Berlin

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Montag, 29. August 2016

Buch der Woche - Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar


Nachts ist es leise in Teheran"Wir haben gedacht wir machen das einzig Richtige, hat mein Vater gesagt, das beschützt einen vor der Realität."

Vielleicht ist dies das Buch, das mir bisher am eindrücklichsten und doch unaufgeregtesten verdeutlicht, was es heißt, ins Exil zu gehen, weil man in seinem eigenen Land so derart bedroht ist, dass man dort nicht mehr leben kann.

Shida Bazyar schreibt in ihrem Buch Nachts ist es leise inTeheran, erschienen im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag, die Geschichte einer iranischen Familie, die nach der Revolution gegen den Schah das Land verlassen muss, weil die Ayatollahs ein mindestens so brutales Regime installieren, in welchem alle gefoltert werden und/oder sterben, die sich den strengen Gesetzen nicht fügen, die den Gotteskriegern nicht passen. „Pahlavi war böse, sagt er, er war ein böser und schlimmer Mann, aber diese Geistlichen, die machen alles noch viel schlimmer, Khomeini war ein Mörder, Laleh, es sind Mörder, die dieses Land regieren.“ sagt Lalehs Großvater zu ihr, als sie das erste Mal Iran besucht. Er ist Behsads Vater und hat seinen Sohn seit dessen Flucht nicht mehr gesehen. Die Familie war heimlich geflüchtet, damit niemand einen Verdacht schöpfte und unter Umständen damit selbst in Gefahr geriete.
Die Geschichte wird in vier Kapiteln und einem Epilog erzählt, jeweils von einer anderen Person. Zuerst erzählt der junge Behsad wie er kämpft gegen den Schah und dann in den Untergrund geht nach dem Sturz des Schahs, als verschiedene Gruppen erst mit- dann gegeneinander für ein neues Iran kämpfen. Es ist das Jahr 1979 und er lernt Nahid kennen, eine belesene Literaturstudentin, die ebenfalls, wie er,  auf Seiten der Sozialisten steht. Ihr Vorbild ist Che Guevara. Sie träumen davon, das Iran wie Kuba wird. 
1989. Nun erzählt Nahid, die mittlerweile seine Frau ist, von ihrem Leben in Deutschland nach der Flucht dorthin, ihr Asylantrag ist noch nicht entschieden, sie leben in einem Zustand von Unsicherheit, dürfen nicht arbeiten, nicht studieren. Es ist für mich immer wieder spannend, Deutschland, mein Land, aus der Sicht eines Menschen geschildert zu bekommen, die hierher kam, um Sicherheit zu finden. Der alles fremd ist, selbst die Menschen, die ihr freundlich gesonnen sind. „Frau Sommer trinkt vom schwarzen Tee. Frau Sommer tut immer so, als wäre das ein ganz besonderer Tee, den wir trinken. Die ersten Male hat sie immer gefragt, wie ich den mache. Ihre Blicke haben den Samowar gesucht, und ich habe ihr den kleinen verkalkten Wasserboiler gezeigt. Und dann die Teebeutel aus dem Supermarkt, der immer nach Radieschen und Essig riecht, wo immer etwas auf den Boden gekippt wurde.“ Zu jener Zeit gingen Behsad und Nahid noch davon aus, dass sich in Iran alles wieder ändern würde, dass das Unrechtsregime der Ayatollahs nicht lange dauern konnte. Sie gingen davon aus, dass sie bald nach Iran zurückkehren könnten. Der Aufenthalt in Deutschland war als Übergang gedacht, als Pause, bevor sie wieder in Iran leben konnten.
Das Buch leistet insofern zwei Dinge in wirklich fabelhafter Sprache und Erzählkunst: Es schildert uns Deutschland aus der Sicht von Flüchtlingen, und was könnte heute aktueller sein? Zum anderen schildert es uns das Leben und das Innenleben von Flüchtlingen. Auch das so aktuell wie kaum ein anderes Thema. Wir lesen, wie es sich anfühlt, die einzige Mosle in einer Klasse von Christen zu sein, und niemand merkt, jahrelang, dass bei Mosle das m hinten fehlt. Immer steht in ihrem Zeugnis das Wort Mosle, wo bei den anderen katholisch steht oder evangelisch. Laleh, die Tochter von Beshad und Nahid, fühlt sich anders, auffällig und versucht dies, mit besonders guten Noten wettzumachen.
Das dritte Kapitel erzählt uns diese Tochter, Laleh, 1999. Sie erzählt von einer Reise nach Teheran, der ersten seit der Flucht. Es scheint, das Land öffnet sich dem Westen. Es ist möglich, wieder hinzufliegen ohne die Angst, gleich verhaftet zu werden. Sie fliegt mit ihrer kleinen Schwester Tara und ihrer Mutter nach Teheran. Der Vater kommt nicht mit. Denn in dem Land wurde sein Freund im Gefängnis ermordet und er kann und will diesen Mord nicht legitimieren, indem er in diesem Land Urlaub macht. Die Tochter, aufgewachsen in Deutschland, vergleicht die beiden Länder, ihr Leben in Deutschland mit dem Leben, das sie in Iran haben würde. Sie kann sich ein Leben in Iran nicht mehr vorstellen und ist trotzdem emotional vollkommen aufgewühlt von den Erinnerungen, von den Menschen, die sie wieder verlassen muss.
„Tara hat sie einfach erst mit zehn kennengelernt, die Tanten und Onkel, und ich beneide sie darum, denn besser, man vermisst seinen Onkel erst ab zehn, als ab vier. Vielleicht hätte ich Tara schon viel früher sagen müssen, dass es wehtun wird, sie kennenzulernen und wieder zu gehen, vielleicht wäre das meine Aufgabe gewesen.“
2009, Mo erzählt, der Bruder von Laleh. Er studiert, aber eigentlich fühlt er sich fremd, verloren. Er schaut Tagesschau, verfolgt die grüne Bewegung in Iran auf You tube und fragt sich, warum er nicht dabei ist, sagt sich, dass er dabei wäre, wenn er dort leben würde. Er sagt sich auch, dass sich jetzt alles ändern kann und seine Eltern vielleicht doch noch zu den Gewinnern gehören werden. "Dabei ist das doch der Kampf meiner Eltern, der dort fortgeführt wird, dabei müsste doch gerade mein Vater dort sein, um zu sehen: Ihr Kampf ist nie gescheitert, er musste nur pausieren." 
Am Ende steht der Epilog, erzählt von der jüngsten Schwester Tara, das einzige in Deutschland geborene Kind der Familie. Ein Blick in die Zukunft. Ein Wunschtraum.

