Berlin

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Sonntag, 18. Januar 2015

mein Text aus #1000Tode

Abends ließ ich sie zurück und ging in ihre Wohnung, in ihr Leben, das zum größten Teil vorüber war.
Meine Mutter hatte Dinge aller Art gesammelt, jedes einzelne noch lebendig von ihr. Circa dreißig Handtaschen, in jeder ein paar Münzen zum Parken oder für die Kirchenkollekte, ein gebügeltes Stofftaschentuch und Hustenbonbons. Manche davon so alt, meine Mutter hat sie zum letzten Mal auf einer Frauenkegelclubtour nach Porta Westfalica benutzt, 1999.
Meine Mutter hat sich lange ans Leben geklammert, auch wenn sie es im Großen und Ganzen für überschätzt hielt.
Loslassen. Es würde auf uns zukommen. Wir würden all dies auflösen müssen. Jeden Gegenstand in die Hand nehmen und eine Entscheidung treffen.
Wie wichtig ist es, erinnert zu werden?
Aufschreiben, was sie liebte: stricken, nähen, backen.
Ein Schrank voller Wolle, ein angefangener Pullover auf einer Nadel, auberginefarben, fünfzig verschiedene Strick- und Häkelnadeln.
Ihr Leben fand statt in einer von mir aus betrachtet winzigen Nische, abgedunkelt und verriegelt. Dafür verachtete ich sie schon als Kind.
Ich werde mich daran erinnern, wie sie mich anbrüllte. Sie verlor die Fassung oft, als wir Kinder waren. Sie schlug meinen Bruder mit einem Holzlöffel.
Vierzig Kochtöpfe und kistenweise Backzutaten für Weihnachtsplätzchen.
Wie kann man Dinge weg schmeißen, wo doch jedes einzelne ihre Geschichte erinnert?
Sie hat mir nie Fragen beantwortet. Na gut, sie hat geantwortet, indem sie sagte: „Weiß ich doch nicht.“ oder „Woher soll ich das wissen?“
Sie hielt sich für dumm. Schlimmer war es, dass wir sie für dumm hielten. Schränkeweise Papiere, das von ihrem Vater geerbte Mietshaus betreffend, darin handgeschriebene Abrechnungen, kompliziert, alles im Kopf, mit Kuli (Werbegeschenk) auf diesen Blöckchen (ebenfalls Werbegeschenke), alle fehlerfrei. Ein Blöckchen lag neben ihrem Telefon, ihre Notizen darauf, vom November, als sie noch Notizen machte, (ihre kindliche Handschrift), als sie noch dachte, sie würde Termine im Februar, sie starb am 5., oder im März, da räumten wir ihre Wohnung aus, wahrnehmen.
Ich hätte gerne ihren Geruch konserviert, vor allem in der Bettwäsche. Sie hat immer Persil verwendet. Die Nase in einem Handtuch, Fassung verlierend.
Ich wusste nicht, was sie liebte. Eine Larve, gefangen in einer nach Persil riechenden Dunkelheit (ihre Waschmaschine war nach Jahren noch tiptop, so sauber, wie neu. Wie hat sie das gemacht? Meine sieht nach wenigen Wochen aus, als würde ich Wäsche für ein Bergwerk waschen). Ihre Schwester nahm die Waschmaschine. Etwas von ihr wegzugeben und jemand freute sich, war toll. Die riesige Lücke im Bad, wo die Waschmaschine gestanden hat, war auch toll. Ich meine: räum mal eine Wohnung aus, die Erinnerungen, da freut man sich über jede Leerstelle.
Habe ich die Kleiderschränke erwähnt? Es waren drei. In den sechzig Säcken für die Caritas waren fast nur Sachen in Größe 44 bis 48. Meine Mutter war keine korpulente Frau. Sie war so dünn wie ich.
Sie reiste, mit 50 fing sie an, im Flugzeug! Sie, die mir zurief „Pass bloß auf!“ sobald ich mich bewegte, hob ab. Sie saß an warmen Stränden, die einzige Person mit Schnürschuhen und vollkommen bekleidet. „Sonne bekommt mir nicht“ (klar, das war ja klar, du warst immer ein Typ für dunkle, gut abgeschottete Jahreszeiten und Räume).

Dann starb sie und verwandelte sich in diesen Schmetterling, zart, Großmeisterin des Loslassens, Flügel ausgebreitet, ins gleißende Licht gestürzt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und ihre Dinge blieben zurück und es war in Ordnung.

© Susanne Becker

1000 Tode schreiben ist das Projekt der Verlegerin Christiane Frohmann (verlag@cfrohmann.com), sie sucht noch Autoren, Ihr könnt Sie also anmailen, falls Ihr schreibt und gerne am Projekt teilnehmen möchte, und gekauft werden kann das E-Book hier, für schlappe €4.99 und das habe ich, zur allgemeinen Info, gestern darüber geschrieben.

