Berlin

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Freitag, 26. September 2014

Sasa Stanisic - kurzes, total subjektives, Protokoll einer Lesung mit ihm

Mittwochabend war ich auf einer Lesung mit Sasa Stanisic. Er las aus seinem großartigen Buch Vor dem Fest, das ich noch nicht gelesen habe. Dennoch weiß ich schon, dass ich es großartig finde (ich habe sowas im Gefühl bei manchen Büchern, da sehe ich das Cover, lese den Klappentext und weiß, dass ich sie lieben werde) Nach heute Abend fühle ich mich bestärkt im Glauben an meine Instinktsicherheit und will es um so unbedingter lesen. Das werde ich auch tun, sobald meine Freundin, die nach eigener Aussage dreiviertel durch ist, ganz damit durch ist. (Anmerkung für meine Freundin: jetzt lies bitte mal schneller!)

Sasa Stanisic ist ein souveräner Vorleser, der seinen Text offensichtlich selbst immer noch mag, der seine Charaktere liebt und jeden einzelnen mit einer unglaublichen Zartheit und Genauigkeit zu Wort und Tat kommen lässt. (Unter den Charakteren befindet sich auch eine Füchsin!)  Dabei ist er im genau richtigen Maße humorvoll und trocken, man schlägt sich nicht laut grölend auf die Schenkel vor Lachen, aber kommt irgendwie nie so ganz aus dem Grinsen heraus. Er beschreibt Situationen, die es ihm leicht machen würden, die Menschen bloß zu stellen, sich auf ihre Kosten lustig und wichtig zu machen, das geschieht aber nicht ein einziges Mal. Dieses Urteil trifft zumindest auf alle Stellen zu, die er gelesen hat, und er hat lange gelesen, viele Stellen, was mich nicht zwangsläufig bei jedem Autor freut, bei ihm allerdings sehr!
Er hat keinerlei Scheu, direkt mit dem Publikum zu kommunizieren. Durchaus stellte ich Qualitäten eines Standupcomediens oder Alleinunterhalters bei ihm fest.
Er las unter anderem eine Stelle vor, in der es um Ditsche, seine Eierbox, seine Hühner und seine Eier ging. Sie werden wenige Zeilen später verstehen, warum ich das jetzt hier erwähnen muss.
Als Fragen gestellt werden durften, meldete sich das Publikum rege (es war brechend voll in der Buchhandlung am Moritzplatz und einige saßen auch außerhalb des Ladens auf den Stufen von Modulor) (Kommentar Stanisic : "Mensch, das ist ja hier wie bei einer Lesung im Rheinland!" Ich komme aus dem Rheinland, weshalb ich wusste (ahnte? hoffte?), dass das ein Kompliment war und sich auf die Lebhaftigkeit bezog, die nicht unbedingt ein Merkmal der Berliner ist, zumal derer, die sich für Kultur interessieren und auf Lesungen gehen, sorry! Es wurden aber weder Kamelle geworfen noch fiel an irgendeiner Stelle Konfetti von der Decke aufs Publikum herab) und stellte typische Fragen wie : "Wie hat Fontane Dein Werk beeinflusst?" Antwort in etwa: "Sehr, ich hätte es nie gewagt, über die Uckermark zu schreiben und ihn vorher nicht gelesen zu haben. Da seine Landschaftsbeschreibungen so großartig sind, habe ich in meinem Buch keine einzige gewagt - allerdings hat er mich auch immer gelangweilt und ich habe das Lesen seiner Bücher nicht durchgehalten." (Geht mir genauso!)
Frage: "Wie hast du dich in die Psyche eines weiblichen Fuchses hinein versetzt?"
Antwort in etwa: "Ich war sehr eng mit einer Fuchsforscherin (ich: was, so was gibts? ich wieder: ja klar es gibt alles!) befreundet, von der habe ich sehr viel gelernt über das typische Verhalten von Füchsinnen in verschiedensten Situationen."
Und dann kam meine persönliche Lieblingsfrage mit direktem Bezug zur oben erwähnten Ditsche-Eier-Hühner-Stelle von den Modulorstufen herunter ins Auditorium geweht: "Es gibt ja Hühner und ich nehme an, die Eier wurden von Hühnern gelegt, nicht von Hähnen (Sasa Stanisic: richtig), nun bin ich mir nicht sicher, ob Du diese Stelle gelesen hast und ich habe sie bloß überhört oder ob da wirklich eine Lücke in Deinem Text ist, und zwar: geht es mir um die Farbe der Eier, und zwar ich komme ja aus Berlin und da haben die Eier Farben, also klar, es gibt Taubeneier, die sind klein und weiß (Stanisic: richtig, klar) (das war so langsam der Punkt, wo ich ahnte, dass es sich bei diesem Frager um einen der sehr typischen Berliner Irren handelte, deren Irresein sich einem erst so nach und nach, dann aber glasklar erschließt,  und ich wurde etwas nervös, weil ich Angst hatte, Stanisic könnte aus der Fassung geraten oder vielmehr, ich dachte wenn ich er wäre, wäre das jetzt der Punkt, an dem ich aus der Fassung geraten würde) also Taubeneier, da haben wir ja ne Menge von in Berlin (ich ????????) aber Hühnereier is ne andere Sache, da kommt es auf die Farbe an und die ist abhängig vom Huhn (Stanisic nickt die ganze Zeit, lacht und wirkt generell, als würde er absolut verstehen, worum es dem Frager geht). Also, mein Punkt ist (an welchem Punkt ein großer Teil des Publikums anfing, leicht genervt zu stöhnen) mein Punkt ist: waren die Eier jetzt rot, blau, gelb, grün, braun, lila (ich ?????????????????) Stanisic: "Verstehe, sie waren grün, hellgrün." Der Mann: "Wiesengrün?" Stanisic: "Heller." Der Mann: "Lindgrün?" Stanisic schüttelt heftig mit dem Kopf: "Neinnein, noch heller!" Das war der Moment in dem ich kapierte, das Stanisic eventuell ein Genie sein könnte. Der Mann kapierte das offensichtlich auch, war zufrieden mit der Antwort und mischte sich kaum noch ins Gespräch ein. Alle atmeten erleichtert durch. Situation souverän auf eine höhere Ebene katapultiet!

