Berlin

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Samstag, 28. Mai 2016

Buch der Woche - Teju Cole, Open City

"Aus den Büchern erfuhr ich, wie vielschichtig die Welt ist, wie unterschiedlich. Für mich ist Amerika kein Monolith wie für Khalil. Ich weiß, dass es dort ganz unterschiedliche Menschen gibt, mit unterschiedlichen Vorstellungen, ...Aber die Welt soll endlich wahrnehmen, dass die so genannte arabische Welt auch kein Monolith ist, jeder von uns ist ein Individuum. Auch wir sind uns nicht immer einig."

Teju Cole ist für mich einer der umfassendsten Chronisten der heutigen Welt, in welcher die Grenzen absolut durchlässig sind und eine der Hauptherausforderungen darin besteht, den Menschen dabei zu helfen, die Angst vor dem Fremden zu überwinden, das Fremde als etwas zu verstehen, das zu uns gehört. Vielleicht klingt das viel zu absichtsvoll. Möglicherweise besteht der Grund, Romane wie Open City zu schreiben in nichts geringerem als dem Wunsch, sich selbst zurecht zu finden in der Welt der durchlässigen Grenzen, in der es für einen Amerikaner mit schwarzer Haut anders ist als für eine Deutsche mit weißer Haut oder einen Araber, der Muslim ist. Einer Welt, in der wir so viele Informationen tagtäglich in uns aufnehmen, dass wir im Grunde keine Zeit mehr haben, sie zu verarbeiten, womit das Fremde auch in uns lebt und die Grenzen in uns durchlässig sind. Die Rollen, die man zugedacht bekommt im Erzählstrom der Allgemeinheit, sind unabhängig davon, wer man wirklich ist. Sie speisen sich aus den Äußerlichkeiten, die den anderen sagen, in welche Schublade man gehört. Sich selbst fremd zu werden, das ist leicht.
Teju Cole ist ein in den USA geborener Schriftsteller, Kunsthistoriker, Essayist und Fotograf, der in Nigeria aufgewachsen ist und als Jugendlicher zurück in die USA kam. Heute lebt er in Brooklyn.
ImageSein großartiger Roman Open City, der auf Deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen ist, handelt von dem Psychiater Julius, der eher einsam zu sein scheint, vielleicht sich selber fremd ist und der an den Abenden und freien Tagen lange Spaziergänge durch New York macht, dabei sowohl über sein eigenes Leben nachdenkt, als auch über Musik, Politik, Kunst. Sein innerer Monolog, der kultiviert ist und klassische Musik (Mahler!) genauso kennt wie Literatur und Philosophie, behandelt die drängenden Themen unserer Zeit, sowohl die im Inneren der Menschen (wer bin ich? wo gehöre ich hin?) als auch die politischen (9/11, Antisemitismus, Fremdenhass, Israel, die politische Rolle der USA, die Identität Europas).
Das Buch wurde 2011 veröffentlicht. Manchmal kommt er mir bei der Lektüre hellsichtig vor, wenn ich Abschnitte wie diesen lese: "Brüssel war eine Stadt im Wartezustand, wie unter einer Glaskuppel, mit traurigen Straßenbahnen und Bussen. Überall sah ich Menschen, viel mehr als in anderen europäischen Städten, die so wirkten, als wären sie gerade aus einer sonnendurchfluteten Ferne angereist. Ich sah alte Frauen mit schwarzen Mustern um die Augen, ihre Köpfe in dunkle Tücher gewickelt, und junge Frauen, die gleichermaßen verschleiert waren. Der Islam in seiner konservativen Form war überall präsent, ... Doch das war die europäische Gegenwart, die Grenzen waren durchlässig. Die psychische Anspannung der Stadt war überall spürbar." Dann hört es sich vor dem Hintergrund der Anschläge vom vergangenen März an, als hätte er sie voraus geahnt.
Autoren wie Teju Cole, mit einem völlig anderen Hintergrund als meinem weißen, deutschen, weiblichen Blick auf alles, was gerade geschieht, kann Dinge sagen, die ich mich noch nicht einmal zu denken traue, weil da längst eine Sperre in uns installiert ist, offen und unvoreingenommen auf die Geschehnisse, auf andere Menschen zu schauen. Es gibt so viele Kategorien, in die man gesteckt werden kann und die einen mundtot machen, aus Angst, in einem unangenehmen Licht zu erscheinen. Auf der anderen Seite ist da diese europäische Arroganz, die man nur haben kann, wenn man sich mit seinem Pass in dieser Welt vollkommen grenzenlos bewegen darf, wenn man das Gefühl, diskriminiert zu werden, eigentlich nicht wirklich kennt. Als Julius mit einer belgischen Bekannten zu Mittag isst, und ihr davon berichtet, dass ein marokkanischer Bekannter von ihm es in Belgien schwierig findet für Araber, ist ihre Reaktion eine, die mir nur allzu bekannt vorkommt: "Wissen Sie, ich kenne diese Typen, sagte sie, diese jungen Männer, die sich ständig von der Welt angegriffen fühlen. Das ist gefährlich. Wenn Leute denken, sie wären die Einzigen, die gelitten haben, dann ist das sogar sehr gefährlich. ... Unsere Gesellschaft hat sich für diese Menschen geöffnet, aber sobald sie drinnen sind, jammern sie nur. Warum zieht jemand irgendwohin, wenn er dann unbedingt beweisen muss, wie anders er ist?"

