Berlin

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Montag, 30. Juni 2014

Ein paar Anmerkungen zu Fernando Pessoa

"Es gibt Augenblicke, in denen die Hohlheit, in der man sich leben fühlt, die Dichte eines positiven Zustands erreicht."

Ich finde, man muss Pessoa lieben für solche Aussagen. Ich stehe am Ufer des Tejo und denke: GENAU!
Oder auch diese: "Wir sind, wer wir nicht sind, und das Leben ist behende und traurig." Ich beobachte den Sonnenuntergang über Lissabon von einem der wunderschönen Aussichtpunkte, genannt Miradouros, und habe keine Einwände.

Er ist weiß Gott kein positiver Mensch gewesen, schließe ich aus seinen Schriften. Manchmal lege ich sein Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares etwas genervt aus der Hand und denke Dinge wie: "Boah, was für ein Runterzieher." Ich fühle mich zurück versetzt in die besten Zeiten meiner persönlichen Welt-, Selbst- und Lebenshinterfragung, ich trug damals grundsätzlich schwarze Klamotten und obwohl sie mir nicht schlecht standen, ganz ehrlich, eigentlich möchte ich dort nicht mehr hin zurück. Dann wieder schwimme ich jedoch begeistert von Seite zu Seite und kann nicht genug bekommen von seiner Art, die Welt zu betrachten und seiner wunderbar klingenden Prosa. Er bleibt niemals an der Oberfläche. Er ist einer dieser Menschen, die bereit sind, sich in die Tiefe des Menschseins zu stürzen, Kopfüber, das ist, was ich an ihm schätze. Er taucht hinunter und kommt mit seinen Schätzen zurück aufs Papier. Vor allen Dingen hier in Lissabon kann ich ihn noch besser verstehen und wenn ich durch "seine" Straßen laufe, bekommt alles eine getragene Tiefenschärfe, die ich im Alltag, der notwendig an der Oberfläche bleibe muss, um ein gewisses Funktionieren zu garantieren, selten finde."Leben heißt ein anderer sein. Es ist nicht einmal möglich zu fühlen, wenn man heute fühlt, wie man gestern gefühlt hat: Heute dasselbe fühlen wie gestern heißt nicht fühlen - heißt sich heute an das erinnern, was man gestern gefühlt hat, heute der lebendige Leichnam dessen sein, was gestern das verlorene Leben war." Oder?

Heute war ich in dem Haus, in dem er die letzten 15 Jahre seines Lebens verbracht hat. Es ist ein Museum hier in Lissabon und heißt Casa Fernando Pessoa. Man kann dort einige seiner Besitztümer besichtigen, Manuskriptseiten, eine Fotoausstellung mit Motiven inspiriert durch seine Worte, sein Bett, seinen Hut, eine ausgedrückte Zigarettenkippe und Asche (ich bezweifle, dass sie noch von ihm stammen könnten, aber ich war trotzdem beeindruckt).
Richard Zenith, der Pessoas Werke, aber auch die vieler anderer portugiesischer Autoren, ins Englische/Amerikanische übersetzt, las aus Pessoas Werken, hauptsächlich Gedichte seiner verschiedenen Heteronyme, und beantwortete Fragen des Publikums.
Besonderes Interesse fand die Tatsache, dass Pessoa eben so viele verschiedene Heteronyme wählte/erfand?, unter deren Namen er schrieb, die er war, oder möglicherweise allesamt nicht war. Er erfand für jeden einen ganzen Lebenslauf und schrieb als verschiedene Menschen, schlüpfte in deren Identitäten hinein, so dass er deren tiefste Seelenabgründe aufs Papier zu bringen vermochte.
"Ich bin großteils die gleiche Prosa, die ich schreibe" und es ist davon auszugehen, dass er auch als der echte Fernando Pessoa ein Leben (innen und außen) für sich auf dem Papier erfand, wie er es als Ricardo Reis, als Alberto Caeiro oder als Álvaro de Campo tat. Er war viele und niemand zugleich.
Besonders faszinierend fand ich die Erzählung über die einzige Liebesgeschichte seines Lebens mit einer gewissen Ofelia (ja, es wurde auch erwähnt, dass er vermutlich ein Leben lang Jungfrau blieb, obwohl er, bevor er Ofelia getroffen hatte, diesem Problem, also seiner Jungfräulichkeit, große Aufmerksamkeit geschenkt hatte und ihm prophezeit worden war, dass er eine Frau treffen würde, die dieses Problem lösen würde), von der nicht er sich trennte, sondern die einen Brief von einem der anderen bekam, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass Fernando Pessoa sie nicht mehr sehen könne. Sie nahm dies ernst. Sie nahm die anderen genauso ernst, wie Pessoa und berichtet in ihren Briefen sogar davon, dass zum Beispiel Ricardo Reis mit ihr und Pessoa in einem Café war. Das heißt, die Heteronyme müssen sehr sehr glaubhaft gewesen sein, nicht nur für Pessoa selbst. Sie liebte ihn. Sie lebte bereitwillig in seiner Realität und sah die Welt mit seinen Augen. Ich würde gerne wissen, was aus ihr geworden ist.
Eine andere Sache faszinierte mich noch: Pessoa war nämlich sehr an Astrologie interessiert. Er erstellte Horoskope, unter anderem für alle seine Heteronyme.

