Berlin

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Samstag, 30. Dezember 2017

My List of Favourites 2017

Am Ende eines jeden Jahres stelle ich eine Liste zusammen mit den Filmen, Büchern, Musikstücken, Orten, die mir in dem Jahr am meisten Freude gemacht haben, an denen oder mit denen ich "random acts of closeness" erleben durfte. Heute, bei einem Spaziergang durch die Stadt wurde mir klar, dass ich diese Dinge auch deshalb auswähle (oder sie mich), weil ich an ihnen oder mit ihnen einen Zustand innerer Stille erfahren durfte, das Gefühl, mich in einem unendlichen inneren Raum zu bewegen, der meine Kreativität und mein Glück nährt. Somit hat mich jede einzelne dieser Begegnungen weiter gebracht auf meinem Weg.
Wenn ich einen Vorsatz für 2018 haben würde, und wahrscheinlich habe ich ihn in diesem Moment, in dem ich ihn hier aufschreibe, gerade öffentlich getroffen, dann wäre es dieser: so viel Stille wie möglich in mein Leben bringen, durch gute Freunde und neue Menschen, gute Bücher, gute Filme, gute Musik, Yoga, Meditation, das Verweilen an Orten, die die Stille in mir befruchten, somit das Lernen, somit das open your mind als rund um die Uhr Grundhaltung, somit das Erleben von Random acts of closeness.
Ich wünsche Euch in diesem und vielen anderen Sinnen ein gutes Jahr 2018 🙏


Meine liebsten Filme waren gar nicht alle so still, dennoch haben sie mir unglaubliche Einsichten und das Erkennen von starken Wahrheiten ermöglicht. Beim Zuschauen war ich immer ganz da und bei mir.

Die schmerzhafteste Einsicht hatte ich sicherlich bei dem Film, I am not your Negro. Ich verstand, dass die positive Entwicklung, von der ich mein Leben lang wie selbstverständlich ausgegangen war in meinem luxuriösen, friedlichen Leben, nicht stattgefunden hat, nicht auf einer allgemeinen Ebene. Die gleichen Menschen, die James Baldwin oder Anne Frank das Leben schwer gemacht haben, die töten, ausgrenzen, Wut zur Politik erklären und im Großen und Ganzen das Gegenteil von einem offenen Geist und einem offenen Herzen personifizieren, sind immer noch, zwei Generationen später, genau so aktiv. Sie übernehmen gerade in vielen Ländern, wie zum Beispiel den USA, aber auch hier in Europa, die Herrschaft. Was kommen wird, könnte dunkel, sehr dunkel sein. Deshalb wünsche ich mir Aufmerksamkeit und den Mut, sich zu widersetzen.

Filme


I am not your Negro

Körper & Seele



One more Time with Feeling

Gleißendes Glück

Bücher

In der ersten Jahreshälfte gab es nur wenige Bücher, die mich  wirklich gepackt haben. Da waren im Grunde nur Erpenbeck und Seethaler.
Aber dann kam die zweite Jahreshälfte und plötzlich die Bücher, die mein Lesejahr ausmachten und mich unglaublich bereicherten und inspirierten. Es wurde dann auch ein Lesejahr, in welchem ich besonders viele sehr umfangreiche Bücher las,  was dazu führte, dass ich mit manchen Büchern, wie Jergovics Familiengeschichte, viele Wochen verbandelt war. Sie wurden zu Freunden, die Bücher, die Schreiber und die Charaktere und ein wenig fiel der Abschied schwer. So auch bei Auster, den ich gerade erst beendet habe. Es wurde auch das Jahr, in welchem es ein Lyrikbuch in die Riege meiner Lieblingsbücher des Jahres schaffte und in welchem ich Peter Handke noch mehr für mich entdeckte. Ich sah die wunderbare Deborah Feldman lesen und war bei einem Verlagsabend beim ebenso wunderbaren Secession Verlag und das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse. Literarisch war es für mich ein wirklich tolles Jahr.

Musik

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war ich noch einmal auf einem Konzert. Ich habe Nick Cave hier in Berlin gesehen. Nach einer Minute war mir bereits klar, warum der Mann ein Star ist, und dass ich absolut froh bin, gekommen zu sein. Ich mag nicht alle seine Lieder. Aber ich mag ihn, das Universum, das er kreiert, in dem er lebt und das besonders ist und kompromisslos. Deshalb ist auch sein Film One more Time with Feeling, in dem man so tiefe Einblicke in Trauer und Liebe als menschliche Grunderfahrungen erhält, auf der Liste meiner Lieblingsfilme. Nick Cave verwandelte die riesige Max Schmeling Halle in einen intimen Ort, an dem er, scheinbar nur mit uns, exklusiv, den Tod seines Sohnes Arthur betrauerte, dann wieder zurück sprang in die Zeit, in der er selbst in Berlin lebte und so das volle Spektrum seiner Genialität vorführte. Es war wie ein Akt von großer Freundschaft, mit dem er das Publikum beschenkte, uns alle, so viele Menschen ( ca.10 000), an seiner Trauer und seiner Liebe teilnehmen zu lassen. Alexander Gumz nannte das Konzert in der Berliner Morgenpost einen Trauergottesdienst. Damit trifft er eine Hälfte, die andere Hälfte war ein Liebesakt. Nick Cave schafft es, aus einer Sporthalle einen Ort zu machen, der so intim ist, dass man sich fühlt wie in einer kleinen, schummrigen Bar, Sekunden, bevor ein Fremder einen anspricht und das ganze Leben sich ändert.
Ich habe jetzt übrigens Blut geleckt in puncto Konzerte und mir schon eine Karte für Pearl Jam besorgt, die im Juli 2018 in der Waldbühne spielen.
2018, das Jahr, in dem ich einmal mehr verstand, wie groß Berlin ist, wie bunt, wie offen ... und dass ich an all dem teilnehmen kann. Dankbarkeit!

Pearl Jam 💓


wunderbarer Song von dem Film Körper & Seele



Nick Cave in Berlin
Gus Black, ein Zufallsfund 
  • Pearl Jam Thumbing my way back to heaven 
  • Laura Marling What he wrote (aus dem Film Körper & Seele) 
  • Nick Cave, die ganze Show 
  • Gus Black The world is on Fire 

Orte
  • Leipziger Buchmesse Einfach die ganze Messe, nur toll, dort herum zu laufen und all diese Schreiber zu sehen, die man toll findet. Hier ist noch ein Text, den ich seinerzeit darüber geschrieben habe. Ich freue mich schon auf die nächste Messe im März! 
  • der Berliner Stadt Forst und die Seen darin
    Müggelsee an einem frühen Nachmittag im Dezember
  • Prag, die Gerhard Richter Ausstellung, war für mich im Grunde auch ein Zufallsfund. Ich war mit dem Auto auf dem Weg ins Burgenland unterwegs und dachte nicht, dass ich in Prag anhalte. Da hält jeder an. Ich wollte lieber in irgendeiner kleinen tschechischen Stadt Rast machen für die Nacht. Aber dann, Lilly und ich waren auf der Autobahn schon vorüber gerauscht, nahm ich zu meiner Überraschung die nächste Ausfahrt und steuerte den Wagen zurück in die bunten Straßen dieser fabelhaften Stadt. Wir ließen uns den ganzen Abend treiben und ich sah, dass im Palais Kinski eine Werkschau von Gerhard Richter stattfand. So fuhren wir auf dem Rückweg vom Burgenland noch einmal nach Prag und schauten uns die Ausstellung an. Lilly: "Das halte ich nur für Dich aus!" Ich fand es herrlich und freue mich, dass 2018 so ein Jahr war, in dem ich in zwei Lieblingsstädten zwei Lieblingskünstler sehen durfte. Denn im Februar war ich noch in Wien und habe mir dort im Kunstforum die Werkschau von Georgia O'Keeffe angeschaut. 
    Kunstforum Wien

Prag, die Sonne geht unter hinter der Karlsburg

  • Jardim Estrela Eine Oase der Ruhe und Schönheit in einer meiner absoluten Lieblingsstädte: Lissabon Ich bin so froh, dass ich es in diesem Jahr noch einmal geschafft habe, hinzureisen. 
    Lissabon

(c) Susanne Becker

Dienstag, 26. Dezember 2017

Buch der Woche - Stille von Erling Kagge

Stille
„Gute Dichter erinnern mich an große Entdecker. Indem sie die richtigen Worte wählen, setzen sie Gedanken in meinem Kopf in Gang, ein bisschen wie die Berichte der Entdecker, die ich als kleiner Junge las.“

In seinem kleinen, feinen Buch „Stille. Ein Wegweiser.“ tut Erling Kagge für die Leserin genau dies: er wählt Worte, aber auch stille Momente, und setzt damit die Gedanken in Gang, die immer um die gleichen Fragen kreisen, jene, die Kagge zu Beginn seines Buches stellt und die er versucht, zu beantworten:
„Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?“
In dreiunddreissig Abschnitten forscht Kagge, mit einem denkbar offenen Geist, der Stille hinterher. Dazu nimmt er sowohl seine eigenen Erinnerungen zur Hilfe, als auch den Austausch mit Zeitgenossen wie dem norwegischen Dichter Jon Fosse oder der Performancekünstlerin Marina Abramovic. Ich schätze Marina Abramovic sehr, wie man hier und hier auf meinem Blog nachlesen kann. Daher verwunderte es mich auch nicht, als ich gerade ihre Antwort auf seine Frage: was ist Stille, am inspirierendsten fand: "Das Gegenteil von Stille ist laut Abramovic ein Hirn, das arbeitet. Und denkt. Wenn du Ruhe finden willst, musst du aufhören zu denken. Nicht tun. Die Stille ist ein Werkzeug, um der Umgebung zu entkommen." 
Kagge liest auch Bücher von Ludwig Wittgenstein ("worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen") oder Emily Dickinson und unterhält sich mit seinen Töchtern, Teenagern, die mehr am Smartphone hängen als an seinen Lippen.

„Stille kann langweilig sein.“


Vor nur zwei Wochen sah ich zufällig, bevor ich überhaupt von der Existenz dieses Büchleins wusste, den Film „Zeit für Stille“ von Patrick Shen im Kino, der im Grunde die gleiche Thematik beleuchtet. Ich möchte diesen Film jedem von Herzen empfehlen, der sich für die Frage „Was ist Stille?“ interessiert.

Kennen wir heute überhaupt noch Stille? Ist Stille ein äußerer Zustand der Geräuschlosigkeit oder ein ruhender Ozean in unserem eigenen Inneren, aus dem Antworten zu allen Fragen aufsteigen, bevor wir sie überhaupt stellen könnten? Ist die Stille in uns abhängig von einer Geräuschlosigkeit im Außen oder ist diese Stille möglicherweise immer da?