(c) Teju Cole, Tim Knox
Julius reist nach Brüssel, weil er ein in Nigeria geborener Halbdeutscher ist, und seine deutsche Großmutter vor vielen Jahren nach Brüssel gezogen sein soll. Er hat keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter und kann deshalb keine weiteren Informationen über die Großmutter einholen. Aber er erinnert einen Besuch dieser Oma in Nigeria und sehnt sich danach, sie wieder zu sehen. Ohne Adresse reist er also nach Brüssel und streift auch dort allein durch die Straßen, in der Hoffnung, seiner Oma zufällig zu begegnen. Er lernt Farouk kennen, der in einem Internetcafé arbeitet, und Khalil, dem der Laden gehört. Sie reden über Europa, die USA und was es bedeutet, als Marokkaner, der eigentlich seinen Doktor machen möchte, nach Europa zu kommen. "Ja, sagte Khalil, Europa ist nicht frei. Die Freiheit wird zwar behauptet, aber das sind nur Worte. Rhetorik. Und wenn man etwas über Israel sagt, stopfen sie einem gleich das Maul mit ihren sechs Millionen ... Jedes Mal, wenn wir über die palästinensische Situation zu sprechen versuchen, sagte er, hören wir: sechs Millionen. ... Ich wollte ihm sagen, dass wir uns in den Vereinigten Staaten mit scharfer Israel-Kritik auch deshalb zurück hielten, weil sie schnell in Antisemitismus kippt, verzichtete aber darauf, weil ich wusste, dass sich meine Angst vor Antisemitismus, genau wie meine Angst vor Rassismus, so tief eingegraben hatte, dass sie längst prärational geworden war." In Coles Roman, der irgendwie auch ein philosophischer Essay ist, prallen diese verschiedenen Welten immer wieder ganz deutlich aufeinander und es wird einem als Europäerin der Spiegel vorgehalten, der sagt: Man kann die Welt vollkommen anders sehen als du. Alle Schlüsselerlebnisse deines Lebens können anders interpretiert werden. Deine Interpretation, deine Perspektive ist eine unter vielen möglichen. Es kommt immer auf den Ausgangspunkt an. Ich muss an eine Postkarte denken, die mir einmal eine Freundin schickte. Auf ihr sieht man ein Fenster, durch das man aus einem dunklen Raum in eine wunderschöne Berglandschaft hinaus schaut und daneben steht ein Spruch, der vom Dalai Lama stammen soll: "It is your mind, that creates this world." Nichts da draußen ist objektiv. Alles ist eine Spiegelung unseres Bewusstseins.
Wenn ich Bücher wie das von Teju Cole lese, dann erinnere ich mich sofort wieder, wie schnell ich bereit bin, und das ist ja eine durchaus menschliche Art, meine so persönliche Sicht auf die Welt als objektiv wahr und unantastbar zu betrachten. Dann halte ich alles, was dem widerspricht, für Quatsch, und um diese Haltung aufrechterhalten zu können, ist es teilweise nötig, die Menschen, die mir widersprechen, zu diffamieren. Denn wenn sie Recht hätten, hätte ich unrecht und das würde unter Umständen mein Universum ins Wanken bringen. Davor hat jeder Angst. Das ist normal. Die Frage ist dann, wie man mit der Angst umgeht. Julius, der Protagonist, geht mit dieser Angst auf eine Weise um, die ich sehr typisch für die heutige Zeit finde: er vereinzelt. Er lebt hauptsächlich in seiner Arbeit, der Kunst, eher oberflächlichen Begegnungen, ist aber das ganze Buch hindurch ein einsamer Spaziergänger und Denker, überaus klug, vermutlich nicht beziehungsfähig, eventuell auch nicht empathisch, obwohl Psychiater.
Wenn Menschen sich vor dem Fremden fürchten, wehren sie es oft genug brutal ab. Der Grat der Diffamierung ist dabei variabel und kann bis zur Entschmenschlichung gehen, die dann auch Gewalt rechtfertigt.
Wir leben gerade in einer Zeit und an einem Ort, wo man das alles wieder so genau beobachten kann, wie die Mechanismen funktionieren und welche Rolle die Wut dabei spielt.t Teju Cole hat das, was heute so deutlich und unübersehbar stattfindet, schon 2011 gesehen: "Aktionismus war Selbstzweck geworden und führte zu noch mehr Aktionismus. Und das beste Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Jugend für die eigene Sache zu gewinnen, war Wut. Die einzige Möglichkeit, dieser Verlockung von Gewalt nicht zu erliegen, schien darin zu bestehen, kein Anliegen zu haben, fern jeglicher Loyalitäten zu bleiben, sich rauszuhalten. Doch war das nicht eine gravierendere ethische Verfehlung als die Wut selbst?"

