Berlin

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Montag, 26. Dezember 2016

Buch der Woche - Wunschloses Unglück von Peter Handke

Auf diesen Titel "Wunschloses Unglück", muss man erst einmal kommen, diese auf der Zunge zergehende Poesie, deren Aussage allein einen schon zum Denken bringt - und dann damit noch das Leben, dass seelische Ausharren, das Sichzusammenreissen einer typischen, unsichtbaren Frau zu beschreiben, die zufällig seine Mutter ist, die sich zufällig, weil sie es nicht mehr aushielt, das Leben genommen hat, als sie 51 Jahre alt war, Peter Handke selbst war damals 30. Ein junger Mann, der seine Mutter durch Suizid verliert und darüber ein Buch schreibt, das ich in vieler Hinsicht selbstlos, vor allem aber feministisch nennen würde, ein großes Buch.

"Nun ging ich von den bereits verfügbaren Formulierungen, dem gesamtgesellschaftlichen Sprachfundus anstatt von den Tatsachen aus und sortierte dazu aus dem Leben meiner Mutter die Vorkommnisse, die in diesen Formeln schon vorgegeben waren, denn nur in einer nicht-gesuchten, öffentlichen Sprache könnte es gelingen, unter den nichtssagenden Lebensdaten die nach einer Veröffentlichung schreienden herauszufinden....
Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit."

Peter Handke hat dieses Buch im Januar/Februar 1972 geschrieben, seine Mutter war gerade sieben Wochen tot. Er schrieb es im Zustand tiefer Trauer, um der Sprachlosigkeit zu entgehen.
In einer beklemmenden Eindringlichkeit gelingt es Handke, die Enge, die eine räumliche ist und eine der Möglichkeiten, auch finanziell,  aber auch in Bezug auf die erlaubten Gefühle und Erlebnisse, des Lebens seiner Mutter, zu zeichnen. 1920 geboren, hat sie den Einmarsch Hitlers in Klagenfurt erlebt, was mich unwillkürlich an Ingeborg Bachmann denken läßt. Keine hat wie sie die Enge der Verhältnisse, auch noch lange nach dem Ende des Krieges und der Hitlerherrschaft, geschildert, aber auch die Enge der Gefühle und Möglichkeiten eines Frauenlebens unter Männern.
Dass dies auch ein Mann vermag, und dann noch in Bezug auf seine eigene Mutter, das finde ich bemerkenswert. Denn immerhin schafft Peter Handke es mit diesem schmalen Büchlein, das zu erzählen, was ja auch seine Kindheit war. Er schafft es ohne jede Bitterkeit, ohne Vorwurf, ohne überhaupt sich in irgendeiner Weise in das Bild zu drängen. Er dient als Spiegel für die Seele seiner Mutter, und setzt ihr somit ein Denkmal, das ich für sehr einzigartig halte. Das mir auch zeigt, mit welcher Größe man es zu tun hat, wenn man Peter Handke sagt.
Vor ein paar Wochen sah ich den Film Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte.
Eine wunderbar eindringliche und leise Studie über sein jetziges Leben in einem verwunschenen Haus in der Nähe von Paris. Man sieht ihn Kastanien schälen, nähen, schreiben und immer wieder die Fragen der Regisseurin, oft genug unwirsch, beantworten. Der Film machte mir deutlich, wie er arbeitet, dass sein Schreibprozess immer ein ganz innerliches Eintauchen ist, sein ganzes Leben grundeigentlich eine Meditation, um die Worte zu finden, und das erst, nach all den Jahren des Lesens, in denen ich Handke konsequent ignoriert hatte, machte mich so neugierig auf ihn, dass ich mir das Wunschlose Unglück wünschte. Es lag unterm Weihnachtsbaum und ich las es an einem Abend und Morgen.
Ich war schon unglücklich in meinem Leben, aber mein Unglück war immer gekennzeichnet durch eine Unmenge an Wünschen und Sehnsüchten, deren Erfüllung mein Unglück, da war ich mir jeweils sicher, beenden könnte. In den meisten Fällen habe ich mich nicht getäuscht. Wer wunschlos unglücklich ist, dem ist alles Streben abhanden gekommen, der ist eingefroren in ein graues Jetzt, in dem das Funktionieren schon eine immense Leistung darstellt, das Nichtmehrfunktionieren dann der einzige Ausweg.
Das Leben von Handkes Mutter ist stellvertretend für so viele Frauenleben. Man möchte glauben, nur für Frauen aus den Generationen unserer Mütter oder gar Großmütter. Natürlich denke ich an all die Krankheitssymptome meiner eigenen Mutter, die kein Arzt je zu diagnostizieren wusste, und wo ich in der Rückschau das Unglück als Verursacher so glasklar erkenne. Oder die Mutter einer Freundin, die immer ausgeglichen und unauffällig wirkte. Bis ich Jahre später erfuhr, dass sie immer betrunken war, schon am Morgen. Aber es sind nicht nur die Frauen der vergangenen Generationen, die dies betrifft. Man muss sich nur in Dörfern und kleinen Städten umsehen, in engmaschig und konservativ gestrickten Familien, da werden die Potentiale von Frauen noch genauso dazu, und oft genug nur dazu verwendet, dass es die Familie nicht auseinander knallt.

"Von Anfang an erpreßt, bei allem nur ja die Form zu wahren; schon in der Schule hieß für die Landkinder das Fach, das den Lehrern bei Mädchen das allerwichtigste war, "Äußere Form der schriftlichen Arbeiten"; später fortgesetzt in der Aufgabe der Frau, die Familie nach außenhin zusammenzuhalten; keine fröhliche Armut, sondern ein formvollendetes Elend; die täglich neue Anstrengung, sein Gesicht zu behalten, das dadurch allmählich seelenlos wurde."

Peter Handke macht in seinem schmalen Büchlein nicht nur eine unsichtbare Frau sichtbar, die zufällig seine Mutter war. Für mich hat er damit Heerscharen an unsichtbaren Frauen sichtbar und fühlbar gemacht. Er hat einen typischen Zustand weiblichen Seins in große Literatur verwandelt. Er hat somit etwas für seine Mutter getan, das sie selbst nicht mehr tun konnte, aber wonach sie sich, so denke ich, ein Leben lang gesehnt hatte: dass sie gesehen wird, dass sie einen Raum hat, in dem sie sein kann, wie sie ist, denn "...sie war imstande, sich ein Leben vorzustellen, das nicht nur lebenslängliches Haushalten war."

Für mich ist dieses Buch also ein feministisches, weil es den Möglichkeiten eines Lebens, eines Frauenlebens nachspürt, das so niemals stattgefunden hat. Es wirft ein liebevolles Licht auf all das Leben, das nie stattfindet, weil Frauen in patriarchalen oder einfach unhinterfragten Strukturen nicht sie selbst sein können. Da es das Leben seiner Mutter war, spürt man seinen Schmerz in jedem Satz. Der Text somit auch die minutiöse Beschreibung einer schmerzenden offenenWunde. Dass er dennoch nicht einmal in den Mittelpunkt sich rückt, macht seine Größe aus, als Mensch und als Schriftsteller.

(c) Susanne Becker




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