Berlin

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Samstag, 30. April 2016

Buch der Woche - Deborah Feldman, Unorthodox

"Ständig werde ich daran erinnert, dass es Dinge gibt, die ich niemals erfahren werde. Ich kann diesen Gedanken nicht ertragen, ein ganzes Leben auf diesem Planeten zu verbringen, ohne das zu erleben, was ich zu erleben mir erträume, und zwar nur, weil es verboten ist. Ich glaube nicht, dass diese Version der Freiheit je reichen wird, solange sie nicht alles umfasst. Ich glaube nicht, dass ich glücklich sein kann, solange ich nicht wirklich unabhängig bin."

Bei den Satmar-Chassiden, einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde, deren Anhänger unter anderem in Williamsburg/New York leben, dürfen Mädchen nicht lesen oder sich bilden, sie werden mit 17 Jahren verheiratet und gelten mit zwanzig, wenn noch immer unverheiratet, schon als quasi alte Jungfer. Sobald sie verheiratet sind, wird ihnen der Kopf rasiert und fortan müssen sie Perücken tragen, Hüte oder Turbane. Niemand außer ihrem Ehemann darf ihre echten Haare sehen, die zwar nachwachsen, aber unter der Perücke versteckt werden.
Die Satmarer sind extreme Gegner jedes Zionismus und halten den Holocaust für eine Strafe Gottes dafür, dass die Juden sich allzusehr assimiliert hätten. Sie glauben, dass die strenge Einhaltung der uralten Regeln, und nur diese, sie vor einem erneuten Holocaust schützen kann.
In dieser Gemeinde ist Deborah Feldman aufgewachsen. Sie hat über ihr Leben dort und wie sie ausgebrochen ist aus der Starre dieser repressiven Gemeinde ein Buch geschrieben,Unorthodox. das auf der New York Times Bestsellerliste war und jetzt, erschienen im wunderbaren Secession Verlag, auch ein Bestseller in Deutschland geworden ist.
Es ist im Grunde eine Coming of Age Geschichte, in der wir erfahren, wie ein junges Mädchen, das unter extrem unfreien Bedingungen aufwächst, es dennoch wagt, sich zu befreien. Feldman erzählt diese Geschichte, die einem teilweise sehr unter die Haut geht, in einem nüchternen und oftmals fast lapidaren Ton. Ihre Kommentare zu den ungeheuren Vorgängen in ihrer Gemeinde und Familie reizten mich an manche Stellen fast zum Lachen. Denn so ungewöhnlich ihre Gemeinde ist, ist sie doch auch durchdrungen von all den menschlichen Eigenschaften wie Kleinmut, Tratschsucht oder Neid, die jeder kennt, und vor allem jeder kennt, der in seiner Jugend das Gefühl hatte, unter Aliens gelandet zu sein. Den Grad an Unfreiheit, den Feldman auf praktisch jeder Seite spürbar macht, kennen aber vermutlich nur jene, die selbst in einem repressiven System (ich möchte beinahe sagen, welcher Art auch immer) aufgewachsen sind oder leben. In einem System, in dem alles, vor allem aber die Frauen und ihre Körper kontrolliert und reglementiert werden. Feldman zeigt zum einen, wie das System bei den Satmarern funktioniert, sie machte für mich aber auch auf einer allgemeineren Ebene deutlich, wie ein solches System generell funktioniert, wie durch Beschämung, Kontrolle, Ausschluss, Verachtung, Isolation und Druck auf der einen Seite und soziale Integration und gemeinsame Rituale die Mitglieder gefügig gehalten werden.

Vor ein paar Wochen sah ich den absolut großartigen Film No Land's Song, in dem es um das seit 1979 existierende öffentliche Singverbot für Frauen im Iran geht. Der Mullah erklärte der Komponistin Sara Najafi, die ein Konzert mit Frauen auf einer Bühne in Teheran organisieren möchte, dass die weibliche Stimme den Mann zu Gefühlen, also zu sehr starken Regungen reize, die der Mann nicht kontrollieren könne, weshalb es für Frauen verboten sei, mit ihrer Stimme den Mann derart in Versuchung zu bringen.
Genauso ist es den chassidischen Frauen verboten, im Verlaufe ihrer unreinen Zeit (die Zeit der Menstruation und eine Woche danach) laut zu singen, aus genau dem gleichen Grund, um im Mann keine Gefühle auszulösen, die er dann nicht kontrollieren kann. Dem Mann ist es nämlich in der unreinen Zeit nicht gestattet, seine Frau zu berühren. Es wird also davon ausgegangen, dass jeder Übergriff eines Mannes auf eine Frau letztlich durch die Frau und ihr Zurschaustellen ihrer Reize, inklusive ihrer Stimme, ausgelöst wird.
Diese Parallele fand ich faszinierend. Sie zeigte mir, wie absolut vergleichbar extreme Systeme auch unterschiedlicher Couleur doch funktionieren, und dass sie in der Regel patriarchalisch sind und es für ihren Bestand notwendig ist, die Frau hundertprozentig zu kontrollieren. In ihrem Epilog zur deutschsprachigen Ausgabe schreibt die Autorin: "Frauenrechte und die Rechte von Kindern liegen mir sehr am Herzen und es ist mir vollkommen klar, wie diese Rechte in der Gemeinschaft, in der ich aufwuchs, verletzt werden können, was in gleicher Weise auch für ähnliche Gemeinschaften überall auf der Welt gilt. Es ist meine Überzeugung, dass die Aufgabe, in diesen radikalen Gruppen Veränderungsprozesse auszulösen, von besonderem Interesse für die jeweils größeren gesellschaftlichen Gruppen ist, die erstere unterstützen."
Es gibt so viele Gruppen, mitten unter uns, so wie Williamsburg mitten in New York ist, in denen Frauen und / oder Kindern Unrecht widerfährt und oft schaut man weg, weil man denkt, es geht einen nichts an, was andere tun, das sind eben deren Sitten und die sind anders. Das Buch hat mir noch einmal deutlich gezeigt, wie bequem diese Haltung ist und wie falsch auch.

