Berlin

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Donnerstag, 25. Februar 2016

Buch der Woche - Ein Jahr auf dem Land von Anna Quindlen

"Eines Morgens entdeckte sie ein weiteres Kreuz. Es war ein klägliches Gebilde, die Querstange ganz schief, und Rebecca fragte sich, wie lange es wohl schon dort stand. Am Fuß des Kreuzes lehnte ein Foto, die Tautropfen darauf wie Perlen. Ein kleines Mädchen stand neben einer Frau und hielt ihre Hand. "

Die einstmals sehr erfolgreiche Photographin Rebecca kann sich aus finanziellen Gründen das Leben in ihrer Wohnung in New York nicht mehr wirklich leisten. Die Honorare für ihre Photos fließen seltener, die Belastungen sind, durch den studierenden Sohn und ihre alten Eltern, gestiegen. Deshalb entschließt sie sich, ihr Leben zu verändern, und Ein Jahr auf dem Land zu verbringen, um Geld zu sparen.
Im Internet findet sie ein hübsches, kleines Häuschen auf dem Land, das sich bei näherer Betrachtung als ziemliche Bruchbude, dazu schlecht eingerichtet ( drei Betten, eine Bettdecke!) heraus stellt. Aber da ist es bereits zu spät. Sie ist da, ihre Wohnung in New York ist untervermietet, die Miete für das Häuschen für ein Jahr im Voraus bezahlt. Sie kommt sich vor, als sei sie auf einer Dating Seite auf ein geschöntes Photo herein gefallen, und als sie die Bar betritt, erkennt sie ihre Verabredung nicht, weil er seinem Photo nicht ähnelt. So wie das Haus. Es entspricht überhaupt nicht der Beschreibung.
Bei ihren Streifzügen durch die umliegende Natur auf der Suche nach neuen Motiven und Inspiration, auch mit der Hoffnung, noch einmal mit einem Photo oder einer Serie einen Erfolg zu landen, der ihr aus der finanziellen Klemme hilft, stößt sie eines Tages auf ein Kreuz, mitten im Wald, mit einer Trophäe von einer Sportlerin davor, die im Licht glitzert. Sie macht Photos von diesem Kreuz. Als sie in den nächsten Tagen weitere Kreuze findet, jeweils mit einem zusätzlichen Gegenstand dazu, weiß sie, dass sie auf der Spur von etwas ist.

Ich habe bislang circa 120 Seiten gelesen und bin schon so ein bisschen gefangen.
Die Geschichte spricht mich an, weil Rebecca eine extrem sympathische und interessante Person ist, Künstlerin, verrückt (oder auch verzweifelt genug, einfach so für ein Jahr aufs Land zu gehen. Da ich einen Garten in der Uckermark habe und ständig davon träume, dort einmal ein ganzes Jahr zu verbringen, spricht mich die Thematik persönlich einfach an. Auch fand ich schon immer Geschichten spannend, in denen Menschen für ein Jahr ihre normale Umgebung verlassen. Es kann soviel geschehen in einem Jahr, in dem man plötzlich alles anders macht. Man möchte wissen, wie es ihr dort geht, in diesem so anderen Setting. Das Buch ist sprachlich leicht gehalten, extrem gut lesbar. Auch wenn ich mich manchmal ein wenig an der Übersetzung stoße und denke: ach, das war im amerikanischen sicher so und so und ist nicht überzeugend gelöst...obwohl ich dies hin und wieder denke, ist das resultierende Unbehagen nicht groß genug, mich von der Lektüre abzuhalten. Zu neugierig bin ich geworden und möchte erfahren, was es mit den Kreuzen auf sich hat und welche Rolle der Dachdecker Jim Gates noch spielen wird. Ich möchte auch wissen, was mit Jack, dem Hund geschieht und mit dem wertvollen Bild in der Wohnung von Rebeccas Vater.
Gute Unterhaltung, die einen Sog entwickelt und dennoch nicht oberflächlich ist, erschienen bei der Deutschen Verlags Anstalt

 © Susanne Becker

Donnerstag, 18. Februar 2016

Buch der Woche Adelle Waldman Das Liebesleben des Nathaniel P.

Ich dachte mir, ich eröffne mal eine neue Rubrik auf meinem Blog, in der ich immer ganz kurz eines der Bücher vorstelle, das ich gerade lese.

Gerade lese ich, und das mit absolutem Vergnügen Das Liebesleben des Nathaniel P.  von Adelle Waldman, das in Deutschland in der für mich noch zu entdeckenden Liebeskind Verlagsbuchhandlung erschienen ist.
Ich bin jetzt etwa bei der Hälfte angelangt und finde das Buch aus folgenden Gründen bislang sehr gut: es ist unglaublich locker und punktgenau geschrieben. Immer wieder fällt mir auf, wie amerikanische Autorinnen in ihren Büchern einen Ton treffen, der das Hier und Jetzt, darin auch mir selbst durchaus vertraute Situationen, so unglaublich präzise und witzig einfängt und wiedergibt, dass ich aus dem Lachen kaum heraus komme, das Lesen als Genuss empfinde. Waldman, die Autorin, ist eine Meisterin des Dialogs und eine wahnwitzige Beobachterin. Ihre Charaktere sind einem irgendwie alle bekannt. Ich lese das Buch im Original und kann deshalb nicht sagen, wie gut die Übersetzung ist. Das englische Original ist sprachlich so punktgenau, wie ich es sonst bei Sheila Heti oder auch Jenny Offill vorfand. Ich habe auch gelesen, dass es Kritiker gab, die das Buch klischeehaft finden - vermutlich ist das sogar wahr. Aber Klischees sind eben oft wahr, und wenn sie derart gut dargeboten werden, lasse ich mich von ihnen auch gerne unterhalten. Ich finde das Buch auch nicht oberflächlich. Es ist psychologisch sehr fein und die Autorin kennt Männer und Frauen gleichermaßen, ihre Nöte, ihre Sicht auf die Welt, all die Variationen, mit denen man versucht, im Liebesleben eine gute Figur abzugeben.
Das Buch erzählt die Geschichte eines New Yorker Schriftstellers, der nach langer Durststrecke endlich seinen ersten Buchvertrag in der Tasche hat und über seine vergangenen und aktuellen Liebschaften "philosophiert". Was Nate da so über Frauen zum Besten gibt, ist unterhaltsam, erschreckend und aufklärerisch. Dieses Buch hätte ich vor dreissig Jahren schon sehr gut gebrauchen können, dann hätte ich mir manchen Fehlgriff, auch manche Interpretationslücke aber sowas von erspart. Ich meine nur - wer von Euch noch Männer daten möchte, sollte in jedem Fall dieses Buch zur Recherche heran ziehen. Man hat so manches Aha-Erlebnis.
Das Porträt des heutigen Mannes, geschrieben von einer Frau.
Ich empfehle es sehr.