Bereiche wie Meditation, die Natur, die Musik von John Cage spielen genauso in diese Überlegungen wie die Verzweiflung der modernen Menschen in der Stadt, der ununterbochen Geräusche hören muss, die er nicht in sein Leben eingeladen hat, ununterbrochen online ist, weil er nicht weiß, wie man wieder offline geht, die Stille andererseits eigentlich nur noch mit Qual und Langeweile, der bedrohlichen Konfrontation mit dem Abgrund im eigenen Inneren, in Verbindung zu bringen vermögen. Haben wir Angst vor der Stille?
Was ist Stille? Es gibt in dem Buch keine bahnbrechenden Antworten auf die Frage. Denn die Stille ist vielleicht ein Rätsel, für jeden etwas anderes. So muss auch jeder seine eigene Antwort, seine eigene Stille finden.
„Die Stille wird niemals alt unter der Sonne, sie ist immer wieder neu. In der Wissenschaft geht es um Beobachtungen über einen bestimmten Zeitraum hinweg, um etwas Nachprüfbares. Die Wissenschaft erklärt das Materielle, das Geschaffene. … Jenseits der Erkenntnis beginnt die Stille.“

Nein, bahnbrechende Erkenntnisse kann und will das Büchlein gar nicht bieten, denn die Stille beginnt jenseits, und da hinein muss jeder sich selbst begeben. Aber es lädt ein in den Raum, wo man sich der eigenen Stille, was immer man darunter versteht, zuwenden kann. 

"Der Mystiker Rumi soll einmal gesagt haben: "Jetzt muss ich still sein und die Stille entscheiden lassen, was Wahrheit ist und was Lüge..."

Herzlich danke ich dem Suhrkamp/Insel Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

(c) Susanne Becker



Sonntag, 24. Dezember 2017

poem for the time passing




I never said goodbye to the moment, when everything was still in front of me.

Not a matter of words.
Breathing.
Mostly.

When everything still seemed probable.
The turn of direction went unnoticed –
at first.

Maybe water, plenty of it.
drink water, also sink into it – a lot,
go to the bottom
the Ocean
a Lake

I never said goodbye.

Then of course silence.
More than not.
Be a monk for a change.

The moment,
when I thought, everything would be different.

Trees.
Never underestimate the power of trees.

I never said goodbye to the moment,
when I thought,
& when one word nourished another,
& when I became a warrior.  Unnoticed.
At first. Until I saw myself. 

(c) Susanne Becker

Freitag, 22. Dezember 2017

Buch der Woche - Nachtlichter von Amy Liptrot

„Eine kleine Insel für sich allein zu haben, gibt einem das seltsame Gefühl, frei und gefangen zugleich zu sein. Ich pinkle am Rand einer Klippe, schaue dabei in Richtung Norwegen und komme mir vor wie ein nordischer Eroberer. Vor einem Jahr war ich in einer Entzugseinrichtung in London. Und jetzt liege ich, alle viere von mir gestreckt, auf einer unbewohnten Insel…“

Kurz vor dem Ende des Jahres habe ich noch ein paar sehr schöne Bücher auf meinem Regal liegen und ich habe mir vorgenommen, Euch einige davon noch vorzustellen, bevor das neue Jahr beginnt.

Ein Buch, das mir nur durch den wunderbaren Blog literaturleuchtet von Marina Büttner ins Bewusstsein gerufen wurde, begleitet mich schon seit einigen Tagen. Ich habe es immer in der Tasche und lese darin bei jeder Gelegenheit, häufig in der Berliner U-Bahn, aber auch, während ich darauf warte, dass das Nudelwasser anfängt zu kochen.
Es heißt Nachtlichter und ist von der Autorin Amy Liptrot.

Der Einband ist wunderbar blau und violett wie der Himmel und das Meer, weiß, wie die Möwen, die in dieser Landschaft fliegen. Sehr schön ausgewählt für ein Buch, in dem das Meer eine so wichtige Rolle spielt.

Der autobiografische Text handelt davon, wie die Autorin die Orkney-Inseln als junge Frau verlässt, um als Journalistin in London zu leben, wie sie vom Alkohol abhängig wird und nach einer Entziehungskur in dem verzweifelten Versuch, nicht rückfällig zu werden, zurück in ihre Heimat kehrt, die Geborgenheit in einer stürmischen und eher rauen Form bietet. Wir erfahren, dass ihre Kindheit nicht einfach war. Denn der Vater war psychisch labil und wurde beispielsweise an dem Tag, an dem ihre Mutter mit ihr als Säugling aus dem Krankenhaus zurück kehrte, in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Ihre Wege kreuzten sich auf dem kleinen Flughafen der Hauptinsel. Allein die Vorstellung, dass Amys junge Mutter mit einem Säugling alleine auf einer einsamen Insel hockte, geht einem nahe. Hinzu kam, dass die Mutter sehr religiös war. Die Welten der Eltern knallten mit ihren Extremen immer wieder aufeinander.

Das ganze Buch ist rau und zart zugleich, brutal und liebevoll. Es ist auch der Versuch,  schreibend die Leere zu füllen, die durch das Ende des Alkoholismus in Amy Liptrots Leben sich auftat.
Der Kampf gegen die Sucht, der Versuch zu heilen, finden in ihrer Schonungslosigkeit einen Spiegel in der rauen Landschaft dieser nördlich von Schottland liegenden Inselgruppe. Hier findet sie auch Beschäftigungen, um die Leere nicht ununterbrochen spüren zu müssen. Zum Beispiel arbeitet sie einen Sommer lang als Wachtelkönigbeobachterin für eine Umweltorganisation. Wachtelkönige sind sehr selten und vom Aussterben bedroht.
Gut kennt sich Amy Liptrot mit den Tieren und der Vegetation aus, so dass das Buch nicht nur ihre eigene innere Landschaft schildert, die Leere, die Angst davor, der Versuch, ihr nicht auszuweichen, sondern auch das Leben der Tiere und Pflanzen in einer Region, in der diesem Planeten das Leben fast abgetrotzt werden muss. Viele der Inseln sind nicht mehr bewohnt oder waren es auch nie, da das Klima zu rau ist. Man spürt es auf jeder Seite, dass auch die Autorin möglicherweise unbewohnt bleiben könnte, wenn sie es nicht schafft, dem rauen Klima in sich zu trotzen.
Es geht ums Überleben, das Überleben einzelner, von der Ausrottung bedrohter Tierarten wie der Wachtelkönige, aber auch das der Autorin.
Wir erleben beim Lesen mit, wie sie dank der Natur, dank der Abgelegenheit, dank ihrer unglaublichen Courage schwankend im Wind auf den Klippen ihrer Inseln, den Abgrund vor Augen,  langsam doch wieder Boden unter die Füße bekommt, wie die Leere sich mit Sinn und Sinnhaftem füllt. 
Eine zutiefst befriedigende Lektüre, mit dem zumindest für mich kleinen Seiteneffekt, dass ich jetzt unbedingt sobald wie möglich Schottland und die nördlich davon gelegenen Orkney Inseln besuchen möchte.

Ich danke dem btb Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

Hier ist noch der Link zu einem Interview mit der Autorin aus der Sendung Aspekte

(c) Susanne Becker


Samstag, 16. Dezember 2017

Halb Taube Halb Pfau von Maren Kames


„C: Ich möchte etwas, das unter Einsatz des ganzen Körpers entsteht.“

Mit ihrem Debüt, für das Maren Kames den Poesie-Debut-Preis Düsseldorf 2017, sowie den Anna- Seghers-Preis 2017 gewonnen hat, führt sie uns hinein in eine Landschaft, in der alles möglich ist. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich ist der Raum in einer größtmöglichen Offenheit gestaltet. Weiß, lichtdurchflutet, leer. Das spiegelt sich auch im Layout wider. Die Aufgabe besteht darin, diesen Raum, dieses Land „Nimm meinen Schädel, das ist das Land“ zu besiedeln, auszuloten, zu bebauen. Das geht drinnen und draußen, im Land und im Schädel. Dazu soll alles zum Einsatz kommen, der ganze Körper, jede Seite. Auch jede leere Seite hat eine Bedeutung. Weiß wie Schnee. Die Antarktis. Es gibt Stellen in dem Buch, da denke ich, Maren Kames ist Roald Amundsen. Wird sie den Pol erreichen, bevor es keinen Pol mehr geben, bevor alles geschmolzen sein wird? 

Das Weiß und Leer der Landschaft, ich las es als eine Metapher des Lebens, in das wir alle geworfen werden. Wie sich zurechtfinden? Die Gedichte, das ganze Buch, ist ein Versuch der Orientierung, für sich selbst und jeden, der es liest. Ausgeliefert und doch Meister des eigenen Schicksals. 

Man fängt mit der Leere an und landet irgendwann bei den Großvätern, den Müttern. Ohne den Bezug auf sie kann man sich selbst nicht verorten.

„Dass ich Flecken finde auf deinen Händen, dass deine Verwirrung eine Kapsel. Wie du vor einem Fenster sitzen wirst, dein Profil im Gegenlicht, die Krümmung deiner Nase zum Beispiel,
dein durchsichtiges Haar.“

Wie sich durch die Landschaft bewegen? Wie mit dem umgehen, was man in ihr findet? Nicht findet?
Da muss auch Liebe sein. Ohne Liebe kann man sich nicht verorten. Was ist Liebe?

"Ich höre: das kleine Geräusch das deine
Zunge beim Aufwachen in der Mundhöhle
macht..."

Aber auch erkennen, wie sehr man selbst die Landschaft, die Leere, das Weiß prägen kann. All das ist ja Leben. 

"Offenbar geht es darum, das Land zu durchqueren, es womög-
lich zu besiedeln. Das bin also ich, wie ich das Land durchquere, 
es mir erschließe."

Eingelassen in den Text, es fällt so leicht, das Buch zu lesen, jede Seite ist anders, auch anders gestaltet, das Layout ist lebendig, eingelassen sind QR-Codes (und Mensch, war ich froh, dass ich mir endlich vor drei Wochen ein Smartphone zugelegt hatte!), die einen entführen in Klangwelten, in ein weiteres Ausleuchten der Räume, auch über die Ohren.