Seite um Seite füllt Deborah Feldman mit den Beschreibungen ihres Lebens, von der Kindheit bei den Großeltern bis zu ihrer Eheschließung mit 17 Jahren, ihrer Schwangerschaft, der Geburt ihres Sohnes und den vielen Angstattacken, die sie von einem Arzt oder Therapeuten zum nächsten gehen lässt, um eine Lösung zu finden. Bis ihr irgendwann klar wird, dass dieses Leben an sich falsch ist und ihre Symptome auslöst. In ihrem Epilog schreibt sei: "Die Menschen wollen wissen, ob wir Glück gefunden haben; doch was wir gefunden haben, ist besser: Authentizität. Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an." Das ganze Buch ist eigentlich ein Beweis dieser im Grunde simplen Tatsache und dennoch werden vermutlich viele Leser, nicht nur solche, die unter extremen Bedingungen aufgewachsen sind oder leben, eine Beziehung herstellen können zu der Tatsache, wie unwohl man sich fühlt, wenn man nicht man selbst sein darf in seiner Umgebung. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum das Buch sowohl in den USA als auch hier so erfolgreich ist. Jeder Mensch hat ganz tief in sich die Sehnsucht, authentisch zu leben. Kreativität ist Ausdruck dieser Authentizität. Vor ein paar Tagen hatte ich ein kurzes Gespräch mit einer Freundin, die seit Jahren kreativ arbeitet und plötzlich große Zweifel an der Berechtigung dieser Tätigkeit äußerte angesichts all der Probleme, die es in unserer Zeit gibt. Ich sagte zu ihr, dass ich angesichts der Repressionen gerade gegen Kreative in so vielen Gesellschaften finde, dass Kreativität ein hohes Gut ist, eines unserer höchsten. Dass Diktatoren und Faschisten und Extremisten auf allen Seiten immer gerade die Kreativen oder die Kreativität zum Schweigen bringen wollen, weil sie ihnen Angst macht und authentisch lebende Menschen nicht manipuliert werden können, das ist meiner Ansicht nach Rechtfertigung für jede kreative Tat, die ein Mensch vollbringt. Während des Gesprächs musste ich immer wieder an Unorthodox denken, das ich gerade las und mir wurde klar, wie sehr dieses Buch ein Plädoyer für die Freiheit und auch für deren kreativen Ausdruck ist.
Feldmans Erzählweise ist kühl und nüchtern, und doch kommt man schon nach kurzer Zeit nicht mehr von dem Buch los. Man fiebert mit der Autorin, wenn sie Bücher aus der Bibliothek nachhause schmuggelt (Jane Eyre, Jane Austen, Anne auf Green Gables oder die Romanleserin von Pearl Abraham), in denen sie Rollenmodelle findet für ein weibliches Leben jenseits der strikten Grenzen, die ihr von ihrer Gemeinde auferlegt sind. So ist dieses Buch, und das ist für mich als begeisterte Leserin besonders schön, auch ein Protokoll dessen, was Deborah Feldman liest, auf ihrem Weg in die Freiheit.
Man drückt ihr die Daumen, dass sie nicht erwischt wird, wenn sie sich mit einer Freundin heimlich zum Plaudern trifft, man bangt mit ihr, wenn sie aus mehr oder weniger heiterem Himmel mit einem Wildfremden verlobt wird, dessen Mutter mit ihren schmalen Lippen und dessen Schwester mit ihrer Eifersucht einen auf der Stelle wissen lassen, dass diese Ehe keine Chance hat. Immerhin ist ihr Ehemann Eli keine starke Persönlichkeit, so dass er keinen großen Widerstand leistet, als sie aus Williamsburg fort und in einen etwas liberaleren chassidischen Ort ziehen möchte. Er merkt gar nicht, dass sie sich an seiner Seite immer weiter auf einen Weg heraus aus dem orthodoxen Leben vorbereitet. Schlussendlich schafft sie es sogar, Literatur an einem College zu studieren, indem sie ihm weismacht, sie studiere Wirtschaft, um besser zum Lebensunterhalt der kleinen Familie beitragen zu können.

Ja, beinahe kühl ist der Erzählstil, dabei ist die Geschichte so spannend, geht es im Grunde fast um Leben oder Tod, dass ich irgendwann nicht mehr aufhören konnte zu lesen über die verschiedenen Haarstile der chassidischen Frauen, über die absolute Unfreiheit, die zwar tiefe aber doch irgendwie missverstandene Spiritualität des Großvaters Zeidi, und die geradezu grausame soziale Kontrolle.
"Schon vor mir gab es Rebellen. Als ich aufwuchs, gab es hier und da welche, die offen die Regeln brachen; und alle Welt sprach über sie....Zeidi hatte mir immer wieder einmal gesagt, dass Gelassenheit das Wichtigste sei, was man im Leben erreichen kann, dass sie der Schlüssel zum Glück sei. Ich glaube nicht, dass er jemals dachte, es erreicht zu haben, aber vielleicht war er dem nahe."