Samstag, 17. Januar 2015

#1000Tode - Ein sehr besonderes E-Book-Projekt

1000 Tode schreiben. von Christiane Frohmann! Ein wahnsinniges Projekt: 1000 Autoren schreiben jeweils einen Text über den Tod. Alle Sprachen sind erlaubt (bislang sind die Text alle auf Deutsch, ein paar auf Englisch), 3000 Zeichen. Miniaturen, oft mehr. Der Tod in 1000 Nussschalen. Tief. Berührend. Der Tod ist ein Teil von jedem von uns. Jeder ist ihm begegnet. Vermutlich mehrmals. Irgendwann wurde mir bewusst, nachdem ich meinen Text an Christiane Frohmann geschickt hatte, dass das nur einer von vielen ist, die ich hätte schreiben können. Stirbt nicht jeder von uns in seinem Leben 1000 Tode?
Also ein Projekt, das der Realität sehr nahe rückt. Wenn man eine Weile in den Texten gelesen hat, hat man zwischendurch auch mal die Schnauze voll. Man muss ja wahnsinnig sein (so in etwa wie das Projekt selbst) wenn man all diese Texte lesen will. Der Tod spürt dann so aufdringlich ins Leben hinein, dass es schwierig ist, ihn so zu ignorieren, wie sonst immer.
Christiane Frohmann (Hg.): »Tausend Tode schreiben (Version 1/4)«Das Projekt: 1000 Texte in vier Teilen, im ersten Teil waren 135 Texte, der zweite sollte am 16.1. erscheinen, in ihm noch einmal 115 Texte (meiner ist die #198, also mein einer, den ich dann tatsächlich geschrieben habe, die anderen lungern noch in meinem Kopf herum). Der dritte Teil soll am 13.2. erscheinen und der vierte am 13.3, zur Leipziger Buchmesse. Da fehlen 750 Texte und ich möchte jeden, der schreibt, der schonmal tot war oder glaubt, dass er irgendwann sterben könnte, der dem Tod begegnet ist in welcher schillernden Form auch immer anregen, einen Text an Christiane Frohmann zu senden. In diesem Exposé steht, wie das geht. Ist einfach. Es wäre nämlich schade, wenn die 1000 Texte nicht zusammen kämen.
Das E-Book kostet 4.99€ , man bekommt jede Aktualisierung automatisch, wenn man den ersten Teil kauft, am besten hier.
Und hier noch ein Link zu einem Interview mit Christiane Frohmann in der Neuen Zürcher Zeitung, sowie Links zu anderen Blogs, auf denen das Projekt besprochen wurde:

Der gesamte Autoren- und Herausgerberanteil, also 50% des Erlöses, werden dem Kinderhospiz Sonnenhof hier in Berlin gespendet.
Also schreiben und kaufen!! beides lohnenswert in diesem wunderbaren Fall.

© Susanne Becker

Mittwoch, 14. Januar 2015

Ein offener Geist - #JesuisAhmed et #JesuisCharlie

Das ist nicht nur ein Anschlag auf eine Zeitschrift und auch nicht nur auf die Kunst. Das ist ein Anschlag auf ein Europa, das den Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung Würde, Freiheit und gleiche Rechte zuspricht – auch und zumal den Muslimen. Tun wir, was den Tätern am meisten missfällt und den Opfern am meisten entspricht: Bleiben wir frei.“
7. Januar 2015 / Navid Kerman

Vermutlich bin ich nicht die einzige, die seit den Ereignissen in Paris über alles mögliche nachdenkt.
Vor allem stoße ich dabei auf meine eigene Selbstgerechtigkeit und Engstirnigkeit. Ich denke eigentlich ziemlich häufig, dass ich Bescheid weiß. Sobald ich das denke, führt es eigentlich iimmer zu etwas Ungutem. Im Endeffekt führt diese Haltung zu Ereignissen wie in der Redaktion von Charlie Hebdo, in der engstirnige, selbstgerechte Fanatiker andere Menschen umbringen und glauben, ein Recht dazu zu haben. Aber dieser Fanatismus nimmt immer seinen Anfang an diesem miskroskopisch kleinen Punkt, an dem eine oder einer glauben, alles zu wissen, recht zu haben und die Meinungen anderer nicht mehr hören oder gar respektieren.
Alle Probleme beginnen, wenn die Leute anfangen, ihren eigenen Ideen und Konzepten engstirnig und selbstverliebt zu folgen und alle anderen zu belächeln oder gar abzulehnen.
Wenn man also etwas gegen Radikalität tun möchte, ist ein erster Schritt vielleicht, seine Aufmerksamkeit sehr gezielt in seinem Denken auf diesen mikroskopisch kleinen Anfangspunkt zu richten und wenn man die eigene Engstirnigkeit bemerkt, mal etwas Luft daran zu lassen und die Perspektive zu verändern.