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Pessoa so gut wie nichts. Nach seinem Tode wurden circa 24.000 Fragmente gefunden. Er war so beschäftigt damit, zu schreiben, dass ihn das Veröffentlichen scheinbar nicht so sehr interessierte. Viele der Manuskriptseiten befanden sich in einer Truhe, die noch lange im Familienbesitz blieb und heute ebenfalls, wenn es denn die echte ist, im Casa Fernando Pessoa zu besichtigen ist, gefüllt mit Manuskriptseiten, von denen ich glaube, es sind nicht die echten.
Für mich ist Pessoa ein Existenzialist und also ein Seelenverwandter Sartres. Denn auch Pessoa fand, dass es keine Festlegung gebe, dass der Mensch sich ständig neu erfinden könne, also frei sei. Er tat dies mit äußerster Konsequenz, indem er viele war. "Wer weiß wenigstens, was er denkt oder was er wünscht? Wer weiß, was er für sich selbst bedeutet?"
Ich kann das Buch der Unruhe nicht einfach herunter lesen. Wenn ich einige Seiten hinter mich gebracht habe, sitze ich meistens auf dem Sofa oder am Schreibtisch, starre mit leerem Blick in die Gegend, aus dem Fenster oder an die Wand und meine Gedanken schweifen herum.
Ja, wer weiß wenigstens, was er denkt oder was er wünscht? Wer weiß, was er für sich selbst bedeutet? Ich nicht! "Da ich weiß, dass auch die kleinsten Dinge mit Leichtigkeit die Kunst beherrschen, mich zu foltern, entziehe ich mich absichtsvoll der Berührung der kleinsten Dinge. Wer wie ich darunter leidet, dass eine Wolke vor der Sonne vorbeizieht, wie sollte er nicht unter der Dunkelheit des allzeit verhangenen Tages seines Lebens leiden?"

An diesem Denkmal für Pessoa laufe
ich zur Zeit täglich vorüber

© Susanne Becker 

Freitag, 27. Juni 2014

Ein Koffer für meine Bücher (2)

o.k., morgen gehts los und ich fliege nach Lissabon zum Disquiet International Literary Program, an dem ich dank eines (Teil-)Stipendiums teilnehmen kann.
Zwei Wochen Lissabon, Schreiben, durch die Straßen treiben lassen, Galao trinken, Pastel de Natas essen, bis mir schlecht wird, am Strand liegen, Seefahrerdenkmäler, Castelos, Museen besichtigen und so weiter-

