Berlin

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Samstag, 5. November 2016

Buch der Woche - cahier von Friederike Mayröcker (und dies und das)

„…jeden Morgen mein Malbuch aufgeschlagen und viel gemalt = geraucht, brauche kontemplatives Leben : keine Aufregungen, keine Veränderungen, Beherzigungen des Lamms (Goldauge gerissen mit Schleier); …“ Friederike Mayröcker, cahier

CahierAm Montag las ich das Mayröcker-Buch weiter. Begonnen hatte ich es vor Monaten, es dann aber irgendwie nur selten wieder hervor geholt. Ich  lese ja stets mehrere Bücher gleichzeitig, was manchmal überhand nimmt, auch eine Oberhand über mein Bücherregal gewinnt, dasjenige gleich neben dem Bett, das sich beinahe biegt unter all den Büchern, die ich noch lesen möchte. So voll war es kurz vor Weihnachten noch nie. Wie kann ich mir da, ohne dass es peinlich wird, überhaupt neue Bücher dazu wünschen? Da könnte ich mir auch gleich ein weiteres Regal dazu wünschen.
Die verschiedenen Bücher, die ich gerade neben der Mayröcker lese, sind eine Biografie der Malerin Agnes Martin, die ja auch sehr viele Jahre ihres Lebens in Taos verbracht hatte, dennoch tue ich mich schwer mit der Art, wie das Buch geschrieben ist. Ich lese es sehr langsam, weil es mich bislang langweilt mit der manchmal seitenlangen Beschreibung und meiner Ansicht überflüssigen Interpretation ihrer Bilder die, auch wieder meine Ansicht: sich selbst wunderbar erklären, dennoch lese ich es weiter, wegen ihrer Person, die mich absolut fasziniert,  Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch (ich habe übrigens noch die ganz alte, grüne Suhrkamp Ausgabe aus der Zeit, als alle Suhrkamp Bücher bunt waren und das Regal durch sie zum Regenbogen wurde, vor vielen vielen Jahren schon mehrfach gelesen, es ist wie immer gut,  Von den Kriegen von Carolin Emcke, die soeben, am Sonntag, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hatte und selbstverständlich, für ihre starke Rede als Frau und Lesbe, neben großem Lob auch sehr viel Kritik, gar Spott ( von Männern) kassiert hatte. Darauf will ich später, in einem anderen Text, noch genauer eingehen. Das ist ein Thema, das mich interessiert. Denn ich bin mir sicher, dass diese Kritik frauenfeindlich in letzter Konsequenz ist, gerade weil sie auch von solchen Männern vorgebracht wurde, die sich am allerwenigsten für frauenfeindlich halten. Das ist wie bei den Menschen, die etwas gegen Ausländer sagen und es einleiten mit: „Ich bin ja nicht rassistisch, aber…“ Ich habe die Rede noch nicht ganz gehört, nur gelesen und die Kritik auch kaum ansatzweise mir zu Gemüte geführt - Zeit Zeit, immer zu wenig, Aber auch noch viel mehr zu wenig Konzentration. Wie ich mich selbst vom Wesentlichen ablenke, ja auch in diesem Text wieder. 
Dann liegen auf meinem Bücherregal am Bett noch ein Lesebuch über Pessoa, das längst vergriffen ist, ein Buch der englischen Feminstin Caitlin Moran How to be a woman und ein Buch des Sci Fi Autors Terry Brooks übers Schreiben Sometimes the Magic works, von dem ich mehr, viel mehr erwartet hatte. Inspiration vielleicht. Anstattdessen sind es Schreibergeschichten auf dem Niveau von Das Goldene Blatt so circa. Leicht zu lesen, aber ich persönlich habe nichts davon. Felicitas Hoppes Hoppe liegt ebenfalls seit vermutlich einem Jahr angelesen dort und zieht mich nicht weiter und Eva schläft, das aber gerade erst begonnen. 
Ich lese momentan noch mehr Bücher gleichzeitig als sonst. Macht aber nichts. Ich lese immer abwechselnd, je nach Lust und Laune, was gerade in der jeweiligen Situation passt und sobald ein Buch einen gewissen Zug entwickelt, lese ich nur noch in diesem. Das war in den letzten Wochen nicht mehr so wirklich geschehen. Seit Die Liebe unter Aliens fühlte ich mich lesend ein wenig heimatlos. Was selten vorkommt. Im Normfall lese ich ein Buch nach dem anderen. Selten ein Vakuum. Dann, am Montag, plötzlich und für mich unerwartet die Mayröcker diesen Zug mit dem cahier (es ist der zweite Band einer Trilogie, zu der noch die Bände études und fleurs gehören) plötzlich entwickelt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Immer mal wieder hatte ich in der Vergangenheit eine Seite darin gelesen und sie hatte mir eher wenig als viel gesagt. Ich war sogar zwischenzeitlich zu der Überzeugung gekommen, dass sie für mich zu jenen Autorinnen gehörte, mit denen ich nicht wirklich etwas anfangen konnte, obwohl sie natürlich gut sind. Es liegt an mir. Ich verstehe sie nicht. Und plötzlich kann ich nicht mehr aufhören, solche Sätze zu lesen wie: "Aus dem Staub, aus dem Müll, sagst du, aus dem tiefsten Unrat entsteigt der Rausch glühendster Blüten: ---" Jeder Satz spricht mir direkt aus der Seele und ich bin regelrecht verliebt in die Lektüre. 