Dass ich heimlich für Tilman Rammstedt schwärme, ist ja ein offenes Geheimnis und kommt hier nur deshalb nochmal zur Sprache,  weil er natürlich mit Sasa Stanisic befreundet ist und nicht unerheblich beteiligt war an der Entstehung des Buches. Die beiden haben sich regelmäßig zum Austausch über ihre Schreibprojekte getroffen und Rammstedt hat zu Stanisic gesagt, dass er einen Roman unmöglich mit so vielen Charakteren und dann in der ersten Person Plural schreiben kann, er solle Kurzgeschichten daraus machen. Daraufhin ist Stanisic, der ja auch einen Stolz hat,  nachhause gegangen und hat den Roman so richtig begonnen. Der Beweggrund war: Dem Tilman zeig ichs! Ich finde das einen sehr plausiblen Grund, einen Roman zu schreiben und zu beenden. Ich kann mir ohne Mühe die beiden am Küchentisch vorstellen, während Ditsche, Uli, Lada, Bruce Willis und andere Charaktere rein und raus rennen.(Seitenbemerkung: Die Beschreibung von Ulis Garage ist zum Brüllen, lasst sie Euch nicht entgehen!)

Ziemlich zum Ende hin fragte ihn dann noch eine Frau nach seinen Schreibgewohnheiten. Er erzählte, dass er oft in der Bibliothek der Medizinischen Fakultät in Hamburg (es kann auch die Bibliothek eines Krankenhauses gewesen sein, hier möchte ich mich nicht festlegen) schreibe, weil dort eine so unglaubliche Konzentration herrsche. Die Mediziner müssten ja Gott sei Dank sehr viel lernen. Damit er nicht auffalle, hole er sich auch immer ein paar Bücher aus den Regalen zu seinem Platz und gebe vor, ebenfalls Medizin zu büffeln. Darin sei er offensichtlich so überzeugend gewesen, dass irgendwann eine Frau auf ihn zukam und sagte: "Ich bin aufs Steissbein gefallen. Können Sie mir sagen, in welchem Buch ich dazu was finde, ich will nicht zum Arzt." Darauf Stanisic: "Ich bin Dermatologe, mit Steissbeinen kenn ich mich gar nicht aus."

Also ein Abend, der in meine Sammlung wirklich schöner Momente 2014 mühelos Einzug halten wird. Ich habe mich sehr amüsiert, ich war irgendwie im siebten Himmel der Literaturbegeisterten und hätte noch viele Stunden zuhören können. Eigentlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn er uns das ganze Buch vorgelesen hätte.
(Schlussbemerkung: Dieses Protokoll der Lesung ist komplett unvollständig und ganz aus dem Gedächtnis. Er hat tausend andere Dinge erzählt, (der Mann von den Modulorstufen hat nochmal was gesagt, es gab massig andere Fragen und  alles war genau so witzig, klug und unterhaltsam wie das von mir protokollierte, ich erinnere mich nur nicht mehr genau daran.)
P.S. Und wenn mir bitte jemand erklärt, wo bei Blogger die Sonderzeichen sind, dann schreibe ich seinen Namen beim nächsten Mal auch so, wie er gedacht ist und entschuldige mich in aller Form für meine Schludrigkeit bei der Schreibweise!)

