Berlin

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Montag, 31. August 2015

José Luis Peixoto - Das Haus im Dunkel

"Aber langsam verwandelte die Zeit alles in Zeit. Das ist die Erklärung für die Ewigkeit. Langsam verwandelt die Zeit alles in Zeit. Hass verwandelt sich in Zeit, Liebe verwandelt sich in Zeit, Schmerz verwandelt sich in Zeit. All die Themen, die wir als höchst abgründig, als absolut unfassbar, als absolut dauerhaft und unabänderbar betrachten, verwandeln sich langsam in Zeit."

eines Tages erreichte mich diese wundervolle Post
vom Wiener Septime Verlag
Ich habe den Autor José Luis Peixoto im letzten Jahr, während meines Aufenthaltes in Lissabon aus Anlass des Disquiet International Literary Programs im José Saramago Haus bei einer Lesung erlebt und war von ihm auf Anhieb begeistert. Damals las er Texte, die für diese Lesung ins Englische übersetzt wurden. Es gab im Sommer 2014 von ihm weder Bücher auf Deutsch noch auf Englisch. Das frustrierte mich ziemlich, weil ich unbedingt etwas von ihm lesen wollte. Kurzzeitig spielte ich mit dem Gedanken, portugiesisch zu lernen (was ich, nur als Anmerkung, immer noch erwäge, es ist eine tolle Sprache und ich werde mit Sicherheit noch öfter nach Lissabon zurück kehren und portugiesische Schriftsteller, die die Lektüre lohnen, aber nicht übersetzt werden, gibt es, wie ich auch in diesem Text  und in diesem erwähnte, genügend).
Immer einmal wieder stöbere ich im Internet auf Verlagsseiten, vor allem auf Seiten von Verlagen, die ich kaum kenne. Über die Assoziationskette Bachmann-Preis - Valerie Fritsch landete ich recht umweglos auf der Seite des Wiener Septime Verlages und konnte es kaum fassen, als ich dort über den Namen José Luis Peixoto stolperte. Das Haus im Dunkel wurde von dem 2008 in Wien gegründeten Verlag in einer deutschen Übersetzung von Ilse Dick in diesem Jahr heraus gebracht. Mit großer Spannung erwartete ich das Buch, das mir freundlicherweise vom Verlag auf Anfrage zugesandt wurde und fand gleich am Anfang dieses vielsagende Zitat aus Margaret Atwoods, Der blinde Mörder, welches mir im Verlauf der Lektüre immer verständlicher wurde:

"Nicht, sagt sie. Es ist nicht meine Schuld. 
Meine auch nicht. 
Sagen wir einfach, dass wir nicht von den Sünden der Eltern loskommen. 
Das ist unnötig grausam, sagt sie kalt. 
Wann ist Grausamkeit je nötig? sagt er. und wie viel davon? 
Lies die Zeitungen, ich hab die Welt nicht gemacht."

Das Haus im Dunkel ist ein trauriges Buch, das man nicht einfach so weg liest. Ich habe mich wirklich hindurch gearbeitet, manchmal sogar widerwillig. Das Buch hat mich gequält, weil es einem keine Möglichkeit des Ausweichens anbietet. Es stößt einen gnaden- und schnörkellos hinein in das Dunkel, in welchem das Haus der Handlung steht, das Dunkel, das auch im Ich-Erzähler lebt, und für mich zur Metapher wurde für alles Tragische, welches Menschen Menschen antun.
Es ist ein Buch über einen Sohn, einen Schriftsteller, einen Liebenden, der alles verliert, als die Invasoren sein Land erobern, auch sein Haus im Dunkel. Sie verstümmeln ihn und seine Mutter.
Der Erzähler hat schon vorher sehr viel verloren, lebt hauptsächlich in seinem Inneren, in welchem auch seine Geliebte wohnt und von wo aus er Nacht für Nacht schreibt, darin seinem Vater verbunden und ähnlich, der ebenfalls des Nachts Sonette schrieb. Der aber auch ein Sünder war. Im Haus gibt es Sklavinnen, Miriam und Madalena, Tochter und Mutter. Der Vater hat jahrelang eine Liebesaffäre mit Madalena und als er selbst im Sterben liegt, tötet er sie mit einem Schwert - um nicht allein zu sterben? um sie nicht allein zurück zu lassen? An vielen Stellen lässt das Buch den Leser im Dunkeln, es erklärt sich nicht, es wirkt und will nicht gefallen, schmeicheln, guttun.
Die Protagonisten wehren sich nicht gegen das, was ihnen von anderen angetan wird. Sie erleiden, sie erdulden alles. Die einzige Gegenwehr möglicherweise ein Selbstmord, niemals ein Gegenangriff.

Das Haus im Dunkel ist ein wunderschönes Buch, so wie klassische Musik traurig und schön  zugleich sein kann. Es hat mich an Lissabon und meine Zeit dort denken lassen, denn es ist ein portugiesisches Buch und es gab immer wieder Momente, wo mir Pessoa ganz klar vor Augen stand. Wo ich an Sätze wie diesen von ihm denken musste "Leben heißt, ein anderer sein." Peixoto nennt Pessoa, wie könnte es auch anders sein, als einen seiner Einflüsse. Wie Pessoa stürzt sich auch Peixoto in die Tiefen des Menschseins, in dessen tiefste Abgründe. Er ist weder oberflächlich, noch gibt er sich mit einfachen Erklärungen zufrieden. Seine Worte dringen so tief, dass es kaum auszuhalten ist, und im wahrsten Wortsinne werden Leichen ausgegraben.

