Berlin

Berlin

Donnerstag, 29. September 2016

Buch der Woche - Leben von Karl Ove Knausgard

Es wird sehr viel getrunken. Es wird sehr viel die Frage gestellt: "Werde ich jemals Sex haben?" oder auch: "Kann ich überhaupt Sex haben?" Es ist ein Buch über Knausgards späte Adoleszenz, die Jahre zwischen 16 und 18 etwa - das Ende der Schulzeit und ein Jahr in Nord-Norwegen, wo er als Aushilfslehrer gearbeitet hat.
LebenDieser vierte Band von Mein Kampf, "Leben", hat mich von Anfang an nicht ganz so intensiv gepackt wie "Lieben" und "Sterben", in denen beiden ich quasi versunken war, die ich praktisch inhaliert habe. Dennoch: niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, dieses Buch halb gelesen beiseite zu räumen. Der Suchtfaktor, von dem im Zusammenhang mit ihm so viele Leser sprechen, hat mich definitiv auch hier wieder gepackt. Wie ich es schon in meiner Besprechung nach der Lektüre von Sterben erwähnte: Ich bin ein Fan von Knausgard. Das hat sich nicht geändert. Ich mag seine Art, offen und ohne Maske (zumindest gehe ich davon aus, dass es so ist), über sein gesamtes Leben zu berichten, dabei keine eigene Schwäche (oder solche von anderen) herunter spielend. Er stellt sich selber bloß und gibt jedem anderen Menschen damit die Erlaubnis, zu sein, ohne sich zu verstellen. Das hat schon einen ganz besonderen Reiz in einer Zeit, in der Fassaden und Äußerlichkeiten eine derart immense Wichtigkeit zu haben scheinen.

Also nochmal: es wird sehr viel getrunken, auch durchaus gekotzt. Das hat mich teilweise seltsam berührt. Ich habe diese endlosen Passagen, in denen er Besäufnisse und Parties aller Art beschrieb, teilweise ungeduldig gelesen. Ich bin ein Fan von Lieben und Sterben, ich denke, weil beide mit meiner aktuellen Wirklichkeit oder jener, die noch nicht sehr lange zurück liegt, am meisten zu tun haben. Ich bin eine Leserin, die sich unglaublich gerne identifiziert. In einem Buch über einen jungen Typen, der säuft und darauf wartet, endlich entjungfert zu werden, ist das nur peripher möglich.
Wie in allen bisherigen Knausgard Büchern ging es mir auch in diesem immer wieder so, dass ich damit rechnete, gleich würde etwas schreckliches geschehen. Oft schreibt er in einem Tonfall und mit einer Technik, die wahnsinnige Spannung aufbaut, man gruselt sich beinahe, und dann passiert im Grunde ... nichts. Also, es passieren so Dinge, die einem auch selbst passieren: man geht zurück in seine Wohnung nach einem Spaziergang, macht sich einen Kaffee, legt eine Platte auf, setzt sich an den Schreibtisch und beginnt, seine erste Kurzgeschichte zu schreiben. Mir kam der Gedanke, dass dies einer seiner "Tricks" ist, ohne das ich dies abwertend meine, dass man als Leser nicht wegkommt von ihm: er ist unglaublich gut darin, selbst bei den alltäglichsten Beschreibungen, eine Spannung aufzubauen, die ich sonst nur als Kind bei Aktenzeichen XY erlebt habe.
Leben ist das Buch, in dem Knausgard erzählt, wie er zu schreiben begann. Er geht in das einsame Nord-Norwegen, um sich neben der Tätigkeit als Lehrer ganz ohne weitere Ablenkungen aufs Schreiben konzentrieren zu können. Wir erleben die Reaktionen seiner ersten Leser, seine Besessenheit und seinen Ehrgeiz. Da ist jemand, der wirklich schreiben will und wie wir heute wissen: der dies auch umgesetzt hat.
In diesem Buch umschleicht Knausgard auch die Mädchen. Er möchte endlich entjungfert werden. Er verknallt sich mehrere Male, er hat Freundinnen, er stellt Mädchen erfolglos nach, er fantasiert über sie. Natürlich legt man das Buch nicht aus der Hand, bis man erfahren hat, ob er nun, oder ob nicht. Das ist ja auch klar. Man will es irgendwann circa genauso dringend wissen wie er selbst. In der Zwischenzeit liest man, und das ist durchaus prima und ein vollkommener Genuss sogar an mancher Stelle, von all den alltäglichen Details aus dem Leben des jungen Knausgard. Man erinnert sich an seine eigene Spätpubertät, und fragt sich, wie er es überhaupt mit 18 geschafft hat, einigermaßen den Lehrer zu mimen. Man selbst hat ja auch viel getrunken und hatte relativ häufig irgendeinen Jungen im Kopf, man feierte Parties und lag nachts in den Wupperwiesen mit sehr viel Obstwein,  man stellte auch Jungen nach, oder sie stellten einem nach. Die Details und Alltäglichkeiten des eigenen Lebens waren in etwa so spannend wie die von Knausgard. Aber seine liest man, die eigenen würde man noch nicht mal aufschreiben. Und als Lehrerin hätte man in dieser Zeit mit Sicherheit nichts zustande gebracht. Das habe ich bewundert, dass er trotz seiner Jugend und seiner beständigen Trunkenheit möglicherweise kein ganz schlechter Lehrer war.
Was fehlt in diesem Band sind die vielen philosophischen, literarischen und kunstgeschichtlichen Einschübe, die für mich die beiden zuerst von mir gelesenen Bücher bereichert haben. Ich mag es, wenn er anfängt, zu theoretisieren. Im Gegensatz dazu ist dieses Buch pralles Leben. Das hat auch etwas. Wenn es überhaupt theoretische Einschübe gibt, sind sie kurz und prägnant und haben mit einer konkreten Situation zu tun.

