Berlin

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Mittwoch, 30. März 2016

Buch der Woche - Ruth Schweikert, Ohio

Ohio"Aber wie und womit hat es angefangen", hatte Merete gesagt, und ihre Stimme war plötzlich weich geworden dunkel wie früher manchmal. Ihre Lippen waren ausgetrocknet, der linke Mundwinkel hatte sich entzündet, und Andreas dachte daran, wie sie am Anfang ihrer Liebe einander gefüttert hatten...."

Ich lese gerade Ruth Schweikerts Ohio und gehe in den vielen verschiedenen Perspektiven, den verschiedenen Personen, Geschichten, Einzelteilen und Zeitebenen zuweilen verloren, die alle diese Frage beantworten wollen : Aber wie und womit hat es angefangen? Wo war der Anfang des Endes unserer Beziehung? Um dies zu beantworten, geht die Autorin weit zurück in die Vergangenheit, in einzelne Familiengeschichten, die alle angerissen und erst viele Seiten später weiter erzählt werden.

Gerade noch bin ich mit Merete und Andreas, einem Paar aus Zürich, in einem Hotelzimmer in Durban, es muss in etwa das Jahr 2005 sein, und nur einige Seiten später, befinde ich mich im Oberengadin, es ist das Jahr 1920 und die Protagonisten heißen Amalia und Roberto. Wieder ein paar Seiten weiter und ich bin auf der Flucht aus Breslau, mit Margarete, Almut und ihrer Mutter. Zwischen diesen Zeitebenen und einigen weiteren springt das Buch recht schnell hin und her. Manche Abschnitte dauern nur zwei Seiten, so dass mir beim Lesen fast schwindlig wird.

Es ist eigentlich nicht meine Art, in Büchern die Orientierung zu verlieren. Es stört mich auch nicht, wenn Bücher kompliziert strukturiert und vielschichtig sind. Deshalb schiebe ich es dem Buch unter, dass ich mich nicht zurecht finde. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Buch, das auf mich unnötig kompliziert und konstruiert wirkt. Es ist verwirrend. Immer, wenn ich gerade denke, ich habe den roten Faden, hört der Absatz wieder auf und es beginnt ein neuer, der sich um eine völlig andere Person dreht, in einer völlig anderen Zeit spielt und mir das Gefühl gibt, nicht mehr zu wissen, was ich da lese. Was will die Autorin mir, ihrer Leserin, sagen?
Ich spüre deutlich, dass das Buch eigentlich gut sein könnte und ich frage mich, ob es das erste Buch der Autorin ist, und ob diese damals noch nicht das Handwerk des Entwerfens und Schreibens einer den Leser quasi an die Hand nehmenden Geschichte beherrschte. Vielleicht ist das auch zuviel verlangt. An die Hand genommen werden möchte ich gar nicht. Aber ich möchte nicht mit so kleinen Happen abgefertigt werden, Appetithäppchen sozusagen, während ich eine Geschichte erzählt bekomme. Ich möchte eintauchen und alles um mich herum vergessen können, anstatt alle zwei Seiten aufzuschrecken, weil ich wieder woanders bin und nicht weiß, wo.
Es gibt Momente, da frage ich mich, warum das Buch überhaupt veröffentlicht wurde. Nein, nicht weil es so schlecht wäre. Das ist es wirklich nicht. Die Idee, dass eine Beziehung nicht funktioniert, weil sie in einem geschichtlichen Raum stattfindet, in dem auch die Vergangenheit eine glasklare Wirkung hat, so wie wir alle auf dem Boden dessen wandeln, was vor uns war, das gefällt mir. Mir gefällt auch die Sprache. Kühl und präzise. Dennoch finde ich die Umsetzung letztendlich zu dünn. Wenn schon die Vergangenheit eine so wichtige Rolle spielt, dann möchte ich mehr darüber wissen, nicht nur Bruchstücke, die manchmal ins klischeehafte abrutschen.

In einer Rezension lese ich, dies wäre das zweite Buch der Autorin, in einer anderen, es wäre das dritte. War es erfolgreich? Ich musste es über das verschachtelte Beziehungsnetzwerk meiner Buchhandlung bestellen, denn es ist vergriffen. Ursprünglich im Amman Verlag erschienen, habe ich die Taschenbuchausgabe des Fischer Verlags in Händen, von 2015. 
Dank Wikipedia sehe ich, dass auch andere die Unübersichtlichkeit schon bemerkt haben, sie aber vielleicht nicht so störend finden wie ich: „Ihre Freude am Erzählen äussert sich nicht im Wesentlichen durch den Inhalt, sondern in der sprachlichen Präzision und im formalen, oft zuerst unübersichtlichen Aufbau der Texte.“ Okay, hier wird von "zuerst unübersichtlich" gesprochen. Es schürt meine Hoffnung, dass ich am Ende ein Gesamtbild sehen werde, von dem ich während des Lesens die Puzzlesteine, einen nach dem anderen, präsentiert bekomme. Es schürt die Hoffnung, das Gesamtbild könne so großartig sein, dass am Ende ein für mich doch noch befriedigendes Leseerlebnis heraus kommen könnte.

Ich mag eigentlich die Geschichte, dass ein Paar nach neun Jahren und zwei gemeinsamen Kindern an ein Ende gelangt ist, von wo es irgendwie kein wirkliches Zurück aber auch kein Weiter gibt. Ich finde, das reicht als Geschichte. Ich brauche da gar nicht diesen ganzen Unterbau von hundert Jahren. Das Hier und Jetzt und wie das Paar am Ende ist, daraus kann man viel, wenn nicht alles machen. Aber bei Schweikert kommen dann noch die Rückblenden zu den Eltern des Paares, deren Geschichten, Geheimnisse, Verstrickungen, und die Tatsache, dass die Frau ein Findelkind ist und über ihre Eltern gar nichts weiß, und dass dann noch einer der Söhne des Paares einen schweren Unfall erleidet, und man ewig nicht erfährt, was denn nun ist mit ihm, und der Unfalltod einer Freundin, was alles eine Überfrachtung des kleinen Büchleins erzeugt. Da fehlt mir persönlich die Konzentration aufs Wesentliche. 
Ich muss daran denken, wie einmal ein Lektor zu meinem Schwänemanuskript sagte: „Ach, nein, das möchte man als Leser jetzt aber nicht, dass ihr auch noch das Kind stirbt. Das ist einfach zu viel an Unglück. So viel Mitleid hat man dann nicht mehr übrig.“ So ein bisschen gehts mir auch, nur ohne Mitleid, denn das fordert die Schweikert auch gar nicht ein. Bei jedem neuen Namen denke ich: "Och nö, jetzt wäre ich einfach mal gerne fünf Seiten lang konzentriert bei Merete geblieben. Wer ist denn jetzt schon wieder dieser Alejandro?"
Nein, vermutlich mag ich das Buch nicht. Obwohl ich es unbedingt mögen wollte. Und noch habe ich kaum die Hälfte gelesen. Da ist also noch Hoffnung. Denn die Autorin ist mir sympathisch. Ich möchte von ihr das neue Buch „Wie wir älter werden“, unbedingt lesen, egal, welches Urteil letztendlich über Ohio fallen wird. 