Deborah Feldmans Erzählweise ist überhaupt nicht effekthascherisch, sondern klar und schnörkellos. Während der Lektüre frage ich mich immer wieder, wieviele Mädchen wie sie einst unter Perücken oder Schleiern leben und sich hinaus sehnen in ein authentisches Leben, das sie selbst bestimmen können. Unter diesen Schleiern, Perücken, Burkas oder was auch immer schlummert ein ungeheures Potenzial, das der Welt schlichtweg verloren geht. Umso wunderbarer, wenn es mutige Rebellinnen gibt wie Deborah Feldman, die es schaffen, sich zu befreien und dann ist sie auch noch in der Lage, darüber so zu berichten, dass die Welt davon lernen kann.
Eine ganz große Leseempfehlung! Ein tolles Buch, von dem ich sehr stark profitiert habe, intellektuell, kreativ aber auch einfach in simplem Lesegenuss.
Danke dafür und Dank auch an den Secession Verlag für das Rezensionsexemplar.

© Susanne Becker 

Freitag, 22. April 2016

Buch der Woche - Die Schmetterlingsfängerin, Margarita Kinstner

Ich lese gerade ein wunderschönes Buch mit einem betörenden Titel - Die Schmetterlingsfängerin der österreichischen Autorin Margarita Kinstner, die auf ihrer Website einen Blog hat, auf dem sie ihre Recherchereisen nach Sarajevo, nach Banja Luka, nach Bosnien in einer Art Tagebuch protokolliert. Angesichts der Tatsache, dass diese Orte immer mehr zu Sehnsuchtsorten von mir werden, die ich hoffe, im Rahmen eines Roadtrips durch Südosteuropa im kommenden Jahr zu besuchen, ist dieser Blog eine Fundgrube für mich, mit der ich gar nicht gerechnet hatte.
Das Buch ist zufällig zu mir gekommen, ich wäre vermutlich von selbst niemals darauf gestoßen. Eine Freundin hat es mir zum Geburtstag geschenkt.
Die Schmetterlingsfängerin ist eine österreichische Familiengeschichte. Teilweise spielt sie in Wien, einem weiteren meiner Sehnsuchtsorte, die ich noch in diesem Jahr wieder besuchen werde.
Die SchmetterlingsfängerinDie Familie hat allerdings auf einer Seite bosnische Wurzeln, da war ein Urgroßvater, der aus Sarajevo nach Österreich ausgewandert ist, ins Lusniztal.
Die Erzählerin dieser Familiengeschichte heißt Katja Köhler und ist schwanger von Danijel, ihrem bosnischen Verlobten, der eigentlich in Österreich lebte, wohin er vor dem Krieg als Kind geflohen ist. Aber nun bewirbt er sich an einem Krankenhaus in Sarajevo und bekommt die Stelle auf der Kinderonkologie. Katja willigt ein, mit ihm dort hin zu ziehen.
"Kein Mensch zieht von Österreich nach Bosnien", sagt Magda. Seit einem halben Jahr versucht sie, mir diese Tatsache vor Augen zu führen.
... Das schlimme ist: Ich weiß, dass sie recht hat. Trotzdem werde ich nach Sarajevo ziehen. Ich habe mich entschieden."
Die Umzugskartons sind bereits gepackt. Noch einmal reist sie ins Lusniztal, wo sie ihre Großtante Therese trifft und einen wichtigen Teil ihrer Kindheit bei der Mutter ihres Vaters verlebt hat. Dort gab es eine Hollywoodschaukel, Freiheit und Natur. Sie hofft, ihre Heimat dort wiederzufinden.
Mit ihrer Großtante erforscht sie die alten Geschichten der Familie und schnell wird deutlich, wie wenig diese ganze Familie vom Bleiben hielt. Immer sind da Ortswechsel, Auswanderer, aber auch Chancen, die nicht wahrgenommen wurden. Nach und nach ergibt sich dem Leser das Bild einer ungewöhnlichen Familie, die in alle Winde verstreut ist und doch zusammen gehört. Katja sehnt sich im Grunde nach einer Heimat, die in ihrer Familie viele nicht gefunden haben. Immer wieder treffen wir in dem Buch auf Menschen, die einen Ort verlassen oder an dem Ort, an dem sie leben, nicht wirklich angekommen oder glücklich sind.
Was wäre geschehen, wenn die Großmutter in der Schweiz geblieben und ihre große Liebe gelebt hätte, anstatt den Großvater zu heiraten?
Was wäre geschehen, wenn Katjas Mutter sie nicht irgendwann aus dem Lusniztal zu sich nach Wien geholt hätte?
Was wäre geschehen, wenn ihr Onkel Kurt nicht auf sein Motorrad gestiegen wäre?
Oder was wäre geschehen, wenn die Großtanten nicht nach Kanada ausgewandert wären oder die Großmutter hätte es geschafft, ihnen zu folgen?
Und was wird geschehen, wenn Katja nach Sarajevo zu Danijel geht? Wird sie dort eine Heimat finden? Kann man überhaupt Heimat finden, indem man die Orte wechselt? Gibt es Heimat? Das ist ja durchaus eine Frage, die jeder sich zwischendurch und vielleicht auch immer wieder neu beantwortet. Als ich jung war, habe ich die Frage anders beantwortet als heute, wo ich Kinder habe.