In letzter Zeit lese ich häufig Bücher, die meine Welt aus einer mir eher fremden Perspektive zeigen Andere Bücher, die mir da einfallen, waren für mich Dein Name oder auch Americanah, sowie die Bücher von Elif Shafak. Jeden Tag, wenn ich mein Laptop öffne, sehe ich Rezensionen von anderen Bloggern, die diese Bücher ebenfalls entdecken. Heute zum Beispiel bei Buchpost, Die Sirenen von Bagdad, das sofort Einzug auf meine ToReadList hielt.
Des weiteren habe ich gerade in der letzten Zeit einige Filme gesehen, die mich sehr beglückt haben. Der wichtigste für mich war vielleicht No Land's Song, aber auch Taxi Teheran oder Das Mädchen Wajda sowie Stein der Geduld gingen für mich in diese Richtung.

Wenn die Grenzen durchlässig sind, und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der sie das nicht sind, denn nur in einer solchen Welt ist Freiheit möglich, des Denkens, des Seins, für alle. Wenn das aber gelingen soll, dann geht es nur über Kennenlernen und Offenheit und das Eintauchen in andere Perspektiven. Es geht nicht, wenn wir von allen anderen verlangen dass sie sich uns anpassen.
Je mehr man weiß, desto mehr Spaß hat man und desto weniger Raum ist da für Angst.

"Es geht darum, sich eine Herausforderung zu suchen und etwas auf eine vollendete Weise durchzuführen, ob man mit dem Fallschirm springt oder von einer Klippe oder einfach nur eine Stunde bewegungslos dasitzt und schweigt, man muss es so machen, dass es Schönheit hervorbringt."
Man kann auch ein Buch schreiben, so wie Teju Cole, der es auf eine Weise tut, die auf jeder Seite Schönheit hervorbringt. Open City ist eines dieser Bücher, die einen mit ihrer Eleganz und ihrer tiefen Menschlichkeit glücklich machen.

Hier ist noch, zum Abschluss, ein tolles Interview mit Teju Cole, das im Jahre 2013 im Online Magazin Guernica, welches ich im übrigen sehr schätze, erschienen ist.

(c) Susanne Becker

Samstag, 21. Mai 2016

Joachim Meyerhoff - Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

"Großvater: "Wie gehts denn eigentlich Irmgard?"
Großmutter: "Wer ist das denn?"
Großvater: "Wie bitte?"
Großmutter übertrieben laut, als würde sie über einen See rufen : "Wer ist daaaas?"
Großvater: "Na, die mit dem schnellen Wagen. Hui."
Großmutter: "Hermann, ich bitte dich! Du hast gekleckert!"
Großvater: "Ich hab überhaupt nicht gemeckert! Ich hab nur gefragt, wie es dem Irmelchen geht?"
Großmutter: "Du hast Wein auf dem Hemd. Tu da Salz drauf!"
Großvater: "Wie bitte?"
Großmutter vorwurfsvoll mit Handtrichter in seine Richtung brüllend: "Tuuu da Salz drauf!" und dann leise wie für sich: "Wie im Irrenhaus!"

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche LückeSchon bei der Urlaubsplanung war mir klar, dass ich den Meyerhoff mitnehmen würde. Ich mochte sein mittleres Buch Wann wird es endlich wieder so wie es nie war sehr, auch, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die mich wirklich oft zum Lachen gebracht hatten. Ich bin niemand, der leicht bei Büchern lacht, bzw. vielleicht suche ich mir dafür auch die falschen Bücher aus? Nein, ich glaube eher, es gibt sie nicht so häufig, diese klugen, gut geschriebenen Bücher, die so ganz nebenbei eine Geschichte nach der anderen präsentieren, und jede einzelne völlig unauffällig zu ihrer Pointe führen, ohne dass es anstrengend wirkt. Das kann Joachim Meyerhoff wie eigentlich kein anderer Schriftsteller, der mir spontan einfallen würde. Es hat so Loriotmomente, wo ja auch die Wirklichkeit unaufgeregt gezeigt wird und man lacht sich tot.
Manchmal finde ich diese Art des Erzählens bei Amerikanerinnen, zum Beispiel Heidi Julavits oder Jenny Offil. Aber da sind es eher die intelligenten Wortspiele, schnell und markant, die mich zum lauten Auflachen bringen. Bei Meyerhoff, und das ist in meiner Zeit als Leserin einmalig, laufen mir teilweise beim Lesen die Lachtränen übers Gesicht. Das mag auch an der Vertrautheit liegen: der Autor ist in meinem Alter und viele der banalen Eckdaten (Tritop Waldmeister trinken z.B., haben einen derartigen Wiedererkennungseffekt, dass ich, vor Freude vibrierend, im Flugzeug meinen wildfremden Nachbarn beinahe angestoßen hätte, um ihn zu fragen, ob er sich auch noch daran erinnern könne, wie lecker das Zeug war. Der Sitznachbar war aber höchstens 20, also, er konnte sich eh nicht erinnern.)