Ich sah am Wochenende auf Facebook bei einer Freundin  ein Videom in dem Reporter des immerhin renommierten Nachrichtensenders CNN einen amerikanisch-muslimischen Akademiker über den Islam interviewten. Ihre Haltung war von vonrherein klar: sie wollten von ihm bestätigt haben, dass der Islam verantwortlich sei für das, was in Paris geschehen ist. Ich schaute es mir an und das erste, was mir ins Auge stach, war die Lamoryanz der CNN-Reporter, die es so offensichtlich für nicht nachvollziehbar hielten, dass jemand nicht der Meinung sein könnte, der Islam sei eine Gewalt verherrlichende Religion. Sie fragten nicht als wahre Journalisten, aus einer Haltung der Neugierde und des wirklich wissen wollens, sondern mit einer bereits festgefügten Meinung, die sie bestätigt haben wollten. Es warf sie fast vom Stuhl vor Erstaunen, dass ihnen widersprochen wurde.
Das zweite, das mir auffiel war, dass ich selbst den Islam für eine Gewalt verherrlichende und Frauen verachtende Religion halte, ohne wirklich viel über ihn zu wissen. Vielleicht stimmt es. Aber ich wüsste es nicht. Denn das einzige, was ich über den Islam in meinem Kopf habe, sind Vorurteile.
Ich dachte darüber nach, wie oft ich bei Menschen oder Menschengruppen, die anders sind als ich, die mir fremd sind, mit Lamoryanz und Engstirnigkeit reagiere.
Wenn ich eine Frau in einer Burka sehe, dann braucht mir doch keiner was zu erklären, richtig? Dann weiß ich doch haargenau, wie sie darunter gekommen ist, dass es ihr beschissen gehen muss, und dass ihr Mann ein totales Arschloch ist. Eigentlich reicht es mir schon, wenn ich all die Frauen mit Kopftuch sehe, und sofort denke ich, alles zu wissen, über sie, ihr Leben, ihre Männer, ihre Religion. Dabei habe ich noch nie eine Frau mit einer Burka kennen gelernt. Ich habe noch nie mit einer gesprochen. Ich weiß nichts darüber, wie es ihr geht. Ich weiß höchstens, wie ich mich selbst aller Wahrscheinlichkeit nach fühlen würde, wenn ich eine Burka tragen müsste und welche Gefühle ich demjenigen gegenüber hätte, der mich dazu bringt, damit herum zu laufen. Das würde nicht ohne Zwang gehen. Das würde richtig knallen, wenn mich dazu einer zwingen wollte.
Oder auch, völlig anderes Thema, aber irgendwie auch nicht: Wenn ich bei uns im Görlitzer Park die Schwarzen sehe, wie sie Drogen verkaufen, bei Wind und Wetter, dann braucht mir doch auch niemand viel zu erklären, dann bilde ich mir ebenfalls ein, ihre Story zu kennen, oder? Ich masse mir an, zu wissen, wer sie sind. Vorurteile natürlich auch hier. Ich habe noch nie mit einem gesprochen. Ich habe noch keinen von ihnen nach seiner Geschichte gefragt. Ich weiß auch nicht viel über Afrika. Ich weiß lediglich, was ich so hier und da aufschnappe, und wie ich mich selbst fühle, wenn ich durch den Park laufe und diese Menschen mir hinterher flüstern oder meine Teenagertochter ständig aufs unangenehmste anbaggern.

Fragen:
Bei wem bildet Ihr Euch ein, deren Geschichte genau zu kennen?
Bei wem denkt Ihr, alles zu wissen?
Bei wem fragt Ihr nicht mehr nach, sondern macht einfach die Schublade auf, rein mit den Leuten und Schublade wieder zu? Meistens im sicheren Schutz einer Mehrheit, in deren Gesellschaft man sich erst recht gerechtfertigt fühlt.
Die Roma, die am Kottbusser Tor ständig aufs aufdringlichste versuchen, Eure Autoscheibe zu putzen?
Die türkischen Männer, die am Freitag vor der Moschee stehen?
Hippies? Esoteriker? Leute in Yogaklamotten? Waldorfmütter? Mütter generell? Leute mit Katzen? Leute mit Hunden? Schwarze? Weiße? Katholiken? Juden?

Wenn ich durch Paris und das Video von CNN etwas kapiert habe, dann das: Es ist wichtig, einen offenen Geist zu kultivieren. Niemals zu glauben, ich kenne einen anderen Menschen und seine Geschichte. Es ist wichtig, stets mit einer Haltung von Neugierde auf andere zu zu gehen, deren Geschichte wirklich hören zu wollen, anstatt nur deshalb zu kommunizieren, weil man seine eigenen Vorurteile a) bestätigt haben möchte oder b) weiter geben möchte. Ständig trifft man auf Menschen, die einem die Welt erklären, während sie in Wahrheit nur ihre Projektionen und Vorurteile weiter geben. Oft genug geschieht dies aus einer unglaublichen Unsicherheit heraus. Denn die Komplexität dieser Welt, die Komplexität dessen, dem gegenüber man sich tagtäglich positionieren müsste, die überfordert doch jeden. Ständig erklärt man anderen die Welt. Es ist so schwierig, das nicht zu tun. Diesen Anfangspunkt zu bemerken, an dem man sich hinter seine Rechthaberei (die man Wissen oder Wahrheit nennt) zurückzieht und andere Lebensentwürfe nur noch von oben herab beurteilt.
Manchmal ist es befreiend (Korrektur: absolut IMMER ist es befreiend),  wenn man mitten im intensivsten Gedankenstrom einfach mal pausiert und seinen eigenen Gedanken kein Wort mehr glaubt. (Ich möchte deshalb im Yoga dieses Jahr auch den Handstand lernen, um mich und meine Welt regelmäßig auf den Kopf zu stellen).

Heute erzählte mir meine Tochter, dass ein Junge in ihrer Klasse, der zum Islam über getreten ist (ich muss wohl kaum erwähnen, dass ich mich eine Weile fragte, ob er von Al Qaida angeworben werden könnte) und sich seit Jahren selbst Arabisch beibringt, vorhat, Politik und Islamwissenschaften zu studieren. Sie hat zu ihm gesagt: "Das ist toll. Dann wirst du vielleicht einer von denen sein, die helfen, Terrorismus mit dem Kopf zu bekämpfen." Darauf er: "Das habe ich vor!"
Wenn ich mich frage, was mir in meinem Leben geholfen hat, meinen Geist immer wieder zu öffnen, dann waren es meine Kinder!!!,  Filme, Reisen und Bücher, in beliebiger Reihenfolge, und am besten, wenn sie mich in fremde, mir vollkommen unbekannte Kulturen führten (z.B. der Planet der Mütter): Bücher von Chimamanda Ngozi Adichie (Americanah) oder Elif Shafak (Ehre), der Film An Episode in the life of an Ironpicker, der Film Der Stein der Geduld, oder auch Das Mädchen Wajda, die Reisen in die Türkei oder nach Namibia - immer wieder den eigenen Raum zu verlassen, in dem man glaubt, sich auszukennen und alles zu wissen. Immer wieder sich selbst und seine Urteile in Frage stellen und begreifen, wie wenig Basis diese oft im Leben haben. Oder auch: wie leicht es ist, die Perspektive zu verändern und der eigene Standpunkt hat keinerlei Gültigkeit mehr. Es leben nicht alle Menschen in der gleichen Welt. Die Welt ist immer das Resultat dessen, der sie sieht.

