichte, dieses Eintauchen in so viele unterschiedliche Welten.
Ich mochte auch den Einband. Grün. Grün ist die Hoffnung. Die Farbe der Hoffnung für ein Buch des Zorns. Denn wenn man durch den Zorn hindurch gegangen ist, ganz und gar, dann ist am Ende vielleicht genau das: die Hoffnung!

Einmal mehr ist es dem Secession Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke, gelungen, ein wunderschönes Buch vorzulegen.
Wir sind die Früchte des Zorns ist 2013 erschienen.

(c) Susanne Becker


Mittwoch, 5. Juli 2017

Meine Lieblingsschriftstellerinnen stellen ihre Lieblingsbücher vor (22)

Die Kreuzberger Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 
Sie haben übrigens auch immer eine genial verführerische Auswahl an englischen Büchern, sowie das tollste Geschenkpapier und anderen Schnickschnack, den man dringend braucht.
Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 

Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist, und dass sie jetzt auch bei Facebook sind? 





Liebe Susanne,

"Sonka" von dem polnischen Autor Ignacy Karpowicz, Piper Verlag, 20€.

Mit heftiger Atemnot habe ich dieses Buch gelesen,

Ein Theaterautor aus Warschau bleibt in einem Dorf im Osten Polens nah an der Grenze zu Weißrussland liegen.

Eine alte Frau nimmt ihn in ihr Haus auf. Und erzählt ihre Geschichte.

Sie erzählt von ihrer großen, leidenschaftlichen Liebe zu einem deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg.

Es ist eine wahre Geschichte und es gibt das Theaterstück dazu. Dies wird in die Geschichte von Sonka mit eingeflochten, so entsteht ein Sprung in unsere Zeit, die Kriegsgeschichte, voller Dorfgemeinheiten, Vergewaltigung.

Intrige aber eben auch die ganz große Liebe, gehen dem Leser unter die Haut.

Erstaunlich, überwältigend, sprachlich wirklich großartig eigen und bildhaft und und und.

Das Beste Buch seit Auster  :)


Was ist mit dem nächsten Date?

Liebe Grüße,

Jessica
bis 18.30 uhr bestellt am nächsten morgen da!

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Freitag, 30. Juni 2017

Book of the Week - Refuge by Terry Tempest Williams


Refuge by Terry Tempest Williams

The first time, I heard anything about Terry Tempest Williams was many years ago, when I was about to go to New Mexico for a writing workshop with Natalie Goldberg at Ghost Ranch, Georgia O'Keeffes former home. A little while, before the workshop started, Natalie sent us a list with things to bring and how to prepare ourselves. Among pen & paper, there was also the book "An Unspoken Hunger" by Terry Tempest Williams on that list, and the unambiguous order: READ! I did not understand the book back then, only that it was really good, and that Terry Tempest Williams was a great writer. I could taste the quality and depth of her words. But I guess, somehow, I was too young to fully grasp it. I still had my first very spiritual experiences in nature back during this workshop, walking the O'Keeffe landscape in combination with writing with Natalie and meditating with a zen-nun, brought me insights and joy, peace of mind really in an intensity, I had never experienced before. Maybe it was there, that I realized for the first time, that we will not be able to find peace, if we do not respect nature.
Refuge now is the second book, I read by her, and I enjoy every page, every word nourishes me. 
It is a book written by a daughter, who loses her mother to cancer, and every page carries the pain about this. Since I lost my mother to cancer, I could relate instantly.

„I was raised to believe in a spirit world, that life exists before the earth and will continue to exist afterward, that each human being, bird, and bulrush, along with all other life forms had a spirit life before it came to dwell physically on the earth. Each occupied an assigned sphere of influence, each has a place and a purpose.“

Refuge was written in 1991 for her mother, who had died of cancer in 1986. 

"I come into the peace of wild things
who do not tax their lives with forethoughts
of grief. I come into the presence of still water." (Wendell Berry)

Tempest Williams reads this poem, The Peace of Wild Things, to her mother, when she is already very weak. The two women often communicate about literature and nature, both gates into stillness.

The reader finds so much wisdom, both, from Tempest Williams herself and the other authors, she quotes, that the entire book is like a wonderful learning experience, or rather, itself a gate into stillness.