Das sind die Bücher, die mich begleiten, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich tatsächlich zum Lesen kommen werde - meine literarischen Mitstreiter tauschen bereits Tipps bezüglich guter Bars zum Fußballgucken aus und dann wollen wir ja auch noch schreiben und... siehe oben. Ich werde Euch auf jeden Fall an dieser Stelle auf dem Laufenden halten:
  • Elif Shafak The Forty Rules of Love Gibt es auch auf Deutsch, heißt da "Die vierzig Regeln der Liebe" und handelt von Rumi, Liebe, Literatur, ich habe es bereits angefangen und bin sehr begeistert
  • Fernando Pessoa Algebra der Gefühle Dies ist ein Pessoa-Lesebuch, mit verschiedenen Ausschnitten, Texten und Gedichten aus seinen Werken - ich muss wohl nichts dazu sagen, dass ich Pessoa mit nach Lissabon nehme, oder?
  • Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe Wunderbar! 
  • Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause Vielleicht, weil ich die Bücher von ihr etwa zeitgleich mit den Pessoabüchern vor vielen Jahren gekauft habe, fiel sie mir wieder in die Hände und es macht mir großen Spaß, darin zu lesen
  • Ken Follett, Fall of Giants Das ist der Schmöker, für die Momente der Ruhe und des Nichtstuns - ob es diese in Lissabon geben wird, da lasse ich mich überraschen.
  • Haruki Murakami Die Pilgerjahre des Herrn Tazaki Mal sehen, wie es ist, ein japanisches Buch in Portugal zu lesen, während ich als Deutsche an einem amerikanischen Literaturprogramm teilnehme :-)
  • Jürgen Strohmaier Lissabon Reiseführer Ich habe ihn mir NICHT bei Amazon gekauft, sondern in einem kleinen Buchladen - dort hat er mir spontan von allen vorhandenen am besten gefallen, mit Stadtplan und vielen vielen Tipps
Ich wünsche Euch eine gute Zeit, wo immer Ihr seit!
Ate breve!



Donnerstag, 26. Juni 2014

some moments

some moments never come back
this was the one
to jump into the water
to dive deeper and deeper
almost drowning
gulping water
getting it into your nostrils
coming back up to gasp for air
going back down and diving
deeper yet so you can find
the light that shines once you
hit your ground – I still see
you standing on the edge
pretending there is no water
some moments never come back


© Susanne Becker

Mittwoch, 25. Juni 2014

this was your one

this was your one
for happiness and light
to enter your life
for Garden Eden to
take over the battlefield
of your soul your being
to water the plants and
the pond big enough
to swim in fish and men

this was your one
for love and hope to
take over the desperate
veil behind which: pain
and fear and bitterness
of course nobody needs
to take a chance and
some chances might even
return there is never destiny
there is never your one chance
your last chance your only chance
there is only life always only

this was your one
for love and happiness
and hope and light and
the possibility to swim
in an endless ocean of
what can happen if you
are open enough to embrace
the waves of life entering
your fenced in backyard

then again: a butterfly once
was and she taught me
that in the end it does not
even matter if you take
any chance at all because
life goes on and always is 

© Susanne Becker

Dienstag, 24. Juni 2014

june

the who I was
has gotten lost along
the way fallen off
the cliff everything is
new and almost too
bright - frightening
to grow into the
good life - ready
I am but also scared

© Susanne Becker 

Samstag, 21. Juni 2014

Jean Paul Sartre

Mit der Hoffnunsgslosigkeit beginnt der wahre Optimismus.