Das Buch ist eine Art Hommage an seine Großeltern, bei denen Meyerhoff dreieinhalb Jahre lang lebte, während er die Otto-Falckenberg-Schauspielschule besuchte und keine eigene Bleibe fand. "Da boten mir meine Großeltern an, für die ersten Wochen bei ihnen zu wohnen. "Wenn du erst mal in München bist, Lieberling, dann wirst du bestimmt etwas finden. So lange sollst du uns herzlich willkommen sein." Er wurde im rosa Zimmer untergebracht: "Die Wände waren rosa. Rosenquarzweintrauben und anderes Rosenquarzobst lagen in einer hauchdünnen Rosenquarzschale. Die Lampenschirme in Zartrosa. Das Bett war stets rosa bezogen. Durch die rosa Stoffjalousie fiel mattrosa Licht auf den altrosa Teppichboden." Meyerhoff darf das Zimmer in der ganzen Zeit seines Aufenthalts auch nicht verändern. Als er einmal, nach fast drei Jahren, ein paar Möbel verrückte, um sich ein wenig heimisch  einzurichten, den Hotelzimmercharakter des Raums zu mildern, flippte die Großmutter vollkommen aus und er musste auf der Stelle alles an seinen Platz zurück stellen. "..., du strapazierst unsere Nerven aufs Äußerste. Du bist ja unberechenbar. Eine Heimsuchung! Dein Verhalten ist impertinent!"
Als er wieder auszog, tat er es mit einem Koffer, als wäre er nur eine Woche zu Besuch gewesen. Das regelmäßige, von keinerlei Unwägbarkeiten erschütterte Leben der Großeltern war in seiner Konstanz und Starre auch durch den Einzug eines etwas verrückten Enkels in keinster Weise aus der Bahn zu werfen. Vielmehr passte der Enkel sich von Anfang an nahtlos den Großeltern an und genoss die Sicherheit der geregelten Tagesabläufe, die durch regelmäßige und zeitlich exakt getacktete Einnahmen diverser alkoholischer Getränke klar strukturiert waren. Am Morgen begann man mit einem Glas Champagner zum Frühstück und hangelte sich durch verschiedene Gaben von Weiß- und Rotwein über Whiskey am späten Abend zum Cointreau hinüber, der den Tag abrundete. Man darf wohl mit Fug und Recht sagen, dass die Großeltern sehr stilvolle Alkoholiker waren (obwohl ein Arzt der Großmutter erstaunlicherweise noch kurz vor ihrem Tod die Leber eines jungen Mädchens bescheinigte)  und auch der Enkel oft genug in der Villa in Nymphenburg sturzbetrunken ins rosa Bett wankte, das eigentlich etwas zu kurz für ihn war, so dass die Füße am Ende überragten.
Die Erzählungen aus dem großelterlichen Alltag und Leben machen regelrecht süchtig (ja, ich gebe zu, man könnte bei der Lektüre auch Alkoholiker werden), und wie gesagt, werden so knochentrocken zu ihrer Pointe geführt, dass ich ständig laut lachte, kichernd im Stuhl saß und mein gesamtes Umfeld mit dem alle zwei Abschnitte ausgestoßenen Ruf: "Darf ich Euch diese Stelle noch ganz kurz vorlesen, die ist einfach zum Brüllen!" nervte.  Jeder, der mir beim Lesen zusah, wollte mir das Buch praktisch aus den Händen reissen, so offensichtlich war der Spaß, den die Lektüre mir bereitete. Dabei ist es aber kein Schenkelklopfer, sondern die ganze Zeit auch zum Nachdenken anregend. Wenn zum Beispiel der Großvater, der immerhin Philosophieprofessor gewesen ist,  dem Enkel eine Charakteranalyse vom Feinsten darbietet: "Für dich scheint alles Phänomen zu sein. Du staunst ja über alles und sei es noch so unbedeutend. Die Welt anzustaunen ist eine sehr kindliche und friedliche Angelegenheit. Aber es ist auch furchtbar hilflos. Deine Teilhabe ist dadurch sehr eingeschränkt." "Was meinst Du mit Teilhabe, Großvater?" "Dadurch, dass du deinen Blick auf die Welt perfektionierst, drohst du dich selbst aus ihr auszuschließen Teilhabe hieße, ein Bestandteil der Welt zu sein." Für mich einer der Schlüsselsätze des Buches, der mich in den Himmel starren und meinen Gedanken nachhängen ließ (War meine Teilhabe möglicherweise auch sehr eingeschränkt?). Der gleiche Großvater hielt auf der anderen Seite innerfamiliäre Diaabende ab (Achtung! Auch hier griff wieder die direkte Erinnerung meiner Kindheit nach mir!), die Meyerhoff  "Nahtoderlebnisse" nennt.