"Die Leute waren dermaßen besessen von unwichtigen Dingen, sie suchten so lange, bis sie irgendwas fanden , das nicht funktionierte, und dann schlugen sie zu, statt das große Ganze zu sehen: Hier gehen wir, die Menschen auf der Erde, und sind doch nur eine kurze Weile hier, inmitten all des Fantastischen um uns herum: Gräser und Bäume, Dachse und Katzen, Fische und Meere, ein mit Sternen übersäten Himmel. Und dann regt sich jemand über eine gerissene Gitarrensaite auf? Über einen zerbrochenen Trommelstock? Scheißbettzeug, das man vor langer Zeit verliehen hat? Wirklich, was ist bloß los mit euch?"

Also Fazit: Das Buch hat mich nicht so gepackt wie Lieben und Sterben. Dennoch würde ich es jederzeit noch einmal lesen. Dennoch kann ich es kaum erwarten, Träumen und Spielen in die Hände zu bekommen!
Klar?
Und wie Martina Büttner es am 27.7.2015 so schön bei literaturleuchtet bemerkte: "Man kann getrost mit jedem der Bände beginnen, denn man wird ohnehin noch alle anderen lesen."

Ich danke btb herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars.


Freitag, 16. September 2016

Trust




To be with the open questions,
without expecting answers.
All, the endlessness offers,  is yours.
All, the quietude offers, is yours.

To be with the open questions,
without expecting answers,

might become your life.

Who am I as a mother?
Who am I as a woman?
Who am I as a friend?
Who am I as a partner?
How do I write a good novel?
What is my novel about?

To be with the open questions.
Your open questions, whatever they are,
Quiet and patient –
burning in their fire at times – the rest will follow
- Trust –



(c) Susanne Becker

Donnerstag, 15. September 2016

Book of the Week - The Vegetarian by Han Kang

The Vegetarian
"Sister...all the trees of the world are like brothers and sisters."

I suppose, everyone feels it, this wild side, some more, some less. We have it in us. It connects us with life, with nature, with animals and plants, not just other human beings. In order to live and function in a human society, in our kind of human society, we have to suppress this side more or less completely, in order to not be considered weird, or even sick. Too much feeling, to much sensibility, and you can not share this capitalist, high achievement way of life, in which control is one of the most important assets.
For me, before everything else, The Vegetarian by Han Kang is a book about a woman ( and it is not coincidental, that it has to be a woman, since in every society, ancient and modern, women have been and are still considered the ones most connected to life and nature), who basically wants to leave the brutality of human behaviour. She starts by not eating meat anymore. Since this woman lives in South Korea, where the diet is rather meat centered and where family traditions and traditional lifestyle are still much deeper grounded, then in western societies, this decision brings many reactions by people close to her to the surface, reactions, which ultimately say more about those people, then about the woman, Yeong-hye.
The book shows, what could happen, if somebody decides to listen to her wild side, to not suppress its voice anymore.