© Susanne Becker


Donnerstag, 25. September 2014

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre aktuellen Lieblingsbücher vor (12)

Die Kreuzberger Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 

Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 
Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist? 





liebe susanne-
ich habe tolle bücher gelesen!:

vanessa fogel, hertzmann´s coffee, weissbooks
eine wunderschöne liebesgeschichte von zwei uralten leutchen, die ihr leben als kaffeschmuggler im nachkriegsberlin begonnen haben und dann mit der großfamilie den sprung nach new york gewagt haben. beide sind um die neunzig und die geschäftsführung wird von einem kind zum andern kind übertragen, was zu unglaublichem tumult innerhalb der familie führt. entzückend, herrlich und zuckersüß! liebe kann sooo schön sein!

william sutcliffe, auf der richtigen seite, rowohlt
eindrückliches jugendbuch ( ab 12 jahren) über die alltägliche israel/palästina problematik. joshua lebt in einem geteilten dorf auf der israelischen seite und kennt die mauer immer schon als mauer, bis er eines tages seinen ball auf die andere seite schiesst und durch zufall einen tunnel auf die andere seite entdeckt. er klettert verbotenerweise durch den tunnel und wird dort sofort von palästinensischen jungs verfolgt. dank eines mutigen mädchens - auch palästinenserin- wird er gerettet und es entwickelt sich eine zutiefst berührende freundschaft, die sehr viel über den konflikt israels erzählt.

shani boianjiu,das volk der ewigkeit kennt keine angst kiwi
ebenso dieses buch dreht sich um israel. ein verstörendes, sehr emotionales buch über drei junge frauen, die in einem öden ort in the middle of nowhere in israel aufwachsen, sich langweilen und pubertieren, bis sie eingezogen werden.
drei stimmen erzählen vom leben während der militärzeit. kein politisches buch und doch beschreibt jeder satz den täglichen irrsinn israels. die wuchtigen gefühle spiegeln sich beeindruckend in dem schreibstil der autorin wider.

abasse ndione, die piroge
schon 2008 erschienen, geschrieben von einem autor aus dem senegal ist dieses kurze büchlein eine dramatische geschichte von einer überfahrt aus afrika zu den kanarischen inseln. auf einer kleinen piroge starten 30 afrikaner die flucht in das vielversprechende europa und werden von stürmen und menschlichen abgründen begleitet. sollte pflichtlektüre für schüler werden!

liebe grüße katja

bis 18.30 uhr bestellt am nächsten morgen da!

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  tel. 030-69 56 51 93

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Samstag, 13. September 2014

Ingeborg Bachmann - Ein Tag wird kommen

            
Wahrlich
für Anna Achmatova

Wenn es ein Wort nie verschlagen hat,
und ich sage es euch,
wer bloß sich zu helfen weiß
und mit den Worten –

dem ist nicht zu helfen.
Über den kurzen Weg nicht
und nicht über den langen.

Einen einzigen Satz haltbar zu machen,
auszuhalten in dem Bimbam von Worten.

Es schreibt diesen Satz keiner,
der nicht unterschreibt.

Ich lese gerade eine Ingeborg Bachmann-Biografie „Die dunkle Seite der Freiheit“, ihren Briefwechsel mit Paul Celan, „Herzzeit“, Gedichte von ihr (Liebe, dunkler Erdteil; Die gestundete Zeit), Geschichten von ihr (Simultan, Das dreißigste Jahr) und Interviews (Wir müssen wahre Sätze finden), alles parallel und gleichzeitig. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ich sie, ohne jede Frage, zu meiner Mutter gewählt, meiner literarischen Mutter. Es gab für sie keine Konkurrentin. Dann hatte ich mich abgewandt, und wenn ich an sie dachte, überkam mich oft ein großer Widerwille. Das Wort „Todesarten“ war immer zuerst da. Dass das Leben weh tut und die anderen Mörder sind, zutiefst Verletzende, diese Sicht stieß mich zurück. Denn ich ahnte, dass einen eine solche Weltsicht auf Dauer ins Unglück stürzen würde. Ich wollte nicht ins Unglück. Dort hatte ich schon genug Zeit verbracht. Ich wollte ins Glück und war doch auch der Meinung:


Ich ging davon aus, dass man glücklich sein konnte. Ich ging davon aus, dass die Wahrheit nicht nur aus negativen Fakten bestehen konnte.
Wenn ich jetzt, was nicht selten geschieht, bei der Lektüre auf das Wort „Todesarten“ stoße, verstehe ich es anders. Ich verstehe, wie viel Ingeborg Bachmann der Welt gegeben hat, indem sie die Wahrheiten, gerade die negativen, auslotete. Ich verstehe, dass sie dafür verbrannte. Lange bevor sie tatsächlich durch das Feuer starb, brannte sie inwendig an der Unbestechlichkeit ihrer Absicht, die Wahrheit zu finden, sie in Worte zu fassen und nicht vor ihr zurück zu schrecken. Sie brannte auch an der Wahrhaftigkeit, die sie angesichts aller Gefühle, aller Vorkommnisse immer leben wollte. Wenn ich ihre Briefe an Paul Celan in Herzzeit lese, dann verstehe ich: Sie war eine mutige Frau und eine große Schriftstellerin, sie sezierte das menschliche Miteinander, das Tohuwabohu der menschlichen Gefühle, allen voran der zwischenmenschlichen Liebe, und schmiedete daraus Texte für die Ewigkeit und die Erkenntnis, dass dieses Tohuwabohu bereits der Anfang von allem Krieg ist. Sie bezog immer Stellung. Niemals wählte sie die Position der Bequemlichkeit, nicht im Privaten und nicht im Öffentlichen. Sie hielt die ganzen Gefühle aus, ohne sich dagegen abzuschotten. Sie war keine kühl kalkulierende Networkerin, sondern dem Allgemeinmenschlichen beinahe schutzlos ausgeliefert. Lediglich ihr Intellekt konnte ihr dabei helfen, die Dinge zu entwirren. Aber der Intellekt ist nicht wirklich gut darin, sich in Gefühlen zurecht zu finden oder einen den Umgang mit denselben zu lehren.