Wo anfangen, wenn man über dieses Buch schreiben möchte? Gut, ich habe ja längst begonnen. Dennoch hat das Buch mich aus dem Konzept gebracht. Es ist eine Geschichte, die einen verwirren kann. Menschen werden verstümmelt, leben aber weiter, ohne dass jemand sie verarztet, mit Löchern im Körper, mit fehlenden Gliedmaßen, das wird nicht erklärt.

Die Sprache: Sie ist wie in einem Gedicht. Das gesamte Buch ist poetisch und liest sich wie ein langes Gedicht, ein Klagegesang auf alles, was Menschen verlieren, tagtäglich, ein Trostgesang der Anerkennung dessen, dass Menschen tagtäglich alles verlieren. Die Sprache ist auch wie Musik. Wenn ich allein in der Wohnung war, las ich manchmal laut zu mir selbst, denn die Sprache ist so, das ich sie rezitieren wollte. ein sehr trauriges, wunderschönes Buch, dass mich verwirrt hat.

Ich suche nach Interpretationen und lese das Buch auch als eine Parabel über einen Menschen, über eine Gruppe von Menschen, über eine ganze Stadt, die alles verliert, und ich kann nicht anders, als immerzu während der Lektüre an die Flüchtlinge zu denken, die an die Grenzen Europas kommen in einer so großen Verzweiflung.  Sie haben in der Regel alles verloren. Ja, vielleicht neigt man dazu, Zusammenhänge herzustellen, wo gar keine sind, weil man in seinen Gedanken immerzu assoziiert, Denken ist meine größte Sucht. Aber dennoch kann ich dieses vom Autor 2002 verfasste Buch unter anderem nur so verstehen, als eine Schilderung dessen, was geschieht, wenn Invasoren kommen, ein Land besetzen und unterwerfen, und den dort lebenden alles rauben, ihr gesamtes bisheriges Leben, ihre Unversehrtheit, ihren Körper.

"Er berichtete mir von einem Land, das komplett verschwand, nachdem es von den Invasionen ereilt worden war. Er berichtete mir von einem Land, das von den Invasionen ereilt wurde und in dem alle Menschen in ihren Häusern eingeschlossen und sämtliche Häuser in Brand gesetzt wurden."

Ich lese das Buch als Parabel über die Grausamkeit, die Menschen tagtäglich einander zufügen und auf die Sehnsucht nach und die Unmöglichkeit von Liebe inmitten dieser Grausamkeit. Natürlich denkt man an die Schreckensherrschaft Salazars, die im Hintergrund eines solchen portugiesischen Buches zwangsläufig aufblitzt. Aber bei der Stelle mit den in Brand gesetzten Häusern denkt man auch sofort an die SS und ihre Vernichtungszüge gegen die Juden in Polen, wo ganze Dörfer in einer Scheune eingeschlossen und diese angezündet wurde. Verrückt, wie der im Mittelpunkt der Handlung stehende Schriftsteller, der das Buch als Ich-Erzähler erzählt, das Dunkel versucht zu ignorieren unter einer warmen Decke, die Invasoren zu ignorieren, wie er hofft, ihnen zu entgehen, wenn er sie ignoriert, und dann durch sie doch alles verliert: seine Arme, seine Beine, seine Geliebte, seine Mutter, die Möglichkeit zu schreiben, am Ende das Leben.Das ist das ganz normale Verhalten, dass man hofft, es geschieht einem nichts, wenn man das Unheil nur konsequent ignoriert.

Das Haus im Dunkel ist ein vielschichtiges Buch, ein abgründiges Buch. Es hatte beim Lesen so viele verschiedene Bedeutungen, dass ich manchmal verwirrt und erschöpft eine Lesepause einlegen musste, um mich zu erholen. Es kam mir vor wie eine endlose Wortschlange, die das Dunkel beschwört und von allen Seiten beleuchtet, eine Wortschlange, die in mich hinein kriecht. Im wahrsten Sinne des Wortes werden darin Leichen gestapelt und ausgebuddelt.

Ist es nicht auch ein Buch über einen Sohn und seinen Vater? Kämpft da nicht ein Sohn mit den Sünden seines Vaters und der daraus in ihm entstandenen Dunkelheit?
Kämpft da nicht ein Sohn auch mit der Sünde der Mutter, die aus Passivität den Sünden des Vaters tatenlos gegenüber stand und dieses Haus mit Katzen füllte, welche zu Anfang und zu Ende auf mich wirkten, wie eine Beschwörung des Lebendigen, das vielleicht in den Menschen auszumerzen ist, aber nicht in den Tieren?
Ist dieses Buch nicht auch ein Märchen?
Und ist es nicht auch ein Buch über das Schreiben? Wenn der Schriftsteller, mittlerweile von den Invasoren verstümmelt und als Kinderspielzeug für die unzähligen Nachfahren des Diktators (des dicken Mannes, der unendliche Frauen hat und diese ununterbrochen schwängert) seine Tage im Kinderzimmer verbringt, wo er eine der Mütter kennenlernt, weil sie in früherer Zeit die Übersetzerin seiner Bücher in die Sprache der Invasoren war. Er gibt ihr die letzten Manuskriptseiten, die er noch schreiben konnte, bevor ihm Arme und Beine abgehackt wurden. Er glaubt daran, dass seine Worte durch sie weiter leben können. Also glaubt er an die Sinnhaftigkeit des Schreibens, seines Schreibens?