Das Buch ist herausragend gestaltet. Der Secession Verlag ist berühmt für seine schönen Bücher, aber dieses ist noch schöner, mit seinem silber changierenden Moiré-Einband, der etwas arktisches für mich hat, gleißender Schnee bis an den Horizont und mittendrin, in blauer Schrift, der Himmel, der Titel. Der Beginn, diese Endlosigkeit auszumessen. Der Beginn, sich selbst zu verorten: halb Taube halb Pfau.  Es ist schön, dieses Buch in Händen zu halten. Es schmiegt sich an. 
Es hat mich in seinem Mut, einfach alles so zu machen, wie es passt, und nicht, wie "man" es macht, beglückt. Viele der Sätze in dem Buch haben mich auch beglückt. Sehr oft dachte ich beim Lesen: es ist wahr, Lyrik macht glücklich. Poesie ist ein Gebet. 

Lest es, dann macht es Euch vielleicht auch glücklich!

Ich danke dem Secession Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 22. November 2017

Leila Slimani - Dann schlaf auch du

"Das Baby ist tot."
Die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani hat mit ihrem Buch „Dann schlaf auch du“, für das sie in Frankreich mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde, den Alptraum einer jeden Mutter in Literatur verwandelt.  Ich glaube, wirklich jede Mutter kennt diese Furcht, dass man die Kinder zur Strafe dafür, dass man sie allein lässt, nie wieder lebend sieht.

Ich wollte dieses Buch zunächst nicht lesen. Denn ich kann es, seitdem ich selbst Kinder habe, nur schwer ertragen, wenn in einem Buch oder Film Kindern Leid geschieht. Es fällt mir schwer, davon zu abstrahieren. Dennoch war ich neugierig und las diesen ersten Satz. „Das Baby ist tot.“, der sofort eine unglaubliche Sogwirkung erzeugte. Ich konnte das Buch nicht mehr beiseitelegen.

Myriam und Paul sind ein ganz normales Pariser Paar, das so aber auch in New York, Berlin, London leben könnte. Sie hat ein Jurastudium erfolgreich abgeschlossen, er produziert Musik. Sie haben eine Wohnung mitten in der Stadt. Sie wünschen sich eine Familie. Als Mila kommt, ist es für Myriam selbstverständlich, zunächst zuhause zu bleiben. Sie hat ein hohes Ideal davon, wie sie als Mutter sein möchte. Dieses Ideal beinhaltet, dass sie sich sehr intensiv um ihr Kind kümmert, dass nur sie ihr Kind wirklich kennt und weiß, was es braucht. Schon nach geraumer Zeit fällt es ihr nicht mehr so leicht. Sie langweilt sich und die stupide Hausarbeit, das intellektuell wenig anregende Zusammensein mit einem Kleinkind sind ihr nicht genug. Nach etwas über einem Jahr kommt Adam auf die Welt, ein zweites Wunschkind für Myriam, die die Kinder auch nutzt, um vor den Ansprüchen der Berufswelt zu flüchten. Mit zwei kleinen Kindern aber kollabiert in Myriam etwas. Während ihr Mann weiter draußen arbeitet, fühlt sie sich wie im Gefängnis. Als sich ihr die Chance bietet, als Anwältin in die Kanzlei eines alten Studienkollegen einzusteigen, greift sie zu.

 „Sie hatte die Vorstellung immer weit von sich gewiesen, dass die Kinder ihren persönlichen Erfolg und ihre Freiheit beeinträchtigen könnten. Wie ein Anker, der einen mit nach unten reißt, der das Gesicht des Ertrunkenen in den Schlamm zieht. Diese Erkenntnis hat sie anfangs total deprimiert. Sie fand es ungerecht und entsetzlich frustrierend. Ihr war klar geworden, dass sie das Gefühl, unvollkommen zu sein, die Dinge nicht richtig zu machen, einen Bereich ihres Lebens zugunsten eines anderen zu opfern, nie wieder loswerden würde. Sie hatte ein Riesendrama daraus gemacht und partout nicht von ihrer Idealvorstellung der Mutterrolle abweichen wollen. Hatte darauf beharrt zu glauben, dass alles möglich sei, dass sie alle ihre Ziele erreichen würde, dass sie weder verbittert noch erschöpft sein würde. Dass sie weder die Märtyererin noch die Mutter Courage geben würde.“

Paul und Myriam geben ein Inserat auf und finden Louise, die scheinbar perfekte Nanny, Nounou genannt, die sich innerhalb kürzester Zeit in ihr Leben einnistet, die sich unentbehrlich macht, nicht nur die Kinder betreut, sondern auch den Haushalt schmeisst, unzählige Überstunden klaglos macht.  Das klingt vielleicht wie ein Klischee, aber das Buch bedient an keiner Stelle Klischeevorstellungen. Die Zeichnungen der Personen, vor allem auch Louise', sind psychologisch feinsinnig und tiefgründig. Die Verzweiflung dieser Frau, ihre Einsamkeit, ihre Armut. Sie lebt vollkommen am Rande der Gesellschaft und niemand schaut hinter ihre Fassade aus rosa Nagellack und wohl riechendem Puder. Paul und Myriam vertrauen ihr rund um die Uhr ihre Kinder an, nehmen sie mit in den Urlaub, und bemerken trotz zunehmender Zeichen nicht, wie verzweifelt, wie nah am Abgrund diese Frau sich bewegt. Sie wollen es vielleicht auch nicht bemerken, denn es würde dieses Konstrukt bedrohen, das ihr Alltag ist und der ohne Nounou nicht funktionieren könnte.
Auch Myriam wird sehr empathisch und für mich absolut überzeugend gezeichnet, in ihr das Dilemma der modernen Frau, die auch Mutter sein möchte. Die in jeder ihrer Rollen perfekt sein möchte, es könnte kaum besser beschrieben werden. Louise und Myriam. Zwei Frauen, die sich wie zwei Seiten einer Medaille gegenüberstehen. Zwei Typen, die beide nötig sind, um die moderne Gesellschaft rollen zu lassen.
Der Autorin gelingt es, diese beiden Frauen liebevoll darzustellen. Der Leser kommt beiden sehr nah und es ist unmöglich, ein Urteil über sie zu fällen. Vielmehr nimmt man das Dilemma wahr, dass die Frauen stellvertretend für die gesamte Gesellschaft tragen. Wenn Egoismus das Mittel ist, Erfolg zu haben, dann stehen Mütter, die aufgrund ihrer Rollen per definitionem ein gehöriges Maß an Selbstlosigkeit benötigen, um die Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllen zu können, in einer spagatartigen Grätsche über einem Abgrund. Jede Mutter, die Karriere machen möchte, benötigt jemanden, die an ihrer Statt für ihre Kinder sorgt. Wir wissen über Psychologie heutzutage viel zu viel, um nicht auch zu wissen, dass Kinder, deren Bedürfnisse konsequent missachtet werden, leiden. Wir wissen auch, dass es nicht damit getan ist, die Bedürfnisse von Kindern mechanisch zu erfüllen. Sie müssen wirklich geliebt werden. Wenn die Eltern dazu kaum Timeslots frei haben, dies aber eine andere Person, wie im Buch Louise, scheinbar perfekt übernimmt, klaffen die Problemzonen weit offen. Wie viele Kinder hat diese Frau bereits an Eltern statt versorgt und wie ihre eigenen Kinder geliebt? Wurde sie von irgendeinem Kind jemals wie eine Mutter zurück geliebt? Welche emotionalen Kosten verursacht ein solches Arrangement auf allen Seiten?
Das Buch ist so spannend, ich habe nicht nur in
der U-Bahn gelesen, sondern auch auf dem Weg
dorthin
All diese Abgründe unserer Gesellschaft, die sich an den Kinderfrauen und Müttern so deutlich ablesen lesen, beschreibt die Autorin glasklar und präzise, ohne Pathos. Da ist es nur konsequent, dass Paul, obzwar deutlich gezeichnet, letztendlich eine Randfigur bleibt. Er hat weder Schuldgefühle noch wird er von irgendwem verantwortlich gemacht.

Slimanis Buch entwickelt vom ersten Satz an „Das Baby ist tot.“ eine inhärente Logik, die einen nicht mehr los lässt.  Obwohl das Buch brutal ist, traurig, hat es doch von Anfang an eine Schönheit, die in der Sprache liegt, die so klar ist und auf den Punkt trifft. Es gibt keine Überflüssigkeiten, keinen Schnickschnack. Hier wird eine Geschichte erzählt. Vergeudet wird dabei nicht ein Wort.

Es ist ein Brennglas, das auf den Zustand unserer modernen Gesellschaft gerichtet ist. Was geschieht in dieser Gesellschaft mit Müttern, mit Kindern, mit jenen Personen, die schlecht bezahlt unsere Kinder betreuen müssen und die im Berufsleben geforderte Flexibilität der Eltern mit eigenen Opfern erst ermöglichen? Was geschieht in unserer Gesellschaft mit berechtigten Bedürfnissen und tiefen Gefühlen? Es ist ein Buch über die Einsamkeit der Frauen in unserer Leistungsgesellschaft, die immer noch mit einem großen Teil der Arbeit und des schlechten Gewissens alleine zurecht kommen müssen und auch untereinander wenig Solidarität erfahren und geben. Das erfährt Myriam zum Beispiel knallhart mit ihrer Schwiegermutter: "Sie hat Myriam verantwortungslos und egoistisch genannt. Hat an ihren Fingern all die Dienstreisen aufgezählt, die sie unternommen hatte, selbst wenn Adam krank und Paul gerade mit der Fertigstellung eines neuen Albums beschäftigt war. ... Sie hatte nicht die Kraft, sich gegen diese Anklagen zu verteidigen, ... Da war nicht das kleinste bisschen Raum für Nachsicht und Mitgefühl. Nicht ein wohlmeinender Rat wurde erteilt, von Mutter zu Mutter, von Frau zu Frau."

Last but not least ist es ein hochgradig feinsinniger und lückenlos gestrickter Thriller. Wir wissen von der ersten Seite an, dass die Kinder sterben und wer sie ermordet. Dennoch wird die Spannung von Seite zu Seite größer, will man immer unbedingter durchdringen, wie es dazu kommen konnte. Leila Slimani seziert die Vorgeschichte Schritt für Schritt. Sie erzählt einfach, was geschehen ist. So ist dieses Buch auch ein psychologisches Meisterwerk und ich möchte in vieler Hinsicht eine große Leseempfehlung für das Werk aussprechen!

Herzlichen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar. Dieses Buch wird mir sicher noch lange Stoff zum Nachdenken geben.

(c) Susanne Becker


Mittwoch, 15. November 2017

Miljenko Jergovic - Die unerhörte Geschichte meiner Familie

Wenn mich jemand fragt, welches das Buch ist, das mich in diesem zu Ende gehenden Lesejahr am meisten, am allermeisten beeindruckt hat, so würde ich antworten: Die unerhörte Geschichte meiner Familie von MiljenkoJergovic.

