Berlin

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Donnerstag, 10. März 2016

Buch der Woche - Rebecca Solnit, Wenn Männer mir die Welt erklären

Untitled (Performance documentation)
aus der Serie Pressing Matters von Ana Teresa Fernandez
"Wir wissen so vieles nicht, und wahrheitsgemäß über ein Leben zu schreiben , sei es das eigene, das der eigenen Mutter oder das einer berühmten Person, über ein Ereignis, eine Krise, eine andere Kultur, heißt, sich immer wieder mit diesen Bereichen von Dunkelheit, diesen Nächten der Geschichte, diesen Orten des Nichtwissens auseinanderzusetzen.Sie führen uns vor Augen, dass Wissen seine Grenzen hat..."

Warum haben Frauen /Mädchen auch heute noch so oft ein geringes Selbstwertgefühl? Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, die eigentlich relativ leicht zu beantworten ist.  Das wird mir durch das Buch Wenn Männer mir die Welt erklären von Rebecca Solnit, erschienen im Hoffman & Campe Verlag, wieder sehr schnell auf tröstliche, aber auch schmerzliche Weise bewusst.
"An die Einschränkungen, die die Angst vor Gewalt mit sich bringt, haben sich die meisten Frauen so sehr gewöhnt, dass sie sie kaum noch bemerken - ..."
Es wäre also eher komisch, wenn Frauen und Mädchen ein durchweg gesundes Selbstwertgefühl hätten. Denn dann würden sie doch ein wenig außerhalb der Realität leben. Was vielleicht auch wieder gar nicht soo schlecht wäre. Ich war immer schon eine vehemente Verfechterin rosaroter Brillen.

Frauen leben, und das nicht nur in Staaten, in denen die Taliban regieren, in Verhältnissen, die von einem, abhängig von der Gegend, mehr oder weniger extremen Machtgefälle zugunsten der männlichen Seite gekennzeichnet ist. 
Solnit nennt es ein „Archipel der Arroganz“ und erzählt im ersten ihrer sieben Essays eine Geschichte,  wo ein älterer Mann ihr einen Vortrag über ein neulich erschienenes wichtiges Buch hält, über das er nur in der New York Times gelesen hatte, also das er vom Hörensagen kannte. Er predigte und predigte, sich dabei ganz offensichtlich extrem informiert und überlegen fühlend. Erst langsam, nachdem Rebeccas Freundin mehrfach versucht hatte, ihn zu unterbrechen, kapiert er, dass Rebecca Solnit die Autorin dieses Buch ist, über das er predigt. Das irritiert ihn, aber nur kurz. Dann fährt er mit seiner Predigt fort. 
Männer erklären Frauen die Welt. Auch dann, wenn die betreffende Frau möglicherweise die Expertin auf dem Gebiet ist, über das er predigt. Natürlich ist das witzig. Aber es ist auch ein kleines wenig alarmierend. Weil zigfach Frauen stumm gepredigt werden, von Männern die weniger wissen als sie, und zigfach gehen junge Frauen, derart sozialisiert, in die Welt, denkend, dass sie nicht so klug sind, wie die Männer, die ihnen predigen. Solnit legt dar, inwiefern dieses Verhalten, dieser Ausdruck des Machtgefälles zwischen den Geschlechtern in die gleiche Richtung weist, wie es die Gewalt gegen Frauen tut. Es ist immer die gleiche Grundhaltung, die eine relative Wertlosigkeit des einen, gegenüber einer relativen Überbewertung des anderen Geschlechts, beinhaltet.

Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ macht mich wütend, weil sie Fakten aneinanderreiht, die ich normalerweise verdränge. Fakten über die Gewalt, die weltweit hauptsächlich an Frauen verübt wird, Fakten, die man sich natürlich nicht tagtäglich vor Augen hält, weil man dann wahnsinnig werden würde. Wenn man sie sich aber vor Augen führt, dann fragt man sich schon, wie es sein kann, dass da nicht ein Aufschrei durch die Welt geht und alle vernünftigen Menschen Feministen werden, also richtig wütende Feministen, weil es um eine Frage von Leben und Tod geht.
Die Gewalt gegen Frauen ist kontinuierlich da, eigentlich überall, mehr oder weniger offen. Sie ist der Unterton, so ein Plätschern, das beinahe unter jeder Nachricht zu hören ist, die wir aufnehmen. Vergewaltigungen, Redeverbot, Entführungen, Gewalt, weil man in die Schule gehen möchte, extrem brutale Shitstorms im Netz, Zwangsverheiratungen, Schläge, Verstümmelungen, Mord, Ganzkörperverschleierung, Anmalen der Beine, weil man es wagt, auf der Straße einen Rock zu tragen, Peitschenhiebe, weil man angeblich einen Mann angeschaut hat, Steinigung, weil man vergewaltigt wurde, konservative Gesetzesänderungen, die Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper wieder wegnehmen und und und. Wenn man sich in der Welt so umschaut und sich ans Sammeln von Beispielen macht, braucht man im Grunde keine anderen Hobbies.
Häusliche Gewalt ist die weltweit häufigste Form, von Gewalt, der Frauen ausgeliefert sind (Kinder übrigens auch!). Die Folgekosten dieser Gewalt, las ich kürzlich in einer Wirtschaftszeitung, betragen jährlich ca. 8 Billionen Dollar.
Auf jedes Todesopfer auf einem der Schlachtfelder dieser Welt kommen neun Todesopfer, die durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen sind. Das sind schon ziemlich viele!