Heute ist Jean Paul Sartres Geburtstag. Er hat mein Leben verändert. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich das so sage. Ich war fünfzehn Jahre alt und aufgewachsen in einer Familie, die bäuerliche Ursprünge hatte. Es gab in unserem Haus kein Buch außer dem Gebetsbuch der katholischen Gemeinde und die Kassenbücher der Raiffeisenbank. Beide Großväter verwalteten in ihren Dörfern deren Filialen.
Ich war eine der ersten, die aufs Gymnasium gehen durfte. Ich begann dort, Bücher zu lesen und ultimativ entfremdete mich dies meiner Familie, aber es brachte mich selbst in einer Weise nachhause, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Ich zog in Bücher geradezu ein. Ich las manche Bücher zwanzigmal hintereinander in Ermangelung eines neuen Buches, aber weil ich mich dort wohler fühlte als in meinem Leben. Ich suchte in Büchern nichts Neues, ich suchte einfach dieses Gefühl, mich vollkommen aus dem Chaos meiner Gefühle und meiner Familie zurückziehen und in eine andere Realität einziehen zu können.Bücher dienten mir zur Flucht aus meiner Realität, in welcher die Frage: warum bin gerade ich in dieser Familie gelandet? mein Hirn doch des öfteren beschäftigte....
.... bis ich fünfzehn war, da wählte ich auf dem Gymnasium den Philosophiekurs bei Frau Baltes. Sie startete ihn mit Sartre. Ich hatte den Namen bis dato natürlich nie gehört. Ich war auch noch nie in Paris gewesen und im Grunde, lassen wir uns ehrlich sein, war ich mir nicht wirklich sicher, wo Frankreich lag. Im Grunde hatte ich den Philosophiekurs hauptsächlich gewählt, weil Lothar, in den ich unsterblich verknallt war, ihn gewählt hatte und weil meine Familie mich kompliziert und andersartig fand. "Du denkst zuviel." Das schienen mir beides gute Voraussetzungen für einen Philosophiekurs zu sein.
Wir lasen einen Essay, der hieß: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Ich habe das Buch noch heute, mit den Unterstreichungen, die ich als Teenager emsig einfügte, in verschiedenen Farben. Auch von mir eingefügte rote Ausrufezeichen finden sich viele in dem Text. Das seelische, das total innerliche Wiedererkennen, das ich erlebt habe, spricht aus diesen roten Ausrufezeichen noch heute und berührt mich ganz seltsam. Da war ein Erwachen, ganz deutlcih.  Der Mensch ist wozu er sich macht. Einer der Sätze in dem Essay, die mich geradezu vom Stuhl hauten. Denn bis dahin war ich in dem Glauben aufgewachsen, dass es mich bereits so gab, wie ich für immer sein würde (also mehr oder weniger, ich konnte mir natürlich die Haare färben oder nach Quettingen umziehen, aber das wars auch schon an möglichen Veränderungsfreiräumen, mehr oder weniger), und dass ich wenig Wahlfreiheit besaß, irgendetwas an mir oder auch meinen Umständen groß zu ändern (o.k., sehnsüchtig wartete ich auf den Tag, an dem ich endlich von zuhause würde ausziehen können, also, ich ging davon aus, gewisse äußere Umstände doch verändern und damit eine Verbesserung meiner Situation herbei führen zu können, aber das blieb diffus, meine gesamte Familie mütterlicherseits wohnte mehr oder weniger im Umkreis von einem Block, das Konzept. freie Entfaltung hatte in meinem Leben gewisse überschaubare Grenzen und sich die Zehennägel zu lackieren war in diesem Block schon ein Akt von Anarchie), aber Sartre war der erste, durch den ich verstand, dass ich frei war und dass das, was ich von mir dachte, zu vermutlich circa 100 Prozent bewirkte, wer ich war. Ich verstand, dass Freiheit nicht darin bestand, sonntags Wäsche aufzuhängen, wenn alle anderen das unkatholisch fanden, sondern dass es ein lautes Klick in meinem Hirn war. Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Ich weiß noch, wie dieser Satz und alle sich daran anknüpfenden Gedanken mich in vollkommene Euphorie versetzten. Ich hätte vom Stuhl aufspringen können. Ich hätte Frau Baltes küssen können. Ich verstand mit einemmal, dass ich absolut frei war, ja, ich war geradezu dazu verurteilt, daran ließ sich im Grunde gar nicht rütteln. Ich würde mir, egal, wie verrückt mein Zuhause war, zwangsläufig die totale Freiheit, mein Leben  so zu leben, wie ich es wollte heraus nehmen (Wäsche am Sonntag aufhängen, Zehennägel lackieren, noch weiter als Quettingen weg ziehen) - oder es zu beenden. Auch dieser Gedanke tauchte in dem Essay auf (oder in den Dikussionen im Kurs, egal). Auf die Gefahr hin, für morbide gehalten zu werden, erfüllte auch er mich mit Euphorie: Ich war absolut  frei, es oblag komplett meiner Entscheidung, ob und wie ich lebte.
Der Kurs war irgendwann zuende. Ich bekam nur eine 3. Frau Baltes hat nicht kapiert, was sie in mir bewegt hat. Und im Grunde war es ja auch nicht sie. Es war Sartre. Vermutlich, ich war schüchtern, habe ich den Quantensprung auch in keinster Weise nach außen dringen lassen, der in meinem Inneren stattfand. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass diese 3 mich kränkte, vor allem, weil Lothar eine 1 bekam und wir uns immer gleichzeitig zu Wort gemeldet hatten.
Sartre begleitete mein Leben und Denken noch eine ganze Zeitlang. Denn inspiriert durch ihn und konsequenterweise auch durch Simone de Beauvoir entschied ich mich, Philosophie zu studieren, zog nach Bonn, später nach Köln, nach Amerika, nach Berlin, reiste, suchte, eroberte. Viele meiner Bekannten und Freunde schlugen damals die Hände über dem Kopf zusammen, weil ich nichts ordentliches studierte, etwas, womit ich später auch einen Beruf ausüben konnte und mir die Rente sicher war (ja, tatsächlich, schon damals führten wir solche Gespräche und ich bin bis heute froh, dass ich nicht der Rente sondern meiner Leidenschaft gefolgt bin "do what you love and it leads you where you need to go" das ist von Natalie Goldberg, welche auf meinem Weg eine der Nachfolgerinnen von Sartre wurde). Aber ich war in meinem Studium glücklich. Folgerichtig schrieb ich meine Magisterarbeit unter anderen über Sartre und seinen Ekel. Auch las ich während meines Studiums alles, was ich von ihm und der de Beauvoir und Camus in die Finger bekommen konnte.
Er war sehr eindeutig und ausschließlich der Ausgangspunkt für meinen eigenen Weg, den ich mit fünfzehn antrat, genau in dem Moment, als ich verstand, dass ich frei war und es für mich keine Vorherbestimmung gab.Dieser Weg führte mich über diverse Zwischenstationen auch zu Buddhismus und Yoga. Und wie das sein kann, dass aus Sartre der Dalai Lama und die Krähe entstehen, das erzähle ich eventuell ein andermal.
Heute ist Sartres Geburtstag. Er ist am 21. Juni 1905 geboren. 109 Jahre wäre er alt. Bis heute habe ich das Bedürfnis, mich vor ihm zu verneigen und ihm Dank zu sagen für alles, das er für mich getan hat, für seinen wilden Mut, zu denken und zu hinterfragen - einer der ganz Großen, weil er uns anderen gestattet, alles in Frage zu stellen.  RIP and Happy Birthday!