Das hat mehrere Gründe.
Die Fabulierlust Miljenko Jergovics ist vielleicht der erste Grund, den ich nennen würde. Wie jemand von Hölzchen auf Stöckchen kommt und ihm einfach immer mehr einfällt, er das nicht zurück hält, sondern alles alles aufs Papier bringt, das hat mich unglaublich beeindruckt und ich habe wirklich jede einzelne der 1100 Seiten mit einem körperlich spürbaren Genuss verschlungen. Hier begegnet man einem zutiefst begnadeten Erzähler. Ich wüsste keinen zweiten zu nennen, den ich mit ihm in eine Reihe stellen könnte. Im Verlauf der Geschichte nennt er selbst einige, Peter Nadas, Paul Auster unter anderen, ich denke, das ist die Reihe der Giganten, in die er gehört, und das weiß er und beansprucht seinen Platz entgültig durch diese unerhörte Geschichte. Die Parallelgeschichten von Peter Nadas sind das Buch, das er ausdrücklich dabei hat, als er zum letzten Mal Sarajevo besucht, zum letzten Mal seine sterbende Mutter aufsucht, als er wieder weg fährt, packt er dieses Buch ganz nach oben in die Reisetasche.
Miljenko Jergović: Die unerhörte Geschichte meiner FamilieEr erzählt jeden Winkel jedes Seitenarms jeder seiner Geschichten, und wenn er sie nicht erzählt, dann erwähnt er sie zumindest mit dem Hinweis, dass er darüber einen ganzen eigenen Roman verfassen könnte, leider aber nicht die Zeit dazu habe, oder die Mittel, um die in diesem Fall notwendige umfangreiche Recherche zu finanzieren. Wie Sasa Stanisic es in seiner wunderbaren Rezension des Werkes bemerkte, hat dieses Buch 1 Million Seiten. Es hat das ganze Jahrhundert, jeden einzelnen Menschen, fast jedes Thema, welches eine Rolle spielte in diesem vergangenen Jahrhundert in sich. Nichts wird ausgespart. Ganz Europa kommt darin vor. Nichts wird verschwiegen, und wenn es verschwiegen wird, dann so: Ich verschweige das jetzt! So offen ist dieses Buch und so ehrlich, so geradeheraus. Das ist der zweite Grund, warum ich es liebe. Nichts wird ausgespart und alles wird haargenau betrachtet durch das Brennglas Sarajevo und das Brennglas Stubler-Familie.

Der dritte Grund ist, dass es ausgeht von dem Sterben seiner Mutter, und so vieles, was er in der so genannten Reportage Mama Ionesco niederschreibt, erinnert mich 1:1 an das Sterben meiner Mutter und wie ich mich damals fühlte, wie man versucht, dem Unvermeidlichen, dem Schmerz, der Angst auszuweichen. Das ist ein subjektiver Grund. Aber  das macht ja nichts. Ausgehend also vom Sterben der Mutter erzählt er die Geschichte seiner Familie mütterlicherseits, der Familie Stubler, die mit ihm, der keine Kinder hat, zuende gehen wird. Er erzählt, und wenn nötig, erfindet er auch ein wenig, die Geschichten aller möglichen Familienmitglieder und bietet damit eine Tour de Force durch die Geschichte Jugoslawiens, vom 1. Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg. Es zeigt die Vernichtung der Juden, die Vertreibung, die Ustascha und ihre Verbrechen, die Uneindeutigkeit, in welcher sich die Menschen dieses, und im Grunde jedes Ortes angesichts der Geschehnisse, die dann irgendwann Geschichte sein werden, befinden.
Die Mutter stirbt in Sarajevo, dem Geburtsort Jergovics, den er allerdings während der Einkesselung der Stadt im Jahr 1993 verlassen hat. Er lebt seitdem, prominent angefeindet, in Zagreb.
Für das Sterben seiner Mutter, zu der er, und die zu ihm, immer ein schwieriges Verhältnis hatte, kehrt er ein letztes Mal nach Sarajevo zurück, lässt sich von der Mutter die Geschichten erzählen, die sie noch erinnert. Er hatte einen Roman über diese Familiengeschichte mütterlicherseits bereits vor längerer Zeit begonnen, Die Stublers hatte das Manuskript geheißen. Aber er musste damit aufhören. Denn er stieß an eine Wand aus Schweigen. Im zweiten Weltkrieg war der ältere Bruder der Mutter, Mladen, unter nicht ganz klaren Umständen ums Leben gekommen. Darüber wurde sehr viel geschwiegen. Aufufernd geschwiegen. Keiner sprach davon. So dass auch dem Dümmsten irgendwann klar war, dass sich hinter dieser Wand die wahre Geschichte verbirgt. Die Großmutter hatte alle Fotos und Briefe, alles, was an den Erstgeborenen, heiß geliebten Sohn erinnerte, vernichtet in ihrer Trauer. Dieses Schweigen erstickte die Erzählung, an der er schrieb. Als die Mutter nun also im Sterben lag, nutzte Jergovic die Gelegenheit, sie zum Erzählen zu bringen, auch, um die eigene Unsicherheit dieser emotional so intensiven Situation mit ihr in den Griff zu bekommen.

„Die Erzählung, die in unserer Mitte, mitten in unserer Pein aufleuchtete, brachte uns einander nahe. Sie musste die zweifelsohne schlimmeren Qualen aushalten, und meine waren schon so, dass ich es kaum aushielt. Die Pein war von der Art, dass ich noch im Schlaf alles präsent hatte.
Die Erzählung war Ausdruck absoluten Glücks.“

Wo sie sich nicht erinnert, denkt er sich Wahrscheinlichkeiten aus, die aber vermutlich genau so geschehen sind, oder nicht. Im Grunde spielt das gar keine Rolle.
Ein Zentrum der Erzählungen ist dabei immer wieder dieser Bruder der Mutter, Mladen, der aufgrund der Überzeugung seiner Mutter nicht zu den Partisanen gegangen war, sondern zur deutschen Waffen SS, was möglich gewesen war, da die Familie ursprünglich deutsch war, aus dem rumänischen Banat stammte. Jergovics Großmutter wollte ihren Sohn um jeden Preis retten, und dachte, er sei bei der Waffen SS am sichersten. Sie setzte ihren Willen gegen Mladen durch, der bei einem letzten Heimaturlaub geplant hatte, zu den Partisanen zu fliehen, sie setzte sich gegen den Ehemann durch, der von Anfang an nichts hielt von den Deutschen, die seiner Meinung nach den Krieg verlieren würden.
Sie hatte einen großen Irrtum begangen, eine Fehleinschätzung, und dieser Irrtum sollte Mladen das Leben kosten. Dieser Irrtum sollte die Mitglieder dieser Familie, ihre Beziehungen untereinander formen und bestimmen bis in die Gegenwart. Hätte Miljenko Jergovic Kinder, auch sie würden durch diesen Irrtum beeinflusst werden. So stark ist die Vergangenheit. So gnadenlos wirkt das, was vor uns war, auf uns, bis ins Heute (Dieses Thema war ja auch schon präsent in meinem letzten Blogbeitrag über Ruth Zylberman. Auch Jergovic erforscht, genau wie sie, die Topographie unserer Lebensräume.)
Von Mladens Tod hat sich die Familie, so scheint es, bis heute nicht erholt. So ist Jergovics Roman in meinen Augen vor allem eine Verarbeitung dieses Todes, der das Leben seiner Mutter vollkommen bestimmte und somit ihr Verhältnis zu ihm. Es ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit, auch mit der Mutter, von der er sich niemals geliebt fühlte. Es ist eine Abrechnung mit der Tatsache, dass Miljenko Jergovic sich von seiner Mutter niemals geliebt fühlte. Mit der Tatsache, dass er ihr das noch übel nimmt, als sie im Sterben liegt. Es ist eine Abrechnung mit der Tatsache, dass seine Geburtsstadt Sarajevo ihn verstoßen hat. Er versucht damit zurande zu kommen. In meinen Augen gelingt es ihm. Alles hat mit allem zu tun.
Das Buch ist zutiefst menschlich. Es zeigt den Menschen in seiner Abgründigkeit und als das Wunder, welches er ja auch ist. Beides. Das ist der vierte Grund. Diese Erzählung ist Ausdruck absoluten Glücks, sie macht somit die Leserin glücklich, absolut, auf jeder Seite. Irgendwo las ich, noch bevor ich das Buch begonnen hatte, dass es zu lang sei und sich an vielen Stellen unnötig wiederhole. Ich kann dem nicht zustimmen. Ich habe keine Seite, keinen Satz gefunden, die ich persönlich als überflüssig betrachten würde. Wo es Wiederholungen gab, und von denen gab es einige, hatte ich niemals das Gefühl, sie seien überflüssig. Vielmehr empfand ich, dass Jergovic mit jeder Wiederholung ein wenig tiefer eindrang in das vergangene Geflecht, auf welchem sein Leben gründet. Jede Wiederholung führte uns eine Schicht tiefer in den Raum.

Keine Frage innerhalb einer Familie ist jemals ganz und objektiv zu beantworten, es sei denn, man hat den Mut, die Antwort zu (er)finden. Jergovics Buch zeigt unter anderem eines sehr deutlich: dass Erinnerung, Geschichte eine subjektive Angelegenheit ist. Wer den Mut hat, die Lücken zu füllen, der kreiert möglicherweise eine Geschichte, die wahrhaftiger ist als die Wirklichkeit. Es geht bei der Erinnerung, bei der Erzählung von Geschichte ja nicht nur um Fakten. Es geht um einen Seelenraum, in dem diese Familie Stubler und ihre Mitglieder und Nachfahren die wurden, die sie waren und sind. Es geht um den Seelenraum, in dem Miljenko Jergovic der wurde, der er ist. Diesen Raum hat er abgeschritten und die Fakten, die er präsentiert, sind die Wahrheit.

Der fünfte Grund, warum ich Jergovics Buch so liebe, ist der Mut, der aus jeder Seite spricht. Miljenko Jergovic ist einer der mutigsten Schriftsteller, die ich aktuell nennen könnte, ich persönlich. Andere kennen andere Schriftsteller. Er kritisiert alle, vor allem sich selbst, aber auch anderen gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund. Das kommt vielleicht gerade auf dem Balkan, wo der Krieg noch nicht sehr lange her ist und die Nationalitäten sich im Grunde nicht im Frieden befinden, sondern in einem schmorenden Waffenstillstand, es kommt dort nicht gut an. Er erträgt die Angriffe, den Hass, das Ausgegrenztsein. Er verschweigt sie nicht, denn sie gehören zum Seelenraum der Erzählung, die sein Leben ist. 