Ich freue mich, dass ich in diesem Jahr noch einmal in die USA reisen kann. Denn auch gegen dieses Land kann man in Europa sehr schnell Vorurteile entwickeln. (Millionen schauen Fox News und glauben, was dort ausgestrahlt wird, es gibt die Todesstrafe, jeder kann eine Waffe tragen und man läuft Gefahr, im Supermarkt von Kleinkindern versehentlich erschossen zu werden). Als ich das erste Mal in die USA reiste, war noch Ronald Reagan Präsident und ich flog nur hin, weil ich Freunde dort hatte. Ich war so derart angefüllt mit Vorurteilen, dass ich die ersten drei Tage das Haus nicht verließ. Dann aber gefiel es mir dort so gut, dass ich ein ganzes Jahr blieb. Ich lernte die wunderbarsten Menschen kennen und fühlte mich absolut frei. Als ich zurück kam, fragten mich wohl meinende Freunde Fragen wie diese: "Wie konntest DU, ausgerechnet Du, die Du so gar nicht oberflächlich bist, es in diesem Land aushalten, in dem ALLE oberflächlich sind." Natürlich waren die Frager alle noch nie in den USA gewesen. Ich musste mich mehrere Jahre lang ziemlich häufig dafür rechtfertigen, dass ich es in den USA, und dann auch noch in Virginia (Südstaaten, Sklaverei, Rassismus), so großartig fand.

Meine Tochter wird nach Russland reisen. Ich hatte dabei zunächst ein mulmiges Gefühl. Ein Land, in dem Homosexualität strafbar ist? Das einen nahezu diktatorischen Regierungsstil kultiviert? Möchte ich, dass meine Tochter dorthin fährt? Ja, nach reiflicher Überlegung möchte ich, wenn sie es möchte, damit sie jede Möglichkeit nutzt, ihren Horizont zu erweitern. Und ich kann es kaum erwarten zu hören, was sie von dort berichtet.
Ich möchte, dass meine Töchter in einer freien Welt leben. O.k., das ist eine Utopie. Diese Welt ist an den meisten Orten nicht frei, schon gar nicht für Frauen.
Ich möchte, dass meine Töchter mit einer Freiheit in ihren Köpfen und Herzen aufwachsen, die es ihnen gestattet, der Welt offen, neugierig und liebevoll entgegen zu treten und für sich selbst keine Grenzen wahrzunehmen, in dem was sie sich für sich selbst vorstellen können. Auch wenn die Welt nicht frei ist, hoffe ich, dass die beiden es sind. Man kann nicht beeinflussen, wem man begegnet oder oft auch nicht, wie sich die Welt verändert. Aber man kann immer seine eigene Perspektive beeinflussen und positiv kultivieren. Wir haben das Privileg, in einem Teil der Welt zu leben, die uns sehr viel Freiheit ermöglicht. Ich möchte dieses Privileg schätzen und diese Wertschätzung weiter geben. Vielleicht ist das schon ein Urkern von Widerstand?
Ein offener Geist ist das, was Radikale aller Couleur am wenigsten wollen. Radikale müssen per se engstirnig und selbstgerecht sein, sonst funktioniert ihr System nicht.
Diese Eigenschaften, Engstirnigkeit und Selbstgerechtigkeit, die ich bei mir selbst entdecke, machen mir bewusst, dass auch in mir eine Radikale steckt, die heraus schlüpfen könnte. Keine Ahnung, wie dazu die Umstände sein müssten. Aber es schadet nicht, wachsam zu sein und das eigene Verhalten und Reagieren genau und achtsam zu beobachten. Also, auf diesen mikroskopisch kleinen Anfangspunkt im Denken achten, an dem man glaubt, total recht zu haben. Allzu gerne würde ich manchmal Leuten, die in meinen Augen alles falsch machen und nichts verstehen (Fox-Moderatoren, Redakteure der Bildzeitung, rechte Politiker, Rassisten, Islamisten, Chauvinisten, um nur einige zu nennen) das Wort verbieten, sie ausschließen vom öffentlichen Leben, ihnen eine nette kleine Kolonie auf dem Mars anbieten.
#JesuisAhmed ist also eine Freundlichkeit von mir, mir selbst gegenüber. Ich bin nicht Ahmed (oder höchstens in wenigen Sternstunden der Bewusstheit und Offenheit, wenn auf meiner Yogamatte alles total gut geklappt hat). Ich würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mutig Menschen verteidigen, die meine Werte nicht teilen. Aber auch #JesuisCharlie ist eine großzügige Geste mir selbst gegenüber. Denn wenn ich etwas täte und würde dafür von einer radikalen Gruppe bedroht werden, würde ich vermutlich eher damit aufhören, als dass ich mich der Gefahr aussetzte, mein Leben zu verlieren. Ich würde nicht wie Charb, der ermordete Chefredakteur von Charlie Hebdo, sagen, dass ich lieber aufrecht sterben als auf den Knien leben würde. Nein, ich glaube, den Mut hätte ich nicht.
Wenn ich aber diese beiden Hashtags verwende, mich an ihnen auch ein bisschen festhalte, dann will ich damit vielleicht sagen: ich bin die beiden, insofern ich für eine freie Welt einstehe, in der jeder sein darf, was er will, solange es nicht Gewalt gegen andere oder deren Unterdrückung beinhaltet.
Ja, ich bin für die Freiheit! Ich bin überglücklich, mein Leben lang frei gewesen zu sein. Das ist ein Privileg, das letztlich nur sehr wenige Menschen auf der Welt haben.
Meine Lehre, wenn man es überhaupt so nennen kann, aus den Geschehnissen in Paris, ist dass ich noch viel bewusster einen offenen Geist und absolute Freiheit kultivieren möchte. Und es beginnt damit, dass ich jedesmal aufmerke, wenn ich mir selbst zu sicher bin, wenn ich engstirnig an meiner eigenen Meinung festhalte. Denn das ist es, was Radikalität meiner Meinung nach am effektivsten konterkariert. Als ich das voran gestellte Zitat von Navid Kermani als allererste Reaktion auf die Anschläge las, und ich bin dankbar, dass dies die ersten Worte waren, die ich las, war ich froh, dass in all dem Wahnsinn der ein oder die andere einen klaren Kopf bewahren und kluge Dinge sagen.
Ein weiterer Artikel, den ich vorgestern entdeckt habe, geschrieben von Teju Cole, einem wunderbaren Schriftsteller und Intellektuellen (dessen Buch Open City ich nun unbedingt lesen möchte), veröffentlicht in The New Yorker, hat mich ebenfalls sehr beeindruckt! Er hat meinen Gedankengang weiter voran getrieben und tut dies noch.
Ja, ich lebe frei. Meine Töchter sollen frei leben. Meine Großeltern und meine Eltern hatten diese Freiheit nicht. Aber: während ich frei lebe, leben in der gleichen Gesellschaft viele unfrei. Umringt von Freiheit, ist es ihnen nicht möglich diese zu nutzen, ohne sich strafbar zu machen. Und: nicht selten wird die Freiheit von denen als erstes attackiert, die einen Status Quo, von dem sie profitieren, erhalten wollen. Dies geschieht in unserer westlichen Gesellschaft nicht primär durch Islamistische Terroristen, sondern durch die Geheimdienste, politische Entscheidungen, riesige Wirtschaftsunternehmen, Rechtsprechungen und nicht selten durch die Medien. Jeder, der nicht konform geht, kann mundtot gemacht werden.
Darüber kann man sich sehr aufregen. Ich rege mich darüber sehr auf. Dennoch bleibe ich zunächst dabei, dass ich bei mir selbst anfangen möchte. Bei niemandem sonst.
Wir leben in einem Teil der Welt, die uns sehr große Freiheit ermöglicht. ich möchte sie nutzen.Sie beginnt in meinem Kopf, genau dort, wo sie auch endet. Sie hat nichts mit den äußeren Umständen zu tun.