ein paar Lesetipps:





© Susanne Becker 

Freitag, 20. Juni 2014

About Poetry

For my workshop in Lisbon, I am supposed to write a 500 words text about, what poetry means to me. That's, what I wrote...of course it is too long: 568 words :-( I need to practise Haikus more!

Poetry for me is: putting the essence of a thought, a feeling, an experience, an impression into words, as beautiful, funny and deep as possible, as true as possible. To catch truth in midair with pen and paper. It always has to do with the Aha-effect of: yeah, right, that’s exactly how it was. Recognition of resemblance.
To write poetry is to breathe and also to live, even if this may sound self-important or vain. Maybe this is even true for writing and me in general. I started it when I was 12 years old and I never stopped. I wrote my first poems, when I was fifteen and founded a poetry magazine at school. We met weekly and were poets. They all loved my poems, so I felt happy, which wasn’t my usual feeling as a teenager. It elated me, to have something to say. My best experience was, when a german teacher asked me, if he could use one of my poems to present it to his class. Gosh, I felt like: the nobel prize was so close, I could already smell it.
Poetry is such a beautiful form. Poems do come very naturally to me. I sit down and write into my diary, every day, and often a poem will come out of what I write. I follow a string of pearly thoughts and, all of a sudden, a sentence sounds like music, and I know, I am on to something. I think you must be willing to dive pretty deep to write good poems. You can not remain at the surface at all. I need to write poems to make life, this under water life of feelings and soul and love and death accessible to my understanding. So in a way, I feel related to poets like Bishop, Oliver or Sexton, and in a different way, or maybe it is the same, I feel related to Zen Buddhist monks, who write Haikus to describe life. Wisdom captured in a few lines (well, compared to this, most of my poems are rather talkative).
I am a huge defender of stillness and loneliness. So as a poet, I bridge the gap between stillness and communication. You can not talk under water, but the truths, you find down there, can be communicated in as few words as possible. What I write my poems about is mostly, what I find in stillness.
Over the past year, poetry has become more and more important for me. It has been the teller of the story of my life. In this year, I reunited with my mom, and than she died.  A very spiritual experience, very painful, but also one of the most beautiful years of my life. Sitting with my dying mother was beautiful.
I also lost a friend, somebody I thought, was a soulmate. I was wrong. To trust somebody and be completely rejected, was beautiful too (no, actually it sucked). And that’s what I wrote about.
I discovered yoga during that year. And I think, yoga and poetry became my means to find my sanity, keep and maybe even express it.

