Berlin

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Montag, 28. Oktober 2013

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre aktuellen Lieblingsbücher vor (6)

Die Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 

Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 
Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist? 



Liebe susanne-
habe folgende bücher gelesen:

open city/teju cole
ein roman, der fast wie ein reiseessay daherkommt. ein einsamer
icherzähler, der sehr viel durch städte streift (new york und
brüssel).er wird immer wieder mit seinen afrikanischen wurzeln
konfrontiert, pflegt eine intensive beziehung zu seinem alten professor,
hat zufällige liebesbegegnungen und ein verdrängtes geheimnis aus seiner
jugend. unaufgeregt und trotzdem extrem mitreissend.

lola bensky/lily brett,- diesmal
nach jahren habe ich mal wieder lily brett gelesen und bin wieder ganz
und gar ihrer schreibe verfallen. tragische komik, unendliche
geschichten aus der jüdischen vergangenheit, dazu herrliche
musikeranekdoten der sechziger und siebziger jahre. unter anderem
tauchen auf: jimi hendrix, janis joplin, mick jagger, cher und noch
einige andere. einfach herrlich berührend!

angelesen und für gut befunden:
briefe an einen jungen marokkaner/herausgeber abdellah taia
inspiriert von rilkes "briefe an einen jungen dichter"  hat der
herausgeber diverse marokkaner -schriftsteller, filmemacher usw- gebeten
einen brief an jemanden aus der heutigen jugendgeneration zu schreiben.
persönliches, politisches, ermunterndes usw. immer aber hat es einen
bezug zum heutigen marokko.

liebe grüße katja

bis 17.00 uhr bestellt am nächsten morgen da!

mo- fr  9.30 uhr - 19.00 uhr

sa10.00 uhr - 16.00 uhr

buchladenebertundweber

falckensteinstraße44

10997 berlin

  tel. 030-69 56 51 93

www.ebertundweber.de <http://www.ebertundweber.de>

Sonntag, 27. Oktober 2013

inside

“Inside the river there is an unfinishable story
and you are somewhere in it” - Mary Oliver -


my prayers are poems
poems are my prayers
and I follow my feelings
for they are truth
like they were God’s voice
inside me
they tell me what to do only
if I can get quiet enough to hear
listening is an art







I don’t think I ever fell
deeper still and deeper
quietude in the center of a river
into a bottomless grief



I don’t think I ever lost so much
and  I still feel everything
a bottomloss multitude
sadness in so many shades
like a river running through my soul
this is the highest state
the water around me
sheds stillness darkness into my longing
but something is cracking
unfinishable and I know you to be there

© Susanne Becker

Freitag, 18. Oktober 2013

open your heart

can there be
I wonder
while it is raining
outside not again
after you disappeared
rewind:
can be another poem
as true as every other word
I said before
too many
spoken written
into your hollow universe
you weren’t able
to find them
a million words
always saying the same:
open your heart
basically

can there be
I wonder
while clouds swallow the sun
outside not again
after you disappeared
rewind:
can there be pain
as an answer
a challenge
as true as love
I felt before
too many
every inch of me felt
into your hollow universe
you weren’t able
to find me
a million sentiments
always saying the same:
open your heart
basically


while I ponder thoughts like this
I mean, deep thoughts,
I am diving here,
in the middle of forgetting,
maybe I forgot my oxygen,
maybe I am even drowning,
but with an open heart,
I will be the heroine famous
drowning with an open heart,
I will also be
frying eggs for the girls,
doing the laundry,
going to work,
cooking dinner,
writing a poem,
            no wait a minute: can there be another poem?
washing the dishes,
reading a story to my daughter,
driving my car through city traffic,
taking the underground,
smiling at strangers,
having gin and tonic with a friend,
and in the middle of all this 
I will always be waiting
for you to find us
me and my million words

and I will not close my heart



© Susanne Becker

Dienstag, 15. Oktober 2013

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre aktuellen Lieblingsbücher vor (5)

Die Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen ab jetzt in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 

Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 
Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist? 


Liebe Susanne,

habe den neuen T.C. Boyle, San Miguel (hier die deutsche Ausgabe) in einigen wenigen Tagen VERSCHLUNGEN!
So ein schönes, altmodisches, genial geschriebenes Buch habe ich lange
nicht gelesen...
Ich bin gespannt wie du es findest! MUSST du lesen.

Du liest die ersten Seiten und weißt sofort, das ist absolute Sahne.