"Diese Worte habe ich gelebt. Eines Tages habe ich sie verloren. An diesem Spätnachmittag verschenkte ich diese Blätter, als würde ich mein Leben verschenken. Die Übersetzerin meiner Bücher war der Mensch, der ihnen viele Leben einhauchen würde. In ihr würden die Worte wie Streichhölzer entflammen. Ihren Augen konnte ich entnehmen, dass alles wahr sein würde. Die Worte würden nun nicht mehr nur meine sein, aber ich wusste ja, dass die Worte nie nur meine waren. Niemand besitzt Worte, wie auch niemand das Leben besitzt.Die Worte, die für mich ihre Bedeutung hatten, würden in dieser unglaublich schönen und hässlichen Frau, die mich abwartend ansah, andere Mysterien bedeuten. Bei ihr würden die Worte wahr bleiben."

Dieses Buch hat mich verstört, manchmal genervt, aber ich konnte dennoch nicht aufhören, es zu lesen. Mittlerweile habe ich den Autor kontaktiert und ihm einen etwas unverschämten Katalog an Fragen zu dem Buch geschickt. Ich hoffe, das daraus resultierende Interview an dieser Stelle bald nachreichen zu können und empfehle Euch das Buch. Peixoto ist mit Sicherheit einer der wichtigsten portugiesischen Autoren der jetztigen Zeit. Es ist schade, dass seine Bücher nicht längst alle auf Deutsch vorliegen.

Als ich ihn im letzten Jahr erlebte, erzählte er uns unter anderem, dass er 2012 eine Reise nach Nord Korea gemacht habe. In das Land im Dunkel, denke ich nach der Lektüre seines Buches, und auch, dass das Dunkel diesen Autor ganz offensichtlich fasziniert. Er hat darüber geschrieben, ein Tagebuch, es heißt Inside the Secret und ihr könnt es auf Englisch bei der Literaturzeitschrift Ninth Letter #49 nachlesen.
Ich hoffe, der Septime Verlag mit seinem hochwertigen und ungewöhnlichen Programm wird weitere Bücher von Peixoto für uns ins Deutsche herüber holen. Meine besonderen Wünsche wären Moreste-Me, ein Buch über seinen verstorbenen Vater, dessen Titel in der englischen Übersetzung soviel bedeutet wie: you died on me, was ich gar nicht korrekt ins Deutsche übersetzen könnte. Ich konnte nicht anders, als bei der Lektüre von Das Haus im Dunkel immer wieder zu denken, dass der ja auch zu Anfang sterbende Vater und der Schriftsteller auch autobiografische Züge tragen. Ein anderes Buch, das ich sehr gerne lesen würde, ist Cemiterio de Pianos. Also, lieber Septime Verlag, ich hoffe auf  Euch!

© Susanne Becker

Freitag, 28. August 2015

#bloggerfuerfluechtlinge - Mein Opa

Blogger für Flüchtlinge

Ich bin es ein bisschen müde, Leute, die ich eigentlich mag, Dinge sagen zu hören, wie: Aber es sind einfach zu viele. Wir können nicht allen helfen. Das macht letztlich unser Land kaputt. Es geht für uns um eine reale Bedrohung undsoweiterundsofort - ja, und das ist natürlich genau der Punkt, von dem aus auf die Situation geblickt wird. Also, es ist der eine Aussichtspunkt: Angst.
Der andere, der solche Fragen nicht stellt, sondern einfach hingeht und das Herz und die Arme aufmacht für all die Hilfsbedürftigen, die kommen, die haben einen anderen Punkt, von dem aus sie schauen: es ist ein angstfreier und selbstloser Punkt, von dem aus der andere Mensch irgendwie immer wichtiger ist als man selbst.
Wer den Untergang seiner Welt fürchtet, zum Beispiel durch das Hinzukommen zu vieler fremder Menschen, der klammert sich an den Zustand seiner Welt, er stemmt sich gegen Veränderung. Er wird sich fragen lassen müssen, zum Beispiel von mir, ob er glaubt, dass der Zustand seiner Welt ein legitimer ist oder nicht vielleicht zusammen hängt, kausal, mit den Menschen, die ihre Länder verlassen müssen, weil die Zustände in ihren Ländern unerträglich geworden sind.

In meinem Heimatort im Rheinland, einem damals winzig kleinen Dorf an der Grenze zum Bergischen Land, kamen nach dem 2. Weltkrieg sehr viele Flüchtlinge aus dem Osten an.
Meinem Großvater mütterlicherseits und seiner Familie, einer Bauenfamilie, gehörte damals in diesem Dorf sehr viel Land, also, ich würde sagen, meinem Opa gehörte landmäßig das halbe Dorf, und hätte er das Land nicht verschenkt, sondern verkauft, dann wäre er vielleicht sehr reich geworden.
Er gab ein riesiges Stück seines Landes als Bauland weg, für sehr wenig Geld und während meiner Kindheit standen schon die Einfamilienhäuser der ehemals Geflüchteten darauf. Wunderschöne Einfamilienhäuser, auf den Klingelschildern Namen wie Levandowsky oder Fried. Die Frauen dieser Familien saßen regelmäßig in der Küche bei meiner Oma, bekamen einen Kaffee und erzählten ihre Geschichten. Ich saß als Kind daneben und lauschte. Wenige Jahre später kamen die ersten Gastarbeiter (eine türkische, eine griechische und eine italienische Familie) in unsere Straße, die Frauen saßen auch in unserer Küche, manchmal weinten sie,  und erzählten, mit Händen und Füßen und bekamen Kaffee).