Dies ist für mich ein großes Buch! Ich habe jede Seite genossen und geliebt und kann es Euch nur von Herzen empfehlen. Um es mit den Worten Stanisics zu sagen: "Dies ist ein großes Buch, und so viele große Bücher liest man nicht, aber wenn man eines erwischt, dann weiß man das sofort."  

Ich danke dem Schöffling Verlag sehr herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Als nächstes werde ich im übrigen nun endlich, es liegt hier gefühlt seit ewig, Paul Austers 4 3 2 1 lesen und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Jergovic diese Wahl gutheißen würde. 

Im übrigen gibt es auf meinem Blog noch die Rezenzion seines Buches Vater, welches von ebendiesem und seiner Familie handelt. Viel dünner, aber genauso gut!

(c) Susanne Becker





Montag, 6. November 2017

Ruth Zylberman, die Topographie des Lebens erforschen

Wir befinden uns in einer Schicht über den Vergangenheiten. All das, was bereits geschehen ist, liegt unter uns, gestapelt. Lage für Lage stapelt die Vergangenheit sich unter uns, wie eine geologische Gesteinsformation. All die Leben und Tode, die Taten und Untaten, sind da und bilden das psychische Gelände, auf dem wir unseren Lebensweg zurück legen. Wenn wir aufmerksam sein können, so aufmerksam, wie es uns nur irgend möglich ist, dann können wir diese Schichten erspüren.

Das vergangene Wochenende war für mich ein Wochenende der französischen Schriftstellerin und Filmemacherin Ruth Zylberman. Am Freitagabend begann ich ihr Buch Vermisstenstelle zu lesen, das gerade im Secession Verlag erschienen ist.
Am Samstag kam sie selbst nach Berlin und stellte im Neuköllner Kino Wolf ihren neuen Dokumentarfilm 209 Rue St. Maur, Paris, 10Ème, The Neighbors – vor.

Sowohl in diesem Film als auch in ihrem Buch geht es um Topographie, um das Gelände oder auch den Raum, in dem wir leben, der gestaltet wurde durch das, was zuvor in ihm geschehen ist, was sozusagen darunter sich befindet, und auch um den Raum herum, in so vielen Schichten, die verschüttet sind. Wenn man in aller Stille und mit großer Aufmerksamkeit gräbt, kann man die Schichten finden und sie sprechen zu einem. Ruth Zylberman ist unglaublich aufmerksam. Das ist vielleicht die erste Eigenschaft, die mir an ihrem Werk, dann auch an ihrer Person, aufgefallen ist. Sie ist so aufmerksam, dass sie die Stimmen der Wände zu enthüllen vermag, welches uns umgeben. Ein scheinbar normales Haus erzählt ihr seine Geschichte. Sie ist so aufmerksam, dass sie in Berlin das Leben Rosa Luxemburgs spürt. Ich glaube, sie spürt überall die Leben, die vor ihr da waren.

Vor ein paar Jahren saß ich einmal mehrere Stunden im Raum der Namen, das ist ein Teil des Denkmals für die ermordeten Juden  hier in Berlin. Die Namen aller ermordeten Menschen werden genannt und erscheinen schwarz auf weiß auf einer Leinwand. Die Einzelheiten, die man von ihnen weiß, werden erzählt. Bei manchen ist es so gut wie nichts. Bei manchen erfahren wir etwas mehr. Man könnte sehr lange dort sitzen und kein Name würde sich wiederholen. Immer noch sind nicht alle erfasst, die ermordet wurden. Man kann übrigens spenden. Zur Erstellung einer Biografie benötigen die Wissenschaftler circa 60€. Denn sie müssen die Schichten durchforsten und sehen, was sie von Rashid, Leonid, Mascha außer ihren Namen noch an die heutige Oberfläche holen können. Wie alt waren sie? Wann wurden sie deportiert? Wo kamen sie als erstes hin? Hatten sie einen Verlobten, Kinder, eine Ehefrau, eine Arbeit?
Ruth Zylbermans Film ist ein wenig wie dieser Raum. Sie findet die Geschichten, die das Haus in der Rue St. Maur zu erzählen hat. 
Jene Menschen, die man noch direkt befragen kann, werden weniger. Bald wird es niemanden mehr geben, der den Holocaust erlebt hat. In dem Gespräch, welches die Übersetzerin Patricia Klobusiczky nach dem Film mit Ruth Zylberman führte, sagte sie an einer Stelle: „Ich habe keine Pflicht zur Erinnerung.“ 
Wie kann man einen Raum (ein Haus, eine Stadt, diese Erde) bewohnen, wenn in der Vergangenheit eigentlich alles daran gesetzt wurde, einen zu vernichten, einem jedes Recht auf ein Leben abzusprechen. Wenn es einen eigentlich gar nicht geben sollte? Das ist vielleicht eine Art Grundfrage der Arbeit Zylbermans.
Ein Haus, eine Stadt, diese Erde sind wie Mütter, in deren Leib man sich geborgen fühlt. Oder auch nicht. Denn alles, was geschah, ist da, ist spürbar. 
Die Wahl auf genau dieses Haus im jüdischen Bezirk von Paris fiel zufällig und hat mit ihrer eigenen Geschichte, die derjenigen der Kinder, die überlebten, so nah ist, nichts zu tun. Mit Absicht wählte sie ein fremdes Haus und nicht zum Beispiel eines, in dem ihre Mutter, die Bergen-Belsen überlebt hat, als Kind gewohnt hat.
Anhand alter Listen des Einwohnermeldeamtes konnte sie Schritt für Schritt, wie in einem Puzzle, rekonstruieren, wer in den 30er und 40er Jahren in diesem Haus gelebt hat. Miniaturmodelle des Hauses, an den Fenstern die Namen jener, die dahinter gelebt haben. 300 Menschen. Ein Großes Haus. Viele jüdische Familien, aus verschiedensten Ländern. Exilanten, die aus Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei nach Frankreich gekommen waren, auf der Flucht vor Pogromen, Armut, weil für sie Frankreich das Land der Menschenrechte und der Brüderlichkeit war. In ihrer Vorstellung.
Ruth Zylberman fand die Überlebenden: in den USA, in Nantes, in Tel Aviv, in Australien, in Paris, und diese Menschen öffneten sich ihr in einer Weise, die man so nicht erwarten darf. Sie ließen sich befragen und erinnerten sich, teilweise an Dinge, die sie Jahrzehnte vergessen hatten, weil der Schmerz viel zu groß gewesen wäre.
Von den ehemals 100 jüdischen Bewohnern des Hauses wurden 52 deportiert. Andere, hauptsächlich einige der Kinder, wurden von Nachbarn versteckt, oder mit Hilfe von Rettungsorganisationen vor der Deportation bewahrt.
Alle haben sie ein ganzes Leben und sich selbst verloren. Auch die Überlebenden. Die Kinder, die zwar gerettet wurden, sahen aber ihre Eltern nie mehr wieder, ihre Geschwister, sie wussten, wie zum Beispiel der heute in Amerika lebende Henry, nichts mehr von ihrem früheren Leben. „Ich habe alles hinter mir gelassen.“ Gerade an seiner Person wird deutlich, wie heilsam dieser Film für die Beteiligten war. Als er sich endlich ein wenig den von Ruth nach USA mitgebrachten Erinnerungen und seinen Gefühlen stellen kann, spürt jeder Zuschauer, wie gut dieser Film ist. Er ist nicht nur gut für den Zuschauer, er ist auch offensichtlich gut für die daran Beteiligten.
Am Ende des Films treffen sie sich alle im Hof des Hauses in Paris, sie reisen an mit ihren Kindern und Nachfahren. Sie erkennen sich, sie umarmen sich, sie erzählen sich noch mehr Erinnerungen.

Zylberman - VermisstenstelleMein Gedanke: Bei dem Film geht es nicht ums Erinnern, per se, sondern es geht um Heilung. Es gibt keine Pflicht, zu heilen. Aber es ist besser, wenn man diesen Weg beschreitet. Ruth Zylberman hat mit diesem Film so viel Glück und Heilung zu diesen Menschen bringen können und damit auch etwas universelles geleistet. Denn jede individuelle Heilung heilt den Gesamtraum, in dem wir alle leben, wenn man bei diesem Bild bleiben kann.  Sie erforscht den Raum und dann bringt sie etwas Gutes in diesen Raum hinein und verändert ihn dadurch.

Im Secession Verlag ist nun also Ruth Zylbermans erstes Buch auch gleich auf Deutsch erschienen, Vermisstenstelle. Am Sonntag, noch ganz unter dem Einfluss des gesehenen Filmes stehend, beendete ich es beinahe atemlos. Darin wird die Geschichte einer Frau erzählt, die sich das Leben nehmen möchte, weil eine Verzweiflung in ihr so groß wird, dass sie sich ihrer nicht länger erwehren kann. Die Ich-Erzählerin begibt sich im Lauf der Geschichte auf die Spurensuche dieser Verzweiflung und folgt ihr nach Bergen-Belsen, nach Warschau und durch die Pariser Straßen, in denen sie aufgewachsen ist, in denen sie im Jetzt mit einem Mann und einer kleinen Tochter lebt.
Die Mutter der Ich-Erzählerin hat als Kind, gemeinsam mit Mutter und Schwester, Bergen-Belsen überlebt.
„Mamas Gesicht, schroffer Schutzschild, den ich nach geologischen Spuren des Kindes absuche, das sie einmal gewesen ist, des Kindes, das, wie ich weiß, wie ich schon immer gewusst habe, ohne es je erfahren zu müssen, dem Schnee und der Kälte entronnen ist, vor langer Zeit, aus tiefem Schnee…mit dem tödlichen Schnee in Berührung gekommen ist, mit den übereinander gestapelten Leichen….“