Als ich sie zu lesen begann, vor vielen Jahren, ich war gerade von Zuhause ausgezogen und war innerlich und äußerlich unbeheimatet, fand ich mich sofort in ihren Texten wider, fand ich zum vielleicht ersten Mal Seiten von mir in Worte gefasst, die mich bis dato verunsichert hatten.

„Bei jeder Gelegenheit hat er ja gesagt zu einer Freundschaft, zu einer Liebe, zu einem Ansinnen, und all dies immer auf Probe, auf Abruf. Die Welt schien ihm kündbar, er selbst schien sich kündbar. … Nie hatte er gedacht, dass von tausendundeiner Möglichkeit vielleicht schon tausend Möglichkeiten vertan und versäumt waren – oder dass er sie hatte versäumen müssen, weil nur eine für ihn galt.“ aus: Das dreißigste Jahr

Ich fand in ihren Texten eine Rechtfertigung für mein Sosein, eine Verbündete, eine Mutter,die mir spiegelte, dass ich vollkommen in Ordnung war.
Dabei kann ich mich noch nicht einmal an den exakten Zeitpunkt unserer ersten Begegnung erinnern. In der Schule wurde ich hauptsächlich mit Vätern konfrontiert: Sartre, Nietzsche, Hesse, Frisch, Dürrenmatt, die ich alle begeistert in meinem bis dato bücherlosen Leben empfing. Ich verbrachte meine Abende schreibend in meinem Zimmer, und lesend, und fühlte mich diesen Herren sehr verbunden, vor allem in meinem  geheimen Wunsch, in ihre Reihen vorzustoßen als Gleichberechtigte. Es eröffnete sich mir durch das Lesen eine Welt, die wie ein Paradies erschien,  ein erreichbares Paradies. Ich investierte fast mein ganzes Taschengeld in Bücher, und meist in solche von Männern.
Lange war mir gar nicht bewusst, dass ich ein Rollenmodell haben sollte, das mir half, meine Identität als unabhängiges weibliches Wesen genauer zu bestimmen. Ich fühlte mich unter den Männern gar nicht so unwohl und verstand erst viel später, dass Männer sich als Rollenmodelle für Frauen eben nur sehr bedingt eignen. Ich denke, es muss in den Anfängen meiner Zwanzigerjahre gewesen sein, dass ich erstmals wirklich damit anfing, mein Denken, also Schreiben, aus der Neutralität des einfachen Flüchtens aus einem engen, provinziellen Leben in das Denken, also Schreiben einer unabhängigen, weiblichen Persona zu transportieren. Ich begann, mir eine Maske für mich selbst zu entwerfen, frei nach der Idee, dass man sich erst etwas ausmalen muss, um es dann zu werden. Unabhängigkeit war tatsächlich, ohne dass ich es so genannt hätte, eines der wichtigsten Merkmale der Person, die ich werden wollte. Eine unabhängige Frau, innen und außen. Ich wollte alleine wohnen und ich wollte Dinge denken, auch wenn niemand mir folgte, wenn ich denkend allein sein müsste. Diese Unabhängigkeit fühlte sich in den meisten Momenten an wie ein Belagerungszustand. „Abstand, oder ich morde. Haltet Abstand von mir.“ (aus: Das dreißigste Jahr) Das gefiel mir nicht, obwohl ich es nicht uninteressant fand. Die Unabhängigkeit sollte jedoch absichtsvoll und zielgerichtet sein, souverän von meiner Seite aus. Das war die angezielte Vision. Ich hatte einen Hang zu Melodramatik und Selbstmitleid, von daher hatte diese Unabhängigkeit damals durchaus auch manchmal die Klangfärbung der Todesgefahr (wenn ich eine zweite literarische Mutter nennen müsste, wäre es vielleicht Oriana Fallaci). Ich malte mir beispielsweise aus, dass ich in Kriegsgebieten schreiben, Diktatoren interviewen, mit Rebellen kämpfen und dabei umkommen würde. Nicaragua stand ganz oben auf der Liste der Länder, in die ich wollte. An anderen Tagen malte ich mir aus, mein Leben hielte mich vom Schreiben ab und ich würde mit dem Kopf in meinem Backofen sterben. (Sylvia Plath! genau, aber das Verrückte ist, dass ich sie damals noch gar nicht kannte, ich entdeckte sie erst ein paar Jahre später, parallel zu Anne Sexton).