Einmal, da hatte ich schon meine erste Tochter und schob mit dem Kinderwagen die Straße entlang, auf der diese Häuser stehen und die früher meinem Opa gehört hatte, da kam Frau Fried nach vorne, sie sah blass aus, trug nach einer Chemotherapie eine Perücke und bat mich, nach hinten zu ihr in den Garten zu kommen. Sie machte mir einen Kaffee und wollte ganz offensichtlich noch einmal von früher erzählen, von meinem Opa. Er war damals schon seit etwa siebzehn Jahren tot, an Krebs gestorben. Ich werde nie vergessen, was sie sagte, und was ich bis damals nicht wusste: "Als wir hier ankamen, wollte uns keiner. Die Leute waren so unfreundlich zu uns. Nur einer nicht, Dein Opa! Der war von Anfang an nett und wir konnten immer zu ihm kommen, wenn was war. Das werde ich ihm nie vergessen." Nur kurze Zeit nach meinem Besuch starb auch Frau Fried an Krebs und ich stellte mir immer vor, wie sie meinen Opa im Himmel trifft und wie sie Kaffee zusammen trinken.

Mein Onkel, der Mann meiner Tante, ist ein Flüchtling aus dem Osten. Als vierjähriges Kind (gestern wurden in einem Lastwagen an einer Autobahn südlich von Wien 71 tote Flüchtlinge gefunden, vier davon Kinder). ist er mit seinen beiden Schwestern und seiner Mutter geflohen. Sie kamen nach wochenlanger Flucht in ein Lager ins Emsland. Später kam er ins Rheinland, um bei Bayer zu arbeiten. Er heiratete meine Tante und blieb. Er hat nie über seine Flucht gesprochen. Ich habe mit diesem Mann 20 Jahre im gleichen Haus gelebt, und er hat seine Flucht nie erwähnt. Ich mochte ihn als Kind nicht sonderlich. Er war uns Kindern gegenüber auch oft gemein und dann telefoniere ich vor zwei Wochen mit ihm und er fängt fast an zu weinen und sagt: "Ich verstehe das nicht, wie sie mit diesen Leuten hier so umgehen können. Die haben doch wirklich genug durchgemacht. Das weiß ich, ich war schließlich selber einer." Im ersten Moment weiß ich gar nicht, worüber er spricht, aber dann kapiere ich es und er sagt es auch gleich: "Flüchtling. Ich war ein Flüchtling. Das vergisst Du Dein Leben lang nicht, was du da erlebst."
Ich frage ihn, an was er sich denn noch erinnert. Seine Antwort macht deutlich, dass die Erinnerungen so schmerzlich sind, dass er sie nicht heraus rufen möchte: "Dass es schrecklich war, daran erinnerste dich, die Einzelheiten vergisste, ich war ein kleines Kind."

Meinem Opa gehörte auch eine riesige Obstplantage direkt neben dem Sportplatz. Dort wuchsen Pflaumen, Kirschen, Mirabellen, Äpfel, Birnen - ich verbrachte sehr viel Zeit während meiner Kindheit auf dieser Wiese, die mir vorkam wie ein ganzes eigenes Land, auf der man sich verlaufen konnte zwischen all den Bäumen und dem Gestrüpp und auf der man Obst naschen konnte, bis man platzte, Schlaraffenland.
Diese Wiese gab mein Opa irgendwann der Stadt, oder dem Sportverein, ich weiß es nicht, ich war immer noch ein Kind. Auf jeden Fall wurden alle Bäume abgeholzt und daraus ein Trainingsplatz, eine Erweiterung für den Sportplatz gemacht. Mein Opa fühlte sich für das Abernten all der Bäume zu alt, und ein bisschen war es, als täten ihm die, denen der die Wiese praktisch schenkte, einen Gefallen.
Auf dieser Wiese nun möchte die Gemeinde ein Containerdorf für 90 Personen errichten, um weitere Flüchtlinge unterbringen zu können. Nun kommen die Flüchtlinge also in mein Heimatdorf.
Ich glaube, meinem Opa hätte das gefallen. Er hätte Jobs für sie organisiert, den Kindern Bonbons zugesteckt, sich mit Händen und Füßen mit den Männern unterhalten, an sie Zigaretten verteilt, sich bei den Tränen der Frauen aber verschämt an meine Oma gewandt: "Maria, kümmer du dich mal und mach ens Kaffee." Und meine Oma hätte ein bisschen vor sich hingeschimpft, wie es ihre Art war ("glaubt der, ich hab sonst nix zu tun, oder wat?") und dann hätte sie Stuhl in der Küche zurecht gerückt, die weinende Frau hätte Platz genommen und Kaffee bekommen.

Ich hätte diesen Text sowieso geschrieben. Aber es gibt eine wunderbare Aktion von Bloggern aller Couleur, die sich mit Flüchtlingen solidarisch erklären #bloggerfuerfluechtlinge Sie haben eine Website, auf der Ihr sehr viele Infos zur Aktion und zu möglichen Hilfen, die Ihr leisten könnt, findet, und sie haben eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um Spenden für Flüchtlinge zu sammeln. Scheut Euch nicht, Euer Taschengeld zu teilen, sag ich meinen Kindern immer. In diesem Sinne.
Zuletzt möchte ich noch hinweisen auf Pia Ziefle, die mir ja letztens noch auf meiner Seite 10 Fragen beantwortet hat, die ich sehr schätze, und die auf ihrem Blog einen tollen Text und eine ständig wachsende Linkliste angelegt hat. Schaut es Euch an. Großartig!