Kennt ihr dieses sonderbare Gefühl, wenn man ein Buch beginnt mit der absoluten Gewissheit, es zu lieben, und dann merkt man schon nach ein paar Seiten, dass es nicht so ist und man fällt in eine Art Loch? Ich werde das Buch dennoch zuende lesen. Weil meine Gefühle zwiespältig sind und ich immer noch bereit bin, das Ruder meiner Einschätzung herum zu reißen, wenn das Gesamtbild mich am Ende überzeugt. Wenn möglicherweise am Ende die Frage des Anfangs beantwortet werden kann, wenn auch ihre stilistische Wahl, nicht an einer Stelle in die Tiefe zu tauchen, sondern nicht weit von der Oberfläche entfernt ein sehr weites Terrain erzählerisch abzudecken, sich als die richtige erwiesen haben sollte.

© Susanne Becker



Donnerstag, 24. März 2016

Buch der Woche - Juli Zeh, Treideln


"Ja, die Liste ist beeindruckend. Am beeindruckendsten ist vielleicht die Tatsache, dass es bei uns soviele staatstragende Schriftsteller gibt, dass seit 1959 jedes Semester einer die Poetikvorlesung abhalten kann und bis in alle Zukunft wird abhalten können, ohne dass uns jemals die Schriftsteller ausgehen werden. Irgendwo muss es eine geheime unterirdische Schriftstellerfabrik geben, in der ständig neue Schriftstellermodelle vom Band laufen, mit serienmäßig eingebauter Poetikfähigkeit und literarischer Bedeutsamkeitsgrantie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag."



CoverWer mir auf Twitter oder Facebook folgt, kennt bereits die Geschichte, dass ich heute vor einem Bioladen vom Fahrrad stieg und von einem wildfremden Mann angesprochen wurde "Sind Sie Juli Zeh?" Als ich antwortete: "Nein!" sah er mich konsterniert an und meinte: "Sind Sie sicher?" Ich glaube, er dachte, ich wolle unbedingt inkognito bleiben, aber ihm, hallo, sollte ich schon die Wahrheit sagen. "Kommen Sie, Sie sind es, oder?"
Ich: "Nein, wirklich nicht. Aber ich lese gerade ein Buch von ihr, ist das nicht lustig?"
Er entfernte sich kopfschüttelnd und meinte: "Das ist wirklich komisch. Ich könnte schwören, dass Sie Frau Zeh sind. Sie sehen genauso aus!"

Das hat einige witzige Aspekte. Der erste ist, dass ich überhaupt nicht wie Juli Zeh aussehe und vermutlich auch mindestens zwölf Jahre älter bin als sie (was, zugegeben, für meine Hautpflegeprodukte sprechen könnte, aber auch für den Grad der Verwirrtheit dieses reizenden Menschen, der dann zwar von mir abließ, aber mit jeder Geste deutlich machte, wie schade er es fand, dass ich meine wahre Identität vor ihm nicht preisgeben wollte.
Der andere witzige Aspekt ist, dass ich tatsächlich gerade ein Buch von ihr lese, "Treideln", in welchem sie unter anderem berichtet, dass sie sich selbst auf Photos so unähnlich sieht, dass sie bei Lesungen immer wieder am Eingang scheitert, weil sie keine Eintrittskarte hat, und man sie nicht als die Autorin erkennt.

Treideln ist das Buch, das aus ihrer Frankfurter Poetikvorlesung aus dem Sommersemester 2013 entstanden ist. Die Poetikdozentur gibt es seit 1959. SchriftstellerInnen wie Ingeborg Bachmann, Navid Kermani, Herta Müller, Heinrich Böll, Terézia Mora (deren Nicht sterben daraus entstand und zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört!) haben den Lehrstuhl innegehabt und immer geht es, irgendwie, um die Poetik des jeweiligen Autors.
Juli Zehs Vorlesung hebt sich vielleicht insofern von allen anderen ab, als sie weder sich selbst, noch diese Dozentur, noch Poetik an und für sich wirklich ernst nimmt. An Poetik, also die Möglichkeit eines Autors, zu erklären, was er da warum in seinen Büchern gemacht hat, glaubt Zeh schlichtweg nicht. "Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden. Erst war die Poetikvorlesung, dann die Poetik. Poetikvorlesungen besitzen den Glaubwürdigkeitsgehalt einer Teleshopping-Präsentation."
Daher ist das Buch sehr witzig zu lesen. Oft muss ich lachen, freue mich an ihren frechen Angriffen auf die oftmals sich selbst so abartig wichtig nehmende Welt der Literatur. Ich mag viele ihrer anderen Bücher und finde in Treideln wieder eine Seite, die ich immer an ihr mochte: frech, wortgewandt, superschnell im Hirn und eben witzig.
Grundsätzlich kann ich nicht genug bekommen von Büchern über das Schreiben, weshalb ich mir auch vorgenommen habe, ab jetzt so peu à peu alle erhältlichen Poetikvorlesungen zu verschlingen. Als nächstes wohl die von Kermani, denke ich.
Der Alltag der Schriftsteller interessiert mich genauso wie die Art, wie Geschichten zu ihnen kommen, wie sie sie einfangen und in Worte pressen, wie sie es sich selbst abringen, dieses stundenlange Alleinsein an einem Schreibtisch mit leeren Seiten und ungeordneten Worten. Poetik ist für mich schon genau das, was Juli Zeh letztendlich auch anbietet: Ein Einblick in die dem Werk zugrunde liegenden Prozesse, Gedanken und Arbeitsabläufe. Das ist vielschichtig und geht vom Strukturieren des Arbeitsalltags samt Altpapierbeseitigung bis zum Konzipieren eines Romans, der Rohfassung, dem Lektorieren derselben etc. pp. Poetik ist für mich unendlich füllbar.