All die verschiedenen Menschen und Orte könnten einen verwirren, aber sie tun es interessanterweise nicht. Die Autorin schafft es, ein tragbares, sehr spannendes Netz zu knüpfen, das aus dieser zutiefst innerlichen Frage nach Heimat besteht. Man ahnt schon nach der Hälfte der Geschichte, dass sie es schaffen könnte, ein Gesamtbild von all den einzelnen Fragmenten herzustellen, aus welchem dem Leser die Bedeutung eines Begriffs wie Heimat noch einmal in anderem, vielleicht sogar neuem Licht erscheint.
Ein wirklich herrliches Buch, dem ich noch sehr viele Leser wünsche. Ich gehe jetzt ins Wochenende und werde es zuende lesen!

© Susanne Becker 


Mittwoch, 20. April 2016

Frauen, die lachen, sind gefährlich

Ich wusste es nicht mehr, ob es ein Traum war, eine Einbildung, oder die Wahrheit, dass ich gestern irgendwo gelesen hatte, dass in der Türkei das laute öffentliche Lachen von Frauen verboten werden soll, weil es als genau so wenig tugendhaft gilt, wie seine weiblichen Reize öffentlich zur Schau zu stellen.
Ich habe gestern über diese Meldung hinweg gescrollt, weil ich keine Lust hatte, mir die Laune komplett verderben zu lassen. Aber heute fiel es mir wieder ein und nach nur einsekündiger Recherche im Netz stelle ich fest: es ist wahr, meine Phantasie ist doch nicht so vielschichtig, wie ich kurz vermutet hatte. Die Realität ist immer noch ein Stück witziger als ich.
Einer der Stellvertreter von Erdogan möchte Frauen das öffentliche Lachen verbieten. Er fühlt sich auch davon gestört, dass Frauen oft „stundenlang“ am Handy telefonieren. Ich glaube, darüber muss ich jetzt erstmal sehr laut lachen und vielleicht gehe ich dafür auch runter auf die Straße und lache öffentlich und dann telefoniere ich dort und lache sehr laut, während ich telefoniere, auf der Straße, in aller Öffentlichkeit, stundenlang. (Der Stellvertreter von Erdogan erinnert mich an einen früheren Chef beim Westdeutschen Rundfunk, der sich auch immer darüber aufregte, dass ich so viel und so laut lache. Man könnte also sagen: hier wird ein altes Trauma reaktiviert.)
Ich lache übrigens nicht darüber, weil ich die Sache so extrem witzig finde. Ich finde sie überhaupt nicht witzig. Es ist eher ein verzweifeltes Lachen, weil ich gedacht hätte, dass ein türkischer Politiker, generell jeder Politiker, hier und jetzt andere Prioritäten haben könnte, als das Benehmen von Frauen, das aber wirklich auch in so gar keiner Weise etwas mit dem Elend auf dieser Welt zu tun hat. Im Gegenteil bringen auch Frauen, trotz dieses Elends, mit ihrem Lachen so viel Glück und Freude in die Welt, dass ein Politiker angesichts der dramatischen Situation der Welt: Flüchtlinge, Kriege, Klima, um nur drei rudimentäre Problemzonen anzusprechen,  tatsächlich jeder Frau dafür danken müsste, dass sie trotzdem lacht (jetzt fällt mir gerade die Mutter einer amerikanischen Freundin ein, die am Hochzeitsmorgen zu ihrer Tochter sagte: "And remember, always keep smiling through the tears!" womit sie schonmal klar machte, dass das verheiratete Frauenleben die Pest sein könnte und die beste Medizin auch dagegen das trotzdem Lachen sei.). 
Weil Freude und Glück und Lachen und Liebe die einzigen Mittel sind, diesen Wahnsinn, den oft genug die Männer und Frauen, die das f*****g Patriarchat unterstützen mit ihrer Politik von Aggressivität, Kriegen und rücksichtslosen Ausbeutungsstrategien, sei es bezüglich der Ressourcen dieser Erde, sei es bezüglich der menschlichen oder tierischen Ressourcen, das Elend dieser Welt zu einem allergrößten Teil gerade erst hervor rufen. Die weltweit meisten Opfer dieser patriarchalen und kapitalistischen Weltaneignungsstrategien, mit denen unsere Welt perspektivisch komplett in den Untergang getrieben werden wird, sind Frauen und Kinder. 
Aber dann hat so ein Politiker an allerhöchster Stelle wirklich kein anderes Problem, als sich über das Lachen von Frauen zu mokieren? Da kann man doch nur sagen: Job komplett verfehlt. Sie passen einfach gar nicht auf diese Stelle. 
Warum sind überhaupt an so vielen prominenten Stellen Männer, die sich über das Verhalten von Frauen aufregen, dieses bis in die innersten Organe hinein reglementieren und kontrollieren möchten, nicht nur in islamischen Ländern (ich sage nur Trump, oder auch Cruz, es wird für die amerikanischen Frauen eine wahre Freude werden, wenn einer der beiden Präsident wird, denn dann können sie ihre sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung sehr bald in alten Geschichtsbüchern suchen, wenn diese nicht verboten sein sollten)? Warum beschäftigen diese Männer sich nicht mit der Lösung der wirklich anstehenden Probleme? Gut, ich schätze, sie haben keine Idee, wie man diese lösen kann, und ihre Priorität ist der eigene Machterhalt, wofür die Kontrolle von Frauen unerlässlich ist. Wäre das eine böswillige Unterstellung? 