© Susanne Becker

Montag, 17. August 2015

10 Fragen an ... Pia Ziefle

Dies ist eine neue Reihe, die ich auf meinem Blog hiermit ausprobieren möchte.
Ich stelle Schriftstellerinnen und Schriftstellern 10 Fragen, die mich brennend interessieren.
Für mich waren Schriftstelleinnen schon immer die interessantesten Menschen der Welt. Bei Lesungen möchte ich mich eigentlich regelmäßig nach vorne drängeln und diese 10 Fragen (und ca. 35 weitere) stellen. Es ist für mich faszinierend, wie jemand Tag für Tag allein an seinem Schreibtisch sitzt und sich eine Geschichte aus dem eigenen Inneren schält. Oft finde ich es spannender, zu erfahren, wie ein Schriftsteller schreibt, welche Rituale, Gewohnheiten er hat, welche anderen Autoren ihn oder sie inspirieren, als den Text zu interpretieren.
Die Antworten auf meine Fragen, das habe ich schon jetzt bei meinem ersten Versuch gemerkt, inspirieren mich sofort. In der Hoffnung, dass dies auch meinen Leserinnen so geht, hoffe ich, noch viele Schriftstellerinnen zu finden, die bereit sind, diesen kleinen Fragebogen zu beantworten (angelehnt übrigens an den Fragebogen der FAZ, den ich schon als Kind verschlungen habe, weil mich Dinge wie: Welche Person aus der Vergangenheit würden sie gerne kennenlernen? Oder was ist Ihre Lieblingsfarbe? wirklich interessieren) .

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Den Anfang macht die großartige Pia Ziefle, deren zweites Buch Länger als sonst ist nicht für immer ich vor ein paar Monaten hier rezensiert habe.  Ihr erstes Buch Suna habe ich noch nicht gelesen, aber es steht sehr weit oben auf meiner Wunschliste.In beiden Büchern beschäftigt sie sich mit ganz großen Fragen, und findet sehr leise Antworten darauf, die noch lange in einem nach klingen. Es ist wahr: Über Länger als sonst ist nicht für immer denke ich noch heute so manches Mal nach und wenn ich mir was wünschen würde, dann: Bitte, Pia Ziefle, erzähl mir mehr von Ira, Lew und Fido. Ich möchte wissen, wie es mit ihnen weiter geht.

Hier sind ihre Antworten auf meine neugierigen Fragen.

1. Wo schreibst Du am liebsten?

An meinem Schreibtisch. Versuche, mit einem Notebook durch die Gegend zu
fahren und an schönen Orten zu schreiben sind schon beim ersten Buch
gescheitert, entweder an mangelndem Akku oder an mangelnder Ruhe, fehlendem Internet
oder zu vielem Drumherum, an das ich hätte denken müssen. Bücher,
beispielsweise, oder Essen, Trinken, Notizen oder an meine Wandtafel.

2. Gibt es Rituale, ohne die beim Schreiben für Dich nichts geht?

Ruhe. Ich brauche Ruhe. Die schaffe ich mir, indem ich mit Musik
schreibe. Klingt paradox, ist es auch, aber Musik im Kopfhörer schirmt
mich ab von Alltagsgeräuschen, und ich kann sie ausblenden, sobald ich im Text bin. Für manche
Schreibphasen an /Länger als sonst ist nicht für immer/ habe ich
playlists gemacht, oft nur mit einem einzigen Stück,
das dann in Dauerschleife gelaufen ist, damit mir die Atmosphäre zum
Schreiben nicht wegrutscht.

3. Gibt es eine Art Schreibroutine?

Sobald ein Thema da ist: Mit Leuten sprechen. Mit sehr vielen. Dann:
Lesen. Sehr viel lesen. Jeden Tag. Bücher, Zeitschriften, Internet,
egal. Nein, nicht ganz egal.
An Schreibtagen lese ich vor allem im Internet, und mache dann alles zu.
Lege mir ein bisschen zu Essen bereit und dann beginne ich mit der
aktuellen Arbeit: Figuren ausstatten, den plot noch einmal bedenken,
oder später, ein bestimmtes Kapitel schreiben. Wenn es fertig ist,
liegenlassen. Sehr lange liegenlassen. Wochen am Besten. Wenn es danach
noch gut klingt, kann es bleiben. Ansonsten muss es überarbeitet werden.
Ich habe also eher eine generelle Routine, keine die sich auf einen Tag
herunterbrechen lässt.

4. Was liest Du gerade?

Im Augenblick lese ich viel parallel. Einmal "The Interestings" von Meg
Wolitzer, auf Englisch, das holt mir meine ersten Romanlesegefühle
zurück, weil ich nicht so gut Englisch kann, um mühelos und ohne Fragen
an Vokabeln durch den Text zu reisen.
Weiß ich etwas nicht, muss ich entscheiden, ob ich es nachschlage, oder
ob es mir reicht, eine Szene ohne exakte Kenntnis der Vokabel nur so
halb zu erfassen. Das Ergebnis: ich bin viel tiefer drin im Text und in
den Figuren, weil ich mir Begriffe aus dem Kontext erschließen muss so
wie früher, als ich noch sehr jung war und sehr viel Literatur gelesen
habe, die keineswegs für mein Lesealter gedacht war. Wahrscheinlich
würde ich "The Interestings" auf Deutsch gar nicht so intensiv bedenken
wie ich es im Augenblick tue.
Parallel, das hatte ich ja so gesagt, parallel lese ich mich durch den
1000-Seiter zu Srebrenica von Matthias Fink, und der andere 1000-Seiter,
der von Jürgen Osterhammel, "Die Verwandlung der Welt" liegt auch noch
auf meinem Lesetisch.