In Treideln erfahren wir von ihrem Alltag genausoviel, wie von dem Prozess, mit dem sie beispielhaft einen Roman entwickeln würde, der in diesem Fall um den Protagonisten Treidel, einen Schriftsteller kreist.
Die Form ist eine lockere Briefsammlung, die sie an die Goethe-Universität "herzlichen Dank für die Einladung zur Frankfurter Poetikvorlesung. Ich fühle mich sehr geehrt. Trotzdem muss ich leider absagen." Freunde, ihren Mann, aber auch die Abfallberatung des Landkreises Mittelbrandenburg schreibt: "Papier stellt einen Wertstoff dar. Deshalb kostet die Entsorgung nichts. Daraus ergibt sich für mich eine einfache Frage: Warum zum Teufel wollen Sie mir keine zweite blaue Tonne geben?"
Das Buch enthält Erzählungen von Lesereisen, Auseinandersetzungen mit der Steuerberaterin darüber, was abgesetzt werden kann und was nicht und warum nicht, und wie vielleicht doch, und dazwischen immer wieder lange lange Strecken, in denen der Roman über den Schriftsteller Treidel weiter gesponnen wird.
Das Buch zeigt die Geworfenheit eines Autors in sein Werk und seinen Alltag, dass er all das genausowenig unter Kontrolle hat wie die Steuerberaterin oder wir, auch wenn großartige Werke zumindest mir manchmal suggerieren, dahinter stünde jemand, der das Leben voll durchschaut und im Griff habe. Die Zufälligkeit, wenn ein gutes Werk oder überhaupt ein Werk, entsteht, auch die Disziplin und harte Arbeit, die dazu gehören. Es ist uneitel und leicht und macht riesigen Spaß zu lesen.
Ach, sie netter Mann vor dem Bioladen heute, Sie wissen gar nicht, wie stolz ich bin, dass Sie mich mit Juli Zeh verwechselt haben. Danke. You made my day!

Das Buch ist übrigens beim tollen Schöffling&Co Verlag erschienen!

© Susanne Becker

Freitag, 18. März 2016

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre Lieblingsbücher vor (17)

Die Kreuzberger Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 

Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 
Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist, und dass sie jetzt auch bei Facebook sind? 


Liebe Susanne, 
was ich gelesen habe:

deborah feldman, unorthodox  Secession Verlag, 22 Euro
eine autobiografie einer ultraorthodoxen jüdin aus new york/brooklyn/williamsburg. sie beschreibt sehr wertfrei ihre strenge kindheit, jugend, heirat usw. schon in jüngsten jahren stellt sie alles in frage, schleicht sich heimlich in bibliotheken (lesen ist verboten, fernsehen ist verboten, musik hören ist verboten, singen ist den frauen verboten uvm.), macht heimliche u-bahnfahrten nach manhattan. mit 23 jahren verlässt sie mit ihrem sohn die strenge gemeinde. heute lebt sie in berlin neukölln.
faszinierende geschichte!

rasha khayat, weil wir längst woanders sind Dumont, 19,99 Euro
die deutsch arabische schriftstellerin erzählt aus sicht eines bruders die geschichte zweier geschwister, die ihre ersten sieben, bzw.neun lebensjahre glücklich in saudiarabien mit einem saudischen vater und einer deutschen mutter aufwachsen.
jeden sommer verbringt die familie bei den deutschen großeltern, bis zu dem sommer, wo sie nicht mehr nach saudiarabien zurückkehren. für die geschwister ein verstörender entschluss, der ihr leben grundlegend verändert. ein teil der geschichte erzählt die vergangenheit, der andere teil spielt erneut in saudiarabien, da die schwester aus dem hamburger kiezleben in ihr "heimatland" zurückgekehrt ist, um endlich der ewigen konfrontation der doppelnationalität zu enfliehen...
einfühlsam erzählte geschichte von identität, freundschaft und geschwisterliebe. schön!

mehrnousch zaeri-esfahani, das mondmädchen knesebeck verlag, 14,95 Euro
auch hier beginnt die geschichte in einer glücklichen, behüteten kindheit aus sicht eines mädchens, die innig mit ihrem bruder verbunden ist, unendlich viel zeit im rosengarten verbringt, mit katzen sprechen kann, bis zu dem zeitpunkt, wo eine "böse machthaberin" die familie aus ihrem paradies vertreibt...
eine zarte poetische kindergeschichte um das thema diktatur und flucht. schön und traurig.
liebe grüße katja 

bis 18.30 uhr bestellt am nächsten morgen da!

