Berlin

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Samstag, 30. April 2016

Buch der Woche - Deborah Feldman, Unorthodox

"Ständig werde ich daran erinnert, dass es Dinge gibt, die ich niemals erfahren werde. Ich kann diesen Gedanken nicht ertragen, ein ganzes Leben auf diesem Planeten zu verbringen, ohne das zu erleben, was ich zu erleben mir erträume, und zwar nur, weil es verboten ist. Ich glaube nicht, dass diese Version der Freiheit je reichen wird, solange sie nicht alles umfasst. Ich glaube nicht, dass ich glücklich sein kann, solange ich nicht wirklich unabhängig bin."

Bei den Satmar-Chassiden, einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde, deren Anhänger unter anderem in Williamsburg/New York leben, dürfen Mädchen nicht lesen oder sich bilden, sie werden mit 17 Jahren verheiratet und gelten mit zwanzig, wenn noch immer unverheiratet, schon als quasi alte Jungfer. Sobald sie verheiratet sind, wird ihnen der Kopf rasiert und fortan müssen sie Perücken tragen, Hüte oder Turbane. Niemand außer ihrem Ehemann darf ihre echten Haare sehen, die zwar nachwachsen, aber unter der Perücke versteckt werden.
Die Satmarer sind extreme Gegner jedes Zionismus und halten den Holocaust für eine Strafe Gottes dafür, dass die Juden sich allzusehr assimiliert hätten. Sie glauben, dass die strenge Einhaltung der uralten Regeln, und nur diese, sie vor einem erneuten Holocaust schützen kann.
In dieser Gemeinde ist Deborah Feldman aufgewachsen. Sie hat über ihr Leben dort und wie sie ausgebrochen ist aus der Starre dieser repressiven Gemeinde ein Buch geschrieben,Unorthodox. das auf der New York Times Bestsellerliste war und jetzt, erschienen im wunderbaren Secession Verlag, auch ein Bestseller in Deutschland geworden ist.
Es ist im Grunde eine Coming of Age Geschichte, in der wir erfahren, wie ein junges Mädchen, das unter extrem unfreien Bedingungen aufwächst, es dennoch wagt, sich zu befreien. Feldman erzählt diese Geschichte, die einem teilweise sehr unter die Haut geht, in einem nüchternen und oftmals fast lapidaren Ton. Ihre Kommentare zu den ungeheuren Vorgängen in ihrer Gemeinde und Familie reizten mich an manche Stellen fast zum Lachen. Denn so ungewöhnlich ihre Gemeinde ist, ist sie doch auch durchdrungen von all den menschlichen Eigenschaften wie Kleinmut, Tratschsucht oder Neid, die jeder kennt, und vor allem jeder kennt, der in seiner Jugend das Gefühl hatte, unter Aliens gelandet zu sein. Den Grad an Unfreiheit, den Feldman auf praktisch jeder Seite spürbar macht, kennen aber vermutlich nur jene, die selbst in einem repressiven System (ich möchte beinahe sagen, welcher Art auch immer) aufgewachsen sind oder leben. In einem System, in dem alles, vor allem aber die Frauen und ihre Körper kontrolliert und reglementiert werden. Feldman zeigt zum einen, wie das System bei den Satmarern funktioniert, sie machte für mich aber auch auf einer allgemeineren Ebene deutlich, wie ein solches System generell funktioniert, wie durch Beschämung, Kontrolle, Ausschluss, Verachtung, Isolation und Druck auf der einen Seite und soziale Integration und gemeinsame Rituale die Mitglieder gefügig gehalten werden.