© Susanne Becker






Montag, 5. Januar 2015

Dept. of Speculation - a novel by Jenny Offill

Three things no one has ever said about me:
You make it look so easy
You are very mysterious
You need to take yourself more seriously
(same here! and of course, thats why I immediately loved this book!

Reading on the sofa:
Life equals structure plus activity
Dept. of Speculation by Jenny Offill, a writer, I had actually never heard about, until I saw the book mentioned  in the New York Times List of 100 notable books, is a big story told in a marvellously enchanting nutshell.
How she meets him, falls in love, marries him, has a daughter - all this despite her initial plan to live as an art monster: "My plan was never to get married. I was going to be an art monster instead. Women almost never become art monsters because art monsters only concern themselves with art, never mundane things. Nabokov didn't even fold his own umbrella. Vera licked his stamps for him."
The whole book is only 177 pages long. You can basically read it in one comfortable sofa corner session. You will need a pen. Because you will find yourself underlining almost every sentence.
So, a book about married with child wanting to write in New York City plus adultery plus moving into the country plus quotes from Einstein, Rilke, Coleridge or the narrators' sister and many others plus lebanese, arabic or buddhist proverbs, as well as many others. Not to forget the parts about the almost astronaut, who wants to write, with her help, a bestseller. So there is a lot about Voyager 1 and Voyager 2 and other such space stuff in it.
Its a treasure box, short yet precise. Once you have read it through you can just keep it on your desk and randomly open it to say, this: "She has wanted to sleep with other people. One or two in particular. But the truth is she has good impulse control. That is why she isn't dead. Also why she became a writer instead of a heroin addict. She thinks before she acts. Or more properly, she thinks instead of acts. A character flaw, not a virtue." I mean, you could just open it first thing in the morning and make one of its quotes your mantra for the day: "I had ideas about myself. Largely untested." Really, you could do MUCH worse then that!
This book is so easy to read, every sentence a pearl you want to meditate on, and you probably should too. "The Buddhists say, there are 121 states of consciousness. Of these, only three involve misery or suffering. Most of us spend our time moving back and forth between these three."
177 pages, 46 chapters, no long sentences, every chapter build from short paragraphs of two to ten lines, seldom longer. It is like a chain of pearls. You read your way along this beautiful chain and are guided through a sad, beautiful, funny and very tender story, told in a nutshell. I said that before. Everybody is saying it. So it must be true. Jenny Offills prose is precise and crystalclear. No chitchat. Nothing superfluous. Polished. Concentrated like the arrow of a Zen archer aiming at the reader.
I am not sure I ever felt closer to a character and her family. It's like, you are in it with them, right in the middle of that black spot the arrow is aiming at, and striking, precisely, most efficiently.
I never knew a story could be told like this, so short, so efficient. Leaves me totally at awe with the author's mastery.