Life is wild and tends to entangle us in many different chaotic directions and demands, like a ball of wool untangling and taking everything into its chaos. Poetry helps me to catch the thread, and rewind the ball of wool into a structure, you can actually use for your creativity. 

© Susanne Becker 

Sonntag, 15. Juni 2014

just observe

just observe
don't judge

not good enough
is like the ultimate separation
self defense
out of pain or fear
to be rejected
all the time
it felt like rejection
falling off a cliff
falling off the cliff of life
into nothingness – not death
just nothing – somewhat pure
yet even this was without
meaning or depth
falling forever
falling into outer space
this total emptiness was scary
become the alien you always were
anyway – and it felt like:
washing the dishes
the most ordinary thing in the world
                                                                       washing the dishes is not good enough for me
having to wash dishes every day is scary
every water was, I don’t know why,
mostly shallow – nobody
shared himself/herself with anybody
nobody wanted to drown
how do you drown in shallow water?
nobody wanted to drown in feeling
separation was the rule
of togetherness, of family
the food the water the air
and not good enough
was a very good way to deal with it



© Susanne Becker 


Montag, 9. Juni 2014

19 Bücher, die ich immer schon lesen wollte

Ich war gerade "kurz" auf Facebook, um zu checken, ob mich jemand vermisst hat und möglicherweise mein Nachrichtenspeicher überläuft mit Anfragen, wo ich mich herum treibe. Aber leider war da nix und ich beginne, an Facebook und meinen 170 Freunden dort zu zweifeln. Ich war 2 Tage im Garten, mit Lilly, wir haben eine Schlange und sehr viele Eidechsen gesehen, ein einstündiges Nachtgewitter erlebt, Erdbeeren ohne Ende geerntet, mit Wasser gespritzt, in einen Eimer gepinkelt, weil wir uns nachts nicht aufs Draussenklo trauen (es knistert manchmal verdächtig in allen Büschen), unsere Adoptivkatze Shadow mehrfach gefüttert und bestreichelt, Unkraut gejätet, mir ist im Netto in Löcknitz eine Konservendose auf den Zeh gefallen, so dass dieser jetzt blau ist, ich habe unter dem Nachtmond auf der Terrasse Yoga gemacht, wir haben zusammen etwa 14 Mückenstiche, was mager ist. Im letzten Sommer waren es 214! - also mein Leben war herrlich, nur auf Facebook hat mich niemand vermisst. Das macht mich irgendwie fertig, und dann auch wieder nicht! Denn das Leben auf Facebook ist in der Regel nicht wirklich soooo herrlich. Dafür habe ich dann aber doch ein paar Fotos gelikt und bin beim gelangweilten Stöbern noch auf eine Überschrift gestoßen bei Stefan Mesch, die mein  Interesse sofort bannte 19 books you've been meaning to read forever. Ich zweifle immer noch an Facebook, aber manchmal inspiriert es mich, und das rechne ich ihm hoch an, dem guten alten FB!  Ich liebe Listen, ich liebe Bücher, was lag also schlussendlich näher, als mal eben darüber nachzudenken, welche 19 Bücher ich schon immer lesen wollte. Interessanterweise habe ich die meisten Bücher auf Book Riots Liste nämlich längst gelesen und der Rest interessiert mich nicht so brennend. Harper Lee ist, wenn ich das spontan abgleiche, die einzige Schnittmenge zwischen. Tolstoi kann ich nur empfehlen! Beide sind großartig. Aber welche Bücher wollte ich schon immer lesen? Wobei "forever lesen wollte" eine gewisse Interpretationsbandbreite bei mir erhält. Denn ein Buch, das 2009 erst erschienen ist, kann ich ja unmöglich schon seit immer lesen wollen (es sei denn, ich wäre hellsichtig und hätte schon forever zum Beispiel gewusst, dass Hilary Mantel eines Tages "Wolf Hall" schreiben würde, was mich extrem nerven würde, also, ich meine, das Hellsichtigkeitsein, weil ich dann den Überblick über die Bücher, die ich lesen möchte, endgültig verlieren würde). Seit ich aber weiß, dass es Wolf Hall gibt, und das fühlt sich manchmal an wie forever, obwohl es, glaube ich, 2012 war, möchte ich es lesen, und im Grunde wundert es mich, dass es noch auf meinem Nachttisch im Stapel liegt, ich hätte es schon gelesen haben müssen. Ich bin nur noch nicht dazu gekommen oder so. Solche Bücher gibt es für jeden, oder? Einige will ich lesen, seitdem ich 12 bin, andere seit 5 Jahren, aber der Wunsch ist bei allen gleich drängend. Dies ist also meine Liste.