Alles was ich mag, Setting: einsame Insel, Thema: Aussteiger ,
Zeit : mehrere Generationen, Atmosphäre: spannend, Liebe: immer da, immer auf
dem Prüfstand.
Werde jetzt alle Leute damit nerven, wie toll ich es fand.

Hoffe, bis bald,

Jessica

bis 17.00 uhr bestellt am nächsten morgen da!

mo- fr  9.30 uhr - 19.00 uhr

sa10.00 uhr - 16.00 uhr

buchladenebertundweber

falckensteinstraße44

10997 berlin

  tel. 030-69 56 51 93

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Sonntag, 13. Oktober 2013

Terézia Mora, Der einzige Mann auf dem Kontinent

Ich nehme es schonmal gleich vorweg, damit niemand glaubt, er würde hier einen Verriss zu lesen bekommen: "Der einzige Mann auf dem Kontinent" ist ein großartiges Buch.
Protagonist Darius Kopp arbeitet, ja, was arbeitet der Mann eigentlich? Er hat ein eigenes Büro in so einem Bürohaus irgendwo in Berlin, nahe Potsdamer Platz, wo alle Büros von Menschen gemietet werden, die wie Darius Kopp einziger Vertreter irgendeiner internationalen Firma in Berlin sind. Firmen mit Namen wie Opaco, Fidelis oder Medconsult Inc., die ihren Hauptsitz in Kalifornien oder Utah oder Nevada oder Australien haben und für all ihre Geschäfte in Süd-Ost-Mittel-Zentral-Nord-oder was auch immer Europa nur einen einzigen Mann benötigen. So ein einziger Mann ist Darius Kopp. Einzig und vereinzelt und verloren wirkt er von Anfang an. Selbst, wenn er mit seiner Frau Flora ("1999 lernte er Flora kennen. - Neben all dem anderen ist das hier nicht zuletzt eine Liebesgeschichte...Seit drei Jahren versuchen sie ein Kind zu bekommen.") Sex hat, wirkt er allein, sie auch. Er bewohnt mit Flora eine Maisonettewohnung mit Dachterrasse, auf der er frühstückt, ausgiebig, manchmal bis zum frühen Nachmittag und es genießt, dass er dabei "Geschäftstelefonate" per Handy führen kann, ohne dass sein Gegenüber weiß, dass er halbnackt auf seiner Dachterrasse sitzt und gerade Sex mit Flora hatte. Es ist Sommer. Er hat auch einen Freund, Juri, mit dem er fast jeden Abend um die Häuser zieht, essen geht (überhaupt ist Essen für Darius Kopp unglaublich wichtig, wir erleben ihn sehr oft beim Essen oder beim sich sehnen nach Essen, er ist 1,78 m groß und wiegt 106 kg) und zum Schluss in der Strandbar, in der Flora kellnert, sich von dieser die letzten Getränke bringen lässt, bis er dann mit ihr gegen 3 Uhr morgens nachhause geht, betrunken, ohne dass er selbst es wohl so nennen würde. Der Führerschein wurde ihm für eine begrenzte Zeit abgenommen, weil er zu schnell gefahren ist. Sein Büro ist voll gepackt mit Kartons, die sich an den Wänden entlang stapeln. Sein Zimmer in der Wohnung ist ebenfalls vollgepackt mit alten Computerteilen, (die Sammlung reicht bis ins Jahr 1990 zurück) und was sonst noch so von Männern gesammelt, aufgehoben werden könnte. Flora, die sehr sensibel (vielleicht auch depressiv? ist) hat das Gefühl, das Chaos seines Zimmers könne eines Tages durch die Wände, durch die Tür, in die gesamte Wohnung (in der sie allein für Ordnung sorgt, in der Darius grundsätzlich sein Chaos herum liegen lässt) dringen und sie verschlingen. Er denkt täglich darüber nach, endlich Ordnung zu schaffen. Er kommt nicht dazu. Zuviel Stress. Essen gehen, Telefonate führen, saufen gehen, Geschäftstermine gerade so schaffen (o.k. über eine Stunde zu spät, aber das lag am Verkehr, an der schlechten Wegbeschreibung), Sex haben, über andere Leute nachdenken, im Internet surfen....
Ach ja, als was arbeitet Darius Kopp nochmal? Er verkauft irgendwelche Internet-Access-Security-Solutions oder so für eine Firma, die ihren Hauptsitz in Sunnydale/CA hat. Dort war er auch einmal. Ist mit Bill, dem CEO (nennt man das so?) essen gewesen, am Strand, in dessen Haus.