mo --fr 9.30 uhr - 19.00 uhr

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Donnerstag, 17. März 2016

Buch der Woche - Jhumpa Lahiri, Das Tiefland

Den Roman Das Tiefland von Jhumpa Lahiri hatte ich schon seit über einem Jahr neben meinem Bett liegen. Die ersten Seiten las ich im Dezember, nur um mich dann durch Weihnachtsgeschenke und den restlichen Stapel neben meinem Bett immer wieder ablenken zu lassen.
Aber in der vergangenen Woche konnte ich dem Buch nicht länger aus dem Weg gehen.
Die Geschichte der beiden in Kalkutta aufwachsenden Brüder Udayan und Subhash entwickelte plötzlich einen Sog und ich wollte mehr erfahren über sie und ihre Geschichte.
Subhash ist um zwei Jahre älter, auch ist er vernünftiger, hält sich an die Verbote der Eltern. Udayan ist wild und voller Energie und liebt es, Risiken einzugehen, er scheint beinahe mit der Gefahr zu flirten. Subhash muss dann mit, denn die beiden sind praktisch unzertrennlich, fast wie Zwillinge.
Als die beiden die Schule abgeschlossen haben, beginnen sie zu studieren. Dabei kommt Udayan immer mehr in Kontakt mit einer maoistischen Studentenbewegung, den Naxaliten, die sehr radikal sind. Subhash hingegen entwickelt großen Ehrgeiz bezüglich seines Studiums und bewirbt sich für einen Aufenthalt in den USA. So trennen sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben.
Subhash lebt in Rhode Island, Udayan in Kalkutta, wo er Gauri kennenlernt, die Schwester eines Studienfreundes, eine Philosophiestudentin, die voller Leidenschaft für ihr Fach ist. Die beiden verlieben sich und heiraten ohne Einverständnis der Familien. Dennoch nehmen Udayans Eltern sie, wie es Brauch ist, in ihrem Hause auf. Währenddessen studiert Subahsh weiter. Ab und zu erhält er Briefe von Udayan, in denen dieser aus seinem Alltag, ganz unspektakulär, berichtet. Er wundert sich ein wenig, und fragt sich, wo das politische Engagement seines Bruders geblieben ist, ob er durch die Ehe zahm geworden sein könnte, anstatt weiterhin von einer Revolution zu träumen. Ganz kann er daran aber nicht glauben. Es gibt Momente, da taucht in ihm die Frage auf, ob all diese Briefe gelogen sind, eine Art Tarnung. Ob dahinter der Revolutionär gefährlich aktiv sein könnte. Immer wieder fragt Udayan ihn, wann er nach Kalkutta zurück kommt. Aber Subahsh spürt in sich keinen Wunsch danach. Er fühlt sich wohl in Amerika. Eines Tages aber erhält er ein Telegramm seiner Eltern, dessen Inhalt ihn umgehend nachhause zurück ruft.

Dies ist ein Buch darüber, wie die Entscheidung eines Einzelnen die Leben vieler Menschen für immer vollkommen verändert.
Das Buch ist meisterlich geschrieben - eine groß angelegte Geschichte über circa sechzig Jahre und zwei Kontinente hinweg, dreht sie sich immer wieder abwechselnd um die Hauptpersonen und schildert die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Dadurch setzt sich, wie bei einem dreidimensionalen Puzzle, ein Gesamtbild zusammen, das mich am Ende so angefüllt zurück ließ, dass ich jetzt gar nicht weiß. welches Buch ich als nächstes anfangen könnte. Ich hatte das schon lange nicht mehr, dass ich nach einem Buch nicht sofort das nächste beginnen konnte. Aber diesmal ist es so. Gauri, Subhash und Udayan sind noch so lebendig in mir, in einem beglückenden Sinn, dass ich sie nicht sogleich mit neuen Protagonisten ersetzen mag. Ich möchte noch eine Weile ungestört mit ihnen verbringen.

Jhumpa Lahiri ist eine amerikanische Schriftstellerin indischer Abstammung.  Sie hat unter anderem den Pulitzer Preis gewonnen. Das Tiefland war auf der Shortlist für den Man Booker Prize.

© Susanne Becker

Mittwoch, 16. März 2016

Common Ground - Theater im Maxim Gorki

Vor zwei Tagen war ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit noch einmal in einem Theater. Meine Freundin hatte eine Karte übrig, und fragte, ob ich mit ihr das Stück Common Ground anschauen wolle, im Maxim Gorki. Ich fragte: Ist es gut? Sie schaute mich, das tut sie übrigens recht häufig, an, als hätte ich eine Klatsche und wäre generell aus der Familie der vollkommen Ahnungslosen, und sagte: Ist es gut? Ist es gut? Es ist phantastisch!!!!!
Ich: Muss man als Zuschauer irgendwann auf die Bühne oder sonstwie proaktiv mit machen? - weil ich ihr das einfach zutrauen würde, dass sie mich in sowas schleppt.
Sie: Ja, aber nur nackt und nur, wenn man über 50 und weiblich ist.
Ich: Haha, o.k., ich komme mit!

Fünf Ex-Jugoslawen (zwei Bosnierinnen, drei Serben), eine Israelin, ein Deutscher, der blau weiße Badelatschen trägt, was total witzig ist, auch wenn es sich wie ein Klischee anhören könnte, ist es einfach so, dass Niels (so sein Name) keine anderen Schuhe tragen sollte, ohne jede Glaubwürdigkeit als Deutscher einzubüßen. Dass er zum Schluss andeutet, der verschwundene Vater von Jasmina könne eventuell von Aliens abtransportiert worden sein, rundet das Bild ab. "Sie sind noch nicht reif für diese Sicht der Dinge."
Die Jugoslawen kommen aus verschiedenen Gegenden Ex-Jugoslawiens, vier sind als Kinder vor dem Krieg nach Deutschland geflohen, die fünfte, Vernesa, war damals schon Anfang 20. Jeder der fünf lebt mittlerweile in Berlin, ist sozusagen integriert,  hat eine eigene Geschichte. Jede Geschichte ist mit dem vergangenen Krieg aufs engste verknüpft. Wie kann man einen gemeinsamen Boden finden, wenn dein Vater möglicherweise am Mord meines Vaters beteiligt gewesen sein könnte? Wie kann man Frieden finden, wenn zig Frauen, die du kennst, möglicherweise auch du selbst, du sagst es aber nicht, massenweise vergewaltigt worden sind, als Mittel der Kriegsführung. Wie kann angesichts grenzenloser Grausamkeit Leben weiter gehen. Kann es weiter gehen?