1. Rainer Maria Rilke Briefe an einen jungen Dichter
2. Hermann Hesse Das Glasperlenspiel
3.Thomas Mann, Der Zauberberg
4. Philip Roth, Everyman
5. Harper Lee, To Kill a Mockingbird
6. Hilary Mantel, Wolf Hall
7. Louis-Ferdinand Céline, Reise bis ans Ende der Nacht
8. Annie Proulx, Shipping News
9. Jeffrey Eugenides, The Virgin Suicides
10. Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
11. Carson McCullers, The Member of the Wedding
12. Jonathan Franzen, The Corrections
13. Leslie Marmon Silko, Ceremony
14. James Welch, Fools Crow
15. N. Scott Momaday, The Way to Rainy Mountain
16. Jim Harrison, Legends of the Fall
17. Toni Morrison, Beloved
18. Maya Angelou, Letter to my Daughter
19. Maya Angelou, The Collected Autobiographies

© Susanne Becker

Montag, 2. Juni 2014

Canvases (1) - catching stuff in midair with pen and paper

"The present is a freely given canvas. That it is constantly being ripped apart and washed downstrream goes without saying; it is a canvas, nevertheless." from: Annie Dillard, Pilgrim at Tinker Creek

When I was riding my car the other day to pick up my daughter from school, I listened to a broadcast on my car radio about so called diary slams. People read from their old diaries to an audience. And they usually pick up the hilarious stuff like " I really want to move to England to live with Take That. I know they would understand me much better than my parents do". Listening to this stuff made me laugh so hard, I almost drove straight into the traffic coming the opposite direction. It wasn't long until that evening, and  I was going through my own old diaries, 154 of them, and sure enough I found great stuff too. After all, I had been in love with Leslie McKeown from the Bay City Rollers and I had also been in love with approximately 25 different boys until I turned 20, so there was stuff without end to make me and everybody else role on the floor with hysterical laughter. But there were also, in the diaries I wrote after being 25 or so, really interesting pieces, quotes and ideas, which ultimately became part of poems or essays or simply my life, the way I try to live it. Often they took 20 years to resurface again in whatever form. They came, while I was writing into my diary and I was lucky to be able to catch them in midair with pen on paper, but than they were gone again, deep under the layers of my everyday life. When I read Annie Dillard and found the quote I put at the beginning of this, I thought: "Thats what they are! Little canvases I tried to hold on to, but again and again they were washed downstream. But catching them, for a second knowing what they meant, was always the ultimate being present in the Here and Now.
So I decided I edit my diary (which has also a connection to two books, I've read recently The Journal Keeper: A Memoir and Journal of Solitude, which both gave me the idea in the first place, that one could edit her journals, if she has over 150 in boxes stacked in different places in her apartment and is wondering, what should happen to them, who will read them, if she say: drops dead like now) in two different forms: the one I will call Diary Slam and it will be in German. Because the funny stuff is too hard to translate. The other one I will call Canvases and it will be in English, because it is often written in English anyway and if not, I feel I can translate it more properly. So here you will find some of those canvases, freely given to me into my fleeting consciousness to be wiped away soon or maybe later, more often sooner. So this post is most of all the desperate wish to keep those thoughts as close as possible to my consciousness, so they might for an instant shape my existence. May I have the strenght and also the grace to live up to them - eventually. They are also what I saved from many pages of compost I produced over the years to nourish my writing and thinking. I went through my diaries at random, so there are many more, I have not even looked at. This is just a random compilation, to be continued whenever I find the time (and strength, I might add: to read 400 pages of, well, blablablablabla to finally come across a thought worth noting....you know what I mean, if you also keep a journal..