Unabhängig, verzweifelt, den Tod nicht fürchtend, ihm nicht ausweichend, auf der Suche nach den wahren Sätzen. Das Zusammentreffen mit Ingeborg Bachmann war ab einem gewissen Zeitpunkt unvermeidlich.

            „Dein Blick spurt im Nebel:
            die auf Widerruf gestundete Zeit
            wird sichtbar am Horizont.“ (aus: Die gestundete Zeit)

Ich fand einen Bildband „Ingeborg Bachmann. Bilder aus ihrem Leben“. Er wurde mein ständiger Begleiter. Ich wohnte in meiner ersten eigenen Wohnung, ohne Eltern, ohne Freund oder WG, Opladen, Kanalstraße, ich hatte mehrere Jobs und studierte Philosophie (wie die Bachmann) . Beim täglichen Blättern in diesem Bildband konkretisierten sich die Visionen bezüglich meiner Unabhängigkeit: jemand, der in andere Städte zog, an Orten lebte, die weit weg waren, dort schrieb, (das Schreiben wurde immer mehr zu einem entscheidenden Element). Ich begann, Italienisch zu lernen, man konnte ja nie wissen. Jemand, der politisch interessiert ist und sich reibt an der Vergangenheit, die in Deutschland keine ruhmreiche war. Der Holocaust schwebte im Hintergrund auch noch meiner Unabhängigkeit und schattierte jede meine Absichten. Gerade weil in meiner Familie niemand darüber sprach, war ich eine Nachfahrin von Tätern.
Zu einem wirklichen Interesse an der Gesellschaft gehörte, da ging ich vollkommen konform mit Ingeborg Bachmann, die Erkenntnis, dass im Frieden seelisch gemordet wird, und dass dieses Morden die Voraussetzung für allen Faschismus und alle Kriege bildet. Ich ging auch konform mit ihr in der Erkenntnis, dass ein großer Teil dieses Mordens sich unter dem Deckmantel des Liebens verbarg. Da war es wichtig, dass man sehr genau hinschaute. Was weh tat. Die meisten Menschen verschlossen die Augen vor dem, was war, weil der Schmerz darüber sie am Leben hindern würde, dachten sie. Dass das Augen verschließen auch eine Verkrüppelung emotionaler Art mit sich brachte, nahmt die Allgemeinheit stillschweigend in Kauf. Niemand mochte ständig im Schmerz leben.
Wenn ich Interviews lese, die Ingeborg Bachmann nach dem Erscheinen von „Malina“ gegeben hat, dann mutet diese ihre Sichtweise manchmal dramatisch und überspitzt an, aber natürlich hat sie auch recht, mit jedem Wort. Sie treibt die unbequemen, die negativen Wahrheiten auf die Spitze und fokussiert ihre Aufmerksamkeit ganz darauf.
In ihrem Leben und ihrem tiefsten Erkennen war sie wund und offen und daher verletzbar und angreifbar. In ihrem tiefsten Erkennen war sie darauf konzentriert, die Schwächen der Menschen ganz genau zu untersuchen, jene Schwächen, unter denen sie überproportional litt.

  „In die Mulde meiner Stummheit
     leg ein Wort
     und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
     dass mein Mund
     ganz im Schatten liegt.“ (aus: Die gestundete Zeit. Psalm)

Am liebsten mochte ich die Fotos der Bachmann in Rom: in ihrer römischen Küche, beim Zeitung lesen auf der Terrasse, beim Obst kaufen auf dem Markt. Sie sah glücklich aus und wunderschön. Obwohl ich natürlich wusste, dass sie nur wenige Jahre, nachdem diese Aufnahmen entstanden waren, in diesem Rom, in dieser Wohnung, verbrannt war, blätterte ich diese Bilder immer wieder durch, getrieben von der Hoffnung, das Buch könne, durch meinen starken Willen, doch noch anders enden. Natürlich wusste ich auch, dass sie damals längst alkohol- und medikamentenabhängig war, aber ich hoffte bei jedem neuen Blättern, sie könne diese Abhängigkeit überwinden und sich zu einer leichteren Glückseligkeit aufschwingen. 

            „Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
            wir kommen ungefragt und müssen weichen.
            Doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen
            und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

            zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
            Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
            und das Verlangen, tief uns anzusehen,
            durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.“ (aus: Liebe: dunkler Erdteil)