It is a book, in which landscape is made palpable as refuge. It is a book, in which still water, still places, the stillness within ourselves, is made palpable as refuge and the path to this refuge is mapped out through Tempest Williams intimate knowledge of the landscape and birds around the Great Salt Sea in Utah, where she grew up, where she still lives and works as a writer. She is well known as conservationist, nature writer and spiritual person, really. You find your still place, when you go into nature.

„I know the solitude my mother speaks of. It is what sustains me and protects me from my mind. It renders me fully present. I am desert. I am mountains. I am Great Salt Lake. There are other languages being spoken by wind, water and wings.“

This book is a testimony of her connection with the land around her, it is also a book about her dying mother and her own grief. Maybe this is one of the reasons, I feel so close to this book. Because what she writes about her mother, I feel, I understand completey, because the dying process and what she and her mother learned from it, is so familiar to how I experienced my mothers dying of cancer five years ago. The stillness was the same. Tempest Williams succeeds on a very skillful and high level to write about mortality, spirituality and nature. She connects everything with everything, and makes the interconnectedness of us all with the entire life around us palpable.

„We are no more and no less than the life that surrounds us.“

When my mother was dying and I sat with her in her room, I understood this truth instantly. I also understood, that everything our ego ever desires, is completely unimportant, because we are part of a bigger picture. Our ego is the most unimportant part about us, but it lives our lifes most of the time. This is really a huge waste of our time and energy. I looked at my mom and I thought: Only those, who have succeeded in getting rid of their ego, will have a peaceful journey to the other side. My mother let go of her ego completely, before she died. Being with her, was like being in a vast landscape. There was only peace. I meant to keep all, what I understood, in my mind and heart and live it. But of course, this kind of wisdom is so much against our everyday life rules, that it slipped away after a while. 
There is a piece in the book, where the mother talks about a story written by Tolstoy. A man is wrongly accused of murder, spends 26 years in a prison camp in Siberia, and does not free himself, when he finally has the opportunity to, because he no longer wants anything.

"I ask Mother, why this story matters to her. "Each of us must face our own Siberia," she says. "We must come to peace within our own isolation. No one can rescue us. My cancer is my Siberia."

Terry Tempest Williams catches this bigger picture, she connects our mortality with our place here, and our spirituality.
It is a beautiful book, very deep and nourishing. I love reading it. I feel, it catapults me back to my mother’s bedside and all the depth and peace, I found there. I love reading it, because it reminds me again of the fact, that nothing, my ego desires, really matters. It reminds me, that I would really like to spend more time with books and places and people, who remind me of this. 

I should mention, that Refuge is also a book about birds. Every chapter is called like a bird from the Great Salt Lake area and shows up in this chapter. So we learn a lot about birds and how they are threatened by the growth of the Great Salt lake and consequently the destruction of their home, The Bear River Migratory Bird Refuge. The birds, in the end, represent us, humanity, losing our refuge by destroying this planet. I admit, that I found the parts about her mother, personally, more interesting, but I still loved her description of the birds, their behaviour, their unusual names like Snowy Egrets, Long-Billed Curlews, Western Tanager, Whistling Swan. The birds, she "meets" in the field (while writing the book, she works as a curator and naturalist-in-residence at the Utah Museum of Natural History), often carry a message to Terry, metaphorically, by their special behaviour or their general characteristics. The birds always fit right into the chapter. The connection between them and the part of the story, she is telling, is always obvious, which makes it so obvious again, how much we are a part of nature, that we are really nothing without it.

Yes, a wonderful book.
READ!

(c) Susanne Becker





Sonntag, 18. Juni 2017

Überbitten von Deborah Feldman


"Man könnte sagen, dass ich ein spirituelles
Vertrauen in den nicht aufzuhaltenden Elan narrativer
Entwicklungen hatte."