Vor ein paar Wochen sah ich den absolut großartigen Film No Land's Song, in dem es um das seit 1979 existierende öffentliche Singverbot für Frauen im Iran geht. Der Mullah erklärte der Komponistin Sara Najafi, die ein Konzert mit Frauen auf einer Bühne in Teheran organisieren möchte, dass die weibliche Stimme den Mann zu Gefühlen, also zu sehr starken Regungen reize, die der Mann nicht kontrollieren könne, weshalb es für Frauen verboten sei, mit ihrer Stimme den Mann derart in Versuchung zu bringen.
Genauso ist es den chassidischen Frauen verboten, im Verlaufe ihrer unreinen Zeit (die Zeit der Menstruation und eine Woche danach) laut zu singen, aus genau dem gleichen Grund, um im Mann keine Gefühle auszulösen, die er dann nicht kontrollieren kann. Dem Mann ist es nämlich in der unreinen Zeit nicht gestattet, seine Frau zu berühren. Es wird also davon ausgegangen, dass jeder Übergriff eines Mannes auf eine Frau letztlich durch die Frau und ihr Zurschaustellen ihrer Reize, inklusive ihrer Stimme, ausgelöst wird.
Diese Parallele fand ich faszinierend. Sie zeigte mir, wie absolut vergleichbar extreme Systeme auch unterschiedlicher Couleur doch funktionieren, und dass sie in der Regel patriarchalisch sind und es für ihren Bestand notwendig ist, die Frau hundertprozentig zu kontrollieren. In ihrem Epilog zur deutschsprachigen Ausgabe schreibt die Autorin: "Frauenrechte und die Rechte von Kindern liegen mir sehr am Herzen und es ist mir vollkommen klar, wie diese Rechte in der Gemeinschaft, in der ich aufwuchs, verletzt werden können, was in gleicher Weise auch für ähnliche Gemeinschaften überall auf der Welt gilt. Es ist meine Überzeugung, dass die Aufgabe, in diesen radikalen Gruppen Veränderungsprozesse auszulösen, von besonderem Interesse für die jeweils größeren gesellschaftlichen Gruppen ist, die erstere unterstützen."
Es gibt so viele Gruppen, mitten unter uns, so wie Williamsburg mitten in New York ist, in denen Frauen und / oder Kindern Unrecht widerfährt und oft schaut man weg, weil man denkt, es geht einen nichts an, was andere tun, das sind eben deren Sitten und die sind anders. Das Buch hat mir noch einmal deutlich gezeigt, wie bequem diese Haltung ist und wie falsch auch.

Seite um Seite füllt Deborah Feldman mit den Beschreibungen ihres Lebens, von der Kindheit bei den Großeltern bis zu ihrer Eheschließung mit 17 Jahren, ihrer Schwangerschaft, der Geburt ihres Sohnes und den vielen Angstattacken, die sie von einem Arzt oder Therapeuten zum nächsten gehen lässt, um eine Lösung zu finden. Bis ihr irgendwann klar wird, dass dieses Leben an sich falsch ist und ihre Symptome auslöst. In ihrem Epilog schreibt sei: "Die Menschen wollen wissen, ob wir Glück gefunden haben; doch was wir gefunden haben, ist besser: Authentizität. Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an." Das ganze Buch ist eigentlich ein Beweis dieser im Grunde simplen Tatsache und dennoch werden vermutlich viele Leser, nicht nur solche, die unter extremen Bedingungen aufgewachsen sind oder leben, eine Beziehung herstellen können zu der Tatsache, wie unwohl man sich fühlt, wenn man nicht man selbst sein darf in seiner Umgebung. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum das Buch sowohl in den USA als auch hier so erfolgreich ist. Jeder Mensch hat ganz tief in sich die Sehnsucht, authentisch zu leben. Kreativität ist Ausdruck dieser Authentizität. Vor ein paar Tagen hatte ich ein kurzes Gespräch mit einer Freundin, die seit Jahren kreativ arbeitet und plötzlich große Zweifel an der Berechtigung dieser Tätigkeit äußerte angesichts all der Probleme, die es in unserer Zeit gibt. Ich sagte zu ihr, dass ich angesichts der Repressionen gerade gegen Kreative in so vielen Gesellschaften finde, dass Kreativität ein hohes Gut ist, eines unserer höchsten. Dass Diktatoren und Faschisten und Extremisten auf allen Seiten immer gerade die Kreativen oder die Kreativität zum Schweigen bringen wollen, weil sie ihnen Angst macht und authentisch lebende Menschen nicht manipuliert werden können, das ist meiner Ansicht nach Rechtfertigung für jede kreative Tat, die ein Mensch vollbringt. Während des Gesprächs musste ich immer wieder an Unorthodox denken, das ich gerade las und mir wurde klar, wie sehr dieses Buch ein Plädoyer für die Freiheit und auch für deren kreativen Ausdruck ist.
Feldmans Erzählweise ist kühl und nüchtern, und doch kommt man schon nach kurzer Zeit nicht mehr von dem Buch los. Man fiebert mit der Autorin, wenn sie Bücher aus der Bibliothek nachhause schmuggelt (Jane Eyre, Jane Austen, Anne auf Green Gables oder die Romanleserin von Pearl Abraham), in denen sie Rollenmodelle findet für ein weibliches Leben jenseits der strikten Grenzen, die ihr von ihrer Gemeinde auferlegt sind. So ist dieses Buch, und das ist für mich als begeisterte Leserin besonders schön, auch ein Protokoll dessen, was Deborah Feldman liest, auf ihrem Weg in die Freiheit.
Man drückt ihr die Daumen, dass sie nicht erwischt wird, wenn sie sich mit einer Freundin heimlich zum Plaudern trifft, man bangt mit ihr, wenn sie aus mehr oder weniger heiterem Himmel mit einem Wildfremden verlobt wird, dessen Mutter mit ihren schmalen Lippen und dessen Schwester mit ihrer Eifersucht einen auf der Stelle wissen lassen, dass diese Ehe keine Chance hat. Immerhin ist ihr Ehemann Eli keine starke Persönlichkeit, so dass er keinen großen Widerstand leistet, als sie aus Williamsburg fort und in einen etwas liberaleren chassidischen Ort ziehen möchte. Er merkt gar nicht, dass sie sich an seiner Seite immer weiter auf einen Weg heraus aus dem orthodoxen Leben vorbereitet. Schlussendlich schafft sie es sogar, Literatur an einem College zu studieren, indem sie ihm weismacht, sie studiere Wirtschaft, um besser zum Lebensunterhalt der kleinen Familie beitragen zu können.