P.S. I almost forgot to mention, that she even mentions yoga in the book (all the time!) Of course I had to just love this book!
P.P.S. You can also get it in german, yes, it is translated!! (Though I am not sure, it is as funny and poignant, but what the hell, give it a try, the cover looks promising. Its called Amt für Mutmaßungen and is published in the Deutsche Verlagsanstalt.

© Susanne Becker


Samstag, 3. Januar 2015

thanks for not wanting me


there will be letting go
so much of it
light born out of darkness
colours seen by blindness
the space between
what hurt you and what not
is too small to remember
sit down listen to this voice
inside of you answers
born out of quietude
happiness born out of grief
there will be letting go
so much of it
no flaws and no one to blame

 © Susanne Becker

Donnerstag, 1. Januar 2015

Der Turm - Ein Roman von Uwe Tellkamp

Ich hatte Der Turm zwei Jahre auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen und jedes Mal, wenn sein Cover nach oben kroch, ordnete ich es wieder ganz unten ein. Irgendetwas in mir scheute davor zurück, dieses beinahe eintausend Seiten starke Buch zu lesen. Ich wusste, dass es nicht so ein locker-leichter Lektüre Spaziergang sein, sondern mich fordern würde, sowohl von der Story her, aber auch von der Sprache. Es gibt Bücher, die schlürft man einfach so weg, ohne dass man sich dabei groß anstrengen muss. Und es gibt Bücher, da ist es fatal, wenn die Konzentration zwischendurch schludert. Denn das führt dazu, dass man verloren geht. Der Turm ist ein solches Buch, bei dem man nicht für ein Wort locker lassen sollte. Jedes Wort will bewusst gelesen sein, um wirklich den Gesamtgehalt dessen, was das Buch, von der Sprache, der Geschichte, den Charakteren her, zu bieten hat, in sich aufzunehmen. Vermutlich wäre es sogar gut, es gleich noch einmal zu lesen, so viele Dinge enthält es.
All das ahnte ich. Ich ahnte, dass es eine anstrengende Lektüre werden würde und ich fürchtete, die Anstrengung könne mich langweilen, sich möglicherweise auch gar nicht lohnen, weil das, was hinten heraus kommt, verqualmte Gehirnzellen sind, verbrannte Zeit, viel verbrannte Zeit, aber mehr auch nicht.
4743957
gelesen: im Bett, im Flugzeug, in Stolberg
(nichts davon dokumentiert durch ein Foto-
Vorsatz für das neue Jahr: das muss sich wieder
ändern!)
Doch schon als ich den ersten Satz las, in Kursivschrift, fast eine Seite lang, war ich gefangen. „Suchend, der Strom schien sich zu straffen in der beginnenden Nacht, seine Haut knitterte und knisterte; es schien, als wollte er dem Wind vorgreifen, der sich in der Stadt erhob, wenn der Verkehr auf den Brücken schon bis auf wenige Autos und vereinzelte Straßenbahnen ausgedünnt war, dem Wind vom Meer, das die Sozialistische Union umschloß, das Rote Reich, den Archipel, durchädert durchwachsen durchwuchert von den Arterien Venen Kapillaren des Stroms, aus dem Meer gespeist, in der Nacht der Strom, der die Geräusche und Gedanken mit sich nahm auf schimmernder Oberfläche, das Lachen und den Ernst und die Heiterkeit ins sammelnde Dunkel;…“ Zugegeben, ein solcher Satz, und das ist ja noch nicht einmal die Hälfte dieses Satzes, kann einen davon abhalten, überhaupt weiter zu lesen. Weil man befürchtet, und ich möchte an dieser Stelle sagen : Zu recht!, dass das ganze Buch immer so weiter gehen könnte. Ja, es geht das ganze Buch so weiter und es ist verdammt lang. Das ist einer der Hauptvorwürfe, die ich bei den Amazon und Goodreadsrezensionen zu diesem Buch fand. Man kämpft und arbeitet sich durch die Sätze, die Seiten – und bekommt geschenkt einen tiefen Gang hinunter in einen Turm, den faszinierende Menschen bevölkern, einen Dresdner Stadtteil, in dem ich an manchen Tagen selbst gerne gewohnt hätte, Bildungsbürger, Intellektuelle, lesende Menschen, die in einem Land leben, das seinem Ende entgegenstolpert, ohne es schon zu ahnen, in einem Gesellschaftssystem vor dem Zusammenbruch, auch das, ohne es zu ahnen. Wenn sie es ahnen, dürfen sie es sich auf keinen Fall anmerken lassen. Erst recht nicht, falls sie dieses Ende herbei sehnen sollten. Die Enge, in die eine Diktatur ihre Bewohner zwängt, war für mich so spürbar, vom Anfang des Buches an bis zu seinem Ende, dass es mir teilweise den Atem abschnürte beim Lesen.