Überbitten, das neue Buch von Deborah Feldman, handelt von den Jahren, nachdem sie die fundamentalistische, jüdische Gemeinde der chassidischen Satmarer in Williamsburg/New York verlassen hat. Es ist ein sehr persönliches Buch. Sie macht sich darin absolut sichtbar, vielleicht noch mehr, als in Unorhodox, dem Buch, in welchem sie ihr Leben bei den Chassiden und den Entschluss, es zu verlassen, schilderte. (hier nochmal meine Rezension von Unorthodox)
ÜberbittenSie baut keinerlei Schutzwall um sich herum. Ihre absolute Ehrlichkeit und Authentizität sind zwei der Gründe, warum dieses Buch so gut ist. Es saugt einen vom ersten Satz an in seinen Bann. Es ist, als würde man mit einer wunderbaren Freundin quatschen, die einen nicht eine Sekunde lang hinters Licht führt. Frei von der Leber weg. Dabei intelligent, tiefsinnig, mit einer Menge Bezügen zu Denkern und Autoren, die man selbst ebenfalls schätzt, z.B. Hannah Arendt oder Primo Levi.  Jede Seite öffnet den eigenen Geist, das eigene Herz ein Stückchen weiter, bis es mir am Ende des Buches so ging, dass ich eigentlich mal kurz die Welt umarmen wollte.

700 Seiten über die sieben Jahre, die folgten, nachdem sie ihre Familie und die chassidische Gemeinde verlassen hat. Es ist auch ein Buch über Deborah Feldmans Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist. Diese Großmutter ist eine ungarische Jüdin. Sie hat Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Sie ist zunächst nach Schweden gekommen, weil sie sehr schwer an Typhus erkrankt war, und von dort, nach langem Hin und Her, in die USA. Sie heiratete einen chassidischen Satmarer, der ebenfalls aus Ungarn stammte, aus einem Nachbardorf. Wenn man Auschwitz überlebt hat, fällt man entweder vollkommen von Gott ab, 

Andreas Platthaus und Deborah Feldman bei der Premiere des
Buches im Berliner Kino Babylon
(C) mit meinem Handy, kein Smart Phone, fotografiert

an dessen Existenz man nicht mehr glauben kann, oder man verschreibt sich ihm ohne Wenn und Aber, hoffend, dass das Einhalten der strengsten und absurdesten Gesetze und Gebote, diesen offensichtlich so zornigen Gott besänftigen kann, somit eine erneute Katastrophe für zumindest diese Gruppe des jüdischen Volkes verhindern wird.
Ich las das Buch als Liebeserklärung an diese Großmutter, die sich den Regeln der Satmarer gebeugt hat, auch wenn darüber ihr Garten verkümmerte, der ihre große Leidenschaft war, ihr Rückzugsort. Die Regeln für einen blühenden, fruchtbaren Garten ließen sich jedoch, und da war der Großvater streng, nicht in Einklang bringen mit den Geboten der Satmarer für das Bearbeiten eines Gartens. Sie hat Auschwitz nie erwähnt, sie konnte wunderbar backen und kochen und war für Deborah, die ohne Eltern aufwuchs, der Inbegriff von Liebe.
Das Buch ist, so vermutete ich die gesamte Lektüre hindurch, auch der Versuch, sie, diese geliebte Großmutter, „mit Bitten zu überwinden“, also „Überbitte“ zu leisten für ihr Fortgehen. (Hier der Link zu einem Video aus der ARD Mediathek mit einem Beitrag, in welchem D. Feldman unter anderem den Begriff Überbitten erläutert. Der Link ist noch bis 8. Juni 2018 verfügbar.)
Aber vor allen Dingen Überbitte zu leisten dafür, dass sie nach diesen sieben Jahren ausgerechnet in dem Land ihr Zuhause gefunden hat, das für die Großmutter, für die Satmarer allgemein, die Verkörperung des Bösen darstellt: Deutschland.
Am Mittwoch hatte das Buch im Berliner Kino Babylon Premiere. Im Rahmen der Veranstaltung gab es die Möglichkeit für das Publikum (geschätzt 500 Menschen waren anwesend, das Kino praktisch voll), Fragen zu stellen. Eine Dame fragte, ob Deborah Feldman je wieder Kontakt zu ihrer Großmutter gehabt habe. Sie verneinte dies. Denn die Regeln der Satmarer sind fundamentalistisch. Wer die Gemeinschaft verlässt, darf nicht nur nie wieder zurück, sondern wird auch von den anderen Mitgliedern verfolgt. Einige andere ehemalige Satmarer, die wie Deborah Feldman die Flucht gewagt haben, haben sich in den letzten Jahren das Leben genommen, weil die Angriffe zu schmerzhaft wurden. Ein Onkel von Deborah Feldman verbreitete das Gerücht über sie, auch sie sei längst tot. Wer die Gemeinschaft  verlässt, ist tot.
Als Deborah Feldman die Frage nach ihrer Großmutter beantwortete, merkte man ihr den Schmerz über die Regeln einer Gemeinschaft an, die ihr dafür, dass sie ihr eigenes Leben gestalten und leben möchte, den Kontakt mit der Person verweigert, die für sie Liebe bedeutet. Das Buch ist dieser Großmutter gewidmet. Vielleicht wird sie es eines Tages lesen, heimlich.