Lesen im Bett, während Katze Yoga macht
Wir begleiten Darius eine Woche durch sein Leben, seine Gedanken, seine Abwege. Und schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, einer vollkommen verlorenen Seele auf ihren Abwegen beizuwohnen. Abgelenkt, vollkommen abgelenkt von allem, was möglicherweise zählen könnte in einem menschlichen Leben, durch den Irrglauben, in der besten aller möglichen Welten zu leben, welche sich alleine durch Technik, Geld, Erfolg, und ähnliche Äußerlichkeiten definiert. Er verliert sich Seite um Seite in einem Wirrwarr aus Handytelefonaten, Internetsurfereien, die zu nichts führen, ausser dazu, seine Zeit zu verschlucken, Fernsehzappereien, Einkaufsorgien, Gedanken, niemals zuende geführten, aber seitenlang beabsichtigten Handlungen. Ein Gestrandeter, dessen Frau in einer Strandbar arbeitet, in Berlin, wo Strandbars im Grunde eine Metapher sein könnten für die Welt all dieser Abgelenkten, die in einer Stadt, in der es gar keine Strände gibt, dennoch zuhauf in Strandbars herum sitzen. Alle irgendwie verwandt mit Darius Kopp.
"Alle Leute sind irgendwie merkwürdig. Im Grunde ist es bewundernswert, dass es uns gelingt, so eine komplexe Gesellschaft am Laufen zu halten." Ein Verlorener in der Komplexität unserer modernen Gesellschaft, globalisiert, entfokussiert, in erster Linie allein mit elektronischen Geräten kommunizierend, erst in zweiter Linie mit menschlichen Wesen, die er aber im Grunde nicht mehr versteht, verstehen kann, weil man als eine Art Autist auf allen zwischenmenschlichen Ebenen andere nur noch als Störung oder als Befriedigung für eigene Bedürfnisse wahrnehmen kann. In dem ganzen Buch, in dem wir Darius und seinem inneren Monolog folgen, erleben wir so gut wie keine wirkliche menschliche, zwischenmenschliche Berührung. Der einzige Mann auf dem Kontinent ist von allen, obwohl noch irgendwie in ihrer Mitte, vollkommen isoliert.
Lesen im Bett, während Katze versucht,
die Krähe (Yogapose) zu vervollkommnen
Terézia Mora hat für mich ein Zeitbild entworfen, ein Gesellschaftsbild, und einen derart typischen Charakter, das man auf jeder Seite glaubt, ihn zu kennen, ihm schon zig Mal leibhaftig begegnet zu sein. Ich habe dabei die Zielstrebigkeit, die absolute Fokussiertheit ihrer Erzählweise geliebt, sie hat mich fast süchtig gemacht. Ich habe in dem ganzen Buch nicht ein einziges Wort gefunden, das mich gestört hätte. Sie hat diese Geschichte eines Verlorenen für mich absolut perfekt erzählt, sowohl in Sprache als auch in dem Handlungsbogen, den sie schlägt.
 Ja, stimmt, das Buch hat mich euphorisch gestimmt, denn es hat großen Spaß gemacht, es zu lesen, nicht nur wegen der Sprache, der wohlgeführten Erzählung, sondern auch wegen der feinfühligen, mikroskopisch genauen Beobachtung der Menschen darin. Das hat oft auch etwas witziges, zum Beispiel, wenn Kopp seine Mutter Greta im Krankenhaus besucht, dort seine Schwester Marlene trifft, oder wenn er mit Flora ein Wochenende auf dem Land verbringt und ohne Handyempfang schier ausflippt. Dieses Buch wird in jedem Fall auf meine Liste der Lieblingsbücher 2013 (My List of different favourites 2012) kommen, eventuell sogar auf die Liste der Bücher, die man lesen sollte, bevor man stirbt.
Und jetzt werde ich versuchen, so schnell wie möglich an seinen Nachfolger Das Ungeheuer zu kommen. Ich möchte es unbedingt lesen! Obwohl ich schon weiß, dass Flora darin tot sein wird. Aber Darius, so unsympathisch er mir ist, möchte ich dennoch wieder treffen.
Euch einen schönen Sonntag noch!

© Susanne Becker

Samstag, 12. Oktober 2013

Meine Buchwunschliste - ähem, weil doch Weihnachten näher rückt....