 © Susanne Becker

Mittwoch, 10. Februar 2016

I am in control

Today I read on the internet somewhere, that the world does not turn just because I turn it. I had to laugh hard, „hard“ as in: what do you mean, it does not turn, if I do not turn it? You got to be kidding!
I am one of those people who for years and years thought, everything was happening because of me, nothing would happen without me pushing it.

One night, twelve years ago, I collapsed in our apartment due to a tubal pregnancy. My body just broke down, I was shaking, could not control any part of it and felt strangely removed from what had been one of my defining features until up to this moment. I was freezing and when I wasn’t trying to control, I was certain to be dying, I just knew, this was the end, and funny thing was: after a first wave of panic receded, it did not frighten me at all. I found, I was ready to let go…until the guys with the ambulance arrived and showed, that they were just that: guys with a driver’s licence for an ambulance. They could not do anything to make my situation better, but measure my blood pressure and state, that it was damm low. They were a little helpless themselves and the only thing, they could offer was, to bring me to an hospital. When they tried to carry me down the stairs, they almost let me fall, so I started to take over a bit and gave them mild directions, more to the right, what are you doing, dont keep it like this…that sort of thing. Really not that pushy considered, that I was dying and they almost threw me down my staircase (which wasnt even that narrow, actually).
It was January and it had started to snow that night. So, when we came out, everything was very very quiet and white, peaceful, somehow suitable for me, dying there, and I thought: what a great way to bid farewell!  My body was trembling so hard, I thought, I would fall off that stretcher. When they finally had me inside the ambulance, one of the guys sat beside me, the other one went behind the wheel and started to maneuver the car out of its parking space. He tried! In my perception, it took him forf*****g ever and I became kinda impatient, so I started to give him directions: dont go this way, turn the wheel that way, no, I definitely think, the way to the hospital is down the street, not up the street – my teeth were chattering and they made funny noises, also my speech must have been kinda pathetic, after all, I was dying, but my driver needed directions, and though I felt relaxed, I also felt, I could not leave him unattended. The guy beside me looked at me, smiled, stroked my shoulder and said: „Are you a control freak?“
I and my teeth chattered back: „Yeah, obviously, sorry.“
 I did not say another single word, while the ambulance, emergency lights on and all, found its way through a snow covered city. I was brought happily into the hospital, dying and accepting it peacefully, while the snowflakes kissed the windows of the ambulance. In the hospital, the people seemed more professional and I got help and felt better pretty soon.
After all, I did not die. There wasn’t even ever the possibility, I might have. My situation was not at all that dangerous. But I felt, I had no whatsoever control over my body. Which felt actually great. Not to have control was underneath the wish, to have control, the most liberating experience, I ever had in my life. I still remember the freedom clearly.
I also remember, that there were other moments after this one, where I met this freedom again, most of the time for a minute or ten, at the most. But once, I met it for ten days in a row, that was, when my mother was dying, exactly two years ago, February 2014. She had surrendered completely, and with her lack of any wish to control anything any longer, produced such a tender peace around her, that the minute I entered her room, I totally gave over to this peace. I could sit there for hours, hold her hand, watch her dying, and it was bliss. When we looked at each other, we could not stop smiling, because we both knew, that we were sharing the most wonderful time, we ever had together. When she actually did die, I felt mostly sad, because that paradiselike situation with her was over and I had to return to reality. I tried to carry my experiences over to that reality and for a short while, it worked.
For days and weeks afterwards, I was not willing to control anything in my life. I was content to let life happen. When I met a friend on the street, she said: you are glowing.

I don’t know, why it is so difficult, to always live that way, why it is, that eventually the wish, to control things, the pain, life gives us, the anger, other people produce in us, takes over again. But I am pretty sure, that this is enlightenment, to one day be able to always let go. When I first encountered buddhism, I thought, „gosh, life would be sooo boring, if you’d be enlightened“, like I rather meditate less, to not become enlightened too fast and have to live my life in eternal boredom. Now, everything is different, and I find that eternal anger, irritation, the daily disturbances, the flashes of aggression so boring, I so wished, I could spend the rest of my life in that quiet boredom and peace. Its true! I guess, this could be a sign of becoming older – my resistance to peace of mind is weakening just like my eyesight. But I can see clearly, how anger, prejudices and fear, guilt and all this wanting, seduce my consciousness again and again into the illusion of being in control, into a multitude of fantasies, that want to take over my life and often succeed. 

 © Susanne Becker