Neben den Schilderungen des Lebens mit den Großeltern und Rückblenden in die familiäre Vergangenheit erzählt Meyerhoff auch immer wieder von seinen Erlebnissen an der Schauspielschule, wo genau dies, nämlich die mangelnde Teilhabe, ebenfalls immer wieder mal thematisiert wird "Wir sind es ehrlich gesagt leid, dich wie ein rohes Ei zu behandeln."
Das Buch ist eine Erzählung über sein Ringen um Teilhabe, darum, nicht immer nur der Beobachter zu sein, sondern sich hinein zu begeben, wozu natürlich der Weg über die Schauspielschule, zumindest von außen betrachtet, ein brutaler Weg ist für jemanden, der sich eigentlich verstecken möchte, der gar nicht so gerne gesehen werden mag.
Gerade seine Gabe, so präzise beobachten zu können, beflügelt sein Schreiben auch. Dass er all diese Anekdoten in der Erinnerung behalten hat, so präzise wiedergeben kann,  auch das ist unglaublich. Würde ich versuchen, über meine Familie rückblickend zu schreiben, müsste ich das meiste erfinden.
Auch wenn er von den Mitschülern und Dozenten an der Schauspielschule berichtet,  ist das zum Brüllen komisch.
"Dramaturgie- Unterricht hatten wir bei einem gelb gerauchten Altachtundsechziger, der sich nur für meine Mitschülerinnen interessierte. ... Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Flossen auf die Schauspielschülerinnen zu legen und sie dann nicht mehr loszulassen. Nach einem Jahr waren alle vier Frauen während seines Unterrichts mit ihren Stühlen einen halben Meter vom Tisch abgerückt. Er war ein brillanter Grapscher. ... Es widerte mich an und doch beeindruckte mich seine Dreistigkeit."
Als ich das Buch in die Hand nahm, rechnete ich damit, die Erfolgsgeschichte des großen Schauspielers Joachim Meyerhoff präsentiert zu bekommen, der nach einigen Unbilden die Schauspielschule triumphal abschloss und ein Star wurde. In Wahrheit ist es ein Buch über seine stolpernde Selbstfindung, sein Verlorensein Anfang 20 in einem Gemisch aus irgendwelchen Gefühlen, diffusen Zukunftsvisionen und dem Nichtwissen, wer man eigentlich ist. Wer jemals Anfang 20 und verwirrt war, wird keinerlei Mühe haben, sich in diesem Buch, bei dem man wirklich auf jeder Seite lachen muss, wieder zu erkennen. Er beschreibt seinen mühsamen Weg zum Schauspieler, so ehrlich und schonungslos, ohne jemals pathetisch oder peinlich zu sein, dass man sich postwendend aller eigenen Peinlichkeiten erinnert und diese plötzlich viel weniger schmählich finden kann. (Gut, ich habe meiner Mutter einmal sturzbetrunken auf die Füße gekotzt, aber das ist nichts gegen die Geschichte, als Meyerhoff seiner Großmutter in die Haare gekotzt hat!)  Eine Geschichte wider den Perfektionswahn der heutigen Zeit, wo jeder immer schon alles kann und genau weiß, was er werden möchte und damit massig Geld verdient, bevor er 24 ist.
In einer meiner Lieblingsszenen sitzt Meyerhoff nackt mit Derrick, also Horst Tappert, einem Freund der Großeltern, in der großelterlichen Sauna und stellt begeistert fest, dass es zwischen dem Menschen und der Rolle keinen Unterschied mehr gibt. Vielleicht könnte das eine verlockende Zukunft sein? "Ich war, was die Schauspielerei anging, ein konfuser Nullpunkt, ein wirres Irgendwas, und er war das genaue Gegenteil: ein überformtes Fernseh-ich...Dieser tränensackbehängte Mensch hatte den Horst Tappert in sich schon lange aufgegeben und war mit Haut und Haaren ein Derrick geworden."

Ein wunderbares Buch, furios, witzig, klug und zärtlich. Ein Buch, dass seine Menschen liebt, gerade wegen all der Fehler, die gar keine sind.
Lest es!! Es ist übrigens im Kölner Kiwi-Verlag erschienen (ja, genau, Kiepenheuer & Witsch!), und weil es aus Köln kommt, wie ich, liebe ich es doppelt!

(c) Susanne Becker


Freitag, 13. Mai 2016

sommer

(c) Martin von Elm



ich möchte im sommer leben
kirschsaft am kinn – sonst nichts –
erde unter den fingernägeln
auch in den hautfalten
den tiefen, die mein alter
geschürft hat in die einstmals
so glatte haut. immer nur sommer –
der storch baut sein nest,
über mir am blauen himmel
ziehen wolken über glasklare
autobahnen aus reiner luft,
während unter mir die wiese
kühl ihre melodie summt
in meinen rücken, meine schultern,
die insekten fliegen durch mein hirn,
so laut wie ein orchester, absolut still.