Dieses Buch ist auch ein Buch über Deutschland. Ich muss gestehen, dass ich es liebe, Bücher zu lesen, in denen mir Menschen aus einer vollkommen anderen Perspektive als der meinen die Orte schildern, an denen auch ich mich bewege. Das ist in etwa so mind-opening wie Reisen an Orte, die einem wirklich fremd sind. Man kapiert in wenigen Sekunden, wie egomanisch und eingeschränkt die eigene Sicht ist. Immer glaubt man, die eigene Meinung wäre allgemein gültig, möglicherweise sogar eine Art Norm für Normalität schlechthin. Wie leicht fühlt man sich irritiert von allen, die die Dinge anders handhaben als man selbst. Sie müssen falsch liegen, das ist klar. Diese Irritation mit anderen und das eigene Beharren auf der Rechtmäßigkeit der eigenen Perspektive ist ein wunderbarer Nährboden für jeden Rassismus, für jede Ausgrenzung.
Die Feldman schildert uns deutlich ihre Irritation über Deutschland, wie die Realität mit ihren Vorstellungen, den in der Satmarer Gemeinde gelernten Ansichten über die Heimat des Bösen teilweise kollidierten, teilweise übereinstimmten. So ist dieses Buch auch eine Art Protokoll darüber, wie sie ihre Bewusstseinsblase zum Platzen brachte und immer weiter und immer mutiger wurde, mit jedem Jahr. Bis sie irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass sie in Deutschland leben möchte.
Am Abend der Premiere erzählte sie uns, dass sie einen Tag später die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten würde. Wie dies möglich war für sie, welche Verwirrungen und Zufälle in der Vergangenheit ihrer Familie dazu führten, auch das erzählt uns Überbitten.

In Überbitten bringt sie alles zusammen, ihre Familie, ihre Vergangenheit, die Geschichte, in welcher die gesamte Familie ihrer Großmutter in Auschwitz ausgelöscht wurde, sich selbst vorher und jetzt, wo sie sich zum ersten Mal als unabhängiges, starkes Selbst wahrnehmen kann, in einem vollkommen selbstbestimmten Leben.

„Sieben Jahre lang war ich eine Art Flüchtling. Ich platzte in diese Welt, indem ich jene Öffnungen nutzte, die Globalisierung und Technologie in ihre alten Mauern geschlagen hatten,… Ich habe mir diese eine Frage in den vergangenen sieben Jahren beständig gestellt: Ist es möglich, anzukommen?“

Die Seiten, auf denen Deborah Feldman erzählt, wie sie in Neukölln landet und ihre Tage in dem Café Espera verbringt, wie sie nach und nach einen Freundeskreis kennenlernt, zu dem unter anderem dann auch ihr späterer Verleger vom Secession Verlag gehört, sind so wunderbar, dass ich am liebsten gleich von meinem Haus im Wrangelkiez hinüber laufen wollte in den Reuterkiez und mich dazusetzen.

"Wer in jenen Tagen über die Sonnenallee gegangen ist, wird mich höchstwahrscheinlich am Fenster des Café Espera gesehen haben, oder draußen, auf einer Bank, zusammengekauert mit meinem New Yorker , ..., und vielleicht hat man mich im Gespräch mit einigen der benachbarten Anwohner gesehen, mit denen ich zaghafte Freundschaften begonnen hatte: eine Studentin aus Ostdeutschland, die fließend Englisch sprach; ein Dichter und Musiker, der derart system-kritisch eingestellt war, dass sein politisches Gewissen ihm häufig den Zugang zu gesellschaftlichen Ereignissen verwehrt hatte; ein junger Psychotherapeut und Teilzeit_DJ, dessen radikal linke Ansichten aus seiner Jugend in jener Art langsamen Resignation an Zuversicht verloren hatten, die sich uns häufig mit dem Erwachsenwerden aufdrängt, und ein Verleger, den man häufig Zigarette rauchend beim Lesen der Kritiken seiner Autoren antreffen konnte,..."

