Berlin

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Dienstag, 4. Februar 2014

John Williams, Stoner

Stoner ist vermutlich eines der deprimierendsten Bücher, das ich je gelesen habe. Aber deprimierend muss ja nicht automatisch schlecht sein.
StonerEs erzählt die Geschichte eines ganz normalen Mannes, William Stoner, dessen Träume sich ziemlich durchgängig nicht erfüllen, der, obwohl vielleicht fähig zu etwas mehr, doch eine eher mittelmäßige Existenz fristet. Seine Ehefrau Edith nervt vom ersten bis zu ihrem letzten Auftritt im Buch, erwidert seine Liebe nicht und fügt zu seinem Unglück (das er durchaus nicht durchgängig als solches empfindet, ich als Leserin aber schon!) das ihrige dazu und zwar streckenweise mit intriganter Absichtlichkeit. Seine Tochter, von ihm heiß geliebt und als Art Seelenverwandte erkannt, wird ihm von der Ehefrau irgendwann gezielt entfremdet. Als Folge führt auch deren Leben in eine (letztlich vom Alkohol vernebelte) Durchschnittsunglücksexistenz. Einmal hat er für eine kurze, überaus glückliche Zeit eine Geliebte, eine kongeniale Freundin und Partnerin, er findet Liebe und Erfüllung. Aber (Stoners Leben reicht von 1891 bis etwa 1956), zu seiner Zeit war es undenkbar, seine Ehefrau zu verlassen, eine Scheidung einzureichen, mit seiner Geliebten durchzubrennen. Moment mal! Wirklich? Es gab Augenblicke während der Lektüre, da wollte ich Stoner mal kurz durchschütteln und ihm klar machen, dass er nur dieses eine Leben hat und verdammt nochmal ein bisschen mehr Courage, Leidenschaft, Lebendigkeit an den Tag legen sollte.
Aber das weiß er ja alles selbst. Würde ich es ihm sagen können, er würde mich vermutlich mit einer Mischung aus Mitgefühl und Geduld anschauen und leise nicken und genauso weiter machen wie vorher. Er stolpert nicht unbewusst durch diese oft doch eher trist erscheinende Existenz, sondern sie ist auch immer wieder bewusste Wahl vor dem Hintergrund moralischer und umständlich durchdachter Entscheidungen sowie akzeptierter Zwänge. Er akzeptiert sein ganzes Leben und hadert nicht damit.
Obwohl Stoner mich mit meinem eher ungeduldigen Temperament zeitweise zur Weißglut brachte und die Melancholie und Tristesse der Geschichte mir ziemlich rasch in alle Glieder fuhr, konnte ich nicht aufhören, das Buch zu lesen, ja, geradezu zu verschlingen. Warum? Weil es unglaublich gut und stringent erzählt ist, meisterhaft! Würde ich es einmal schaffen, eine Geschichte so aufzuschreiben, ich könnte mich befriedigt zurück lehnen. Weil die Geschichte psychologisch absolut stimmig ist. Weil es mehr Menschen gibt, die wie Stoner, Edith und Grace ihre Existenz im Durchschnittlichen und Unerfüllten verbringen, obwohl sie vielleicht das Besondere anstreben (oder nicht, ja, möglicherweise streben die meisten es nicht an und möglicherweise ist es, dieses Besondere, im Großen und Ganzen auch vollkommen überschätzt heutzutage). Weil die Sichtweise Stoners auf die Welt, die Menschen und das Leben eine bestechliche Klarheit und Wahrheit transportiert. Weshalb das Buch etwas Berührendes hat und da bin ich nicht die erste, die das feststellt. Alle Rezensenten (fast) sagen dies.
Stoner berührte mich auf eine Weise, die ich mir vielleicht nicht ausgesucht hätte, aber es ist so allgemein menschlich und tief in seiner Schnörkellosigkeit, dass man beim Lesen nicht an der Einsicht vorbei kommt, wie sehr diese Geschichte die Geschichte von uns allen ist, insofern wir Träume haben/hatten, die unerfüllt bleiben werden, insofern wir irgendwann verstehen, dass wir nicht alles werden tun können, zu dem es uns hin zieht, insofern wir alle irgendwann über die eher banale Wahrheit stolpern werden, dass unser Leben und seine Möglichkeiten auf eine schmerzhaft unbezwingbare Weise begrenzt sind. Kein Wunder, dass das Buch mich deprimiert hat!

© Susanne Becker


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