(c) Susanne Becker

Mittwoch, 11. Mai 2016

Buch der Woche - Karl Ove Knausgard, Sterben

„Aber Glück ist nicht mein Ziel, ist noch nie mein Ziel gewesen, was soll ich damit? Auch die Familie ist nicht mein Ziel. Wäre sie es gewesen und ich könnte ihr all meine Zeit und überschüssige Energie widmen, würden wir ein phantastisches Leben führen, davon bin ich überzeugt. Dann hätten wir irgendwo in Norwegen leben können und wären im Winter Ski und Schlittschuh gelaufen, mit Broten und einer Thermoskanne im Rucksack, wären im Sommer mit dem Boot hinausgefahren, hätten gebadet, gefischt, gecampt, hätten mit anderen Familien im Ausland Urlaub gemacht, hielten Ordnung zu Hause, hätten Zeit darauf verwendet, wohlschmeckende Mahlzeiten zuzubereiten und glücklich und fröhlich Zeit mit Freunden zu verbringen. Nun ja, das hört sich jetzt an wie eine Karikatur, aber ich sehe täglich Familien, die es schaffen, dass ihr Leben mit Kindern so funktioniert. Die Kinder sind sauber, ihre Kleider hübsch, die Eltern gut gelaunt, und wenn sie ausnahmsweise mal die Stimme erheben, schreien sie ihre Kinder niemals an wie Idioten. An den Wochenenden machen sie Ausflüge, im Sommer mieten sie Häuser in der Normandie, und ihr Kühlschrank ist niemals leer. ….Warum soll die Tatsache, dass ich Schriftsteller bin, mich von dieser Welt ausschließen? Warum soll der Umstand, dass ich schreibe, dazu führen, dass unsere Kinderwagen allesamt aussehen wie etwas, das wir auf einer Müllhalde gefunden haben? Warum soll mein Schreiben dafür verantwortlich sein, dass ich mit irren Augen und einem Gesicht, das zu einer grotesken Fratze der Frustration erstarrt ist, in den Kindergarten komme? Warum soll mein Schreiben dazu führen, dass die Kinder ganz auf ihren eigenen Willen setzen, egal, welche Konsequenzen das hat? Woher kommt all diese Wirrnis in unserem Leben?“

Ich lese gerade, nach Lieben,  mein zweites Knausgard – Buch Sterben. Es fehlen mir jetzt noch Träumen, Leben, und Spielen und ich kann sagen, das erleichtert mich. Jetzt, da ich ein Fan bin, möchte ich nicht, dass die Bücher von Knausgard allzu schnell durchgelesen sind. Zu sehr fühle ich mich in ihnen wohl. Dass ich ein Fan wurde, ich kann nicht sagen, warum das so ist. Ursprünglich gehörte ich zu den gefühlt dreizehn Menschen weltweit, die Knausgard auf gar keinen Fall lesen wollten, ihn für einen eitlen, aufgeblasenen, seinen Egoergüssen verschriebenen Jammerlappen und Narzisten hielt. Es könnte sein, dass meine Charakterisierung seiner Person gar nicht vollkommen daneben liegt, also zumindest einen Teil seines Charakters treffend umschreibt. Dennoch kann ich nicht aufhören, ihn zu lesen. (Ich würde mir mittlerweile sogar ein Foto von ihm neben den Schreibtisch hängen!! Das ist mir seit Hesse nicht mehr passiert.) Es ist ein wenig wie eine Sucht. Ist es große Literatur? Keine Ahnung! Es ist vielleicht noch nicht einmal Literatur. Es ist so voller Ich Ich Ich. Aber das gerade, was ich normalerweise nicht so gut ertragen kann, was man Schreibenden ja auch vorwirft, zum Beispiel, wenn man ihre Manuskripte ablehnt oder unreif findet, das entwickelt bei ihm diesen Sog: seine absolute Zentriertheit auf sich selbst und sein Universum, das derart authentisch und minutiös Seite um Seite beschrieben wird. Er schreckt auch nicht davor zurück, den Blick aus dem Küchenfenster seitenlang genau zu beschreiben, oder die Tasse Kaffee und wie er sie zubereitet, die Zigarette und wie er sie raucht. Landschaften, andere Menschen, Straßen, Geschäfte, Zugfahrten, Bücher die er liest, Bücher die er schreibt, sein Leben als Sohn, als Mann, als Vater, als Schriftsteller, seine Frau, seine Kinder (Irgendwo in einem Interview mit seiner Frau Linda las ich die Zeile "Ich habe den indiskretesten Mann der Welt geheiratet", sie könnte recht haben, kommt sie mir doch schon nach anderthalb Büchern ihres Mannes so vertraut vor, als wäre sie meine beste Freundin)  – alles wird so wahrhaftig wie möglich dargelegt, nackt vor den Leser gestellt mit jedem noch so unwichtig erscheinenden Detail. Das ist mutig, das ist auch schön. Man liest es und findet in dieser Menschlichkeit so ganz mühelos sich selbst wieder. Vielleicht ist das der Grund, dass ich die Bücher liebe? Ich finde mich selbst beim Lesen, ich erkenne mich, ich finde meine Gedanken wieder, meine täglichen Handlungen, auch meinen Blick aus dem Fenster. Ich erwische mich dabei, wie ich die Straße in Mitte hinunter gehe, und im Kopf wie Knausgard rede, mir jeden Sinneseindruck bewusst mache und ausformuliere. Das hat etwas beruhigendes und entschleunigendes. Es ist fast wie Meditation. 
Er macht menschliches Leben einer bestimmten Schicht im Europa des frühen 21. Jahrhunderts auf eine Weise publik, die mir als Leserin einen Schub gibt nach vorne aber auch in die Tiefe. Das liegt natürlich unter anderem daran, dass ich in einem ähnlichen Leben wie er stecke. Ich frage mich, ob seine Bücher auch interessant sind für Menschen, die vollkommen anders leben.