Der Vater ist seit der Deportation verschwunden. Dann aber findet sich ein Dokument des Amtes für vermisste Personen, aus dem hervorgeht, dass er ebenfalls in Bergen-Belsen war und bei der Befreiung des Lagers durch die Engländer offensichtlich noch lebte. Sie fährt mit ihrer Mutter nach Bergen-Belsen, um nach weiteren Spuren des Vaters zu suchen. Dort sieht sie, wer ihre Mutter einmal gewesen ist, im Lagers. Sie sieht die Version ihrer Mutter, die die Nazis aus einem unschuldigen Kind gemacht haben. „Sie kauerte wie ein Tier, wie ein Affe, wie ein Wolf, wie ein Hund. Sie war klein wie ein Kind. Sie sah sich um, und ich erkannte, dass sie die Gegenwart ihrer Schwester, ihrer Mutter suchte. Sie suchte ihre Meute. Sie hätte jeden Moment ….. unsichtbare Brotkrümel verschlingen können. Sie hätte aufstehen, über Leichen hinwegsteigen, diejenigen wegstoßen können, die von ihrer Suppe etwas abhaben wollten, hätte ein grausames, abscheuliches Kind sein können. …. als ich sie auf dieser leeren Lichtung sah, …. -, Mama war genau das gewesen, Affe, Wolf, Hund. … War als Kind grausam und abscheulich gewesen. Das war der Ursprung, das Brandmal, dem weder ich, ihr Wunder, noch die Häuser von Paris… die Rettungsversuche gewachsen waren. Hinweggefegt. Die mögliche Heimkehr war ein Trugbild.“
Die Nazis haben den Menschen ihr Menschsein genommen, indem sie sie in Situationen brachten, in denen nichts mehr galt, was Menschen untereinander als Regel anerkennen. Es gab nur Grausamkeit, Brutalität. Selbst Kinder verloren ihre Unschuld, wurden zu Tätern angesichts des puren Triebes, in diesem Schlachthaus irgendwie zu überleben. Selten habe ich eine Szene gefunden, in der mir so deutlich wurde, wie die Nazis die Seelen der Menschen zerfetzt haben.
In ihrem Film sagt ein alter Mann, der als 7jähriger Junge seine Eltern und seinen Cousin verloren hat und sich fortan vollkommen alleine durch die Lagerwelt schlagen musste, er sei nie wirklich aus dem Lager zurück gekehrt, ein Teil von ihm sei für immer dort geblieben.
Ruth Zylberman ist eine der Nachkommen jener Generation, die die Lager überlebt hat, aber die nie ganz von dort zurückgekehrt sind. Sie erforscht das Gelände, auf dem sie leben kann und fragt mit ihren Werken, wie sie diesen Raum bewohnen kann, aus dem sie eigentlich eliminiert werden sollte.
Sie tut dies mit einer Zartheit, einer Zurückhaltung, einer feinen Sprachlichkeit, sowohl im Buch als auch im Film, dass man nicht einmal wirklich denkt, es geht um sie. Es ist immer offenbar, dass sie unser aller Raum abschreitet und erklärt, in Schichten, die so tief sind, dass sie gerade heute von vielen wieder vergessen scheinen. Sie taucht in die Schichten ein und ist ganz still. Sie transportiert mit ihren Werken das an die Oberfläche, was sie findet. Sie macht uns damit ein großes Geschenk.

Das Buch wurde von Patricia Klobusiczky übersetzt, die ich bereits einmal bei dieser Lesung mit Molly Antopol im Jüdischen Museum erleben durfte.
Sehr von Herzen danke ich dem Secession Verlag für das Rezensionsexemplar des Buches.



 (c) Susanne Becker 

Donnerstag, 19. Oktober 2017

#fbm17 & Hannah Arendt

Man hört in den letzten Tagen sehr viel über die Buchmesse in Frankfurt und was da bezüglich Nazis geschehen ist, oder nicht geschehen ist. Mittlerweile gibt es auch eine Petition, die unter anderen von Uwe Tellkamp unterschrieben wurde. In dieser geht es um die Meinungsfreiheit, und dass diese auf keinen Fall eingeschränkt werden darf. Aber damit hat es doch wohl nichts zu tun, oder? Widerstand gegen menschenverachtende Positionen gleichzusetzen mit Einschränkung der Meinungsfreiheit ist per se schon irgendwie eine Verdrehung der moralischen Grundsätze, die ich persönlich ein wenig abenteuerlich finde.

Ich lese gerade ein wunderbares Buch. Eichmann in Jerusalem von Hannah Arendt. Als ich heute beim Zahnarzt saß und auf meine Tochter wartete, las ich das Kapitel, das sich mit jenen Ländern befasst, die dem Naziregime nicht so willfährig zur Hand gegangen sind in Bezug auf die Vernichtung des jüdischen Volkes. Das waren Dänemark, Bulgarien, Italien und Schweden. Sie analysiert die Situationen in diesen Ländern recht genau. Dabei kommt sie in Bezug auf Dänemark, dem einzigen Land, in dem man sich offen den Nazis widersetzte, auch, unter anderem, zu der Erkenntnis, dass Widerstand zu leisten und offen und laut zu sagen, wenn Dinge nicht in Ordnung sind, eher Meinungsfreiheit stützt. Weil sie letztendlich Regime, die diese wirklich einschränken wollen, unmöglich macht. Die funktionieren nämlich nicht, wenn eine Bevölkerung Rückgrat hat. Die Situation in Dänemark zeigte, dass in einem Land, in welchem das Verhalten der Nazis nicht normal gefunden wurde, diese Nazis nicht nur mit ihren Plänen nicht so weit kamen wie in anderen Ländern, sondern dass sogar die in Dänemark stationierten Nazis nach geraumer Zeit unter diesem subversiven Einfluss die Befehle aus Berlin sabotierten. Man könnte sagen: Ihr nationalsozialistischer Elan schmolz ein wenig dahin.

"Ebenso wie Dänemark zeigten sich auch Schweden, Italien und Bulgarien nahezu immun gegen den Antisemitismus, doch von diesen drei in der deutschen Einflusssphäre befindlichen Nationen wagten es nur die Dänen, den deutschen Herrschern gegenüber den Mund aufzumachen. ... Der deutsche Wehrmachtskommandeur proklamierte den Ausnahmezustand und führte das Standrecht ein; das hielt Himmler für den geeigneten Augenblick, um die Judenfrage zu erledigen, deren "Lösung" längst überfällig war. Aber Himmler hatte mit einem wichtigen Faktor nicht gerechnet, nämlich .... dass die deutschen Beamten, die nun jahrelang in diesem Land gelebt hatten, nicht mehr die gleichen waren. .... dass gerade die dort (in Dänemark) eingesetzten Kräfte (der SS) sich sehr häufig gegen Weisungen von Zentralstellen gewendet haben".

Gehorsam, Mitläufertum, das sukzessive Abbauen moralischer Werte funktioniert nur dann reibungslos, wenn es in einem Umfeld geschieht, in welchem dieses Verhalten gutgeheissen oder zumindest nicht offen kritisiert wird.
Sobald man in einem Umfeld ist, in dem man mit offenem Widerstand konfrontiert wird, gerät die Festigkeit ins Schwanken und Täter hinterfragen ihr Verhalten. Opportunismus ist eben doch recht menschlich, auch unter überzeugten Nazis, genauso wie der ausgewachsene Drang zur Konformität.

Auf die Anwesenheit von rechten Verlagen bei der Buchmesse, auf die Anwesenheit rechter Abgeordneter im Bundestag, auf das salonfähig werden rechter, rassistischer, islamophober Positionen passt dies für mich deshalb, weil ich denke, dass ein Klima, in dem all das schon wieder als normal gilt und als im Rahmen der Meinungsfreiheit etc. erlaubtes Verhalten auch von Journalisten und Schriftstellern eingefordert wird, genau das macht: es schafft ein kuscheliges Klima, in welchem dies Tag für Tag ein Stückchen mehr Normalität wird und die Protagonisten sich gemütlich einrichten. Wenn aber das Klima kritisch bleibt und ihre Denkansätze nicht Eingang ins allgemeine Stimmungsbild finden (o.k., ich gebe zu, ich träume jetzt mal ein bisschen auf hohem Niveau!), dann fühlen sie sich nicht so wohl, dann hilft das ihnen, ihre Standpunkte zu hinterfragen. Sie wollen ja dazu gehören. Also sollte man sich ihren Positionen GAR NICHT anpassen, sondern immer weiter massiv Widerstand leisten. Nur das führt dazu, dass sie irgendwann einknicken. Im Moment scheint ja teilweise das Gegenteil zu geschehen: der Drang der Gesellschaft, mit den rechten Positionen zu kuscheln, um nicht unangenehm aufzufallen, nimmt für mich ein wenig Überhand.

Jeder, der offen dagegen anschreibt, spricht oder postet, trägt  aber dazu bei, dass gezeigt wird: Eure Positionen sind nicht normal. Rassistische, menschenverachtende, islamophobe Parolen sind nicht normal. Sie sind auch nicht gewünscht. Sie widersprechen nicht nur unserem gesunden Menschenverstand, sondern auch allem, wofür unsere Gesellschaft steht. Offenheit, Freiheit, Brüderlichkeit, Toleranz. Und da komme ich zum Punkt, der mir sehr wichtig ist: Menschenverachtung und Rassismus zu äußern, das hat mit Meinungsfreiheit in meinen Augen gar nichts zu tun. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen und das ist ein toller Trick, den rechte Denker sehr sehr gerne anwenden. Sie greifen Menschen an und wenn man ihnen den Mund verbieten will, sagen sie: "Ej, Alter, Meinungsfreiheit. Ich darf sagen, was ich will."
Menschenverachtende, rassistische Parolen haben aber eher was mit Kriminalität zu tun. Man probiert, wie weit man gehen kann, bevor man Ärger kriegt und man steckt die Grenze stetig ein Stückchen weiter. Es ist deshalb wichtig, sich auch nicht ein Haarbreit so zu verhalten, dass man den Anschein erweckt, man könne diesen Parolen oder ihren Vertretern zustimmen. Das macht sie immer vertrauter. Irgendwann merkt man nicht mehr, dass sie längst eingezogen sind in unser alltägliches Denken und es mit bestimmen. (Oder ist das vielleicht schon längst geschehen?)

Wie Hannah Arendts Buch zeigt, stärkt Widerstand auch im gesamten Umfeld Mut und Rückgrat und den klaren Blick auf das, was moralisch in Ordnung ist und was nicht.
"Dieses einzige uns bekannte Beispiel von offenem Widerstand einer Bevölkerung scheint zu zeigen, dass die Nazis, die solchem Widerstand begegneten, nicht nur opportunistisch nachgaben, sondern gewissermaßen ihre Meinung änderten: unter Umständen haben offenbar auch sie die Ausrottung eines ganzen Volkes nicht mehr so selbstverständlich gefunden."

Uwe Tellkamps Unterschrift hat mich irritiert. Aber jetzt weiß man halt, wo er steht. Ist doch auch o.k. Das schmälert nicht die Tatsache, dass Der Turm ein gutes Buch ist. Aber es schmälert mit Sicherheit ab jetzt mein Interesse an ihm, weil ich dieses relativierende Geschwafele echt nicht mehr hören kann.