Mit dem Abstand von heute weiß ich, dass ich Ingeborg Bachmann viel verdanke. Ohne ihr Vorbild hätte ich es niemals gewagt, in meine eigene geistige Unabhängigkeit vorzudringen, die mich bis heute in Bereiche führt, von deren Existenz ich früher nichts ahnte. Es ist so herrlich, selbst zu denken.
Ihr Bild einer unabhängigen, Zeitung lesenden, strahlenden, Zigaretten rauchenden Schreiberin in Rom war eine Inspiration, die mich weit getragen hat und auf eine Art immer noch trägt.Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und versuche, mit meinen Worten die Wahrheit einzukreisen, dann denke ich oft an sie und fühle mich ihr immer noch verbunden. Dann ist sie immer noch meine literarische Mutter, von der ich heute anderes lerne, als damals.  Denn bei ihr finde ich etwas, das ich nicht bei vielen Schriftstellern, vergangenen oder gegenwärtigen, finde. Sie hatte einen ganz eigenen Stil, dem man so nicht noch einmal begegnet. Sie fand neue Worte und neue Formen, oder neue Positionen für Worte, die wir kennen, aber so noch nicht gesehen haben. Ich habe das an dieser Stelle schon einmal mehr oder weniger so über e.e. cummings gesagt, und als ich meinen Text über diesen Ausnahmedichter wieder las, kam ich zu dem Schluss, dass ich mich wiederholen werde ein Stück weit. Denn auch Ingeborg Bachmann ist ja eine Ausnahmedichterin und sie fand eine neue Sprache, um Dinge zu sagen, die bislang so noch nicht gesagt wurden. Es gibt eine Architektur in ihrem Schreiben, die ihr dabei hilft, eine ganz eigene Wortwelt zu erschaffen, die Welt der Ingeborg Bachmann. Wenn ich mich in dieser Welt bewege, treffe ich den Geist, den durchdringenden Intellekt und die unglaubliche Gefühlstiefe Ingeborg Bachmanns. Aber das ist nicht alles. Denn ich treffe dort natürlich auch mich selbst, und zwar auf eine Weise, die völlig anders ist von jeder anderen Weise, mir zu begegnen im Werk eines anderen Schriftstellers. Deshalb ist sie meine literarische Mutter geworden, weil ich mich in ihrem Werk finden konnte.
Wenn jemand eine Meisterin der Sprache sein möchte, und ich setze voraus, dass dies jede will, die schreibt, muss sie mit der Sprache spielen und flirten. Sie muss sie so gut kennen, dass sie hinein tauchen kann und mit neuen Formen, Worten, Strukturen wieder an die Oberfläche kommt. Darin nicht verloren zu gehen, ist eine der Herausforderungen. In jedem Fall ist es eine der Aufgaben des Schreibens, für das, was man in der Tiefe findet, jene Worte zu produzieren, die auch noch an der Oberfläche auf verstehende Ohren, wenn auch nur vereinzelt vielleicht, treffen können. Darin war Ingeborg Bachmann für mich eine unangefochtene Meisterin, mein Vorbild, ja, mein Idol. 

"(...) ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe. Wenn ich aber schreibe, dann sehen Sie mich nicht, es sieht mich niemand dabei. ... Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran, und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden einen Weg zu einem Du, mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit. Alles, was mir nicht unwert vorkommt, denkend ausgedrückt zu werden, geht ein in die Arbeit." aus: Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises 1972

Und wenn ich an die Todesarten denke und ich mich wieder abwenden möchte von soviel Negativität, dann weiß ich doch, dass sie die Negativität ausgelotet hat, um dahinter eine große Vision zu erschaffen, auf deren Verwirklichung sie immer hoffte und die wie ein goldener Regenbogen ihr gesamtes Werk überspannt:.

Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, sie werden vom Schmutz befreit sein und von jeder Last, sie werden sich in die Lüfte heben, sie werden unter die Wasser gehen, sie werden ihre Schwielen und ihre Nöte vergessen. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben. Es wird eine größere Freiheit sein, sie wird über die Maßen sein, sie wird für ein ganzes Leben sein...." aus:Malina

Weitere Lektüretipps:

© Susanne Becker

Dienstag, 9. September 2014

Warten auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2014

Leseproben 2014
Es gibt Tage, da mag ich Facebook besonders gerne. Zum Beispiel an solchen, an denen ich mich nicht genug unter Kontrolle habe (also fast immer) und in irgendeinen Thread über Bücher, zum Beispiel die für den Deutschen Buchpreis eventuell nominierten, meine Kommentare einhacke (Ich hoffe, Svenja Leiber wird nominiert und Stanisic wird sowieso drauf sein!) und ich daraufhin nicht beschimpft oder, schlimmer: ignoriert werde, sondern eine Mail bekomme, in der nach meiner Postadresse gefragt wird, weil mein Tipp, wer auf der Longlist sein wird, Übereinstimmungen mit der echten Longlist (Stanisic) hat und man mir deshalb den Band mit den Leseproben zusenden möchte. Das hat mich gefreut! Aufrichtig! Denn nun kann ich viel reflektierter und fundierter entscheiden, als ich es in einem dahin geschnodderten Blogpost spontan getan hatte, was ich über die nominierten Bücher denke, welche ich tatsächlich lesen werde und wen ich persönlich gerne auf der Shortlist sähe. Ich konnte auch Meinungen revidieren. Es gibt Texte darin, die mich zum Weiterlesen geradezu antreiben, obwohl ich ursprünglich dachte, diese Bücher keines Blickes würdigen zu wollen. Ich habe aber bei der Lektüre der Leseproben so häufig begeistert aufgelacht oder beglückt in wunderbarster Sprache gebadet, dass ich, wenige Stunden vor dem Ausrufen der Shortlist, schon einmal ein paar Lieblingsstellen zitieren und einen persönlichen Tipp für eine Shortlist abgeben möchte. Vielleicht kriege ich ja wieder was geschickt...