Folgende Bücher haben sich im Laufe des letzten Jahres in meinem Tagebuch, letzte Seite, Liste der Bücher, die ich mir wünsche, angesammelt und bis heute tapfer gehalten. Ich hoffe, ich bekomme ein paar davon, auch wenn ich streng genommen kein neues Buch benötige (ich kenne einige fanatische Technikfreaks, also, Menschen, die immer das neueste Handy und so haben müssen und die behaupten, ich benötige eigentlich eher ein neues Handy als schon wieder Bücher, damit ich, wenn ich angerufen werde, aufhöre, in den Hörer zu schreien "Was, wer ist da??? Ich versteh nix! Ruf mich gleich, wenn ich wieder zuhause bin, mal aufm Festnetz an!")
Das Telefon ist an sich, also abgesehen vom kaputten Lautsprecher, aber super. Ich habe es mal als Werbegeschenk bekommen, vor vier oder fünf Jahren, weil ich meinen Mann als Spiegelabonennten geworben habe. Es sieht passenderweise auch aus wie ein kleiner Handspiegel, finde ich (habt Ihr verstanden ne : Spiegel / Spiegel), zum Auseinanderschieben, und man kann es daher auch sehr gut zum Schminken benutzen, wenn man unterwegs ist, Lippenstift nachziehen und so. Allerdings kann man nicht erkennen, wer einen anruft, wenn die Sonne scheint, weil dazu spiegelt es dann wieder zu sehr. Hat mich aber nie so sehr gestört, um mit den Worten meiner Mutter zu sprechen: "Mich ruft ja sowieso keiner an!"
Das Abo ist ausgelaufen, das Telefon funktioniert, abgesehen von oben erwähnten Belanglosigkeiten, super! Zum Beispiel kann man damit einwandfrei SMS schreiben und empfangen (gut, wenn die Sonne scheint, kann man sie draußen nicht lesen, dazu musste ich immer in eine dunkle Toreinfahrt oder so) aber im Grunde reicht das doch, oder? Zumal es dunkle Toreinfahrten in Berlin in Hülle und Fülle gibt. Und wenn gar nichts hilft, habe ich Handy und Kopf in meine dunkle Handtasche gesteckt, dann gings eigentlich auch meistens.
Wenn ich jetzt denke, ich bekomme ein neues Handy, womöglich eins mit Touchscreen und demnächst sitze ich auch in der U-Bahn und wische die ganze Zeit wie eine Bescheuerte über meinen Bildschirm, so wie 90% der anderen Fahrgäste hier in Berlin, niemals, das wäre mir voll peinlich! und wie teuer das ist, und wie viele Bücher ich dafür bekommen könnte....Allerdings, wenn ich alle Bücher, die ich ungelesen besitze, lesen würde, dann würde es auch reichen, diese Liste erst 2016 unters Volk zu streuen. Aber das sind, finde ich, Haarspaltereien. Weil man genau genommen nie genug Bücher haben kann.
Hier also die Liste! Es ist eine Mischung aus deutschen und amerikanischen/englischen Büchern, genauso, wie ich auch tatsächlich lese, mal deutsch, mal englisch, und ich hoffe, es ist für jeden unter Euch etwas dabei.

Wer sich für Buchempfehlungen interessiert, hier noch ein paar Links zu verwandten Texten aus meinem Blog:


© Susanne Becker

Donnerstag, 10. Oktober 2013

5 Gründe, warum ich mich freue, dass Alice Munro den Literaturnobelpreis 2013 gewinnt



Alice Munro


Ich habe Alice Munro sehr spät, erst im letzten November,  durch eine Literaturbeilage der New York Times über die 100 bemerkenswerten Bücher 2012 entdeckt, ein Artikel, in dem mir unter den 100 genannten Titeln ihr Dear Life, also ihr aktuellstes Buch, sofort auffiel. Ich bekam es zu Weihnachten, las es auf der Stelle und war begeistert. Und das, obwohl ich eigentlich kein Kurzgeschichtenfan bin. Alice Munros Kurzgeschichten aber sind so prall gefüllt mit Geschichten, Menschen, Weisheiten, Schönheiten, dass man gesättigt aus jeder Lektüre aufsteigt, als hätte man mindestens einen Roman gelesen, nur ohne die vielen überflüssigen Worte.
13530981Als ich heute morgen darüber nachdachte, wer wohl den Nobelpreis erhält und ihren Namen auf einer der Favoritenlisten sah, dachte ich kurz: ja, warum eigentlich nicht. Aber dann dachte ich: "Nein, das machen sie nicht. Sie werden ihn wieder jemandem geben, den niemand kennt und dessen Name kein Mensch aussprechen kann. Ist ja auch egal. Dann lernt man einen neuen Schriftsteller kennen!"
Als dann die Nachricht gegen 13 Uhr kam, habe ich mich sehr gefreut.