Ich schätze ihre filigrane und doch mit präziser Genauigkeit ins Ziel treffende Sprache, ihre zärtliche Eleganz, ihre traumwandlerische Sprachmelodie, die sie als Meisterin unter den deutschsprachigen Schriftstellern offenbart und mir die Frage aufdrängt, ob sie, warum sie nicht für den Nobelpreis im Gespräch war, aber auch die unglaubliche Reichhaltigkeit sowohl der Themen als auch der seelischen Noten. Dass die Mayröcker über 90 Jahre alt ist (genaugenommen wird sie am 20. Dezember 92 Jahre alt), das denkt man nicht. Obwohl man die ganze Fülle eines bewusst gelebten, eines intellektuell wach und emotional intensiv gelebten Lebens auf jeder Seite spürt. Das ist so unglaublich nährend. Lesen und sich nach jeder Seite rund und satt fühlen. Sie ist klug. Sie ist sensibel und lebt ihr Leben gänzlich in einer Sphäre, die dem Schreiben und der Kunst verschrieben sind. Ihr ganzes Leben = Schreiben = Poesie. 
Da ist soviel gelebtes, erinnertes, vergangenes Leben, das darin aufblitzt, mit Erinnerungen, wehmütigen Gedanken, ungläubigem Staunen einem Du geschildert, für den das cahier wie ein tagebuchartiger Bericht verfasst scheint. Ist es immer das gleiche Du, das ich mir als ihren vor  sechzehn Jahren verstorbenen Geliebten Ernst Jandl vorstelle? Den kongenialen Partner? Oder sind es doch viele, verschiedene Dus, die Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, die sie trifft, besucht, von denen sie besucht wird und mit welchen sie Briefe austauscht. Tägliche, nicht immer, aber oft, Einträge über Träume, Alltäglichkeiten, Erinnerungen, Lektüre (hier immer wieder Jacques Derrida's Glas, das sie, kaum hat sie es beendet, von neuem beginnt, weil es ihr sonst zu sehr fehlt. Es ist bei Goodreads unter anderem in einer Liste mit dem Namen Very very difficult books enthalten.) "..., ich friere auch im Sommer, ich wollte nicht wahrhaben, dasz Jacques Derrida's Glas zuende ging - was sollte ich dann lesen, ich würde wieder von vorne anfangen, ..." Einträge, in denen dieses (ein) Du beständig angesprochen wird. Ich denke, es ist Ernst Jandl, ihr Gefährte über soviele Jahrzehnte, den sie, das spürt man auf jeder Seite, schmerzlich vermisst. Er war mehr als ihr Partner, er war ihr Himmelreich, ihr Leben, das sie jetzt, so kam es mir vor, in diesen Heften für ihn weiter lebt, sonst vielleicht kaum. Sie schreibt für ihn. Schreiben ist ihr Leben. Früher hat sie mit ihm geschrieben. 
„Diese Weltentwürfe, sagst du, was einer für einen anderen sein kann, sagst du, einer kann für einen anderen das Himmelreich sein, nicht wahr.“
Das Buch reicht von den Erinnerungen an die frühe Kindheit, die Mutter bis hin zum Hier und Heute, wie sie morgens im Bett liegt und bereits zu schreiben beginnt, gleich nach dem Aufwachen. 
„…was nicht aus dem Feuerschlund kommt, ist nichts wert,“
Es ist eines der intimsten Bücher, die ich je gelesen habe. Denn es zeigt so schnörkellos und ohne jede Absicht einer Wirkung auf wen auch immer das innere Leben der Autorin, es zeigt auch so viel von ihrer Liebe zu Ernst Jandl und dem Vermissen. Ein zartes Buch, ein überhaupt nicht kokettes Buch, das ist kein Ego, ein reiches Buch, ein trauriges Buch auch, aber nicht in einer Weise, die betroffen macht, sondern eher in einer Weise, die beglückt. "... : es war als wolltest du (mich) panisch erst lernen dasz das welches so leuchtet die Seele ist)"
Ich lese es wie die poetisch verschlüsselte Lebensgeschichte einer wunderbar klugen Frau, die sich, auch durch das Schreiben dieser Hefte, darauf vorbereitet, dieses Leben in einer nicht allzu fernen Zeit, zu verlassen. Die Mayröcker spart den Tod nicht aus. Auch das macht das Buch so besonders, spirituell und poetisch in einem. ".......ich musz das alles eines Tages zurücklassen musz alles verlassen meinen alten Christbaum meine Bücher mit den eingelegten Lesezeichen das Hündchen mit der Himmels-Pforte usw. Ich dürfe nur essen sagt der Arzt, bin lang gesessen zwischen Himmel und Erde und weinte so als würde es in der Früh im Sommer regnen...."