Wenn ich also lache, dann ist es aus der Verzweiflung (genau: keep smiling through the tears) darüber, dass niemand im Ernst zu ihm sagen wird, "Alter, Du hast deinen Job verfehlt". Vielmehr wird dieser Mann seine Stellung behalten, seine Macht behalten oder gar ausbauen und eines Tages genug seines gleichen möglicherweise davon überzeugt haben, dass lachende und mit dem Handy telefonierende Frauen tatsächlich eines der primären Probleme sind. 
Es wird in der Konsequenz möglicherweise dazu führen, dass den Frauen in der Türkei zukünftig irgendwann tatsächlich das Lachen verboten werden wird. Auch wenn uns das aus unserer jetzigen Perspektive immer noch so ein bisschen absurd vorkommen mag. Es ist schon oder noch real in viel zu vielen Orten dieser Welt, als dass wir eine solche Schlagzeile nicht ernst nehmen sollten und uns laut lachend an die Seite unserer Freundinnen in der Türkei und überall stellen sollten. 
Ich muss, wie so oft in den letzten Monaten, an eine Lesung hier in Berlin mit der wunderbaren türkischen Autorin Elif Shafak denken, die genau das alles schon damals fürchtete.

Dazu passt es aber auch, dass ich gerade das Buch Unorthodox von Deborah Feldman lese, bei dessen Lektüre das Lachen sehr oft durch die schon fast blutigen Tränen rinnt, wenn sie zum Beispiel beschreibt, wie eine Lehrerin den Kindern erklärt, dass es ein bewundernswertes Ausmaß an Tugendhaftigkeit bedeutet, dass eine Frau aus Frömmigkeit sich die Röcke an den Waden festgetackert habe, damit diese nicht vom Winde hochgeweht würden und womöglich jemand ihre Knie sähe. Ich möchte nicht wissen, wie viele streng orthodoxe jüdische Mädchen und Jungen diesen Schwachsinn geglaubt und in irgendeiner Form in die Tat umgesetzt haben oder es noch tun. Denn Feldmans Buch erzählt ja nicht weit entfernte Geschichte, sondern vom Hier und Heute in Williamsburg/New York  
Es zeigt, dass der Wahnsinn keine Religion hat, er ist nicht an den Islam zwangsläufig gekoppelt, wie viel heute glauben, weil er dort besonders augenfällig ans Tageslicht drängt,  sondern er hängt sich überall dort ran, wo Menschen verloren sind und in irgendeinem Glauben, ohne zu hinterfragen, ihre Antworten erhoffen, weil sie selbst nicht in der Lage sind oder sein wollen, frei zu denken und zu entscheiden. Dieser Fanatismus kann überall dort die Massen ergreifen, wo Menschen ihre persönliche Macht in die Hände irgendeiner Autorität legen, anstatt selbst zu denken. 
Es zeigt auch, dass der Wahnsinn in der Regel Hand in Hand geht mit der kompletten Entmündigung und Instrumentalisierung von Frauen. Obacht also, wenn euch einer das Lachen verbieten will. Das könnte erst der Anfang sein.

© Susanne Becker 

Sonntag, 17. April 2016

es herrscht eine stille






















im inneren des steins
ist das licht eher dunkel
es herrscht eine stille
die ist vor jedem geräusch
auch danach ist die wärme
eine kälte die aus dem inneren
aufsteigt halt dich fest
am staubtrocken der luft
am eiskalt der wände
die um dich sich geschlossen
wie eine schützende haut

der plan für heute:
so viel nichts wie möglich tun
ganz mit mir allein
dabei atmen das stille kalte
dunkle im inneren des steins
mit offenen armen
auf die lippen küssen in die
seite zwicken bis der tag
sich einmal mehr erfüllt

© Susanne Becker

Donnerstag, 14. April 2016

45 Years - Film

Gestern habe ich mir den Film 45 Years angeschaut.
Einmal mehr stellte ich fest, dass ich nicht wirklich ein Fan von Charlotte Rampling bin. Ich finde sie zu ernst, zu tief, zu schwer, zu unglaublich bedeutungsschwanger. 
Dennoch hat mich der Film fasziniert, was vor allem auch an ihrer unglaublichen Schauspielkunst lag und ich möchte kurz darüber schreiben.

Der Film handelt von Kate und Geoff, die kurz vor ihrem 45. Hochzeitstag stehen. Es ist Montag. Wie jeden Morgen geht Kate sehr früh mit dem Hund raus. Als sie zurück kommt, war gerade der Briefträger da. Ihr Mann, der nie mit spazieren kommt, sitzt am Küchentisch und liest einen Brief. „Was steht drin?“ fragt sie. „Sie haben sie gefunden.“ sagt er.
„Wen?“
„Na, Katya, weißt Du denn nicht? Meine Katya!“
Natürlich weiß sie. Katya war die Freundin ihres Mannes gewesen, bevor sie ihn kannte. Sie war bei einem Unfall in den Schweizer Alpen ums Leben gekommen. Geoff und sie hatten nie darüber gesprochen und Kate war davon ausgegangen, dass sie selbst Geoffs ganz große Liebe war.