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Buch der Woche - Im Herbst von Karl Ove Knausgard

„Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann, und diese Stärke macht es möglich, den anderen mit Hilfe von Vergebung in die Knie zu zwingen.“

Knausgards Buch Im Herbst ist voll mit solchen Erkenntnissen. Meist schüttele ich den Kopf und sage: nein, nein, das stimmt so nicht. Seltener nicke ich und stimme ihm zu. Das oben genannte Zitat ist ein wunderbares Beispiel dafür, was Knausgard mit dem Leser macht. Er schleudert ihm seine Weltsicht entgegen. Dabei sind die Gegenstände seiner Welt äußerst vielschichtig: in einem Absatz schreibt er noch über Erbrochenes, im nächsten schon über Vergebung, Apfelbäume, Thermosflaschen oder Krieg. Man findet die übliche Dichte an Themen, die so typisch für Knausgards Bücher ist. Er schreibt im Grunde über alles, alles interessiert ihn. Sein Spektrum reicht von Pisse bis zu Flaubert.
Im Herbst ist ein Buch, das Knausgard schrieb, als er und seine Frau Linda ihr viertes Kind, die Tochter Anne, erwarteten. Es ist ein Buch, geschrieben für dieses Kind, das im Leib der Mutter heran wächst, während der Vater draußen das tut, worin er gut ist: er sammelt die Welt für dieses Wesen und schildert sie mit Worten. Seine Welt. Seine Weltsicht. Spürbar auf jeder Seite die Liebe zu seiner Familie, den Kindern, dem kleinen Wesen, das bald zu ihnen stoßen wird. Spürbar auch die Neugierde, wer da kommen wird und die Freude, ein weiteres Mitglied in die Familie aufnehmen zu können. Seine Freude überträgt sich bei mir, der Leserin, in eine Freude darüber, dass jemand so akribisch diese unsere Welt anschaut, da ist auch sehr viel Ehrfurcht, und sich die Mühe macht, alles, was ihm dazu einfällt, in Worte zu fassen. Für seine Tochter Anne, aber natürlich auch für mich und für jeden anderen, der die Welt durch diese Linse aufmerksam betrachten möchte.
Man muss seiner Sicht auf die Welt nicht zustimmen. Ich tue es in vielen Fällen nicht. Aber wieder, wie eigentlich bei allen Knausgard – Büchern, bleibt die Schönheit dieses Unterfangens an sich, die Zartheit, der Mut. Dass da jemand sitzt, in seinem kleinen Schreibkämmerlein, und die Welt einfängt, sie versucht, so zu beschreiben, dass da ein Sinn, eine Liebe erkennbar werden, das ist einfach schön.

Viele der Essays sind gar nicht besonders tiefsinnig, es sind kleine Momentaufnahmen, dennoch regten mich sehr viele zum Nachdenken an, auch zum eigenen Schreiben. Vor allem auch dann, wenn ich nicht seiner Meinung bin, wenn ich die Welt anders sehe. Dabei wirkt das Büchlein so mühelos dahin geschrieben. Als läse man im Grunde in einem Notizblock von ihm.
Mein Lieblingsessay ist der über die Knöpfe. Er erinnerte mich sofort an meine Kindheit und daran, wie meine Mutter tagtäglich an der Nähmaschine saß und selbstverständlich auch eine große Dose mit vielen, verschiedenen Knöpfen besaß. Der Essay erinnerte mich daran, wie schön es ist, Dinge zu bewahren, die man besitzt.

"Meine Kinder wachsen ohne eine solche Knopfschachtel auf, sie haben ihre Eltern niemals beim Nähen gesehen, denn wenn sich bei uns ein Knopf löst, sortieren wir das Kleidungsstück aus und kaufen ein neues. Das widerstrebt mir....Schätze ich Genügsamkeit und Armut mehr als Überfluss? Ja, in gewisser Weise tue ich das wohl."

Dieses Buch, der erste Band aus der Jahreszeiten-Serie, ist ein wunderbarer Einstieg in das Werk Knausgards. Denn die kleinen Essays sind nie länger als 2-3 Seiten, das Buch insgesamt hat 280 Seiten. An diesem Buch kann man erproben, wie man es mit Knausgard hält und dann zu den dicken Wälzern weiter ziehen, falls man sich verliebt hat. Oder aber sagen: Okay, dieser Knausgard ist nichts für mich.
Das Buch enthält Bilder der norwegischen Künstlerin VanessaBaird, welche es in meinen Augen zu einem kleinen Schatzstück machen. 

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker



Donnerstag, 5. Oktober 2017

Lesung: Losfahren mit Manal al-Sharif im Deutschen Theater Berlin

„Nenn‘ Leute wie mich nicht Aktivistin, das ist der erste Fehler, den Ihr macht. Wir alle sollten Aktivisten sein, sobald Unrecht geschieht.“

Am Montagabend las Manal al-Sharif im Deutschen Theater aus ihrem Buch Losfahren, soeben erschienen im Secession Verlag.

Geboren und aufgewachsen in Saudi Arabien, einem jener Länder weltweit, in welchem die Situation der Frauenrechte kaum schlechter sein könnte, war Manal al-Sharif zwar daran gewöhnt, dass sie unter anderem nirgendwo ohne männliche Begleitung hingehen konnte und natürlich auch nicht Autofahren durfte. Aber sie wollte dies nicht akzeptieren. Also ließ sie sich von ihrem Bruder das Fahren beibringen („Die Lektion dauerte dreißig Minuten, danach bist du auf dich gestellt.“), lieh sich von einem Freund ein Auto, fuhr, begleitet von einer Freundin, die zur Feier des Tages ein rosa Kopftuch trug „Wenn wir schon verhaftet werden, möchte ich gut aussehen“, fuhr ein wenig Auto, ließ sich dabei filmen, stellte das Video in YouTube ein und wurde verhaftet. Sie verbrachte neun Tage im Gefängnis, und wurde unter anderem frei gelassen, weil Hillary Clinton persönlich für sie intervenierte.

"Wenn das Gesetz mich nicht akzeptiert, akzeptiere ich das Gesetz auch nicht."

Manal al-Sharif ist eine beeindruckende Frau. Spannender fast noch, als die Passagen aus ihrem Buch, die von der Schauspielerin Christina Athenstädt gelesen wurden, fand ich die Antworten al-Sharifs auf Hatice Akyüns viele Fragen. Es wurde einmal mehr so deutlich, dass wir hier wenig von Menschen wissen, die beispielsweise in Saudi Arabien leben, dass die Medien uns im Grunde mit einem Schubladenwissen versorgen, das kaum Platz für individuelle Menschen lässt. Wir erhalten ein vorgefertigtes Bild, welches leicht manipulierbar ist, weil es kaum auf echten Begegnungen oder lebendigen Fakten beruht. Umso glücklicher bin ich deshalb jedesmal, wenn dieses Bild erschüttert wird in mir und ich durch eine echte Begegnung spüre, wie die Strukturen in meinem Bewusstsein zurecht gerückt werden. In diesem Sinne ist die Lesereise Manal al-Sharifs ein großartiger Beitrag dazu, die Menschen dieser Welt zusammen zu bringen und unser Verständnis füreinander zu fördern. 

Das Autofahren war für Manal al-Sharif ein Weg in die Freiheit, nicht nur für sich persönlich, sondern für alle Frauen. Die Unfreiheit der Frauen besteht ja überall zumeist auch auf der Anhäufung vieler kleiner Unbeweglichkeiten im Alltag, die sich zu einem Gebilde summieren, welches ein Leben nur noch in einem sehr eingeschränkten Umkreis gestattet. Wenn eine Frau nicht Auto fahren oder nicht ohne einen Mann das Haus verlassen darf, ist der Radius ihres Lebens klein. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nirgendwo hinfahren darf, dass ich immer einen Mann brauche, der mich fährt, dann kann ich mein momentanes Leben im Grunde von A bis Z vergessen. Lachend berichtete sie, wie gerne ihr Bruder sie dabei unterstützt habe, da er es leid war, zwei Frauen, seine eigene und sie, überall hinfahren zu müssen. Denn die Unfreiheit der Frauen bedeutet im ganz konkreten sofort auch Unfreiheit für die Männer. Hier noch einmal das Video, in dem sie durch die Straßen fährt und selbst so eindrücklich von der Unfreiheit spricht, die das Fahrverbot für alle Frauen, für alle Menschen Saudi Arabiens, bedeutet und warum auch so viele Männer ihre Bewegung Woman2Drive unterstützen. 
Auf ihre Frage ans Publikum, wer von uns Ahmed, ihren Freund, der ihr für das Youtube Video ihr Auto geliehen hatte, für einen Helden hielte, meldeten sich nicht viele. Manal al-Sharif verwunderte dies, denn, so versuchte sie uns deutlich zu machen, auch Männer leiden unter der Unterdrückung der Frauen und diejenigen, die ihnen helfen, werden genauso mit Repressalien belangt wie jede Frau. Wenn Frauen in einer Gesellschaft nicht frei und gleichberechtigt sind, ist es niemand in dieser Gesellschaft.

Die von Manal al-Sharif und vielen Mitkämpfer*innen ins Leben gerufene Organisation Woman 2 Drive hat gerade in den Tagen, in denen sie zur Vorstellung ihres Buches nach Deutschland kommt, einen riesigen Erfolg zu feiern: per königlichem Dekret ist es Frauen ab Mitte 2018 erlaubt, in Saudi Arabien Auto zu fahren. Welche Gründe genau dahinter stehen, bleibt ein wenig dubios, aber die Autorin ist sich sicher, dass es sich nicht um einen plötzlichen Gesinnungswandel handelt. Die Machthaber in Saudi Arabien gehen im Großen und Ganzen immer noch davon aus, dass Frauen im Grunde unfrei bleiben müssen. Aber es gibt gute wirtschaftliche Gründe, Frauen das Autofahren zu gestatten. Lachend wies sie darauf hin, dass die Krise der saudiarabischen Wirtschaft gut für die Frauenbewegung sei.