Dresden 1982 bis 1989, die Familie Hoffmann mit Kindern, Onkeln, Tanten, Bekannten, unfreiwillig einquartierten Mitbewohnern lebt in einem Dresdner Villenviertel, in dem die Häuser Namen tragen wie „Tausendaugenhaus“ und schlittern, ohne eine Ahnung davon zu haben, der Wende entgegen. Unter ihnen der 17jährige Christian, Schüler zunächst, später in der NVA, fünf Jahre lang, bis zur Wende, drei Jahre davon auch im Militärgefängnis und zugehörigem brutalsten Arbeitseinsatz, weil er nach dem Unfalltod eines Kameraden seinen Vorgesetzten unter anderem mit den Worten „So was ist nur in diesem Scheißstaat möglich“ anging. Der Willkür vollkommen ausgeliefert, dabei sich beständig an den Worten festhaltend, lesend, denkend, Briefe schreibend. Kein Wunder, dass die Sätze so lang, die Worte so kompliziert gewählt sein müssen. Wenn die Sprache das ist, an dem man sich, untergehend, festhält, dann kann sie nicht leicht daher kommen. Auch Christians Onkel Meno, Lektor in einem Verlag, also ein lesender Mensch, neigt zu dieser Kompliziertheit des Ausdrucks. Ein Teil des Buches besteht aus seinem Tagebuch. Natürlich fragt man sich: Schreibt denn irgendwer so Tagebuch? Dann gibt man sich selbst die Antwort: Ja, ein solcher Mensch, wie dieser Meno es ist, der würde genau so Tagebuch schreiben.
Noch nie bin ich lesend so tief eingedrungen in die Deutsche Demokratische Republik und ich habe verstanden, wie wenig ich eigentlich gewusst oder verstanden habe von diesem Leben in einer Diktatur. Wenn Uwe Tellkamp in einem Interview davon spricht, dass sein Buch beispielsweise bei Lesungen in Dresden immer noch radioaktiv wirkt, dann ahnt man, wie sehr er damit die Wahrheit beschrieben, ja, geradezu penetriert hat. Herta Müller hat mal gesagt, Kunst muss weh tun. Der Turm tut an vielen Stellen weh. Es ist nicht immer leicht, ihn zu lesen, die aufsteigenden Gefühle zuzulassen. Ich stelle mir vor, dass dies noch viel schwieriger sein könnte, wenn man nicht wie ich eine Außenstehende dieses Systems ist.
Der Turm ist ein regelrechtes Panoramabild eines Landes, einer bestimmten Schicht in diesem Land, aber nicht nur das: Er seziert für mein Empfinden sehr genau, wie Diktaturen funktionieren, wie sie ihre Bewohner zum Schweigen bringen und warum es niemand wagt, sich zu wehren. Ich hatte das Gefühl, nicht nur etwas über die DDR zu lernen, sondern etwas über Diktaturen, und auch über Menschen, im allgemeinen.
Sprachlich und von der Handlung her ist das Buch so dicht, ich habe selbst vielleicht noch nie ein dichteres gelesen. Wort um Wort, Zeile um Zeile wird man hinein gesogen in eine beklemmende Welt, die so fremd ist, und doch auch so vertraut. Deutsch. Spießig. Eng. Gefährlich für jeden, der eine Abweichung wagt oder auch nur vermuten lässt durch ein falsches Wort, oder einen falschen Blick. Misstrauen. Angst. Gegenseitiges Beobachten. Anschwärzen. Bespitzeln. Angezapfte Telefone. Knappe Lebensmittel. Ausfallender Strom. Warteschlangen. Jedes nicht funktionieren wird vertuscht und wenn ausgesprochen, als Verrat angezeigt.
Der Text ist so dicht, die Geschichte so straff gezogen, dass man gut daran tut, die Konzentration nicht einen Moment lang abschweifen zu lassen, wenn man nicht Gefahr laufen will, etwas zu verpassen. Atemlos lässt es einen teilweise werden, vor allem bei den Beschreibungen der NVA-Zeit von Christian. Wunderbare Charaktere begegnen einem: Pfannkuchen, Judith Schevola, das Ehepaar Honich, um nur einige zu nennen.
Highlights waren für mich persönlich auch die Stellen, wo Tellkamp seine Protagonisten reden lässt, jede Person hat eine eigene Stimme und manche sind dabei nicht unauffällig: Die Londoners zum Beispiel, Ex-Schwiegerfamilie von Meno, die gerne und voller Absicht das deutsche mit dem englischen vermischen, somit eine eigene Sprache kreieren und dann solche Sätze zustande bringen wie: „you don’t have to sülz, if you want to say sammsink ernsthaftly“. Dabei macht es vollkommenen Sinn, dass ein Ehepaar, desesn beide Familien im Holocaust ausgelöscht wurden und die selbst je als Kinder in England das Grauen überlebten, sich genau so verhalten würden. 
Oder auch Helmut Hoppe, Gast auf der Hochzeit von Christians Cousine Ina, der sich mit dem Onkel Ulrich über ein Wodkarezept mit schwarzen Johannisbeeren, den Bundespräsidenten Weizsäcker und Tschernobyl unterhält:
„Helmut Hoppe betrachtete sein Glas: „Nu ja, jezz, wodes sa-chst, schmecksch direkt ä paar Johannisbärn dursch. Habbder die Weizsägger-Räde gehört?“
„Nee.“
„Awwer ich.“
„Und?“
„Nu. Mehr wie drei Drobben Johannisbärn drinne. Ä fener Mann, ä rischdscher Bundespräser ähm. Där machd was här, ni’ so wie unsre Na-bopps. Isch bin ja ma’ geschbannt, wie das in dor Soff-jettunjohn widergäht. Jezz dürfense ja nischema mähr in de Johannisbärn, gewissermasn. …-Warded ma: Jezz is’ Danz.“ und tanzen tut der Helmut Hoppe gern.
Es sind so viele Charaktere in diesem Buch, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Ich habe mich oft gefragt, wie Tellkamp an diesem Buch gearbeitet hat und auch, wie lange. Gerne würde ich mich darüber mit ihm unterhalten. Das Buch ist sicher autobiographisch. Denn die Eckdaten Christians stimmen auffällig mit den seinen überein. Aber dass jemand es schafft, seine eigene Geschichte derart literarisch zu verarbeiten, finde ich beeindruckend.
Für mich persönlich ist es bis jetzt das beste Buch, das ich über die DDR gelesen habe, das Buch, aus dem ich das meiste erfahren habe.  
Bei den Goodreads Rezensionen, auch an anderer Stelle, kam mir oft die Meinung zu Ohren, dass Tellkamp eitel sei und dieses Buch ein Produkt von Selbstverliebtheit und Angeberei. Ich denke aber, dass Der Turm ein wirklich großes Buch ist, und dass Eitelkeit oder Angeberei wohl kaum ausreichen als Motivation, um ein solches Buch zu schreiben. Wenn es so wäre, müssten wir in solchen Büchern untergehen! Denn eitel und selbstverliebt scheint mir persönlich ein Charakteristikum des Literaturbetriebs generell zu sein.
Wenn ihr ein leicht-lockeres Buch lesen wollt, macht einen Bogen um Der Turm. Ich hatte vorher Ken Follett gelesen und kann verstehen, was man auch suchen kann in einem fast tausend Seiten dicken historischen Roman. Kein Vergleich, obwohl auch Follett, dem Thema geschuldet, nicht leicht und locker ist! Aber er liest sich runter wie nichts.
Wer Der Turm liest, sollte Lust haben auf eine anspruchsvolle Sprache mit Bandwurmsätzen und vielen verschiedenen Stimmen, vielen Charakteren, einer tiefgründigen Schilderung einer Phase in der deutschen Geschichte, die noch lange nicht verdaut ist und ihre Schatten ins Heute wirft. Eine Lektüre, die auch etwas mit Arbeit zu tun hat. Und doch habe ich das Buch letztendlich verschlungen: Im Flugzeug zum Beispiel, beim Starten und Landen, normalerweise Momente, in denen ich tief aber unauffällig atmend (es soll ja keiner merken, dass ich u.U. panicke) den Kopf zurück lege und vorgebe, zu meditieren - vergessen!: ich war so versunken im Buch, dass ich erst aufschreckte, als die Leute neben mir aussteigen wollten. Am Sylvesterabend, mein Mann und meine Tochter standen schon draußen und der Himmel über Berlin explodierte, 00:04, aber ich las weiter - und weiter, bis ich das Buch gegen 01:00 Uhr am 1.1.2015 beendete, nur kurz unterbrochen durch einen kleinen Schluck Sekt auf dem Balkon. Es hat mich ein paar Wochen begleitet, überallhin und war definitiv eines dieser Bücher, in dem ich auch in der U-Bahn lese, wenn ich nach drei Stationen schon wieder aussteigen muss, es ist eines der Bücher, die mich eventuell vergessen lassen, dass ich aussteigen muss!, die es spielend auf meine List of Favourites 2014 gebracht haben, sozusagen in letzter Minute. Und ja: wenn man sich die Liste meiner Lieblingsbücher 2014 anschaut, könnte man mir durchaus nachsagen, dass ich zwischendurch schon mal ein Faible für komplizierte Bücher entwickele. Frohes Neues Euch und viel viel Spaß, beim Lesen und auch sonst, in 2015!