Es ist Montag, am Samstag soll das Fest für den Hochzeitstag stattfinden. 
Im Verlauf dieser Woche nun, einer düsteren, kahlen Woche irgendwo in Norfolk, entrollt sich, ohne großes Aufheben, eine Vergangenheit beinahe wortlos, fast ausschließlich atmosphärisch und in Andeutungen, vor dem Zuschauer, aber vor allem vor Kate, die ihr ganzes bisheriges Leben mit Geoff, die ganzen 45 Jahre, in Frage stellt.
Denn es wird offenbar, dass nicht sie, sondern diese Katya, die man nun in einem Gletscher in den Schweizer Bergen, vielleicht konserviert durch das Eis, nach 50 Jahren gefunden hatte, Geoffs große Liebe gewesen sein könnte. Dass sie sogar ein Kind von ihm erwartet hat, wie aus einem der Fotos, die Kate von ihr auf dem Speicher findet, hervorgeht. Dass in dieser Gletscherspalte nicht einfach irgendeine Katya verschwunden war, sondern Geoffs ganzes eigentliches Leben, das Leben, das Leben, das er hätte leben sollen und für welches Kate eine Art Ersatz war. 
Zumindest sieht Kate das so. Geoff, so macht es den Eindruck, kehrt für eine Woche kurz in seine Vergangenheit zurück, sucht auf dem Speicher nach Fotos von Katya und trauert noch einmal um diese verpasste Chance und seine große Liebe. Ja, er hätte sie geheiratet, wenn sie nicht abgestürzt wäre. Er scheint allerdings von der existenziellen Bedeutung des Geschehens für seine ganze Ehe nicht wirklich viel mit zu bekommen. Dass diese Ehe teilweise weniger lebendig wirkt, als die Vergangenheit, damit hat er sich längst abgefunden. 
Mit einem Ruck entscheidet er sich im Grunde noch einmal für Kate, die ja immer noch seine Rettung ist. Er zwingt sich zu dieser Entscheidung, auch weil er in seinem Alter gar nicht mehr anders kann, und merkt nicht (oder doch?), dass die sich längst von ihm abwendet, Tag für Tag ein bisschen mehr. Sie, die ihn gerettet hat 45 Jahre lang vor dem Schmerz über sein verlorenes Leben, dass er nicht auch abrutscht innerlich, in eine Gletscherspalte. 
Ihr wird es mehr als schmerzlich bewusst, welche Bedeutung sie für ihn hat und auch, dass die Bedeutung, die er für sie hatte, auf einer Illusion gründete. Was am Ende bleibt, ist die Furcht, die anderen könnten diese Demütigung sehen. 
Wie Charlotte Rampling dieses graduelle Verstehen, dieses in sich Zusammensinken eines Lebens, ohne viele Worte, nur mit ihrem Gesicht und ihrem Körper, für den Zuschauer so unangenehm sicht- und spürbar macht, dass man sich teilweise abwenden möchte von dem Film, das ist ganz große Schauspielkunst. Dass sie dafür auf der Berlinale 2015 den Silbernen Bären als beste Darstellerin bekommen hat, ist sofort nachvollziehbar.

Wie erhält man eine Beziehung? In dem man sich nicht trennt. Nothing more, nothing less. Eine bittere Wahrheit. Wir wissen nicht, ob Kate sich am Ende von Geoff trennen wird, räumlich. Emotional hat sie sich getrennt, das ist offensichtlich. Und plötzlich wird einem die Tristesse dieses gemeinsamen Lebens bewusst. Dass Kate und Geoff in eine unglaubliche Starre gesunken waren aufgrund der ganz großen Lüge, die ihre Beziehung all die Jahre getragen hat, die verborgen werden musste, von beiden, denn auch angelogen zu werden ist letztlich eine Entscheidung, die Realität nicht zu hinterfragen. In dieser Starre wirkt Geoff auf den Zuschauer teilweise wie ein Demenzkranker (auch der Schauspieler Tom Courtenay wurde auf der Berlinale 2015 mit dem Silbernen Bären für den männlichen Hauptdarsteller ausgezeichnet), und Kate wie eine sich mit aller Macht zusammen reissende Großherzogin – das kapiert man erst langsam. Zunächst wirkt dieses Leben auf dem englischen Land, in einem wunderbaren Haus, doch idyllisch. Aber da ist keine Bewegung, keine Entwicklung. Nur Stillstand. Kate genießt ihn fast, Geoff leidet daran. Zum Ende hin bricht er die Bewegungslosigkeit auf, geht mit Kate spazieren, bringt ihr Tee ans Bett, will ihr seine Liebe zeigen, Aber es scheint zu spät. Kates Liebe hat sich innerhalb weniger Tage in das Ende einer Illusion aufgelöst.
Dieser Film hat mich so berührt, weil er ein Film über uns alle ist. Diese Starre des Paares ist eine Starre, der man im Leben sehr oft begegnet. Immer dort, wo Menschen sich mit einer Illusion, einer Täuschung oder einer Halbwahrheit arrangieren, um etwas vermeintlich größeres nicht zerbrechen zu lassen, und natürlich auch aus angst. Immer, wenn man dieser Starre begegnet, löst sie unangenehme Gefühle aus. Es ist das Gegenteil von Freude, von Abenteuer oder Lebendigkeit. Vielleicht ist mir Charlotte Rampling auch nur deshalb irgendwie unsympathisch gewesen mit ihrer Tiefe, weil sie so perfekt die Fassade mimt, die einen ganzen Abgrund verbirgt, einen Abgrund, vor dem sich vielleicht jeder fürchtet.

Wer den Film noch nicht gesehen hat, ich kann ihn empfehlen. Wirklich ein ganz großer Film, über dessen Implikationen und Nebenwirkungen ich sogar nachts im Traum und heute auch schon den ganzen Vormittag nachgedacht habe. Woraufhin ich irgendwann dachte, dass er ein Meisterwerk war. Gut, dass ichs noch gemerkt habe. Beim Schauen selbst hat er mich sogar teilweise genervt.