Zwei Bücher werde ich mir in jedem Fall zu Weihnachten wünschen, die études und die fleurs von ihr.

(c) Susanne Becker

Kommentare:

  1. Hach, ich liebäugele ja auch mit der lieben Frau Mayröcker, ihre Prosa übt irgendwie eine seltsame Anziehung aus, wobei ich mir gleichzeitig nicht sicher bin, einen guten Zugang zu haben, wie du auch geschrieben hast. Mir kommen ihre Texte irgendwie so schwer vor. Also nicht schwer im Sinne vom Verstehen, gut das vielleicht auch, aber eher die Schwere im Sinne der Leichtigkeit. Abschiede und Tod, das sind nicht unbedingt die Themen, von denen ich lesen möchte, aber ihr Schreibstil fasziniert mich irgendwie, diese dichte Prosa und die unterstrichenen Wörter, herrlich. Da ist dann wieder diese Leichtigkeit, die ich bei so vielen deutschen Dichtern vermisse, die vielleicht leichtere Themen haben, aber wo man in jeder Zeile merkt, wie schwer sie sich beim Dichten getan haben. :)
    Trotzdem mag ich als Themen lieber das Helle, die Hoffnung und das Positive. Darum weiß ich nicht, ob ich mich wirklich auf sie einlassen kann. Ist vielleicht auch so ein Buch, was ich sehr gerne mögen würde und irgendwie Angst habe, es doch nicht zu mögen :)

    Liebe Grüße, Anja
    www.wortlichter.com

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    1. Liebe Anja, ich habe jetzt zu Weihnachten fleurs bekommen, ein weiteres Notizbuch aus der Reihe und kann es kaum erwarten. Ich verstehe Deine Zweifel gut. Habe sie auch oft bei verschiedenen Autoren und Büchern und ich halte es damit so, dass ich mich nie zwinge, ein Buch zu lesen, sondern warte, bis der richtige Moment kommt. Meist spürt man das. Was ich bei ihr übrigens toll fand, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der Themen wie Tod in ihrem Text einfließen. Es ist nicht traurig, düster oder negativ. Es ist in seiner Selbstverständlichkeit leicht und gut. Erinnert mich fast an buddhistische Texte. Ich wünsche Dir frohe Weihnachten. Liebe Grüße Susanne

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