5. Welches Buch oder welche Bücher haben Dein Leben verändert?

Hmmm. Es ist schwer, ein bestimmtes zu nennen, weil es so viele gewesen
sind. Jedes hat auf seine Weise beigetragen, sogar die, die ich wütend
in die Ecke geworfen habe, weil mir Figuren oder Stil auf den Geist
gegangen sind. Ich habe so viel Zeit mit Büchern verbracht,
ich glaube, ich kann keines herausgreifen.

6. Wenn Du absolut frei wärest, wo würdest Du leben?

Auf einer griechischen Insel, bei allerdings angenehmen Temperaturen,
wenn ich das bestellen darf.

7. Welchen Menschen aus der Vergangenheit oder Zukunft würdest Du gerne
kennen lernen?

Aus der Zukunft würde ich gerne diejenigen treffen die es geschafft
haben, die Menschheit davon zu überzeugen, friedlich miteinander
auszukommen und alle Ressourcen miteinander zu teilen, weil es sich
ohnehin nicht lohnt, für eine so kurze Spanne wie ein menschliches Leben
Reichtümer anzuhäufen oder sich so etwas Abstraktes wie "Macht" zu sichern.

8. Fällt Dir Schreiben leicht oder schwer?

Der Anfang ist schwer. Sehr schwer. Von der vagen Idee zu einer Figur zu
kommen, diese dann in eine Handlung zu bringen, sie überhaupt erst davon
zu überzeugen, jetzt auf der Stelle tätig zu werden, das ist schwere harte Arbeit.
Das Ziel der Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren, oder noch früher,
es überhaupt fokussieren zu können
- das ist auch nicht sehr leicht. Aber wenn ich das habe, und den Ton
der Erzählung, dann geht es mitunter sehr schnell, ein Kapitel in Form zu gießen.

9. Du schreibst weil.....?

... ich hoffe, mit dem was ich zu erzählen habe, etwas zurückgeben zu
können. Ich verstehe Literatur als einen kleinen Beitrag. Entweder,
indem sie etwas in Zusammenhang bringen kann, der sich nicht so einfach
erschließt, wenn man jeden Tag hart arbeiten muss und weniger Zeit hat
als ich, in einer Bibliothek zu sitzen, oder indem sie etwas sichtbar
machen kann, das leicht im Alltag untergeht. In jedem Leben steckt ein
Roman, und den zu finden und erzählbar zu machen, so dass jemand anderes
etwas daraus mitnehmen kann für sein Leben oder eine Lebensentscheidung,
das finde ich spannend und darum bin ich bisher drangeblieben am Erzählen.

10. Gibt es eine Frage, die ich nicht gestellt habe, die Du an dieser
Stelle trotzdem gerne beantworten würdest?

Nein, alle Fragen waren toll.  Ganz herzlichen Dank dir dafür!

Danke an Pia Ziefle! Es hat mir großen Spaß gemacht, Deine Antworten zu lesen!

Samstag, 15. August 2015

Providence

I always liked the sound of the word providence. If I had to choose a favourite word, it might very well be it, providence. I also love its meaning.

Today there was a thread on my facebook-timeline.
I posted "Whatever you can do, or dream you can, begin it. Boldness has genius, power and magic in it." J.W. Goethe
A friend in a comment continued: „Concerning all acts of initiative there is one elementary truth, the ignorance of which kills countless ideas and endless plans.
That the moment one definitely commits oneself then providence moves too.
All sorts of things occur to help one that would never have otherwise occurred.
A whole stream of events issue from the decision, raising in one’s favor all manner of unforeseen incidents, and meetings and material assistance which no man or woman could have dreamed would come his or her way.
Whatever you can do, or dream you can do, begin it.
Begin it now."

I answered: „I wonder: when providence doesn’t move, that might actually mean, one is not truly committed, right? Which would confirm most of my life's experiences, I even know the feeling of wanting providence to move first, so I can see, that it would be o.k. to totally commit, until we both stagnate and kinda watch each other and nothing happens.”

He answered: “Yep, holding back doesn’t work.”