Dieses Buch ist vielschichtig, es schenkt dem Leser unglaublich verschiedene Erfahrungen, Geschichten und Einsichten. Am Ende der Buchpremiere wird Deborah Feldman gefragt, ob sie ihre Religion immer noch praktiziere. Sie verneint, sagt aber gleichzeitig, dass sie ein tiefgläubiger Mensch sei, und dass dieses Buch im Grunde zeige, woran sie glaube.
Über diesen Satz muss ich seitdem nachdenken. Denn ich denke, weil dem so ist, ist das Buch so nahrhaft für mich gewesen. Es ist ein spirituelles Buch. Woran glaubt Deborah Feldman? An den "nicht aufzuhaltenden Elan narrativer Entwicklung". Daran also, dass alle unsere Leben Geschichten sind, die nur dann authentisch erzählt werden können, geschehen können, wenn wir bereit sind, uns vollkommen unserer eigenen inneren Stimme anzuvertrauen. 
Die 700 Seiten legen Zeugnis darüber ab, wie Deborah Feldman dies tat, kompromisslos, und wohin es sie führte. Letztendlich führte es sie nämlich nicht nur zu sich selbst und nach Deutschland, sondern auch, so sehe ich es, ein Stückweit zu ihrer Großmutter, zu dem Leben, das diese hätte leben können, wenn der Holocaust nicht alles zerstört und auf Null gesetzt hätte für sie.

"Vielleicht ist das ganze Buch eine Erklärung dafür, wie ich glaube, was ich glaube." Lange also dachte ich über diesen Satz nach und was er für mich bedeutet und ich kam zu dem Schluss, dass mir das Buch auch deshalb so gut gefällt, weil ich dem gleichen Glauben anhänge, wie Deborah Feldman.

Ich danke dem Secession Verlag sehr herzlich für das Rezensionsexemplar und auch sonst!!

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 1. Juni 2017

Lesen, Schreiben & Trump

Einen Tag, nachdem Trump zum Präsidenten vereidigt wurde, also im Januar diesen Jahres, las ich und schrieb ich, aber ich hatte diesen Mann und was seine Wahl bedeuten würde, ganz schön im System. Heute entdeckte ich diesen Text, den ich damals schrieb. Ich möchte ihn hier teilen, auch, weil er ein paar Hinweise zu interessanten Büchern enthält, die mit Trump, Gott sei Dank, nichts zu tun haben. 