Ja, beinahe kühl ist der Erzählstil, dabei ist die Geschichte so spannend, geht es im Grunde fast um Leben oder Tod, dass ich irgendwann nicht mehr aufhören konnte zu lesen über die verschiedenen Haarstile der chassidischen Frauen, über die absolute Unfreiheit, die zwar tiefe aber doch irgendwie missverstandene Spiritualität des Großvaters Zeidi, und die geradezu grausame soziale Kontrolle.
"Schon vor mir gab es Rebellen. Als ich aufwuchs, gab es hier und da welche, die offen die Regeln brachen; und alle Welt sprach über sie....Zeidi hatte mir immer wieder einmal gesagt, dass Gelassenheit das Wichtigste sei, was man im Leben erreichen kann, dass sie der Schlüssel zum Glück sei. Ich glaube nicht, dass er jemals dachte, es erreicht zu haben, aber vielleicht war er dem nahe."

Deborah Feldmans Erzählweise ist überhaupt nicht effekthascherisch, sondern klar und schnörkellos. Während der Lektüre frage ich mich immer wieder, wieviele Mädchen wie sie einst unter Perücken oder Schleiern leben und sich hinaus sehnen in ein authentisches Leben, das sie selbst bestimmen können. Unter diesen Schleiern, Perücken, Burkas oder was auch immer schlummert ein ungeheures Potenzial, das der Welt schlichtweg verloren geht. Umso wunderbarer, wenn es mutige Rebellinnen gibt wie Deborah Feldman, die es schaffen, sich zu befreien und dann ist sie auch noch in der Lage, darüber so zu berichten, dass die Welt davon lernen kann.
Eine ganz große Leseempfehlung! Ein tolles Buch, von dem ich sehr stark profitiert habe, intellektuell, kreativ aber auch einfach in simplem Lesegenuss.
Danke dafür und Dank auch an den Secession Verlag für das Rezensionsexemplar.

© Susanne Becker 

1 Kommentar:

  1. Deborah Feldman war Mitglied in einer "extremen ultra-orthodoxen Gemeinschaft", nicht nur orthodox. Übrigens tragen sehr viele orthodoxe jüdische Frauen Kopftücher, um ihre Haare zu bedecken. (Haare abzurasieren, ist lediglich in einigen chassidischen Gruppen üblich.)

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