„Man weiß so wenig, und es existiert nicht. Man weiß zuviel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich. Dort ist der Ort und das Ziel des Schreibens. Aber wie kommt man dorthin?“

Ich würde weiter gehen: Ich würde sagen, Dort ist das Ziel des Lebens, (auch des Lesens), des alles, was man tut und lässt, atmet und verdaut. Ein Leben lang geht es um die Frage: wie komme ich zu diesem Dort? Für jeden Menschen geht es doch eigentlich um diese Frage. Also für jeden Menschen dieser Knausgard-Schicht, wenn man weiß, was man morgen isst, dass man ein Dach über dem Kopf hat, regelmäßig ins Museum geht, sich mit Philosophie beschäftigt, sehr viel liest, sich manchmal fast langweilt in dieser selbstverständlichen Bequemlichkeit.
Knausgard nimmt uns in seinen Büchern auf seine persönliche und doch irgendwie allgemeingültige Reise Richtung Dort mit. Er zeigt uns all die Tiefen und Höhen der Suche, des Kampfes (so heißen seine Bücher ja eigentlich Mein Kampf), und manchmal kommt er an, beim Dort, und auch wir dürfen mit ihm zum Dort reisen. Er lädt uns ein. Als Leserin sind die Momente, die man mit ihm im Dort verbringt, größte Glücksmomente, weil sie einen selbst näher bringen an alles, worum es geht. Die Wahrhaftigkeit. Das eigene Dort.
Ist es Literatur? Das frage ich mich immer mal wieder und ich komme zu der Einsicht, dass das so vollkommen egal ist, wie es nur egal sein kann. Es ist die Reise zum Dort, der Kampf ums Dort und vielleicht ist Literatur ja alles, wo die Menschen schreibend um dieses Dort kämpfen, so kommt es mir vor, und dann ist es Literatur. Wenn Literatur etwas anderes ist, dann sind Knausgards Bücher keine Literatur. Vielleicht sind sie dann einfach Tagebücher?
Verrückterweise habe ich sein Buch „Lieben“ parallel zu dem Buch „Dein Name“ von Navid Kermani gelesen. Die beiden vermischten sich manchmal ein wenig in meinem Bewusstsein, aber dann auch in der Realität. Denn manchmal hatten sie die gleichen Themen, wie zum Beispiel Hölderlin, oder auch die Beschreibung des eigenen Lebens als Schreibender auf der Suche nach der Wahrheit, dem Dort, diese Suche schreibend so wahrhaftig und authentisch wie möglich darlegend, detailliert und minutiös. Mit sich selbst nicht gerade zart umgehend, auch die eigenen Schwächen dem Leser präsentierend, die Intimsphäre nicht aussparend.

Ich sehne mich als Lesende nach mehr solchen Büchern, in denen mir erzählt wird, was ist, minutiös, der Wahrheit verschrieben, dem Dort, und wie man hinkommt. Ich mag die Authentizität, die Wahrhaftigkeit, aber auch der philosophische Anspruch, den ich in solchen Bücher erkenne, gefällt mir. Allerdings wären Knausgards Bücher wohl kaum so gut, wenn er nicht auch wunderbar schreiben könnte. Kein Mensch könnte all diese Seiten von ihm lesen, wenn sie sich erzählerisch und sprachlich nicht auf einem hohen Niveau bewegten. Dann würde man das Buch irgendwann einfach genervt in die Ecke schmeissen. Stattdessen schleicht man um den Buchladen, um den Stapel ungelesener Bücher, und diskutiert mit sich selber genervt hin und her, unter welchen Umständen es doch okay wäre, sich den nächsten Knausgard zu kaufen.

© Susanne Becker

Mittwoch, 4. Mai 2016

10 Fragen an - Margarita Kinstner

Endlich kann ich noch einmal einen Beitrag posten aus der Reihe 10 Fragen an... Es freut mich besonders, dass ich diesmal Margarita Kinstner befragen konnte, deren Roman Die Schmetterlingsfängerin für mich wie ein Geschenk des Zufalls war. Ich hatte vorher noch nie etwas von diesem Buch gehört, bekam es aber zum Geburtstag geschenkt. Über Bücher entscheide ich immer sehr intuitiv. Ich habe es in der Hand, und weiß, ob ich es lesen möchte oder nicht. Bei diesem wusste ich sofort, dass es nicht lange auf meinem SuB liegen würde.
Es hat mich von der ersten Seite an eingesogen, weil es mit einer so präzisen und eigenen Stimme eine Geschichte erzählt über Heimat und die Suche danach, die in Österreich und Bosnien spielt. So hat das Buch mich literarisch gepackt, aber definitiv auch mit den Orten, an denen die Geschichte beheimatet ist.
Es gibt von Margarita Kinstner noch ein weiteres Buch Mittelstadtrauschen. Auch hat sie auf ihrer Website einen tollen Blog über ihre Reisen, in dem ich seit letzter Woche manchmal stöbere und dabei viele Ideen finde für zukünftige Reiseziele.

