Berlin

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Dienstag, 1. Dezember 2015

100 bemerkenswerte Bücher - Die New York Times Liste 2015

Ich muss gestehen, dass der Stapel ungelesener Bücher neben meinem Bett mittlerweile so hoch ist und so viele Schätze enthält, dass ich Bücherlisten gerade eher unattraktiv finde. Das hält mich allerdings nicht davon ab, sie zu durchforsten und zumindest ein paar Titel hinten in meinem Notizbuch festzuhalten. Es kommt Weihnachten, es kommt mein Geburtstag im Januar, es werden Menschen fragen, was ich mir wünsche und neben einer irdenen Salatschüssel und ein paar Produkten von Dr. Hauschka könnte ich dann schon auch wieder Bücher nennen. Obwohl ich momentan zu der eher deprimierenden Erkenntnis komme, dass ich mehr als 200 Seiten zu lesen in den normalen, verrückten Wochen des Alltags nicht fertig bringe. 200 Seiten ist nichts. Ich lese gerade ein Buch von 1232 Seiten, dafür werde ich also schlappe 6 Wochen brauchen. Ich habe in diesem Jahr bislang 64 Bücher gelesen. Das ist weiß Gott nicht viel. Aber ich habe in diesem Jahr auch so viele wunderbare Bücher entdeckt, dass ich mich, lesetechnisch, tatsächlich ungewöhnlich reich beschenkt fühle.
Hier die traditionelle Weihnachtswunschliste. Hier die 100 Notable Books of 2015 der New York Times. Sie ist seit Jahren meine Lieblingsbücherliste. Denn sie enthält immer fast ausschließlich Autoren und Bücher, von denen ich praktisch noch nie etwas gehört habe. Und das, obwohl ich mich täglich mit Büchern beschäftige und mein Interesse dort auch recht weit gestreut ist. Somit finde ich durch diese Liste eigentlich in jedem Jahr Bücher und Autoren, auf die ich sonst nicht gestoßen wäre. Ich empfinde die Liste diesmal als ungewöhnlich interessant, und habe immerhin sechs Titel gefunden, die ich eigentlich doch sofort meinem SUB hinzufügen möchte.

Folgende Titel sind mir diesmal also quasi ins Auge gesprungen und haben den Weg auf meine Wunschliste gefunden:

1. Claudia Rankine Citizen, An American Lyric Eine Meditation darüber, was es bedeutet, in den USA schwarz zu sein, eine Auseinandersetzung mit der Realität schwarzer Alltäglichkeit in einem Land, in dem immer wieder Morde an Schwarzen durch Polizisten zu Schlagzeilen werden. Die Autorin interessiert mich auch, weil sie Jurorin bei einem Poetry Wettbewerb ist, zu dem ich gerade gestern ein Gedicht eingesandt habe.

2. Joseph Kanon Leaving Berlin ist ein Spionagethriller über einen in Deutschland geborenen jüdischen Schriftsteller, der dem Holocaust nach Amerika entkommen konnte und dort berühmt wird als Autor. Als er sich im Rahmen der Kommunistenverfolgung dort weigert, Namen zu nennen, wird er vom gefeierten Star zum Außenseiter. Seine Ehe zerbricht und er verliert seinen Sohn.
Man bietet ihm an, nach Ostberlin zu gehen und die Sowjets auszuspionieren, sozusagen als Chance seine Reputation zu retten. Es ist das Jahr 1949.
Mich interessieren vor allem die Punkte: Berlin und Schriftsteller. Die Geschichte klingt spannend.

3. Hanya Yanagihara  Little Life Die Geschichte eines Menschen, der als Kind jahrelang sexuell missbraucht wurde. Wie geht er damit um? Wie kann es ihm gelingen, dennoch ein erfülltes Leben zu führen? Ein 700 Seien starker Roman über vier junge Menschen, die in New York versuchen, erwachsen zu werden.

4. Atticus Lish Preparation for the Next Life ist die Geschichte eines amerikanischen Irakveteranen und einer chinesisch-muslimischen Einwandererin, die ein Paar werden, in New York und deren Beziehung im Grunde von Anfang an dem Untergang geweiht ist. Wäre dies nicht eine alphabetische Liste, dann würde ich dieses Buch als erstes nennen. Ein Buch über das Verhältnis zwischen Amerika und den Muslimen (ein Buch über das Verhältnis zu Muslimen, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich über dieses Thema gerade nicht genug lesen kann),ein Buch über die Auswirkungen des Krieges auf einen Menschen, ein Buch über die Nachwehen von 9/11 auf die USA. Ein absolutes Muss!

5. Jonathan Franzen Purity möchte ich zunächst eigentlich nur deshalb lesen, weil ich endlich ETWAS von Jonathan Franzen lesen möchte. Ich habe weder The Corrections noch Freedom gelesen und ich fühle mich damit nicht wohl. (Halbwitz!) Ich möchte das Buch aber auch lesen, weil es mich als solches interessiert. Die Geschichte einer jungen Frau, die nicht weiß, wer sie ist und eines ostdeutschen Friedensaktivisten. Die Geschichte einer Tochter, die nicht weiß, wie sie wirklich heißt, wie ihre Mutter heißt und wer ihr Vater ist. Eine Geschichte auch, in der das Internet, wie im echten Leben, eine große Rolle spielt.