Sie las gerade wieder mehrere Bücher parallel. Was ich liebe und was nicht von Hanns-Josef Ortheil, eine Art autobiografische Erzählung über alle möglichen Dinge, die der Autor eben liebt oder nicht liebt. Es gibt sehr schöne Stellen darin, die sie sogar ein wenig, manchmal, inspirierten. Aber im Großen und Ganzen findet sie das Buch, sie ist mittlerweile fast bis zur Mitte durch, teilweise beinahe unerträglich selbstgefällig und geschwätzig. Die ganze Zeit erwischt sie sich dabei, wie sie sich nach der Mayröcker sehnt oder Handke, nach Autoren, die ihr Ego so vollständig heraus nehmen, selbst noch aus dem autobiografischsten Text, die es transzendieren und damit an das allgemein menschliche gelangen. Dies gelingt Ortheil nicht. Natürlich war das ein überzogener Anspruch. Aber sie hatte ihn nun mal. Knausgard schrieb auch ausschließlich über sich selbst, aber er tat es so uneitel, so vollkommen bar jeder Berechnung, das sie auch diese Bücher sehr schätzt.
Wenn sie an die Mayröcker und auch Handke dachte, dann war das natürlich die Messlatte für ihr eigenes Schreiben. Das war ja genauso egomanisch wie das von Ortheil, und dabei auch noch viel schlechter. Man konnte also im Grunde mal wieder einen Berg eigener Texte schreddern und weiter graben im eigenen Inneren, ob da nochmal was kam, was sich lohnte, festgehalten zu werden. Wenn man von sich schrieb, dann musste es dafür einen Grund geben, der über das Subjektive, über das eigene Ich hinaus ging. Wie dies zum Beispiel Deborah Feldman in Unorthodox so scheinbar mühelos gelingt. Schreiben konnte die Frau, als säße man mit ihr im Café und würde ihr zuhören. So lebendig. 
Zum anderen las sie ein Buch, das ihr ihr Kollege gestern zum Geburtstag geschenkt hatte. Es hieß Seide und war von Alessandro Barrico. Es handelte von einem Franzosen, der nach Japan reist, um dort Seidenraupeneier für die heimische Seidenproduktion zu erstehen. Er sieht dort eine Frau, mit der er kein Wort sprechen kann, eine Japanerin, die zu einem anderen Mann gehört. Er schaut ihr lediglich in die Augen. Sie trinkt aus seiner Teetasse. Er trinkt an der gleichen Stelle wie sie aus der Tasse. Eine Leidenschaft beginnt. Immer wieder reist er nach Japan. Die Frau wird in keiner Weise deutlich. Sie ist so offensichtlich nichts anderes als die Projektionsfläche männlicher Phantasie dafür, wie eine perfekte Frau zu sein hat: anschmiegsam, schweigsam, auf keinen Fall übermäßig agierend, also im Grunde gar nicht agierend. Das Buch machte sie beinahe aggressiv in seiner vollkommenen Objektivierung von Frauen durch einen Mann. Es ist ein Buch über die wahre Liebe. Das versteht sie. Sie versteht es. Aber auch das Verhalten der Ehefrau, die diese Liebe möglicherweise verkörpert, machte sie ein kleines bisschen aggressiv.
Ortheil und Barrico erinnerten sie an etwas, das sie schon immer an einer bestimmten Art Männern gestört hatte: sie waren selbstgefällig, ein wenig überheblich, charmant aber Macho, Frauen dienten im Grunde nur als Kulisse, als Mittel zur Selbstbeweihräucherung qua Bewunderung für besondere Frauen. Diese Frauen mussten schön sein, duldend, ihm ausschließlich zur Verfügung stehen, kein eigenes Wollen verkörpernd, aber Hingabe. Der Mann schmückte sich und erhob sich über die Reihen der gemeinen Männer und Frauen hinweg, indem er sie an seine Seite stellte.

Okay, sie war heute besonders empfindlich. Sie sah überall Trump. Ihr Blick war getrübt. Projektion, auch bei ihr. Sie fand vor allem das Buch von Barrico im Grunde sehr gut. Ein Buch über die Liebe, geschrieben von einem Mann. Die Sprache poetisch. 
Aber Trump war als amerikanischer Präsident gestern vereidigt worden und sie machte sich da keinerlei Illusionen: Die Welt würde an Poesie verlieren, auf allen Gebieten. Sie würde ein hässlicherer, ein brutalerer, ein möglicherweise auch für sie, in ihrer europäischen Wohlstandsblase, lebensgefährlicherer Ort werden in jenen mindestens vier Jahren, in welchen er die Welt bestimmen und verändern würde mit seinen weißen alten Männern, denen es allen nur um Macht und sich selbst ging, egal, welchen Preis dies kosten würde. Männer ohne Herz, ohne Moral, für die Politik, Weltpolitik, ein Spiel war. Für die Frauen Schmuck waren, und Gebärerinnen von Nachkommenschaft. Es waren Prolls, ohne Ehrfurcht, ohne Herzensbildung, aber mit viel Geld. Das waren genau die Leute, vor denen ihr Großvater sie immer gewarnt hatte, mit welcher Warnung er letztlich dazu beigetragen hatte, dass sie niemals hatte reich werden wollen. Denn reiche Leute waren grundsätzlich dumm und oberflächlich, aller Wahrscheinlichkeit nach auch unehrlich, hatte ihr Großvater angedeutet. Mit welcher Auffassung er nicht alleine da stand. Schon Scott F. Fitzgerald im Großen Gatsby sah die Reichen ähnlich. 