Ich lese das Buch von Solnit, und ich habe selten Spaß dabei. Dennoch schafft sie es, all diese schrecklichen Dinge sehr unterhaltsam, an manchen Stellen witzig, sehr gut geschrieben auf den Punkt zu bringen. Ich genieße das Buch, weil sie eine wunderbare Schreiberin und ein extrem kluger Mensch ist. Und sie schafft es, Mut zu machen. Wenn es eine Person wie sie geben kann, die all dies so wunderbar schreibt, dann ist da Hoffnung, dann sind wir nicht verloren.
Nicht alle Essays in dem Buch handeln von Männern, Susan Sontag und Virginia Woolf kommen beispielsweise auch darin vor, und nicht zu vergessen, sehr schöne, sehr berührende Bilder von Ana Teresa Fernandez.
Gerade lese ich den Essay über die Dunkelheit und ihren Wert, und ja, er macht wirklich Spaß. Erinnert er mich doch auch an die Höhen der Schreibkunst einer Annie Dillard, als deren Soulsister ich Rebecca Solnit an manchen Stellen wahrnehme.
Es geht in dem Text, kurz zusammen gefasst, um den Mut, sich ins Unbekannte zu stürzen und darauf zu vertrauen, dass man etwas dort findet, oder dass man gefunden wird. Aus diesem Essay stammt das diesen Text einleitende Zitat.
Ich finde das Buch toll, weil es Feminismus, wütenden Feminismus, so herrlich salonfähig macht, wie er sein sollte. Ich halte es da mit Chimamanda Ngozi Adichie "We should all be Feminists"!

Als ob ich das Thema gerade magisch anziehe, finde ich noch, während ich mich von der Fertigstellung des Textes mit dem Internet ablenke,  im wirklich mehr als empfehlenswerten Onlinemagazin Guernica einen Artikel, ein Interview über ein Frauentreffen, das kürzlich stattgefunden hat, Bodies of Revolution. Sehr lesenswert!

Rebecca Solnit hat noch viele andere Bücher geschrieben. Ich bin durch die Lektüre dieses einen ein wenig süchtig nach ihr geworden und ich werde mir gleich das nächste von ihr besorgen. Es heißt Aus der nahen Ferne und ist ebenfalls bei Hoffmann und Campe erschienen.

Und ja, meine Sicht auf die Welt ist gerade entweder eingeschränkt, oder wegen des Weltfrauentages häufen sich tatsächlich die Texte und Postings zum Thema Feminismus, beim allerletzten Ablenkungsmanöver, bevor ich meinen Text endgültig online stelle und mich mit einem Buch ins Kissen knalle, stolperte ich über einen tollen Text von Margarete Stokowski, einer Autorin für u.a. Taz und Spiegel Online, der ich auf Twitter folge. In dem Text kam der wunderbare Satz "Mindestens die Hälfte der Frauen, die ich kenne, würden sich auch noch entschuldigen, wenn sie von einem Meteoriten getroffen werden." vor, und sie schreibt damit sowas von die verdammte Wahrheit. Mindestens die Hälfte aller Frauen, die ich kenne, täte das auch! Also: Abrundung gelungen: Wir sind wieder beim mangelnden Selbstwertgefühl von Frauen aller Altersstufen gelandet und dem wütenden Feminismus, aber auch bei den Kleinigkeiten, in denen sich das Machtgefälle so zeigt. Hier ist der ganze Text

© Susanne Becker

Kommentare:

  1. gefällt mir dein Text, hab Dich mal verlinkt

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    1. Danke Dir sehr! wohin hast Du ihn denn verlinkt? Habs nicht gefunden.
      LG Susanne

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