6. Heidi Julavits The Folded Clock A Diary - Meditationen über Geister, Verlangen oder was auch sonst immer die Autorin zu untersuchen entscheidet, nachdem sie ihren täglichen Eintrag mit den Worten Today, I.... begonnen hat. Normalerweise folgt ein Tagebuch der chronologischen Reihenfolge der Zeit. Dieses nicht. Es hüpft hin und her. Ich schreibe selbst seit fast 40 Jahren Tagebuch. Gerade lese ich alte und vernichte sie danach. Allerdings suche ich vorher alles heraus, was noch in irgendeiner Weise brauchbar sein könnte. Manchmal ist da gar nichts. Manchmal sehr viel. Dieses Buch ist vielleicht dasjenige von der Liste der Notable Books, das ich am allerdringendsten lesen möchte.


(Nochmal für Interessierte, hier meine Auswahl aus den Listen 2014, 2013 und 2012)

Die traditionelle Weihnachtswunschliste 2015

Ich wünsche mir immer noch hauptsächlich Bücher (oder Reisen). Es gibt bei mir keine grundlegende Entwicklung. Ich glaube, die Dr. Hauschka Produkte hatte ich auch schon erwähnt, und bei den Reisen wären in diesem Jahr Cornwall oder Lissabon sehr schön, aber auch New Mexico, wo ich im Herbst aufgrund einer schweren Grippe nicht hin konnte. Ich werde das im kommenden Jahr nachholen. Ihr könnt mir also, wenn Ihr mir kein Buch schenken wollt, den Flug nach Santa Fe schenken, da freu ich mich. Dort ist ein Künstlerzentrum, in dem ich einen Aufenthalt als schreibender Artist in Residence ergattert habe. Nur deshalb erwähne ich es. Und weil ich sonst nie krank werde und es immer noch nicht fassen kann, dass ich ausgerechnet dann eine Grippe bekomme, wenn ich dorthin möchte. Aber es hat auch etwas Gutes: jetzt liegt es nicht schon hinter mir, sondern ich kann mich immer noch darauf freuen.

Hier die Bücher, die ich mir in diesem Jahr wünsche. Als erstes alle von dem Post 100 bemerkenswerte Bücher. Ich bin zu faul, sie alle noch einmal aufzulisten. Lest den Post bitte selbst. Danke.
Dann aber noch folgende:
Untertauchen von Lydia Tschukowskaja. Ich habe von dem Buch bei einer anderen Bloggerin gelesen, schon vor einigen Monaten. Damals war meine Tochter gerade in St. Petersburg und alles Russische weckte meine Neugier. Immer noch möchte ich die Geschichte einer Frau lesen, die 1949 in einem Sanatorium für Künstler ist und dort auf Bilibin trifft, der im gleichen Arbeitslager wie ihr Mann gewesen ist. Aber er, genau wie alle anderen im Sanatorium, möchten die Vergangenheit vergessen.
David Wagner Welche Farbe hat Berlin? Der Autor wandert durch Berlin und erkundet die Stadt. Eine bessere Art, etwas über meine Stadt, in die ich zog, um ein Jahr zu bleiben und in der ich seit über 20 Jahren nun lebe, kann ich mir nicht vorstellen, als sie zu erwandern. Und wenn dann noch ein so brillianter Schreiber wie David Wagner die Beobachtungen seiner Wanderungen mit dem Leser teilt, dann möchte ich kein Wort davon verpassen.
Dann muss man natürlich auch Mauerpark lesen. Er flaniert ja auch darin.
O.k., ich wollte ihn sehr lange nicht lesen. Nein, das war gar nicht so aktiv, es war eine echte Gleichgültigkeit. Er hat mich einfach nicht interessiert. Wenn ich andere von seinen Ergüssen schwärmen hörte, ließ mich das vollkommen kalt. Aber er ist ja ziemlich penetrant. Er ist irgendwie in jedem Feuilton, jedesmal, wenn ich Facebook öffne, glotzt er mir entgegen, er ist eitel, selbstverliebt, egomanisch, deshalb wollte ich ihn nicht lesen, und deshalb will ich ihn jetzt doch lesen. Karl Ove Knausgard. Seine Penetranz hat mich weich gekocht und ich will jetzt mit reden. Also wünsche ich mir eines seiner Kampfbücher, egal welches, oder alle. Wenn er gut ist, werde ich alle lesen. Toll war übrigens dieser Text über einen Besuch der Welt-Literaturpreisverleihung an ihn. Ich war voll grün vor Neid, dass ich 1. nicht auch dort war und 2. nicht diesen tollen Text geschrieben hatte. Er gab übrigens den Ausschlag: danach wusste ich, dass ich Knausgard lesen musste, endlich auch mal.
Das neue Buch von Joachim Meyerhoff "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" - Der Mann sieht so wahnsinnig gut aus. Aber ich will nicht oberflächlicher erscheinen als ich es wirklich bin. Ich lese keineswegs nur Bücher von gutaussehenden Männern. Aber manchmal gerate ich ins Schwärmen und Joachim Meyerhoff ist einfach mein Typ. Genau wie Tilman Rammstedt, der ja jetzt öffentlich schreibt, um seine Schreibblockade zu überwinden. Bei mir würde das den gegenteiligen Effekt haben. Außerdem schreibt Meyerhoff einfach saugut. Ich wünsche mir auch noch sein erstes Buch Alle Toten fliegen hoch

Das wars. Ich wünsche mir noch mehr Bücher. Ich wünsche mir noch viel mehr Bücher. Aber das tut hier nichts zur Sache. Man kann nur so und soviel lesen. Man muss realistisch bleiben. 64 Bücher im Jahr, das ist weiß Gott nicht viel angesichts der Berge, die alljährlich veröffentlicht werden. Da schafft man es noch nicht einmal mehr, mit seinen Lieblingsautoren Schritt zu halten.

 © Susanne Becker