So wird ihre Lesereise zwar zu einer Art Beweis dafür, dass Unrecht bekämpft werden kann, erfolgreich. Eine Überzeugung, die wie mir scheint, gerade heute, wo es oftmals eher so wirkt, als wäre Unrecht an so vielen Fronten auf dem Vormarsch, sehr notwendig ist.
Glaubhaft verkörperte sie im Deutschen Theater Rückgrat, Mut, Gelassenheit. Heute lebt sie in Australien. Es wird für sie schwierig werden, nach Saudi Arabien zurück zu gehen. Die Möglichkeit, dass sie wieder verhaftet wird, ist durchaus gegeben. Aber, wie sie sagt: Ich habe davor keine Angst mehr. Ich war im Gefängnis. Ich weiß, wie es ist. Also muss ich keine Angst mehr haben.
Wenn man gelesen und gesehen hat, wie furchtbar diese Tage im Gefängnis für sie waren, sind ihre Worte umso beeindruckender. Diese Frau zu sehen, macht aber auch deutlich, wie viel Macht das Unrecht hat, wie fragil der Erfolg ist, und dass er einem schnell genommen werden kann. Nicht alle in Saudi Arabien freuen sich über die Aufhebung des Fahrverbots. Viele sind dagegen und werden möglicherweise auch mit Gewalt dagegen vorgehen. Durch ihre Freude über den Erfolg schimmerte immer auch spürbar die Skepsis darüber, wie genau die Aufhebung umgesetzt werden wird. Dennoch: Sie kann es kaum erwarten, zurück zu kehren und in Saudi Arabien mit dem Auto herum zu fahren. 

Der Abend mit dieser klugen und weltoffenen Frau hat mir einmal mehr gezeigt, dass Widerstand nichts mit Gewalt zu tun, sondern sehr viel mit einer inneren Haltung und sehr viel Würde. 
Jemand wie sie kann niemals besiegt werden. "Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen."

Hier noch ein Link zu einem tollen Text über die Autorin aus der Hannoverschen Allgemeinen  und ich freue mich jetzt schon darauf, das Buch zu lesen!

Noch ein paar Tage ist sie übrigens in Deutschland unterwegs. Heute in Köln, morgen in Bremen. Vielleicht schafft Ihr es ja noch, sie zu sehen, 

(c) Susanne Becker

Dienstag, 3. Oktober 2017

In die Sehnsucht

Sich selbst in die Sehnsucht tragen.

Tiefer als möglich in diese Landschaft,
sich hinein begleiten -
den Innenraum wässern, kommend,
auf halbem Schritt, nicht entgegen,
einer Art Glück gestolpert, natürlich
Tränenknäuel, auch, gewickelt,
hauchzart aus Befindlichkeiten
verschiedener Art, das ist ja menschlich.

Klar, wer aus der Wüste, lächelnd,
die Träume sammelt, die Tränen auch,
der kann in der Sehnsucht lesen,
dem ist sie ein offenes Buch.

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 28. September 2017

Buch der Woche - Ende gut von Sibylle Berg

„Ich bin so um die 40. Das sagt man heute auf Partys, zu denen einen keiner einlädt,…Ich bin 176 Zentimeter groß, ich wiege 56 kg, ich habe irgendwelche Haare, meine Augen sind blau, aber nicht sehr, und meine Haut wird immer weicher oder das Fleisch darunter, … Ich wohne in einer deutschen Stadt, die wirkt, als wäre sie komplett besoffen. …. Ich habe mich für kaum etwas bewußt entschieden, ich habe es passieren lassen, das Leben.“

Das ändert sich dann allerdings Schlag auf Schlag im Verlauf der Geschichte: die Ich-Erzählerin beginnt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und dies gelingt ihr trotz der mehr als widrigen Umstände (immerhin geht quasi gerade die Welt unter) sehr erfolgreich.

Aber von Anfang an: Seit eben habe ich eine neue weibliche Hauptperson in Büchern. Die Protagonistin aus Sibylle Bergs Roman „Ende gut“, erschienen bei Rowohlt ist einfach in jeder Hinsicht so, dass ich immer weiter das Geschehen dieser Welt, von ihr kommentiert, NUR von ihr kommentiert, erleben möchte. (Was würde sie z.B. zu Trump sagen?) Diese schnoddrige, lustige und glasklare Stimme schildert das Leben und seine Abgründe auf eine mir extrem sympathische Weise. Vorher hatte ich Sibylle Berg noch nie gelesen. Keine Ahnung. Ich hatte immer gedacht, sie würde mir nicht liegen. Dann sagte ein Freund: Du musst sie lesen, Du bist genau, wie sie schreibt. Du wirst sie lieben.
Ich glaube nicht, dass ich bin, wie sie schreibt. Aber vom ersten Satz an war ich in dieses Buch verknallt. Es klang mir so vertraut, die abgebrühte, witzige Art, mit der sie über alles schreibt, ohne die geringste Ehrfurcht, ohne Respekt, gerade deshalb aber irgendwie doch voller Ehrfurcht. Ich ahne, das klingt widersprüchlich, aber so ist das Buch ja auch.

Die Geschichte: Jene Protagonistin lebt also in dieser besoffenen deutschen Stadt (und sind nicht irgendwie alle deutschen Städte ein bisschen besoffen?) und hat kein besonders tolles Leben. Beschissene Wohnung, beschissene Jobs, keine Freunde.
Bei einem beschissenen Date fliegen plötzlich die Körperteile durch die Gegend. Attentat.
Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die Stadt, das Land, der Kontinent, die Welt, in ein einziges Notstandsgebiet, weil sämtliche phantasierten und echten Terrorszenarien, die zum Beispiel die Wähler der AfD dazu gebracht haben, die AfD zu wählen, Realität geworden sind. Atombomben fliegen, Amerika ist im Krieg, Viren werden frei gelassen, Menschen krepieren städteweise. 
Die Protagonistin macht sich auf den Weg, um zu fliehen, zu suchen, was genau, weiß sie eigentlich gar nicht, denn so wirklich toll findet sie das Leben ja nicht. Sie landet in Weimar, ihrer Geburtsstadt, aus der sie irgendwann gen Westen geflohen war, noch vor der Wende. 

"Die Innenstadt Weimars habe ich nach zehn Minuten gesehen. Wie erbärmlich die Orte der Kindheit auf einen Erwachsenen wirken. ... Es gibt im Hirn links hinten eine Schaltzentrale für die Beschönigung von Vergangenheit. Blöder Name, ich weiß, aber die heißt so. Wissenschaftlich. Dort wird über alle Erinnerungen ein kitschiger Weichzeichner-Hamilton-Schmier gelegt. Die Sonne wird hellgeschraubt. Wiesen farbig, Menschen gütig. Würden wir uns an unsere Vergangenheit in ihrer ganzen Schäbigkeit erinnern, kämen wir vielleicht schneller zu der Erkenntnis, dass auch die Zukunft nichts speziell Appetitliches bereithalten wird."

In Weimar sieht sie einem taubstummen Mann dabei zu, wie er ein Auto knackt. Die beiden machen sich auf den Weg zu den schönen Orten, die sie noch sehen wollen, bevor die Welt endgültig untergeht.

In Amsterdam, das unter Wasser steht und wo die Leichen durch die Grachten treiben, stellen sie fest, dass es die schönen Orte nicht mehr gibt.
Sie machen sich auf den Weg nach Helsinki. Das ist überraschend intakt. Ein netter Finne nimmt sie mit nachhause und erklärt ihnen, wo sein abgelegenes Ferienhaus liegt und dass sie es benutzen dürfen. Weil ihnen diese Großzügigkeit fast etwas peinlich ist, fahren sie erst einmal zu einer Insel, auf der sich Flüchtlinge aus allen europäischen Ländern eingerichtet haben. Sehr schnell mutiert das Flüchtlingscamp zu einer Art Sektenlager, wo der Guru Maik (der früher Seminare auf Mallorca abgehalten hat, Mallorca ist jetzt aber komplett verstrahlt) Satsangs abhält und 3000 € Eintritt kassiert.
Die Protagonistin verlässt diesen Ort und sucht das Ferienhaus.
Dort findet sie irgendwann der taubstumme Mann.
Sie leben dort gut bis an ihr Ende.

Die Geschichte ist deshalb so gut, weil sie so nah an all dem ist, was gerade durch das Bewusstsein oder Unterbewusstsein eines Großteils der westlichen Weltbevölkerung wabert. Die Angst vor dem totalen Terror, der unsere Welt auslöscht. Geschrieben hat Sibylle Berg das Buch nicht lange nach 9/11. Mittlerweile hat sich die Situation ja noch ein wenig verschärft und es klingt für mich heute realistischer, als es mir vielleicht damals vorgekommen wäre. Damals hat sie damit alle Ängste auf die Spitze getrieben, heute umschreibt sie auf vielen Seiten bereits existierende Realität. Sie tut dies gnadenlos, aber so witzig, dass ich oft laut auflachen musste.
Abwechselnd mit der Haupterzählerin kommen andere Charaktere des Buches O-Ton mäßig zu Wort. Auf diese Weise zeichnet das Buch eine Landkarte deutscher Befindlichkeiten und Lebenssettings und man versteht einmal mehr, wieso die AfD so viele Stimmen bekommen konnte. Kein Witz!

Last but not least sind Infohappen zwischen gestreut, welche alle nicht erfunden sondern real sind. So lernt man ganz nebenbei, wie wenig unrealistisch dieses Buch ist, und wie eine Wasserstoffbombe sowie chemische Kampfstoffe wirken, mit welchen Viren man, eingelassen ins Trinkwassersystem, den größten Schaden anrichten kann und weitere Einzelheiten darüber, wie Terroristen, die es wirklich ernst meinen mit der Zerstörung der Menschheit, dies sinnvoll anstellen könnten.
Man lernt auch, wie die Menschheit darauf möglicherweise reagieren würde (klingt für meine Ohren alles recht plausibel) und dass es immer irgendwelche Inseln gibt, auf denen man dann doch überleben kann. In diesem Fall eben in Finnland, weil Finnland so uninteressant ist, dass kein Mensch es zerstören will.

„Das ist das Geheimnis, zu uninteressant sein, als dass irgendwer Erwartungen in einen setzt.“

Ehrfurcht also, ich erwähnte es oben bereits,  für mich ist dies im letzten, guten Ende ein Buch, das voll ist davon, weil sie es schafft, die Protagonistin und Sibylle Berg, beide schaffen es, aus diesem ganzen Scheiß, aus dem so ein Leben mit Terroristen, Weltuntergang, Atombomben, anderen Menschen besteht, eine Auflösung zu kreieren, die sehr viel mit Loslassen zu tun hat, oder auch mit Annehmen des Lebens, wie es nun einmal ist. In dem Moment, in dem die Protagonistin los lässt, wird zumindest für sie alles gut! Man legt das Buch beiseite, und empfindet nach Krieg und Untergang, nach Pest und anderen Seuchen, eine Art Frieden, innerlich.

Ein wirklich tolles Buch, das mir, nur so als Zugabe, den Wahlabend versüßt hat, für den es in meinen Augen keine perfektere Lektüre hätte geben können. Danke dafür!!

P.S. Meine andere Lieblingsbucheldin ist übrigens Elizabeth Bennett. ( aus der Reihe: überflüssige Informationen)

(c) Susanne Becker