 © Susanne Becker


My list of different favourites 2014

Meine Lieblingsbücher (darüber gibt es bereits einen gesonderten und etwas ausführlicheren Post hier)

Meine Lieblingsfilme (die meisten davon hatte ich bereits im März gesehen, wie man hier nachlesen kann)

Meine Lieblingsmusik

Lieblingsorte
  • Schwarze Traube Die beste Bar, in der ich je war, mit dem besten Barkeeper Deutschlands und ich bestelle, völlig geflasht von allem und ein wenig überfordert, einen schnöden Gin Tonic, mein Lieblingssundowner eigentlich, der dort auch ganz besonders gut und lecker war. Allerdings: wenn man dann die gefühlten zweitausend Flaschen und Fläschchen sieht, mit denen der Barkeeper herum hantiert und Getränke anschüttelt und anrührt, von denen vermutlich noch nie ein Mensch gehört hat und die auf jeden einzelnen Kunden individuell zugeschnitten zu sein scheinen, dann fühlte ich mich mit meinem Gin Tonic doch plötzlich wie ein Stiefkind! Plan für 2015: Öfter hingehen und dem Barkeeper freie Hand lassen.
  • Ai Wei Wei Installation Stools im Lichthof des Martin Gropius Baus, Berlin Ai Weiwei: Ausstellung "Evidence" im Martin-Gropius-Bau
  • Garten (immer wieder immer noch!) 
  • Lissabon In dieser Stadt durfte ich 2014 zwei Wochen verbringen, schreiben, herum laufen, einfach vor mich hin träumen, und ich spüre die Hügel, das Licht und die Zartheit dieser Stadt immer noch. Für mich momentan die schönste Hauptstadt Europas!
    Azulejos und Wäsche, das typische Lissabon Haus
  • Kaunos Akropolis - 2014 war unter vielem anderen auch ein Land des Reisens. Zum ersten Mal flog ich mit meiner Familie in die Türkei, in einen wunderschönen Ort in der türkischen Ägäis. Einer unserer Tagesausflüge führte uns nach Kaunos, in die Ruinen der antiken Stadt. Das Highlight war die Besteigung des Berges, auf dessen Gipfel sich die Ruinen der Akropolis befinden. Ein Gefühl, als wäre man auf dem Dach der Welt. 
    Von Kaunos aus Blick ins Delta bis zum Isuzu Strand
Und nun ist 2015 schon da. Möge es für Euch alle ein Jahr der wunderbaren Orte, Bücher, Filme und Songs werden - ein Jahr der Schönheit, innen wie außen! The Best is Yet to Come! Onwards Ihr Lieben!
Hier geht es noch einmal, wer zu vergleichen liebt, die Favourites 2012 und 2013

©Susanne Becker