Berlin

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Freitag, 24. April 2015

Ruth Ozeki - Geschichte für einen Augenblick

Ich las vor kurzem ein wunderbares Buch von einer amerikanisch-japanischen Autorin, Ruth Ozeki. Es heißt, Geschichte für einen Augenblick und handelt unter anderem von einer Zen-Nonne, 104 Jahre alt, die in einem Bergkloster an der japanischen Küste lebt. Eines Tages ist sie mit ihrer Urenkelin Nao in der kleinen Stadt, um ein paar Besorgungen zu machen. Vor dem Supermarkt lungert eine Gruppe weiblicher Teenager herum, die Lust auf Ärger haben und schon von weitem anfangen, die Nonne und ihre Urenkelin, 16 Jahre alt, wüst zu beschimpfen, zu bespucken, zu bedrohen. Die Urenkelin ist völlig verunsichert und hat große Angst. Sie möchte ihre Urgroßmutter von dort weg lotsen. Aber diese geht vollkommen ruhig an der Gruppe vorbei in den Laden.
Als sie nach dem Einkauf wieder heraus kommen, ist die Gruppe immer noch da und ihre Beschimpfungen werden noch wüster. Die Urenkelin hat Angst vor einem Angriff. Plötzlich bleibt die Urgroßmutter stehen und betrachtet die Mädchen eine Weile ruhig und sehr genau. Dann verbeugt sie sich tief vor ihnen. Sie macht eine Ganzkörperverbeugung, legt sich also, auf diesem Parkplatz, vor diesen Mädchen lang auf den Boden, voller Hochachtung und Respekt, als wären sie eine Ansammlung Buddhas, was sie auch sind.
Die Mädchen stutzen zunächst, aber dann verbeugen sie sich ebenfalls und auch die Urenkelin, mit klopfendem Herzen, verbeugt sich.
Später im Bus fragt die Urgroßmutter: „Was für ein Feiertag ist heute? Die Nonnen vor dem Supermarkt waren so wunderschön kostümiert. Sie müssen etwas sehr bedeutendes zelebrieren.“

Die Urenkelin versucht ihr zu erklären, dass es keine Nonnen waren, auch kein Feiertag ist, sondern brutale und unfreundliche Rowdies sie bedroht und beleidigt hätten. Aber die Urgroßmutter beharrt auf ihrer Sicht der Dinge und beweist damit für mich einmal mehr den Gedanken, dass die Welt nicht einfach so und so ist, sondern im Auge der Betrachtenden liegt.

Lesen im Bett und dabei gleich Notizen ins
Glitzer-Disco-Tagebuch machen
Also noch einmal von vorn: Das Buch handelt von Nao, die in Japan lebt und in der Schule gemobbt wird, von ihrer Urgroßmutter, die eine buddhistische Nonne ist, von ihrem Vater, der seinen Job verloren hat und eigentlich nicht mehr leben will, von der japanischen Gesellschaft, von der ich bislang keine Ahnung hatte. Es handelt auch von der Schriftstellerin Ruth, die mit ihrem Mann, einem Umweltaktivisten, auf einer kanadischen Pazifikinsel lebt und bei einem Strandspaziergang eine Hello Kitty Dose findet, angeschwemmt, möglicherweise als Folge des Tsunamis, welche das Tagebuch eines japanischen Teenagers, eben Nao, enthält.
Das Buch schenkt uns zum einen dieses Tagebuch, das uns in Gänze zitiert wird, zum anderen Ruths Geschichte, ihren Kampf mit dem Schreiben, dem oftmals einsamen Leben auf der Insel, der Verbundenheit mit und der Angst vor der Natur. Es erzählt uns, wie Ruth dieses Tagebuch Naos liest, darin auch die Geschichte der Großmutter findet und versucht, ihren Fund mit ihrem aktuellen Jetzt in Zusammenhang zu bringen. Welche Bedeutung hat es für sie und ihr Schreiben, dass sie in genau diesem Augenblick die Hello Kitty Dose gefunden hat?
Welche Bedeutung hat es für den Fortlauf der Geschichte Naos, dass Ruth ihr Tagebuch gefunden hat?
Dabei verwischen manchmal beinahe die Grenzen zur Realität, oder sagen wir: zu dem, was wir gemeinhin gelernt haben, als Realität zu akzeptieren. Was sehr faszinierend ist. Vor allem, wenn Ruth los möchte, um Nao zu retten, und erst allmählich versteht, dass diese entweder längst gerettet ist, oder aber gestorben ist. Denn das Tagebuch ist ja nicht in Ruths Jetzt entstanden, sondern in Naos, welches für Ruth bereits vergangen ist. Das Tagebuch hat sehr viel Zeit im Meer verbracht. Nao wird gar kein Teenager mehr sein.
Ruth sucht nach einer Bedeutung, für ihre Schreibblockade einerseits, im Grunde sucht sie nach dem Sinn des Lebens.
Es ist ein großartiges Buch, (vielleicht der erste wahrhaft buddhistische Roman, den ich persönlich gelesen habe) welches eigentlich von allem handelt, was mich interessiert: Buddhismus, Schreiben, Natur, Leben auf einer Insel, Japan, Philosophie....Nachdem ich es beendet hatte, wollte ich es am liebsten gleich noch einmal lesen. Denn es ist eines dieser Bücher, die alles enthalten, was wichtig ist. Den ganzen Augenblick.
Ich kann dieses Buch wirklich nur jedem ans Herz legen. Denn es ist ein Buch von und für Heute. Es ist unglaublich aktuell, zeitgenössisch und gleichzeitig spannt es seine Bedeutung über alle konkrete Zeit hinaus, in eine Allgemeingültigkeit, die meiner Ansicht nach nur die wirklich großartigen Bücher erreichen.
Ja, vielleicht lese ich es einfach nochmal :-)
Euch viel Spaß, hoffentlich bei dieser Lektüre, sonst bei jeder anderen natürlich auch. Lesen ist beautiful! Habt ein sonniges und wunderbares Lese-Wochenende.

© Susanne Becker

P.S. Ich habe das Buch übrigens auf Englisch gelesen, wo es A Tale For The Time Being heisst. Ich tat mich nämlich schon allein mit der Übersetzung des Titels ins Deutsche schwer. Das Buch war sprachlich oft so subtil, dass ich jedem, der Englisch gut genug beherrscht, die Lektüre im Original unbedingt empfehlen würde.


Samstag, 11. April 2015

das glück verschweigen

ich gehöre den Geräuschen an
durch die Wand dringen monströse

Klangwellen, durch die Decke auch
werden sie zu Stimmungswellen

ich verschweige die Unwahrheit
der ich gehöre, während du dein

Lied summst, obwohl das Wort
meine Zunge benetzt, muss man

sich eine Freiheit doch zutrauen,
eine Größe, damit es etwas wird,

so viele Zeiten verschwendet in
Dingen, die niemand tun wollte,

soviel Glück, auch Unglück, im
Sande verlaufen von oben nach

unten, ohne dass da ein Ja gewesen
wäre im voll genommenen Mund

der sich stets richtete nach denen,
die waren hinter Decke und Wand

© Susanne Becker