1. Weil sie nach Dear Life verkündet hatte, dass sie nicht weiter schreiben würde. Sie ist 82 Jahre alt. Es ist also verständlich, dass sie sich zurück ziehen möchte aus dem, wie sie es selbst einmal ausdrückte "einsamen Leben einer Schriftstellerin". Es steht ihr zu. Aber in einem Interview hörte ich soeben, dass dieser Preis sie eventuell dazu bewegen könnte, weiter zu schreiben. Das finde ich großartig.

2. Sie hat ihr erstes Buch veröffentlicht, als sie schon 40 Jahre alt war. Sie hat die Geschichten am Küchentisch verfasst, zwischen schmutzigem Geschirr und ihren Kindern. Sie hatte beim Schreiben damals ein schlechtes Gewissen, fühlte sich zerrissen zwischen ihren Pflichten als Mutter und ihrem Wunsch, zu schreiben. Sie hat zum ersten Mal mit 9 Jahren gesagt, dass sie Schriftstellerin werden möchte. Mit 82 erhält sie den Nobelpreis. Eine wunderschöne Geschichte, die von ihrer Hingabe ans Schreiben, ihrem unglaublichen Durchhaltevermögen und ihrer Kraft erzählt.

3. Es wird mir plötzlich bewusst, welch ausgefeilte und eigenständige Kunstform die Kurzgeschichte eigentlich ist. Immer dachte ich, auch in meinem eigenen Versuch zu schreiben, ein Roman müsse es sein, ein Roman sei das Größte. Aber heute lief ich den ganzen Tag herum und dachte: "So ein Quatsch!" Alice Munros Kurzgeschichten sind kleine Romane und sagen oft viel mehr als ein langer Roman. Es verlangt eine ungeahnte Könnerschaft, in einer kurzen Form so viel zu sagen. Ich bin dankbar, dass durch diesen Preis diese Tatsache hoffentlich nicht nur in mein Bewusstsein gerückt ist. Die Begründung für die Preisvergabe lautete denn auch, dass Alice Munro eine Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte sei.

4. Dass jemand den Nobelpreis für Literatur gewinnt, die über ganz normale Menschen schreibt in ganz normalen Lebenssituationen und diese so beschreibt, wie sie sind, mit einer unglaublichen Güte und einem großen Mitgefühl, jemand, die alles Menschliche bis in die tiefsten Tiefen hinein zu verstehen scheint, ohne je auch nur einen Anflug von Überheblichkeit oder Spott nötig zu haben - das gibt mir Hoffnung. Alice Munro schreibt mit Liebe.

5 Und last but not least freue ich mich sehr lapidar darüber, dass noch einmal eine Frau den Literaturnobelpreis gewinnt. Das kommt ja nicht soooo häufig vor. Insgesamt nur 13 der 109 mit diesem Preis geehrten Personen sind bis heute weiblich gewesen. (1909 Selma Lagerlöf, es folgten 1926 Grazia Deledda, 1928 Sigrid Undset, 1938 Pearl S. Buck, 1945 Gabriela Mistral, 1966 Nelly Sachs, 1991 Nadine Gordimer, 1993 Toni Morrison, 1996 Wisława Szymborska, 2004 Elfriede Jelinek, 2007 Doris Lessing, 2009 Herta Müller und 2013 Alice Munro.) Ich würde sagen, da geht noch was und flüstere dem Komitee schon heute für das nächste Jahr zu: Ihr könnt ruhig nochmal eine Frau auszeichnen. Da ist noch viel Luft nach oben!!! Wenn Euch keine einfällt, ruft mich ruhig an!

Für alle die englisch lesen, sei dieser Reading List für Alice Munros Werk empfohlen, um eine erste Orientierung zu erhalten.
Für alle, die deutsch lesen, hat die Klappentexterin eine prima Liste zusammen gestellt, an der man sich nach eigenem Gusto erst einmal entlang arbeiten kann.

Ich empfehle Dear Life, das ist klar und werde als nächstes von ihr The love of a good woman aufschlagen.
Viel Spaß Euch allen mit Alice Munro!