copywrite Arno Ebner/Deuticke




1. Schreiben Sie gerade etwas und wenn ja, was? Im Moment überarbeite ich gerade ein neues Theaterstück und schreibe an meinem neuen Roman.

2. Gibt es Rituale oder bestimmte Routinen, ohne die beim Schreiben für Sie nichts geht?
Bis auf den Kaffee am Morgen gibt es bei mir so gut wie keine Rituale. Allerdings brauche ich Abgabetermine. Ohne diese wäre ich ziemlich faul. Wenn etwas entstehen soll, muss man sich schon regelmäßig hinsetzen und konzentriert arbeiten.

3. Was lesen Sie gerade? Das letzte Buch, das ich gelesen habe, war der neue Roman von Nataša Dragnić („Der Wind war es“). Den habe ich nach unserem Gespräch in Erlangen  mitgenommen und gleich in der Bahn zu lesen begonnen. Vor zwei Tagen habe ich das letzte Kapitel beendet. Im Moment streune ich durch mehrere Bücher gleichzeitig, das mache ich sehr oft.

4. Welches Buch oder welche Bücher haben in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt? Es gibt Bücher, die einen bleibenden Eindruck hinterließen. Haushofers „Die Wand“ und Jelineks „Liebhaberinnen“ fallen mir ein. Streeruwitz hat mich ob ihrer Sprache schon vor 15 Jahren begeistert - ich bin ihr als Leserin treu geblieben. Vor ein paar Jahren war Franzobels „Scala Santa“ für mich der gedruckte Beweis, dass ein Roman mit mehreren Protagonisten und Handlungsstränge (entgegen der Meinung vieler Kritiker) durchaus funktioniert und Sprache richtiggehend explodieren kann.

5.Wenn Sie absolut frei wären, wo und wie würden Sie leben wollen?  Wenn ich zu meinen Recherchereisen oder auch zu Lesungen aufbreche, denke ich jedes Mal: Wie fein ist doch ist, in einen Bus oder eine Bahn zu steigen und einfach loszufahren. Früher habe ich immer nur im Urlaub reisen können - jetzt gehört das Besteigen einer Bahn zu meinem Beruf. Ortswechsel sind wichtig. Es muss nicht die Ferne sein, ein anderes Bundesland reicht oft schon, damit sich im Kopf wieder etwas bewegt. „Die Schmetterlingsfängerin“ ist zu großen Teilen in der Bahn entstanden.

6. Welchen Menschen aus der Vergangenheit, Gegenwart oder möglicherweise sogar Zukunft würden Sie gerne kennenlernen? Neulich stand Miljenko Jergović vor mir, wir waren zum selben Literaturfestival eingeladen. Ich habe mich nicht einmal getraut, ihn anzusprechen. Wozu also jemanden aus der Vergangenheit holen?

7. Wie kam es dazu, dass Sarajevo in Ihrem Buch “Die Schmetterlingsfängerin” eine  so wichtige Rolle spielt ? Sarajevo spielt weniger Rolle  als das Lusniztal - trotzdem werde ich immer nach Sarajevo gefragt. Die Orte im Roman sind austauschbar. Ich hätte Katja in einem anderen Tal aufwachsen und in ein anderes Land ziehen lassen können. Ich bin jedoch der Meinung, dass man sich die Orte, über die man schreibt, in irgendeiner Form erobert haben muss. Sonst stimmt das Gefühl nicht. Hätte ich mich nicht mit dieser sondern mit einer  anderen Familie in Sarajevo angefreundet, wäre auch das Buch ein anderes geworden. Heute ist Sarajevo für mich eine gänzlich andere Stadt als vor 4 Jahren. Vielleicht wird man das im nächsten Roman spüren.

8. Fällt Ihnen das Schreiben leicht oder schwer? Mindestens 80% des Schreibprozesses geschehen beim Nichtschreiben. Ich gehe viel spazieren, schaue aus dem Bahnfenster, lasse Landschaften vorüberziehen. Ich wache in der Nacht auf und kritzle Ideen auf einen Block, die ich meistens wieder vergesse und gar nicht verwende. Das sind die eigentlich schönen Momente - die Vorfreude auf das Schreiben, wenn die Handlung im Kopf Form annimmt. Der Schreibprozess selbst ist dann immer wieder ziemlich anstrengend.

9. Haben Sie einen Lieblingsfilm? Ich mag Almodovars Filme.



10. Sie schreiben weil...?…. wieso nicht?

Danke vielmals, Margarita Kinstner!