4/1/1995 Richmond/Va
About my recent remark the other day that I try on different roles, which are alluring as mere possibilities, once they become reality though they might actually make me throw up: of course I meant to say that, in all the major parts, I still don't know who I am, and therefore pretend to be somebody. Often this "somebody" dissolves into steam, because the role is wrong for me, or I am too afraid to play it in all consequence. Samual R.Delany writes in his book "The motion of Light in Water": "...but Auden himself had already noted,...that human beings are creatures who can never become anything without pretending to be it first...."

4/5/1995 Richmond/Va
The world is my home and my heart is a sailor.

1/15/2002 Berlin
There is a fairy tale called "The little drummer" and at one point it says: "The world belongs to the fearless." Which I think is true. I want to be fearless. I am not. But I want to reduce my fear inch by inch, day by day and dare doing what I fear, that way becoming myself.

10/28/2004 Berlin
"When we understand another's feelings and his situation thoroughly, all our suffering disappears." Thich Nhat Hanh
Which is true. The moment I understand another's situation and his feelings, my suffering ends. I then understand everything he or she does and don't interpret it anymore as hurting me (maybe even on purpose). Though you have to be willing to let go. That is the ultimate condition for this to happen.

10/7/2006 Berlin
It is not possible to force your life into a certain direction. Because somehow it is already there. The only important thing is to become quiet enough in order to understand and ultimately fulfill it. All the noise your toughts and actions make, keep you from that. Fear, anger, prejudices. When I read old journals, I find so many lists about how I want to be better, what I want to reach, what I want to acquire. Most things on those lists sound fabulous, but most are also very far away from my reality, so they often seem to have a grain of violence in them. I want to force life against all odds. And usually, say like six years later, I am not much closer to reaching those listed goals. Because they are not my life. I will know, what my goals are, when I am finally quiet enough to understand my life, here and now.

11/12/2011 Berlin
Just like truth is not static, lie is always different, on the move, depending on the eye of the beholder. I have a very strong urge to find truth in everything. I long for truth. And yet: lies can be the truth, they can carry more truth then truth itself.

2013 Berlin
"The first principle of warriorship is: to be not afraid of who you are. That is ultimately the definition of bravery: not being afraid of yourself." Chögyam Trungpa, from: The sacred path of the warrior.
I found this quote in an old journal, written in 1995, right after I had moved to Berlin, coming directly from Richmond/Virginia. Back then I started to understand what this could mean. Now, in 2013, I know exactly what he wanted to say - which doesn't mean, I am one milimeter closer to living it.

2/14/2013 Berlin
My longing is my home.

2/17/2013 Berlin
Open the box. Open the box to all your secrets and go to bed as early, as you can.
Read as much as you can and choose only books you really want to read.
Open the box.

3/7/2013 Berlin
A list of ways to nurture my writing: Plenty of time for myself, creative and positive people around me, my garden, meditation, reading good books
I know I have to row the boat, even when feeling powerless and like a victim. Nothing can be created by my sole enterprise. I am part of a universal net. It is a misconception to think one is alone. One is never alone. One is always reponsible to make the best out of everything. Row the boat.

3/23/2013 Berlin
"In a state of pure consciousness you produce light and project it to the outside world. The light comes from inside." Marina Abramovic

4/10/2013 Berlin
When I long for spring during spring and it does not come, I become really irritated. If I notice my bitter thoughts and immediately start to go into what I feel instead of spinning off a whole story around my bitter thoughts, it makes a tremendous difference. Everything changes and I understand again and again how difficult it is to feel your feelings, If I tell myself a story it is a perfect way to run from my feelings.

6/27/2013 Berlin
"Sometimes it takes darkness and the sweet
                 confinement of your aloneness
                 to learn
                 anything or anyone
                 that does not bring you alive
                 is too small for you."    David Whyte



© Susanne Becker