© Susanne Becker



Montag, 7. Oktober 2013

Things my father told me


My father told me, he
would never leave me,
I was eleven than and
my uncle had just committed
suicide, hung himself on the
cherry tree in front of his house.
My father told me, after
he hung my uncle off of that tree,
that I needn’t be afraid, he would
never do the same. I had already
lost him back then and I knew it.

My father never was a talker.
The things he told me are not many.
My father was a doer, so he taught me things.

Things my father taught me:

how to change the flat tire on my car,
how to play chess,
how to build an iron staircase,
how to build a brick wall and in it
a little door for the cats, so they could
freely walk in and out the pig stable,
how to walk in the woods,
how to ride my bicycle,
he taught me to be daring and climb
the mountains on paths, the mountain
people warned us not to take, because
they were much too dangerous for
greenhorns like us. My father climbed
mountains, other tourists never climbed,
because they listened to the mountain people,
who shook their heads about us daring greenhorns.
My father taught me how to smuggle
hard liquor over the border from Austria to Bavaria
and that it was best to spank children (my brother),
when they threatened to tell the police at the border
about all those bottles under our seats.
My father taught me that talking was stupid
and that my presence was often obnoxious
and not really wanted since I was a talker.

One day I told him I wanted to become a writer.
My father told me, that this was a good idea
and a calling I could not learn anywhere but
in real life: Live it daring and wild and write about it.

That’s what my father told me!


© Susanne Becker

Samstag, 5. Oktober 2013

2 books I recently read and wanted to bring to your attention



I thought this was a great book and it brought me back to meditate every day and see, that the day to day practice of ordinary things is important and the core of all spiritual practice. Dainin Katagiri is clear and uncomplicated - my favourite quote: "The changes that occur through spiritual practice are not really your business, if you make them your business, you will try to change your life directly. If you try to change your life directly, no matter how long you work at it, you will not satisfy yourself. So if you truly want to change your life, you should just form the routine of doing small things day by day. Then your life will be changed beyond your expectations . If you practice continuously, day after day, you will become a peaceful, gentle and harmonious person. There is no explanation for this." 
I always meant to read one of his books since I first heard about him via Natalie Goldberg, one of my writing teachers, whose zen teacher he was. She mentioned him so often in her books. Now I am glad I finally did read him and will pretty soon start his other book "Returning to silence"


Blue Pastures is a compilation of essays, some of them published previously someplace else. They are all about nature, poetry, Mary Oliver and after reading them all, I understood, that she led us into her deepest laboratory of crafting poems. She showed us, where she does it - mostly in nature. She takes walks every morning at dusk and watches nature unfold its beauty, accompanied by her dog and a small notebook with pen. In it she makes notes, and some of those become poems, maybe after 10 years or so. "Creative work needs solitude. It needs concentration, without interruptions. It needs the whole sky to fly in, and no eye watching it until it comes to that certainty which it aspires to, but does not necessarily have at once. Privacy, then. A place apart - to pace, to chew pencils, to scribble and erase and scribble again." I loved the book. It made me really think about poetry a lot and what my sources of it are and it made me wonder if I should start taking walks every morning. But I make Yoga every morning, I meditate, I even write - all of it before I go to work - so I decided I also need some sleep and will take walks when I am old and have more time. The book at times reminded me of Annie Dillards "Pilgrim at Tinker Creek". The same depth, the same respect for everything surrounding us, knowing, that we are all just part of a vaster thing called nature: not more, not less.

© Susanne Becker

Donnerstag, 3. Oktober 2013

I am in hiding

I was sixteen
I was Simone de Beauvoir
Deny your calling
and you will be lost
The walls of my tiny room
were covered with brown flowers,
a very narrow pattern,
the walls closing me into their skinny arms,
a tight embrace, barely breathable,
a very good place to hide though,
a very good place to
take a notebook and a pen
and to start my first
story:
I am Simone de Beauvoir
I live in Paris
in a wild and open
relationship with Jean Paul Sartre.

I am in hiding,
lost in the space
I created by will power
around me,
in my own world,
on my own terrain,
behind a veil of stories,
mostly funny,
some sad,
all designed to attract
whatever: luck, love, money.
(Actually: I never would have minded the money)
(Actually: I can be a little obsessed with money and the not having of it.)

I am in hiding
and can not find myself,
lost behind this veil of
too many words,
too many faces -
a veil?
no, no, sorry: a brickwall!
Can you heal me?
Answer: If you don’t heal yourself,
you will not be healed.
If you loose yourself,
nobody can find you.


© Susanne Becker