That got me thinking all afternoon.
I am kinda dissatisfied with providence lately, because it seems, in my life, for years it has not moved. It feels like, nothing is happening. I want a new job, a house in the country and my writing to be published, but whatever step I take in any of the possible directions, does not lead to much. Stagnation. Because on the other hand, I think: mhm, that job isn’t really that bad, I mean, I don’t think I will ever find one, that is easier and pays as well, plus my colleagues are nice; or I think: mhm, a house in the country would mean a lot of work, also the daughters don’t want to leave their school, which is understandable, their school is great; also the husband and I neither have a job in the country, nor are we, what one would call handymen, so, what are we supposed to do with a house? or I think: gosh, if I should ever get published, I would have to do public readings, I can not do that, also most people in the literature and publishing business seem to be super arrogant, its just not the kind of crowd, I want to spend my days with.
A little voice in my head has started to tell me for the past months again and again, that I should cease to want so much, that I should also cease to fight all the time, what is in front of me and obviously my life. Withdraw into stillness and acceptance, was pretty much the heart of the multifaceted message, I got. It also said: Try to be alone as much as possible. Try to not get entangled into every little thought, your brain produces. Try to not talk so much, especially about other people, but lets just make it a general thing. Keep your mouth shut, whenever possible. The last layer was something like: most things are not worth thinking about. So this went into the direction, that not only was it smart to keep my mouth shut, but also to watch my thoughts, mindfully, because they were just babbling along all the time, and I believed them and it did not make things better, to do that.
All of this I pretty much ignored. I mean, not ignore-ignore, I heard them, I understood them, on a theoretical level, I was in total agreement with them, but they did not sink in, so I did not live them. Not because I wanted to ignore them, but because a life with a family, a job, in the middle of a major european city, with friends, with taxes to do, school business to attend to, a garden in the country, political situations to react to, is not exactly a still place. Life is fast and full. So the little voice in my head whispered: accept this. This is your life! while I kept complaining: I want things to be different, why doesn’t anything happen? The voice said: Most of your entanglement comes from your not accepting things the way they are, anyways. I heard it and heard it not. There was no meaning attached to those words, I could not connect them with my life or self, and continued to ponder all possible changes, to finally move away from the agony I felt, was my life.
After somebody broke into my gardenhouse in the country and stole pretty much everything and also destroyed the door in a manner, that made it very costly to repair it again, I thought, at least I could sell my garden. That would take some of the complexity out of my life, because I would not have to drive back and forth between Brandenburg and Berlin all the time, I would not have to feel guilty, for not watering my plants or harvest my cherries, for all in all being a rotten gardener. This is, I concluded, one burden, I could throw off right now. But then my little daughter started to cry, I mean collapsing, because the garden is her second home, her soul, her everything, so I decided to keep it and felt trapped again.
I felt so burdened, so overloaded with duties and things to organize, every day was packed to the limit. But every “burden”, I tried to get rid of, stuck to me. Every enterprise I started, got complicated. Life felt like a very thick and heavy jelly. I felt, I could not move, everything and everybody was keeping me from moving.

I remember times in my life, when I wanted something so badly, I was so convinced and committed, that the next step I actually took, set the fulfillment in motion. Like a miracle. Do you also know these kind of situations, in which all of a sudden, everything seems to move into your direction. I mean, that is, what Murray and Goethe are talking about, right? Providence really worked for me, with me. That was for example the case, when I knew, that I wanted my daughter to attend a Waldorf School. A pretty utopian idea here in Kreuzberg, where four kids apply for every available place and they clearly prefer kids, who are in a Waldorfkindergarten, which she was not. One morning, while meditating, I had this flash in my conscious: Call the Waldorfkindergarten today. I called and they said, they had an open evening that night, and I should definitely come, because they were looking for girls her age. She got a place and a year later, she got a schoolplace too. And all just, because in the middle of stillness, the solution popped up. Call the kindergarten now, something I never would have actively thought about doing. 
The schoolthing was one thing, I was so clear about, I wished, I could always be so clear. But I am not. Most of the times, I want several things at once or what I want, is so bad for others, that I can not really want it, without feeling totally guilty.
Something like providence has not happened to me in years. My lesson much rather seems to be, not to get, what I think I want so badly. The last years were filled with disappointments, losses, failures, disillusionments and the like. Still, they were among the best years of my life. Disillusionment can be so liberating. Really!

I am still thinking. What I realized this afternoon, was that I truly have seldom committed to anything in my life. A memory came back, a memory to the time, where I had just moved to Berlin, coming from Cologne, and partly Richmond/Virginia. For years I had gone back and forth between those two places. I wanted to live in Richmond so badly, but I never committed. I thought, if I am supposed to live there, providence will show me how. It never did. So I thought: Well, I am not supposed to live there. I moved to Berlin, because a friend from Richmond had moved there and asked me to join her. I came, thinking, I will stay for a year and then we will see. This was twenty years ago.
My philosophy in life was usually: what is supposed to happen, will happen. I never took over control. I was always open to accidents and coincidences and interpreted them as that, what was supposed to happen, providence. I anyway most of the time didn’t know, what I truly wanted.
The situation I was remembering all afternoon, I almost forgot to mention it: I was sitting on my meditation cushion and tried to not be nervous, because I was waiting for a man, I thought, I was in love with. At that time, I was in love with approximately 3-5 men. Looking back, they were all interesting, slightly crazy, pretty deep guys, who could not commit. As far as I know, they are still all singles today. I could not decide, which one I loved most. So I thought: let providence decide. Whomever I end up with, will be the one. Of course, I ended up with none of those guys, but with somebody who was able to commit.
At the same time, I was wondering what I could do in Berlin. I wanted to write, of course, and instead of focusing on one project, I wrote on five things at the same time, and had a new idea, where to apply, practically every day. In the end, I found a pretty dissatisfying but well paying job at a radio station, no writing involved.
I always found dissatisfying, not demanding, well paying jobs, in which I did not have to work five days a week from 9 to 5 and in which I could be myself. That has always been my specialty up until today. Some of my friends envy me for it. But I never had a dream job, I never worked as a writer. I held back. For whatever.
Is it oneself, who forms life by ones own plans and the commitment to it, or is it oneself, who forms life, by becoming so still, so receiving, that one can see, what providence has in store, so that dream and providence become one – magic.