Wie es der Zufall so wollte, stolpere ich dann noch, erst gestern, jetzt heute wieder, über dieses Gedicht von Pablo Neruda, und es drückt für mich das aus, was auch der Film aussagte, deshalb zitiere ich es hier

You start dying slowly - By Pablo Neruda
You start dying slowly
if you do not travel,
if you do not read,
If you do not listen to the sounds of life,
If you do not appreciate yourself.
You start dying slowly
When you kill your self-esteem;
When you do not let others help you.
You start dying slowly
If you become a slave of your habits,
Walking everyday on the same paths…
If you do not change your routine,
If you do not wear different colours
Or you do not speak to those you don’t know.
You start dying slowly
If you avoid to feel passion
And their turbulent emotions;
Those which make your eyes glisten
And your heart beat fast.
You start dying slowly
If you do not change your life when you are not satisfied with your job, or with your love,
If you do not risk what is safe for the uncertain,
If you do not go after a dream,
If you do not allow yourself,
At least once in your lifetime,
To run away from sensible advice…

~ Pablo Neruda

© Susanne Becker

Donnerstag, 7. April 2016

Buch der Woche - The Folded Clock, Heidi Julavits

"..., I've felt okay occasionally describing my diary as a "contemporary take on Walden". Like Thoreau, I am pretending, that I wrote this diary over the course of a year, when in fact I wrote it over the course of two years, two months, and two days (give or take). Like Thoreau I wanted to live "deliberately" and was worried that if I did not I might, "when I came to die, discover that I had not lived". Like Thoreau, I wanted to "live deep and suck out all the marrow of life". Unlike Thoreau, I have no fondness for sparse living."

Mein Buch der Woche ist diesmal ein Buch, das es gar nicht auf Deutsch gibt. Es gibt (noch) keine Übersetzung, da das Buch auch noch relativ neu ist. Es ist 2015 bei Anchor Books erschienen. The Folded Clock, von der amerikanischen Schrifstellerin Heidi Julavits. Ein Tagebuch.
Ich habe lange überlegt, ob ich es überhaupt erwähnen soll, in dieser Reihe, oder ob ich die Besprechung auf Englisch verfassen soll. Das wäre aber dann irgendwie der Beginn einer neuen Reihe gewesen Book of the Week, einer englischen Reihe. Ich fühle mich zwei wöchentlichen Rubriken gerade jedoch nicht gewachsen.
Ich könnte schummeln, und ein anderes Buch zum Buch der Woche machen, eines, das diese Woche nicht so dominiert hat wie das Tagebuch von Heidi Julavits, in dem ich jeden Tag ein wenig lese, aber nicht zuviel, weil ich nicht möchte, dass es zu schnell beendet ist. Da ich, gerade in Situationen, wo niemand mit bekommt, dass ich schummele, eine geradezu neurotische Zwanghaftigkeit in puncto Wahrhaftigkeit generieren kann, aus dem Stand quasi, was ich meiner katholischen Kindheit und dem damaligen Zwang, vor allem kurz vor wichtigen Anlässen (Kommunion, Firmung, Weihnachten, Ostern etc.) wöchentlich zur Beichte zu gehen, zuschreibe, ging das auch nicht. Denn The Folded Clock war eindeutig das Buch meiner Woche. Es ist es noch. Ich lese aus vielen Gründen einige andere Bücher parallel, das tue ich immer. Aber sie sind keine Konkurrenz für den Titel Buch der Woche. Da hätte ich faustdick lügen müssen.
Also habe ich beschlossen, dass in der Reihe Buch der Woche auch englische Bücher erwähnt werden dürfen, sogar dann, wenn sie nicht übersetzt sind.

The Folded Clock heißt soviel wie "Die gefaltete Uhr" - ein Titel, der aus einem Missverständnis entstanden ist. Ihre Tochter hatte nämlich den Ausdruck "gefalteter Stoff" (Folded Cloth) falsch verstanden und daraus den Ausdruck Folded Clock gemacht. Das Ganze war übrigens nach einem Besuch des Ägyptischen Museums in Berlin gewesen, wo sie sich nach dem Museumsbesuch ein Buch über Hieroglyphen angeschaut hatten. Julavits hat den Ausdruck sofort "geklaut", da ihr klar war, dass er sich, zum Beispiel als Buchtitel, wunderbar eignen könnte.
Der Titel ist geschickt gewählt für dieses Buch, denn es ist zwar ein Tagebuch aber es listet die Tage nicht chronologisch auf, sondern, wie es beim Lesen erscheint, faltet sie beinahe willkürlich zu einem neuen Muster zusammen. einer frei assoziierenden Ordnung. Was ist Zeit überhaupt, wenn nicht eine relative Ordnung, die wir dem wilden Treiben des Lebens aufoktroyieren?
Vom 21. Juni stammt der erste Eintrag. Er beginnt, wie alle Einträge, mit dem  Wort Today... "Today I wondered what is the worth of a Day? Once a day was long. It was bright, and then it wasn't, meals happened, and school happened, and sports practice, maybe, happened,...Days would linger in my nerves,...Days could hurt."
Der nächste Eintrag ist vom 3. März "Today, my friend asked me: Am I crazy?"