Die Autorin schafft es scheinbar mühelos, jedem einzelnen der ErzählerInnen eine ganz eigene Stimme zu geben. So erleben wir die Geschichte aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven, in verschiedenen Zeitfenstern, die die Geschichte eines Exils dokumentieren, Schritt für Schritt, Generation für Generation. Es zeigt so deutlich, warum jemand kommt, dass jemand eigentlich nur vorübergehend bleiben möchte, weil er natürlich eine Heimat hat. Es zeigt auch, wie viel emotionales Trauma geschaffen wird durch Unrechtsregime und wie vielschichtig dieses ist, und dass es nicht aufhört mit der Flucht, auch nicht für jene, die bereits in Sicherheit geboren werden. Dieses Buch, das über Iran erzählt, war für mich von der ersten Seite an übertragbar auf alle Länder, in denen momentan Mörder herrschen. Vor allem dachte ich oft an Syrien und seine Flüchtlinge. 

Während des Lesens dachte ich immer wieder: ja, warum nennen wir diese Menschen Flüchtlinge? Warum nennen wir sie nicht eigentlich Exilanten? So wie Thomas Mann ein Exilant war? Oder Bertolt Brecht. Denn auch in unserem Land haben ja einmal die Mörder regiert. Exilant hört sich viel großherziger dem Menschen gegenüber an, freundlicher als Asylant, hinter welchem Begriff sich heutzutage die Vorverurteilungen auftürmen. Asylanten sind Menschenmassen, die uns scheinbar überrollen. Exilanten sind Individuen mit intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten, welche eine Bereicherung darstellen für das Land, in das sie kommen. Ich weiß nicht, ob nur ich diesen Unterschied spüre.

Lesen, das ist mir bei diesem Buch wieder sehr deutlich geworden, ist für mich vor allem auch die Möglichkeit, meine eigene subjektive Sicht auf die Welt immer wieder neu zu öffnen, weit zu öffnen, und zu verstehen, wie begrenzt jeder einzelne von uns die Welt sieht. Wir wissen nichts von den Menschen, die zu uns kommen. Noch nicht einmal, wenn wir es glauben. Das Leben, das sie hinter sich lassen mussten, ist so anders, als alles, was wir kennen. Wir können es uns nicht vorstellen. Ihre Verletzungen sind so brutal und so vielschichtig, wir können keine Ahnung davon haben, denn wir haben durch die Gnade unserer Geburt (Ort & Zeit) so etwas noch nicht einmal im Ansatz erlebt. Die Generation unserer Eltern, zum Beispiel mein Onkel, der aus Schlesien hierher flüchten musste als kleiner Junge, der seine Mutter dennoch erfolgreich vor einer Vergewaltigung durch russische Soldaten beschützen konnte, der versteht sie. Er weinte einmal bei mir am Telefon, als er über diese Menschen sprach, die hier so oft so ohne jedes Mitgefühl empfangen werden. Er konnte sich erinnern, wie er sich damals fühlte als Fremder. Selbst wenn wir sie wärmen, sie nähren, sie freundlich aufnehmen, können wir ihnen die Angst um all jene, die noch dort sind, im Bombenhagel, in Folterkellern, wir können sie ihnen nicht nehmen. Wie auch? Es ist ihr Leben, das dort, in diesem fremden Land, gerade zerstört wird. Während sie ihre Haut gerettet haben und vielleicht ihre Kinder, die jetzt hier groß werden, und die alte Heimat irgendwann kaum noch wieder erkennen werden. 

(c) Susanne Becker

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