Yael Ronen, die israelische Regisseurin, bringt diese Schauspieler zusammen auf die Bühne, wo sie, wie in einem sicheren Raum, ihre Vergangenheiten, ihre Gefühle erkunden. Dabei ist die Israelische Schauspielerin Orit (eine Art Alter Ego der Regisseurin). Sie fungiert wie eine Gruppentherapeutin/Regisseurin, die den Prozess der Suche nach einer gemeinsamen Basis begleitet, dabei aber nie aus ihrer eigenen Befindlichkeit als Israelin heraus kommt. Denn, wie sie es selbst so schön am Anfang sagt: Wenn man Israelin ist, glaubt einem jeder, dass man sich mit Konflikten auskennt. Daraus habe ich eine Geschäftsidee entwickelt.
Der Deutsche Niels ist ebenfalls mit von der Partie, als Vertreter des Landes, in dem sich die Begegnung abspielt, aber auch, hey, weil da endlich mal KZs auf europäischem Boden waren und wir Deutschen haben sie nicht gebaut.  Danke! Niels bringt solche Sprüche (zu Orit: wieso sprichst Du Englisch, wenn Du hier was machen willst, lern erstmal Deutsch), aber auch eine Perspektive in das weit offene, emotionale Stück, die jedem, aber vor allem auch dem Publikum, dem sehr viel gezeigt (ja, vermutlich auch zugemutet wird, denn mit steifer Verschlossenheit sitzt man ganz schön verkrampft im Theaterraum, während, wenn man es schafft, sich den ganzen Emotionen zu öffnen, man den Saal wie nach einer Art Katharsis verlässt), also Niels bringt mit seinen teils egomanischen, teils unangebrachten, teils hilflosen Kommentaren, zum einen uns, das deutsche Publikum auf die Bühne, zum anderen hilft es einem immer wieder, sich aus dem emotionalen Knoten frei zu lachen. Schwarzer Humor ist anwesend. Ich lese, dass die Regisseuring Yael Ronen unter anderem dafür bekannt ist und nehme mir vor, ab jetzt alle ihre Stücke zu schauen. Ich bin jetzt ihr neuer Fan. Ich bin eigentlich ab der ersten Minute des Stücks auch ein neugeborener Theaterfan. Bei diesem Ensemble, ganz ehrlich, hätte man mich sogar auf die Bühne schleifen können, ich hätts gut gefunden
Ich glaube, Niels ist noch aus einem anderen Grund auf der Bühne: Weil es nämlich bei diesem Stück auch darum geht, welchen gemeinsam Grund wir Deutschen mit all jenen haben, die vorm Krieg aus ihrem Land in unser Land fliehen, traumatisiert hier ankommen, während wir, die Generation Niels', unser nationales Trauma schon ziemlich weit hinter uns lassen durften.
Das Theaterstück als eine Art Gruppentherapieprozess, um den gemeinsamen Grund zu finden, auf dem die fünf Jugoslawen stehen, auch den gemeinsamen Grund, auf dem wir entweder alle stehen, alle Menschen, oder den wir gerade unter den Füßen verlieren. Im Angesicht der Flüchtlingskrise ist ein Stück über Menschen, die vor zwanzig Jahren hierher geflohen sind, vor einem Krieg, der ihr Land zerstört hat, die immer noch an der Vergangenheit, vor der sie als Kinder fliehen mussten, fast unerträglich aktuell leiden, kaum auszuhalten. Immer wieder ging es mir so, dass ich dachte: In zwanzig Jahren schauen wir dann wieder ein Stück und das handelt von den Syrern, oder was? Von denen, die es noch rein geschafft haben ins sichere Europa und von denen, die jetzt draußen stehen und verrecken?
Beim Zuhören der Kindergeschichten der beiden Mädchen Jasmina und Mateja, die mir einen Kloß in den Hals trieben, musste ich immer wieder an all die Kinder denken, die jetzt zum Beispiel im Schlamm von Idomeni spielen. Heute las ich irgendwo, dass 306tausend syrische Kinder bislang als Flüchtlinge geboren wurden.

Der Balkankrieg wurde auf die Bühne gebracht, für mich war er von Anfang an exemplarisch. Auch und natürlich gerade für mich als Deutsche.
Vernesa, die es noch sehr lange in Sarajevo gehalten hatte, hatte sich dann doch zur Flucht entschieden. An einem Checkpoint wurde sie festgehalten. Sie konnte aufgrund der Uniformen nicht erkennen, von welcher Seite die sie befragenden Soldaten waren und was also die richtige Antwort auf die Frage: Was bist du? war. Sie hatte dann einen Geistesblitz und sagte: Ich bin Jüdin.
Sie wurde anstandslos durchgewunken und kommentierte dies mit den Worten: "Das war vermutlich das einzige Mal im Europa des 20. Jahrhunderts, dass die Tatsache, dass jemand gesagt hat, sie sei Jüdin, ihr das Leben gerettet hat."
Kann es nach Massenvergewaltigungen, nach Massenmorden, noch so etwas wie Versöhnung, wie Freundschaft, wie Liebe geben? Was ist der gemeinsame Grund, auf dem man steht? Der einen trägt?

Die Theatergruppe unternimmt eine gemeinsame Reise nach Bosnien. Diese Reise hat, davon gehe ich aus, tatsächlich stattgefunden. Während des ganzen Stücks, die "Darstellung" war so authentisch, ging ich auch davon aus, die wahren Geschichten der Protagonisten zu erleben. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob wirklich alles autobiografisch im strengen Sinne war. Aber das ist ja auch egal. Manche Geschichten hat man in sich, ohne sie selbst ganz genau so erlebt zu haben.
Es werden Bilder an die Rückwand der Bühne geworfen von dieser Reise.
Die Schilderung dieser Reise füllt die zweite Hälfte des Theaterstücks. Sie besuchen das ehemalige KZ, in welchem Matejas Vater gearbeitet hat, in welchem vermutlich Jasminas Vater "verschwunden" ist. Es befindet sich auf dem Gebiet der Republika Srpska, einer mehrheitlich serbisch bewohnten Enklave im heutigen Bosnien-Herzegowina. Es gibt keinen Gedenkstein für das KZ, aber für die serbischen Helden. Im ehemaligen Foltergebäude des KZs ist wieder, wie vor dem Krieg, eine Schule untergebracht.
Sie besuchen gemeinsam Sarajevo und wohnen im berühmten Holiday Inn. In Sarajevo bringt Vernesa sie mit einer Frau zusammen, die Insassin eines Vergewaltigungslagers war (gibt es dieses Wort eigentlich?) und die ihr Leben damit verbringt, die Verbrechen, die an den Frauen geschehen sind, öffentlich zu machen. Sie hat gegen einen ihrer Vergewaltiger beim UN-Kriegsverbrechtertribunal in Den Haag ausgesagt. Die Stelle, wo im Hintergrund immer nur der Mund dieser ketterauchenden Frau auf einem Film zu sehen ist und Vernesa und die anderen, vor allem der Serbe Dejan, erzählen, was sie sagte, und wie es für ihn gewesen ist, dass er alles übersetzen musste, da bleibt einem auch als Zuschauer der Atem stehen und nach einer Weile merke ich, dass mir meine Hände weh tun, weil ich sie im Schoß total verkrampft ineinander verknotet habe.
Der Serbe Alexander schließlich, der kurz vor der Abreise, endlich, möchte man sagen, ausrastet, der bis dahin seine so offensichtlich angestauten, tiefdunklen Gefühle über die Bühne und bis in den Zuschauerraum hinein verströmte, brüllt uns entgegen, wie es ist, ein Serbe zu sein, immer schuldig, immer das Schwein, aber in Sicherheit, während die UN-Truppen deine Familie in Serbien zerbomben, am studieren, während deine Familie zerbombt wird, am einkaufen während deine Familie zerbombt wird, im Urlaub während deine Familie zerbombt wird, und du darfst deswegen noch nicht mal entrüstet sein, dass sie zerbombt werden, weil sie die Bösen sind. An irgendeiner Stelle sagt er, wie gerne er ein Opfer wäre, nicht auf der Seite der Täter stünde, damit er legitime Gefühle haben kann. Das ist ein Ressentiment, das ich als Deutsche sehr gut nachempfinden kann.