Julavits hat alte Tagebücher gefunden, die sie als Kind gefüllt hatte. In der Hoffnung, darin ihr frühes, schriftstellerisches Genie zu finden, den Ursprung ihrer Kreativität, liest sie diese. Sie stellt aber schnell fest, dass in den Seiten weniger ein kreatives Genie, als vielmehr eine Art neurotische Buchhalterin, die langweilige Tage uninteressant und detailliert schildert, zu finden ist. Sie war irgendwie enttäuscht, ein Gefühl bei der Lektüre alter Tagebücher, das ich praktisch 1:1 malen könnte. Es ist das Schicksal alter Tagebücher, total peinlich zu sein. Ich frage mich zwar, ob Anais Nin das auch fand, aber wenn ich ihre Tagebücher lese, habe ich immer das Gefühl dass sie sich sehr ernst nahm. Das tut Heidi Julavits nicht. Sie beschliesst, noch einmal Tagebuch zu führen und zu sehen, was diesmal dabei heraus kommt.
Sie hat Humor, und eine Art, ihre Sachen zu formulieren, die ich in dieser präzisen Eleganz eigentlich nur von amerikanischen Autorinnen kenne. Geschliffene Prosa - diesen Ausdruck las ich mal irgendwo und er passt zu diesem Buch. Ich denke aber auch immer, dass eine bestimmte Persönlichkeit dazu gehört, so zu schreiben, Art Persönlichkeit, die ich auch eher unter meinen amerikanischen Freundinnen finde, als unter den europäischen: selbstbewusst, humorvoll, selbstironisch, ehrlich bis zum Abwinken, mit einem glasklaren Blick auf jede Situation, ihre Protagonisten und Umgebung und der sprachlichen Kompetenz, das Wesentliche sehr unterhaltsam zu formulieren. Nicht weinerlich. Nicht selbstgerecht. Nicht melancholisch.

Auch Julavits Mann ist Schriftsteller und im Verlauf der zwei Jahre, von denen dieses sozusagen gefaltete Tagebuch handelt, sind sie auch für einen längeren Aufenthalt in Berlin Wannsee. Zu ihrem Programm gehört die Besichtigung des Hauses der Wannsee Konferenz. Auf dem Weg dorthin bekommt sie plötzlich sehr schlechte Laune, ein Phänomen, das ich ürbigens kenne. Sie kommentiert den Moment folgendermaßen: "To get to the Conference House my husband and I biked past rowing clubs and yacht clubs and minischlosses, and along the way my mood started to tighten. I could not entirely blame Hitler. This just happens on some days, even when mass murder tourism isn't on the date docket. ... I saw my husband biking ahead of me and decided, because I had no better explanation, that he was somehow to blame for the alienation I'd been vaguely sensing all day and that had finally coalesced into the more solid (and paranoid) beginnings of a depression. By plain virtue of the fact that he existed and he loved me, he was at fault." Diese Art, Dinge zu beschreiben, ohne sich selbst als perfekt und fehlerfrei darzustellen, ist recht selten. Oft verstecken sich Schrifsteller doch hinter einer beeindruckenden, intellektuellen Persona. Vielleicht ist diese down to earth, humorvolle und ehrliche Weise, uns in diesem Tagebuch an ihrem Leben teilnehmen zu lassen, ja auch eine Persona. Aber wenn es so ist, mag ich die Persona. Das Tagebuch zeigt eine Frau, die ich sofort kennen lernen möchte. Im obigen Eintrag kommt sie dann sehr schnell auf den Punkt, dass ihre schlechte Laune damit zusammenhängt, dass sie in Berlin lediglich als Anhängsel ihres Mannes ist. Kein Mensch interessiert sich für ihre Schriftstellerei. Sie ist einfach die Ehefrau.

In allen Einträgen schildert sie irgendein Ereignis des Tages und macht daraus einen runden, einen witzigen, einen zum Nachdenken anregenden Text, eine tägliche Meditation zu irgendeinem Thema: Freundschaft, Liebe, Schreiben, Klatsch und Tratsch, Treue, Namen für Neugeborene, das Haus der Wannsee Konferenz und die eigene Rolle als Ehefrau-Anhängsel. Damit gibt sie uns eine Sammlung von Texten über das Menschsein heute. Ich lese sie abends im Bett und sie sind wie mein persönliches Betthupferl. Ich möchte, das hatte ich schon erwähnt, nicht dass dieses Buch je endet.

Wenn ich nicht schon Tagebuch schreiben würde, seitdem ich denken kann, würde dieses Buch mich vermutlich dazu motiviert haben, mir sofort ein leeres Notizheft zu besorgen und damit zu beginnen.
Ich empfehle es jedem, der Englisch liest. Auf eine deutsche Veröffentlichung zu warten, ist, vermute ich, eine langwierigere Angelegenheit. Soweit ich weiß, ist keines von Julavits vorhergehenden Büchern hier erschienen.
Wenn Ihr nicht englisch lest, tut es mir total leid. Also, dass Ihr dieses Buch erstmal nicht lesen könnt. Ich werde weiter einen bis drei (höchstens!) Einträge pro Tag lesen, damit ich noch ein bisschen was von diesem herrlichen Buch habe.

Hier noch eine tolle Besprechung aus der New York Times

Nachtrag vom 5.12.2016: Durch Zufall (nein, ähem, durch Facebook) erfuhr ich heute, dass es dieses Buch tatsächlich seit dem 23. September auch auf Deutsch gibt. Es heißt dort Dem Leben auf der Spur und ist im Schweizer Atrium Verlag erschienen!!  Dessen Seite kann ich leider gerade nicht öffnen.

© Susanne Becker