I remember my friend Leo, a very old friend. He is and always has been the total opposite to me. He always knew exactly, what he wanted and he went for it. The word obstacle did not mean anything to him, but a little planning, how to overcome it. Me, I hate obstacles. They seem to tell me, that I am going in the wrong direction, so they often leave me confused and hesisant. Leo never seemed confused and he always got, what he wanted, I think. 
I am not saying, he is happier then me, I can not judge this. But I always, even 25 years ago, when I first met him, saw, that this was a major difference between him and me. He knew what he wanted and shaped reality, often with a lot of energy, into his direction. I waited, never really sure, what I wanted, for reality to tell me, what was possible. I am not even sure, if not both concepts work. Our lives, Leos and mine, both seem to be pretty happy.
Behind those two different strategies to meet life are two different philsophies about, what life is. I do not believe, that Leo often thinks about providence, but since he knows so well, what he wants, providence often works for him. While I totally, I mean totally, believe into providence (it should actually be my middle name!), so much so, that I never understood, that providence is not much without me. That I am providence. What I really want, will happen. If I want too many things at once, nothing much happens, or everything happens. Me and providence get totally entangled in the endlessness of everything, which could be my life, which is my life. So, this inner voice, telling me to shut up, is really smart. Because only if I am still enough, can I hear, what I really want and go for it.
“Until one is committed, there is hesitancy, the chance to draw back, always ineffectiveness.”

There is one last story I want to share, rather proving my view on providence, before I finally close this much too long post: Last year, after my mom died, I got her car and the job to sell it for my brother and me here in Berlin. I actually dreaded that job, because I had never sold a car before and also, it was my moms car and I had kind of difficulties to part with it. I still started to think about the deal and put it on the internet. My brother said; I should sell it for 5000 €. I said, no way, that car is brand new and I will, if at all, sell it for 8000€. He said, good luck. He laughed condescending too, like, it was okay for me, to be so naive and I would learn my lesson. I put it on the internet and put flyers into its windows. Nothing happened. 
One morning I woke up thinking, I should park it in an area, where a lot of retired people live. Because this car definitely is a car for old people. Heinrich Heine Street ws the perfect choice, I found. Its located right between my work and Lillys school, so I could get it after work, pick up Lilly and park it again next morning. The first day, I picked it up to get Lilly. I got into a traffic jam on Heinrich Heine street, and I thought: "Gosh, I am driving around in this car, what, if I have an accident? Then I can not sell it at all!" The second I had this thought, the guy behind me crushed into my car. I was like: maybe I should make my money as a fortune teller? The damage was not that bad, but it was bad enough to really really lower the prize.
He was an old guy, retired, and he was a cancer survivor, and while we were discussing the accident, he told me his life story on the side of the road. I had to pick up Lilly within the next 15 minutes, so I didn't really have time for police and all this stuff. He admitted, that it was his fault and wanted to give me 100€.. I was like: "Sorry, I have to call the insurance, I have to fix this, because I want to sell the car." He said: "What, you wanna sell it? For how much?" Me. "For 9000€, but if you want it, you can have it for 8000." He: "I think, I am falling in love." He looked at me: "I mean, with the car." Me: "Right!" So he gave me his phone number, his address, his insurance information and we both left. My brother was like: " You are courageous, but also stupid. He will probably never call again and he gave you a wrong number, ever thought about that posisibility?" I could not sleep all night, worrying about the damn car. (remember? nothing is really worth thinking about it?) He called two days later, he looked at the car five days later, we took a little trip across the city, so he could get a feeling for it. Mostly we actually parked on the side of the road and he told me more about his life, reaching back all the way to WWII. He asked, if I would accept 7999€. I said : "Definitely!" He gave me 400 in advance and two weeks later he came with the rest of the money and took my moms car. It felt like, the right person had gotten my moms car. It felt like, providence had provided me with the essential information: park the car at Heinrich Heine Street, so that on that particular day, he could drive into it and get it. He needed a new car, because his old car was no good anymore. He was in love with my moms car, which was for me as good as loving her. Which was important!
I was not committed to sell it. I was in my typical: lets see, what happens-position. What does that prove? Nothing. I still think, I might learn to commit more often. We will see.After the car deal, my brother was like: You should make a business out of this!

All the quotes in the text are actually one very famous quote from W.H. Murray, a Scottish author and mountain climber. In his quote he quotes Goethe. I found the W.H.Murray quote with the Goethe couplet in this fabulous book about mindfulness, Voices of Insight, which I am currently reading for the second time. I found it in Joseph Goldsteins text The science and Art of Meditation. I was really intrigued by his words and explored further into his teachings, where I found this site Dharma Seed, on which you can listen to 444 different of his dharma talks. 


 © Susanne Becker






Donnerstag, 6. August 2015

sommerbegegnung
















einen wilden mirabellenbaum
im feld vorbeigeradelt rote früchte
geerntet sechsunddreissig mückenstiche
einundzwanzig davon an den fußknöcheln
jucken wie verrückt schwimmen
allein in meinem see ganz für mich
die frösche laubgrün hüpfen vor mir ins wasser
die bremsen verfolgen mich untertauchen
der blaue himmel ein paar weiße
fledderwölkchen birken am ufer schilf
libellen mit dem fahrrad durch den wald
dorthin ist schon eine belohnung für sich
aber dann in einer kurve fast kollidiert
mit einem hasen schnell wie der wind verfolgt
von einem reh alle drei bleiben wir
in der bewegung hängen in der luft
starren einander und das leben das einen
in der tat überraschen kann immer wieder an
dass man sich zuzwinkert andächtig nickt
denkt: es ist schön hier dieser überfluss
pracht hoppelt davon so seltsam im glück
ich auf jeden fall die anderen wer weiß?

© Susanne Becker
Foto von Martin von Elm