Das Stück jagt die Darsteller und die Zuschauer durch einen emotionalen Marathon. Beim Schlussapplaus ist man glücklich. Man hat das Gefühl, dem Menschsein nahe gekommen zu sein, eine Katharsis nicht nur mit erlebt, sondern auch irgendwie erfahren zu haben. Man hat tatsächlich das Gefühl, irgendwie durch den Mut des Ensembles und durch die Größe des Stücks den Common Ground betreten zu haben. Man hat gespürt, wie beflügelnd er ist, dieser gemeinsame Boden. Das war so ein Moment in diesem Theater, wo ich wieder einmal merkte, wie sehr gute Kunst eine Notwendigkeit ist, weil sie uns das Leben zu begreifen hilft.

Dieses Stück war ein wunderbares Erlebnis. Es wird am 14. April noch einmal aufgeführt und ich kann es jedem nur von ganzem Herzen empfehlen.
Vielleicht schaue ich es mir selbst auch noch einmal an.

© Susanne Becker


Donnerstag, 10. März 2016

Buch der Woche - Rebecca Solnit, Wenn Männer mir die Welt erklären

Untitled (Performance documentation)
aus der Serie Pressing Matters von Ana Teresa Fernandez
"Wir wissen so vieles nicht, und wahrheitsgemäß über ein Leben zu schreiben , sei es das eigene, das der eigenen Mutter oder das einer berühmten Person, über ein Ereignis, eine Krise, eine andere Kultur, heißt, sich immer wieder mit diesen Bereichen von Dunkelheit, diesen Nächten der Geschichte, diesen Orten des Nichtwissens auseinanderzusetzen.Sie führen uns vor Augen, dass Wissen seine Grenzen hat..."

Warum haben Frauen /Mädchen auch heute noch so oft ein geringes Selbstwertgefühl? Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, die eigentlich relativ leicht zu beantworten ist.  Das wird mir durch das Buch Wenn Männer mir die Welt erklären von Rebecca Solnit, erschienen im Hoffman & Campe Verlag, wieder sehr schnell auf tröstliche, aber auch schmerzliche Weise bewusst.
"An die Einschränkungen, die die Angst vor Gewalt mit sich bringt, haben sich die meisten Frauen so sehr gewöhnt, dass sie sie kaum noch bemerken - ..."
Es wäre also eher komisch, wenn Frauen und Mädchen ein durchweg gesundes Selbstwertgefühl hätten. Denn dann würden sie doch ein wenig außerhalb der Realität leben. Was vielleicht auch wieder gar nicht soo schlecht wäre. Ich war immer schon eine vehemente Verfechterin rosaroter Brillen.

Frauen leben, und das nicht nur in Staaten, in denen die Taliban regieren, in Verhältnissen, die von einem, abhängig von der Gegend, mehr oder weniger extremen Machtgefälle zugunsten der männlichen Seite gekennzeichnet ist. 
Solnit nennt es ein „Archipel der Arroganz“ und erzählt im ersten ihrer sieben Essays eine Geschichte,  wo ein älterer Mann ihr einen Vortrag über ein neulich erschienenes wichtiges Buch hält, über das er nur in der New York Times gelesen hatte, also das er vom Hörensagen kannte. Er predigte und predigte, sich dabei ganz offensichtlich extrem informiert und überlegen fühlend. Erst langsam, nachdem Rebeccas Freundin mehrfach versucht hatte, ihn zu unterbrechen, kapiert er, dass Rebecca Solnit die Autorin dieses Buch ist, über das er predigt. Das irritiert ihn, aber nur kurz. Dann fährt er mit seiner Predigt fort. 
Männer erklären Frauen die Welt. Auch dann, wenn die betreffende Frau möglicherweise die Expertin auf dem Gebiet ist, über das er predigt. Natürlich ist das witzig. Aber es ist auch ein kleines wenig alarmierend. Weil zigfach Frauen stumm gepredigt werden, von Männern die weniger wissen als sie, und zigfach gehen junge Frauen, derart sozialisiert, in die Welt, denkend, dass sie nicht so klug sind, wie die Männer, die ihnen predigen. Solnit legt dar, inwiefern dieses Verhalten, dieser Ausdruck des Machtgefälles zwischen den Geschlechtern in die gleiche Richtung weist, wie es die Gewalt gegen Frauen tut. Es ist immer die gleiche Grundhaltung, die eine relative Wertlosigkeit des einen, gegenüber einer relativen Überbewertung des anderen Geschlechts, beinhaltet.

Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ macht mich wütend, weil sie Fakten aneinanderreiht, die ich normalerweise verdränge. Fakten über die Gewalt, die weltweit hauptsächlich an Frauen verübt wird, Fakten, die man sich natürlich nicht tagtäglich vor Augen hält, weil man dann wahnsinnig werden würde. Wenn man sie sich aber vor Augen führt, dann fragt man sich schon, wie es sein kann, dass da nicht ein Aufschrei durch die Welt geht und alle vernünftigen Menschen Feministen werden, also richtig wütende Feministen, weil es um eine Frage von Leben und Tod geht.
Die Gewalt gegen Frauen ist kontinuierlich da, eigentlich überall, mehr oder weniger offen. Sie ist der Unterton, so ein Plätschern, das beinahe unter jeder Nachricht zu hören ist, die wir aufnehmen. Vergewaltigungen, Redeverbot, Entführungen, Gewalt, weil man in die Schule gehen möchte, extrem brutale Shitstorms im Netz, Zwangsverheiratungen, Schläge, Verstümmelungen, Mord, Ganzkörperverschleierung, Anmalen der Beine, weil man es wagt, auf der Straße einen Rock zu tragen, Peitschenhiebe, weil man angeblich einen Mann angeschaut hat, Steinigung, weil man vergewaltigt wurde, konservative Gesetzesänderungen, die Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper wieder wegnehmen und und und. Wenn man sich in der Welt so umschaut und sich ans Sammeln von Beispielen macht, braucht man im Grunde keine anderen Hobbies.
Häusliche Gewalt ist die weltweit häufigste Form, von Gewalt, der Frauen ausgeliefert sind (Kinder übrigens auch!). Die Folgekosten dieser Gewalt, las ich kürzlich in einer Wirtschaftszeitung, betragen jährlich ca. 8 Billionen Dollar.
Auf jedes Todesopfer auf einem der Schlachtfelder dieser Welt kommen neun Todesopfer, die durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen sind. Das sind schon ziemlich viele!