Amerika würde sich verändern. Dieses Land, das ihr soviel Freiheit, soviel Selbstwertgefühl geschenkt hatte, und auch Poesie. Vermutlich würde es sich gar nicht verändern. Es zeigte nur einfach diese Seite von sich, die durch Trump perfekt verkörpert wurde, und die sie selbst ja manchmal dort wahr genommen hatte. Diese Seite war pures Ego. Sie war all das, was man im Buddhismus zu überwinden suchte. Aber sie hatte in ihrer eigenen USA-Erfahrung nur eine sehr geringe Rolle gespielt. Denn sie hatte sich in den USA in einer Blase bewegt, in der die Menschen klug waren, poetisch, kreativ, gebildet, multikulti, offen. Die reaktionäre Seite konnte genauso verdrängt werden, wie unangenehme politische Tendenzen hier verdrängt werden konnten, solange sie nicht allzu gefährlich an die Oberfläche gelangten. Die Welt würde sich aber verändern. Durch dieses Amerika, das es immer gegeben hatte, und das nun die Macht in Händen hielt, würde sich peu á peu, sehr viel verändern. Alternative Fakten würden zu Wahrheiten stilisiert werden, solange, bis man sogar mit klarem Verstand sich nicht mehr immer sicher sein würde, was nun eigentlich die Wahrheit war und wem man trauen konnte. Sie merkte, wie diese Tatsache ihre Stimmung tagtäglich belastete. Wenn sie hörte, was Trump sagte und tat, das legte sich wie eine dunkle Wolke auf ihr Gemüt.
mein Amerika

Nachtrag am 1. Juni 2017: Ich lese jetzt Deborah Feldmans neues Buch, Überbitten, und kann es nur wieder bestätigen, dass sie es schafft, das Persönliche auf eine Weise zu erzählen, die so offen und ehrlich ist, dass sie einen vom ersten Satz an berührt und in ihren Bann zieht. Mit ihrer Klugheit transzendiert sie das Subjektive. Ich werde sicher, nach dem Abschluss der Lektüre, ausführlicher darüber schreiben. Denn dies ist auch ein Buch über Amerika.

Trump: er liegt mir nicht mehr in dieser Art und Weise auf dem Gemüt, weil ich jetzt das Gefühl habe, ihn einschätzen zu können. Das macht es nicht unbedingt besser. Aber mir geht es besser. Dass er Präsident werden konnte, ist eine Tragödie. Eine vor allem amerikanische Tragödie. Denn dieses Land bringt so viele große, kluge, innovative, kreative, wunderschöne Menschen hervor, und auf der anderen Seite gibt es genauso viele Menschen, die sich in Trump zuhause fühlen. Das Land ist tief gespalten. Ich liebe es sehr, dieses Amerika, weshalb mich diese Spaltung persönlich schmerzt. Es ist wie eine zweite Heimat für mich. Es ist das Land, in dem ich begann, mich selbst wirklich zu finden und zu verwirklichen. Das Land, das mich begeistert aufnahm und sein ließ. Jahrelang konnte ich mir vorstellen, dort ganz zu leben. Viele meiner allerbesten Freunde leben dort, sind Amerikaner und ich sehe, wie sehr sie damit kämpfen, dass ihr Land, ihr großartiges Land, nun von diesem absoluten Idioten repräsentiert wird. Das Land ist vollkommen gespalten. Zwei Hälften stehen sich im Grunde hasserfüllt gegenüber, ohne den Wunsch, einander zu verstehen. Ich sehe momentan nicht, wie diese Spaltung, die mitten durch das Land zu gehen scheint, überwunden werden könnte. Ich sehe noch nicht einmal, wie der Wunsch, sich gegenseitig zu verstehen, genährt werden könnte. Die Spaltung geht so tief. Sie dringt in jede einzelne Seele ein. Sie stammt noch aus der Zeit der ersten Besiedlung durch Weiße, sie stammt aus der Zeit des Mordens an der Urbevölkerung, des Versklavens der Schwarzen, des Bürgerkriegs, des Vietnamkriegs --- sie scheint sich nahtlos nach heute fortgesetzt zu haben. Als hätte es nie einen Prozess gegeben der Reue, der Verarbeitung, der ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Sich selbst und seine Abgründe anschauen und nicht wegzucken. Das hat es ja auch tatsächlich nie gegeben in dieser Form. Hat es je eine Katharsis gegeben? 
Wenn es in einer Pressekonferenz des Weißen Hauses offiziell heißt, der Präsident und ein paar wenige andere wüssten, was der Tweet #covfefe bedeutet, dann darf man Zweifel hegen. 
Ich bin wirklich dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem es solche Prozesse gegeben hat und immer noch gibt, in dem es eine große Zahl von Menschen gibt, die sich auseinandersetzen wollen mit der Geschichte des eigenen Landes. Immerhin, das hat mir Trump geschenkt, dass ich sehe, wie gut ich es habe.

(c) Susanne Becker