Zu den für mich überraschenden Highlights der Leseprobe gehörte definitiv "Das Polykrates-Syndrom" von Antonio Fian:
"Die Baranyi ist gestorben", sagte meine Mutter, als sie mit ihrer ersten Apfeltasche fertig war. Ich hatte keine Ahnung, wer die Baranyi war. "Das tut mir leid", sagte ich. 
"Weißt du überhaupt, wer die Baranyi war?"
"War das nicht die Frau im Rollstuhl aus dem Zimmer neben dir?"
"Das ist die Bellusich. Der geht es von Tag zu Tag besser. Vermutlich wird sie demnächst an der Behindertenolympiade teilnehmen. Die Baranyi war keine dreißig. Eine von den Schwestern. Sie ist vom Tanzen nach Hause gekommen und schlafen gegangen und nicht mehr aufgewacht."
"Gehirnblutung", sagte ich.
Meine Mutter nahm die zweite Apfeltasche in Angriff. "Unmöglich", sagte sie, "sie hatte kein Gehirn. Apropos, wie geht es Rita?"
Sehen Sie, das war es, was Rita meinte, wenn sie mich einen Muttermasochisten nannte."
Wenn das ganze Buch so ist, weiß ich nicht, ob es ein typischer Vertreter der Shortlistliteratur sein könnte, aber was ich weiß ist, dass ich es unbedingt lesen möchte, und dass es genau die Art von Humor ist, die ich schätze!

Ulrike Draesners Sieben Sprünge vom Rand der Welt  hingegen ist meiner Ansicht nach ein typisches Buchpreisbuch - nicht nur für die Shortlist, sondern auch gleich für den ganzen Preis hervorragend geeignet. Die Leseprobe hat mich denn auch, trotz aller vorherigen Ressentiments der Draesner gegenüber, dazu gebracht, dass ich dieses Buch gerne lesen möchte und es sogar nicht ungerne gewinnen sähe.
"Er rückt Bilderrahmen gerade. Was schief hängt, erträgt er nicht. Wir kommen in ein Café: Vater rückt an den Rahmen, noch bevor er sich setzt, allemal, bevor er bestellt. Manchmal hat er bestellt und steht noch einmal auf, rührt in seiner heißen Schokolade, steht noch einmal auf. Wir kommen in ein Museum: Eustachius rückt an den Rahmen und löst die Alarmanlage aus. Wir kommen in ein Museum, Eustachius denkt an die Alarmanlage und schaut bei allen Bildern nur die Rahmen an. Er könnte als europäischer Rahmenexperte arbeiten. Wir stehen bei Bekannten in der Tür, Menschen, die er seit Jahren nicht gesehen hat, und er sagt: "'tschuldigung, Ihr Spiegel hängt schief." Die Hand ausgestreckt, lächelt er wie einer, der gleich bewundert werden wird."  
 Dieses kurze Zitat zeigt für mich, wie innovativ die Draesner ist. Wie sie Sprache und Geschichten erzählen neu gestaltet und mit ihren sehr eigenen Inhalten füllt.

Die Pfaueninsel von Thomas Hettche interessiert mich thematisch nicht, gar nicht. Doch war die Leseprobe sprachlich und atmosphärisch so dicht und spannend, dass ich jetzt gerne wissen möchte, wie es weiter geht.
Es würde auf diese Shortlist passen. Es ist mit Sicherheit ein sehr gutes Buch. Ich werde es vermutlich lesen. Denn am letzten Wochenende war ich auf der Pfaueninsel, purer Zufall, aber es macht, dass ich mir alles sehr lebendig vorstellen kann und mich dem Buch, das eines der fernsten auf dieser Longlist für mich war, sehr nahe brachte. Lesen ist so subjektiv.
"Diese Insel war der Königin von ganzem Herzen zuwider. Und obwohl ihre Kinder sie umstanden und unsicher musterten, konnte sie den Blick nicht von dem schattigen Dunkel losmachen, in dem das Wesen verschwunden war, auf das sie, wie einen Pfeil, jenes eine Wort abgeschossen und das getroffen hatte und noch immer dabei war zu treffen. Mit einer müden, resignierten Handbewegung trieb sie ihre Kinder hinaus in das helle warme Sonnenlicht der Pfaueninsel, auf der sie an diesem Tag zum letzten Mal in ihrem Leben war. Kaum acht Wochen später, am 19. Juli 1810, war die Königin Luise tot."

Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr von Franz Friedrich ist so ungewöhnlich, dass ich nicht wirklich weiß, was ich von dem Buch halten werde, jetzt schon halten soll, außer dass es mich anzieht und eine ungeheure Neugier in mir entfacht. Ich sah es im Laden meiner Lieblingsbuchhändlerinnen liegen und hätte es beinahe gleich gekauft.  Auch die Leseprobe war so, dass ich weiterlesen möchte - auf jeden Fall! Ich fürchte, es wird rausfliegen, aber persönlich sähe ich es sehr gerne auf der Shortlist. Es verspricht einen Tiefgang und eine Mehrschichtigkeit, die es für mich unter den anderen Büchern einzigartig machen (könnten - wenn das Buch so ist wie die Leseprobe und sein elegantes, zurückhaltendes Cover).
"Staub auf den Armaturen, der Geruch von eingetrocknetem Bier, ein gebündeltes Licht, das seine Hand, wenn er sie gegen die Strahl erhob, wie Feuer wärmte. Er hatte keine Ahnung von dem, was er hier tat, und doch spürte er diese Aufregung, als wäre er ein Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert, der zum ersten Mal einen Film sah."

Dass Sasa Stanisic mit Vor dem Fest auf die Shortlist muss, das ist für mich absolut klar. Er wäre auch ein guter Gewinner, vor der Draesner mein erster Favorit.
"Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist.Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben."
Für mich das unverkampfteste Buch der Longlist. Ein Buch, das einem nicht aufdrängt, etwas zu wollen, keine Absicht, keine Message, kein Zerren am Leser. Man liest es einfach und genießt eine gute Geschichte! Deshalb ist es immer noch mein absoluter Favorit! In zwei Wochen sehe ich ihn bei einer Lesung hier. Ich freue mich schon sehr darauf.

Ich denke, ein weiterer Favorit ist definitiv Kruso von Lutz Seiler, das  ich nur lesen werde, wenn ich irgendwann sehr viel Zeit habe und keine Bücher, die ich noch dringender lesen möchte. Ich mochte die Leseprobe sehr, aber sie sagte mir auch, dass es kein Buch ist, das mich wirklich interessiert.
"Woran er sich später erinnerte: Dass er seine nichtigen Gedanken gerne ausgesprochen hätte. Und vielleicht hatte er es sogar getan in seiner Angst, versehentlich zuviel Kraft anzuwenden dabei, zum Beispiel, ein wichtiges Gefäß zu verletzen. Für einen Augenblick durchzuckte Ed der irrwitzige Gedanke, er könne von innen trocken sein oder es ströme in ihm einfach nicht genug von dem Saft der Brüderschaft, der jetzt ans Licht gebracht und vorgezeigt werden musste."

Das ist also meine Shortlist. Ich möchte hinzu fügen, dass ich nach dem Lesen der Proben auch die Bücher Der aufblasbare Kaiser, 3000 Euro und Kastelau dort sehen könnte.

Morgen früh um 10.00 wird die echte Shortlist bekannt gegeben. Ich bin sehr gespannt. Habt eine gute Nacht und lest noch ein bisschen!

© Susanne Becker

Donnerstag, 4. September 2014

in the end - rewritten, september 2014

A poem is maybe never finished. For me, it is a constant process and if I'd wait for one to be finished, I'd never give one to the public. I love the idea of rewriting, and sharing different stages, with others and myself. So this is, what I've done with "in the end", after digesting everything, my writing group in Lisbon told me. It is still so far from finished. I can see that. But I like it much better. 

in the end - rewritten, september 2014

“In the end only three things matter: how much you loved, how gently you lived, and how gracefully you let go of things not meant for you.” Buddha


it comes down
to a box of photos,
your favourite rings,
(i remember you wearing them
when I was little)
our old kitchen table,
where you and dad,
i imagine, had coffee,
now and then, before we were born.
                                                                                  (what i remember are the endless fights)

it comes down
to going through all
your drawers, cabinets,
wardrobes, closets, your
garage, your basement,
the second basement,
your cupboards – i never realized,
how much we collect –
(is this supposed to be my lesson in impermanence?)
deciding
what to keep
what to throw away.
(every piece we threw away hurt)
to give things away
to people who knew you
and were happy with your stuff
felt really good!
to hear my brother destroy
your cups and plates
with a hammer
                                                                                                                                                         ( what does gracefully mean anyway?)
so we could discard them
easier, felt really bad

it also comes down to this:
how much time, how much
strength do we have,
do we need
to deal with this?
(i think i would have needed
a full year, a complete cycle of mourning,
with your belongings still in place,
to sit with them,  which were you,
 find out, slowly, in my time, yes, gracefully,
what to do with every single cup,
yes, gently, but of course,
we did not have a year of strength.)

i found an old box with photos and papers
which dad had brought with him
sixty years ago. i had never seen them before.
he died twenty-seven
years ago, you kept it the way he had left it,
let it sit there with us,
without anybody knowing,
which made me understand,
what he had meant to you,
and that in the end,
we all become stories,
people tell each other,
while going through our boxes -
the ones we are packing now –
this made me smile.
(i am wearing your rings all the time, yes, love.)

© Susanne Becker