Ich lese das Buch von Solnit, und ich habe selten Spaß dabei. Dennoch schafft sie es, all diese schrecklichen Dinge sehr unterhaltsam, an manchen Stellen witzig, sehr gut geschrieben auf den Punkt zu bringen. Ich genieße das Buch, weil sie eine wunderbare Schreiberin und ein extrem kluger Mensch ist. Und sie schafft es, Mut zu machen. Wenn es eine Person wie sie geben kann, die all dies so wunderbar schreibt, dann ist da Hoffnung, dann sind wir nicht verloren.
Nicht alle Essays in dem Buch handeln von Männern, Susan Sontag und Virginia Woolf kommen beispielsweise auch darin vor, und nicht zu vergessen, sehr schöne, sehr berührende Bilder von Ana Teresa Fernandez.
Gerade lese ich den Essay über die Dunkelheit und ihren Wert, und ja, er macht wirklich Spaß. Erinnert er mich doch auch an die Höhen der Schreibkunst einer Annie Dillard, als deren Soulsister ich Rebecca Solnit an manchen Stellen wahrnehme.
Es geht in dem Text, kurz zusammen gefasst, um den Mut, sich ins Unbekannte zu stürzen und darauf zu vertrauen, dass man etwas dort findet, oder dass man gefunden wird. Aus diesem Essay stammt das diesen Text einleitende Zitat.
Ich finde das Buch toll, weil es Feminismus, wütenden Feminismus, so herrlich salonfähig macht, wie er sein sollte. Ich halte es da mit Chimamanda Ngozi Adichie "We should all be Feminists"!

Als ob ich das Thema gerade magisch anziehe, finde ich noch, während ich mich von der Fertigstellung des Textes mit dem Internet ablenke,  im wirklich mehr als empfehlenswerten Onlinemagazin Guernica einen Artikel, ein Interview über ein Frauentreffen, das kürzlich stattgefunden hat, Bodies of Revolution. Sehr lesenswert!

Rebecca Solnit hat noch viele andere Bücher geschrieben. Ich bin durch die Lektüre dieses einen ein wenig süchtig nach ihr geworden und ich werde mir gleich das nächste von ihr besorgen. Es heißt Aus der nahen Ferne und ist ebenfalls bei Hoffmann und Campe erschienen.

Und ja, meine Sicht auf die Welt ist gerade entweder eingeschränkt, oder wegen des Weltfrauentages häufen sich tatsächlich die Texte und Postings zum Thema Feminismus, beim allerletzten Ablenkungsmanöver, bevor ich meinen Text endgültig online stelle und mich mit einem Buch ins Kissen knalle, stolperte ich über einen tollen Text von Margarete Stokowski, einer Autorin für u.a. Taz und Spiegel Online, der ich auf Twitter folge. In dem Text kam der wunderbare Satz "Mindestens die Hälfte der Frauen, die ich kenne, würden sich auch noch entschuldigen, wenn sie von einem Meteoriten getroffen werden." vor, und sie schreibt damit sowas von die verdammte Wahrheit. Mindestens die Hälfte aller Frauen, die ich kenne, täte das auch! Also: Abrundung gelungen: Wir sind wieder beim mangelnden Selbstwertgefühl von Frauen aller Altersstufen gelandet und dem wütenden Feminismus, aber auch bei den Kleinigkeiten, in denen sich das Machtgefälle so zeigt. Hier ist der ganze Text

© Susanne Becker

Donnerstag, 3. März 2016

Buch der Woche - Navid Kermani, Einbruch der Wirklichkeit



Cover des Buches 'Einbruch der Wirklichkeit'"Allerdings muß man sich klarmachen, was geschehen würde oder mancherorts bereits geschieht, wenn man sich zu Härte und Abschottung entschließt. Das eigene Herz würde verhärten und die Offenheit verkümmern, die Europa als Projekt und Folge der Aufklärung ausmacht. Man würde nicht nur vor den Grenzen Europas, sondern unmittelbar an den Grenzen Deutschlands ein gewaltiges Elend sehen, ohne die Hand auszustrecken. Dafür jedoch muß man den Fremden dämonisieren, muß ihm sein Schicksal selbst zuschreiben - seiner Kultuer, Rasse oder Religion -, ihn in Büchern, Medien und schließlich sogar auf Plakatwänden herabsetzen, immer nur das Schlechte an ihm hervorheben und ihn so zum Barbaren machen, um sein Leid nicht an sich heranzulassen."