The Vegetarian is a very intense read. It is not possible to withdraw from its imagery and the psychological force, it develops from the beginning on. One is drawn into this unusual story and fascinated by the personalities of the four people, we get to know during the read.
The center is, of course, Yeong-hye, the young woman, who decids to stop eating meat.
There is her husband, who solely married her, because he wanted a normal, average wife, and she seemed so average, that he was not even really too attracted to her.
Than there is her sister In-Hye, who lives a normal life, who adapts so perfectly to the requests of society and family, that she sometimes wonders herself, if she ever has been alive at all. And there is her brother-in-law, who is an artist, which somehow connects him by profession to something like a wild side of human existence, which he than starts to explore intensely, inspired by Yeong-hye, her extreme decision and her even more extreme reaction to every try of stopping her.

What touched me the most from the first page on, was Yeong-hyes loneliness. She was, especially in her marriage, alone and somewhat isolated. Her husband seemed to be one of the most boring and mediocre people, I ever met, in real life or on the page.
In the first part, narrated by this husband, he describes her, and it is plain, that he is a narrow-minded and shallow person, only interested in superficialties, in functioning in society, in not arising too much attention. Compared to him, she quickly seems unique and interesting. Her wild side shows already in the supposedly "happy" times of her marriage, when to her husbands surprise, she doesn't like to wear a bra, to me the perfect symbol of capturing a woman's wild side.
Her brother-in-law, from whose perspective the second part is told, is fascinated by her, especially after she cut herself in front of the entire family, when her father tried to forcefeed her meat. He wants her to participate in a rather daring art project, and even falls for her. It seems, he might be somebody, who also, through his art, connects somewhat to a rather wild side, and therefore senses her depth, who could be important and close to her. During the read, there were moments, when I thought, they could be together, it could work. But looking back, I am not sure anymore. This is just one of the many points, one keeps pondering after reading this challenging book.
The third part is told from her sisters point of view. In-hye is possibly the person closest to her, and therefore most threatened by Yeong-hyes behaviour. She feels left behind in normality, while her sister frees herself from the restraints of functioning in society.

"She was no longer able to cope with all that her sister reminded her of. She'd been unable to forgive her for soaring alone over a boundary she herself could never bring herself to cross, unable to forgive that magnificent irresponsibility that had enabled Yeong-hye to shuck off social constraints and leave her behind, still a prisoner. And before Yeong-hye had broken those bars, she'd never even known, they were there."

The South Korean author has won the Man Booker International Prize with this small masterwork, where every word aims precisely at the goal, to tell this story as concentrated and intense as possible. Not one word too much. The reader is guided closely along the storyline, captured by the elegance and beauty of Han Kangs style, transported perfectly by translator Deborah Smith into an impeccable English.
The Vegetarian is for me a universal story about somebody, who is different.
It is also a book about anorexia nervosa, a diagnosis, so often found among beautiful, unusual young women. For me, this book also states, that this illness, like many illnesses indeed, is a symptom of a inhuman society, in which the sick act out the problems, the entire society has - just like children act out the problems of dysfunctional familys. The most sensitive members of a dysfunctional society act out those, with different symptoms.
To look closely at the world and its suffering, this is, maybe, the most important message, this book portends for me. It is not without danger, to look at the suffering. One might end up wishing to become a tree. But is it really so bad to wish to be a tree? Or, as the book on page 162 asks provocatively: "Why, is it such a bad thing to die?"
As a reader, you shiver, but you are also invited to dive deep with Han Kang into existential questions about life and come up with your very own answers.

It is published in German under the title Die Vegetarierin and was published by the Aufbau Verlag.
Many bloggers read it in German, some wrote aboutit. Here are two examples:
Die Buchbloggerin
Ruth liest

(c) Susanne Becker


Samstag, 3. September 2016

fire



the sky - a poem
rewritten every instant
clouds telling stories
with many or few colours
of what was what is
what will be when the sun goes down

each night a new scenario
to burn your past in the fire

she who seeks light shall
not be afraid of the fire
one has to be burned like the day
in an ever more perfect sunset
to be born again every morning
in an ever more perfect sunrise

to burn your past in the fire
every word you ever wrote
every word you never wrote

she who wants to be alive
needs not fear the bears
needs not fear the fire
needs not fear the dark
light of the soul & the emptiness
to burn your past in the fire
every word you ever wrote
every word you never wrote

(c) Susanne Becker