Manchmal fürchte ich mich regelrecht davor, das Internet zu betreten, das mittlerweile ja auch ein Raum für Auseinandersetzungen geworden  ist, die jedes Niveau vermissen lassen, auch jede Faktizität. Da werden demagogisch und populistisch vor allem Ängste bedient und instrumentalisiert. Manchmal fürchte ich mich auch davor, was ich an Fakten dort und in den Zeitungen und Büchern finde, weil ich mit meinen Gefühlen und meinem Denken so schnell gar nicht hinter der Wirklichkeit herkomme, wie es in den letzten Monaten nötig scheint. Mir einen Standpunkt zu verschaffen, das überfordert mich eigentlich sehr oft. Auch wenn die Seite, auf der ich stehe, für mich völlig klar ist, habe ich doch auch Angst vor den Konsequenzen dieses Standpunkts.
Die Flüchtlingskrise, die seit noch nicht einem Jahr auch in Deutschland angekommen ist, während sie zum Beispiel auf Lampedusa oder Lesbos schon viel länger Realität war, überfordert fast jeden. Die Stimmung, die sich daraufhin in den Netzwerken, aber auch im Leben breit macht, ist ein Verhärten der Fronten, eine Mischung aus Gewalt und Häme, die man bislang vom Hörensagen kannte, die aber jetzt echt ist, einem jeden Tag ins Heim strömt, man muss nur online gehen.
Die Gewalt und Verachtung, die dort verbal zelebriert wird, findet in brennenden Asylbewerberunterkünften und bedrohten Flüchtlingen ihren Niederschlag, aber auch in Drohungen gegen Menschen, die sich für Flüchtlinge oder, beispielsweise, gegen die AfD engagieren, und diese Härte, die sich ausbreitet, verändert uns alle.
Da tut es mir immer wieder gut, einem Autor wie Navid Kermani zu begegnen, dessen kluge Worte sich wie Balsam auf die Seele legen, selbst dann noch, wenn sie Schreckliches beschreiben.
Klug, mutig und besonnen ist dieser Navid Kermani, und obwohl er sich sehr klar auf einer Seite positioniert, derjenigen der Hilfsbedürftigen, die zu uns kommen mit ihrem nackten Leben, ist er doch nie so borniert, nicht auch das Kritische auf der eigenen Seite zu sehen und zu benennen.
Einer der besten deutschen Schriftsteller ist ein muslimischer Mann. Einer der klügsten deutschen Köpfe derzeit ist ein muslimischer Mann. Mehr gibt es zu der Frage, ob der Islam eigentlich mittlerweile zu Deutschland gehört, aus meiner Sicht gar nicht zu sagen.
Navid Kermani, der nicht nur ein begnadetet Schriftsteller, sondern auch ein herausragender Journalist und Reporter ist, macht sich im September 2015, gemeinsam mit dem Magnum-Photographen Moises Saman auf den Weg den Flüchtlingen entgegen und reist die Balkanroute in umgekehrter Richtung entlang. Entstanden ist,außer einer Reportage für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das dünne Büchlein "Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa." in dem er Begegnungen, Beobachtungen und Orte schildert. Budapest, Lesbos, Belgrad, Assos und Izmir in der Türkei. Er begegnet dem absoluten Elend und der absoluten Freude, der Erleichterung, den Engagierten, den Wegschauern und der Erschöpfung und stellt beim Betreten der Fähre von Griechenland in die Türkei fest: "Teilten früher Standeszugehörigkeiten die Menschheit auf, so sind es heute Staatsangehörigkeiten und Aufenthaltsrechte, die Menschen erster, zweiter und dritter Klasse schaffen - schwer für einen heutigen Westeuropäer nachzuempfinden, was Grenzen für den Bürger eines verarmten oder verfemten Staates bedeuten, geschweige denn für einen Staatenlosen oder Flüchtling."
Wie sehr ist meine bundesdeutschen Geburt, die mich vor den allermeisten Menschen dieser Welt privilegiert, ein Produkt des Zufalls, mitnichten ein Verdienst, und es hätte nicht viel dazu gehört, eine kleine Verschiebung in der Zufallskette, und möglicherweise wäre ich in Aleppo geboren.

Kermanis Eindrücke sind stark und intensiv und er schafft es, sie sehr klar zu formulieren, ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger. Er stellt die Sachverhalte, denen er auf seiner Reise begegnet, fest. Da er ein begnadeter Schreiber ist, tut er dies auf eine Weise, die sich so weg liest.
Mehr brauche ich persönlich gar nicht, um mir eine eigene Meinung bilden zu können! Aber es ist soviel mehr, als man an den meisten Tagen zu diesem Thema geboten kriegt.
Ganz große Leseempfehlung! Erschienen ist das Buch übrigens im Verlag C.H.Beck 

 © Susanne Becker



Dienstag, 1. März 2016

Writing a Woman's life - Carolyn Heilbrun

Writing a Woman's Life"We women have lived too much with closure: "If he notices me, if i mary him, if i get into college, if i get this work accepted, if i get the job" - there always seems to loom the possibility of something being over, settled, sweeping clear the way for contentment. this is the delusion of a passive life."


Carolyn Gold Heilbrun.jpg
Carolyn Gold Heilbrun
This is the second time, I have been reading Writing a Woman's life by Carolyn Heilbrun and again I thoroughly enjoyed it, more than enjoyed: it inspired me and gave me many things to ponder. For example: did I spend my years in the delusion of a passive life? How liberated are young women today really? How liberated am I, really, and what is keeping me from freedom? Men, the environment, my children or also something inside of me, a believe-system, I have maybe inherited, but also never torn to pieces, despite my ability to think and my, supposedly, quite independent mind? Should we all be feminists? (Y E S!) Why is it, that so many girls I know, still believe, their fullfillment will be to be chosen by a boy or man? Why is it, that women still are the ones to burden most of the household and family chores, once the children are born? Why is it, that in all the important fields, women are still by far the minority, though they are 52% of mankind? 

The book also inspires me to reread, or read for the first time, some pretty cool books like May Sarton's Plant Dreaming Deep and Journal of a Solitude, Virginia Woolfs The Years and Three Guineas, also books by and about Anne Sexton and Adrienne Rich (I just ordered her book about motherhood in my public library, thus stayin' true to my vow, to not by another book until Indiebookday). 
Writing a Woman's Life is an inspiring and smart book, considered that it was written 28 years ago, it is also a shocking book, because so much in it is still so true instead of ancient history, which it ought to be, really. 
Carolyn Heilbrun was an interesting person, somebody, who craved solitude and was able, to provide for whatever she wanted: she had a family and was still a successful scholar and writer of mystery novels, she had a home in Manhattan and a place in the country, and in the end, she chose her own death. In her book The last Gift of Time: Life beyond Sixty, she said, she would kill herself right after her 70th birthday, because afterwards, there would be mainly the horrible decline. In the end, she waited until the was 77 to take her own life and surprised all her family and friends by doing it, because everything still seemed to be okay. She was not sick or obviously disturbed. 
I am not sure, what to think of this. But coming from a family, where suicides happened, I am saying this: it hurts the people left behind, but I agree nevertheless with Heilbrun, especially considering, how the medical system is declining nowadays, that a chosen death, a self directed dying, has an appeal! 
Here is an article from the New York Magazine about her death. Great read!

 © Susanne Becker