Berlin

Berlin

Freitag, 30. August 2013

Love letter

I wrote a love letter about
what has yet to happen
there could be a kiss
maybe under the full moon
into the valley of thoughts
my yearning for you
feels like a runaway deer
deep down in a silent winter forest



















I even love you when you yell at me!
I am really good at love letters.
In my head
I write one to you every day.
In my hand
a tear gathers strength
(sidenote, sorry: I am happy
and grateful to be human
and therefore able to cry. How
else would I process all my feelings?)
(additional note to myself, sorry, I will continue with
my poem right after this, but this is important:
should cry more, much more, definitely)

What has yet to happen?
a kiss
a touch

I wrote a love letter
to you into my open palm
tears washing over the
syllables like waves on the beach
I read it to the cat
my voice shaking
the cat purring 

I wrote a love letter
to you and never send it off
because every word I wrote
is out there anyway
is no word
is a beat of an open heart
a glance
a sigh
silence
what has yet to happen?
nothing
I mean, not much, really



© Susanne Becker
Foto by Armin Staudt



Dienstag, 27. August 2013

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre aktuellen Lieblingsbücher vor (3)

Die Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen ab jetzt in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 

Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 
Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist? Und heute habe ich tatsächlich Tipps von beiden:


1. Hallo Susanne,

hab mal endlich wieder ein Sachbuch gelesen, das hat Spaß gemacht.

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum, oekom verlag,
sehr gute Einführung zum Thema "Endlichkeit unserer Ressourcen", deswegen sehr aufrüttelnd und
erhellend!! Werde jetzt mehr zu dem Thema lesen.

Alles Liebe, Jessica

2. liebe susanne-

hier zwei weitere tipps von mir:

zoe jenny, spätestens morgen, frankfurter verlagsanstalt
schon mit ihrem debüt "blütenstaubzimmer" 1997 zeigte zoe jenny die hohe
kunst der gefühlsbeschreibungen. nun hat sie erzählungen geschrieben, wo
jede einzelne traurig und melancholisch ist. dies aber in so einer zarten
form, dass einen die bilder noch lange begleiten.

michael hughes, inside kreuzberg, eine hommage auf berlin-kreuzberg in 
den 80ern, berlin story verlag
für alle die sich noch an das "alte" kreuzberg erinnern und für alle
anderen ein zeitdokument, das einen über die ortsveränderungen staunen
lässt.

liebe grüße
katja



bis 17.00 uhr bestellt am nächsten morgen da!

mo- fr  9.30 uhr - 19.00 uhr

sa10.00 uhr - 16.00 uhr

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Sonntag, 25. August 2013

Aller Tage Abend - Jenny Erpenbeck

"...in seinem Inneren trägt er als ein großes schwarzes Land all die Geschichten, die seine Mutter ihm nicht erzählt oder verschwiegen hat, mit sich herum, trägt vielleicht sogar diejenigen Geschichten, die nicht einmal seine Mutter wusste oder in Erfahrung gebracht hat, mit sich herum, kann sie nicht los werden, aber sie auch nicht verlieren, weil er sie gar nicht kennt, weil all das in ihm begraben ist, weil er mit Innenräumen, die ihm nicht gehören, schon aus seiner Mutter geschlüpft ist und sein eigenes Inneres nicht anschauen kann."

Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck ist ein intensives Buch, das die Frage stellt, was möglich ist, was möglich wäre an verschiedenen Lebensentwürfen in einem einzigen Leben. - Sie lässt es mehrmals enden, dieses eine Leben: im Säuglingsalter, als junge Frau, als mittelalte Frau, als sehr alte Frau. Immer wieder beleuchtet sie, was geschehen wäre mit diesem einen Leben, mit den Leben derer, die verbunden sind mit jener Person, wäre sie nicht gestorben. Sie beleuchtet auch, was geschehen wäre, wenn sie gestorben wäre und, last but not least, sie beleuchtet, welche Zufälligkeiten zu dem einen führten und zu dem anderen hätten führen können. Klar wird bei der Lektüre ganz schnell, wie sehr das eigene, das individuelle Leben und sein gesamter Verlauf abhängt von diesen Zufälligkeiten, von diesen scheinbar belanglosen Augenblicksentscheidungen.
Dabei führt sie uns durch verschiedene geschichtliche Zeiten: das Vorkriegs-Wien, das Wien der Nazizeit, das Moskau während der Stalin Ära, das Ost Berlin der Deutschen Demokratischen Republik, die geöffnete Mauer, ... Die Zeit, in der wir leben, historisch betrachtet, auch davon hängt es ab, was möglich ist für uns.
Dabei wählte Jenny Erpenbeck für ihr Buch natürlich eine Person, die ganz nah dran war an den entscheidenden historischen Geschehnissen des vergangenen Jahrhunderts: als Halbjüdin, aktive Kommunistin, berühmte Schriftstellerin in der DDR berührte ihr Lebensweg die Progrome lange vor dem Holocaust, Auschwitz, stalinistische Säuberungen, Lager, DDR-Geschichte .... Es gab auch in jener Zeit Leben, die damit nicht so direkt in Berührung kamen.

Jenny Erpenbeck auf dem Balkon - gegossen werden müsste
Aber es ist ja so, auch wenn die Zeiten für uns persönlich nicht bedrohlich sein mögen, wenn wir gesund bleiben und die Geschehnisse, die später in einem Geschichtsbuch stehen werden, uns nicht direkt berühren, wenn wir einfach immer weiter leben mögen, gibt es sie, immer wieder, ohne dass wir es bemerken, diese kleinen Momente, die darüber entscheiden, wie es weiter geht, welches Leben wir leben, und welches wir nicht, niemals leben werden. Das niemals gelebte Leben wird uns dabei auf immer fremd bleiben. Wir werden nichts über es wissen. Auch jene, die mit uns verbunden sind, werden all jene Leben nicht kennen, die sie hätten leben können (oder auch nicht) wenn wir uns anders entschieden hätten an einer der vielen Gabelungen, oder wenn das Leben sich anders entschieden hätte, uns hinein geschmissen hätte in irgendeine ganz andere Geschichte, bevor wir uns versähen, abtransportiert in ein Leben, das wir gar nicht wollten. Auch das wird deutlich: es ist nicht so vieles unserer Freiheit überlassen, wie wir es, wie ich es, mir vielleicht manchmal wünschte. Das individuelle Leben ist ein Teil des Ganzen.
Jenny Erpenbeck hat sie aufgeschrieben, die verschiedenen Leben, in einer Sprache, die mich unglaublich berührte, mit einem Tiefgang, der mich immer wieder zum Mit- und zum Nachdenken anregte. Uns, die wir unser Leben leben, sind die Alternativen nicht bewusst. Wir wissen nicht, wie viele andere mögliche Leben hinter den Kulissen auf uns warteten, noch warten, einmal gewartet haben und was geschehen wäre, wenn ich  zum Beispiel damals nicht nach Berlin, sondern nach München oder in die USA gezogen wäre. Aber es macht irgendwie Spaß, sich all diese Möglichkeiten auszumalen. Es regt einen dazu an, sich die Alternativen auch noch einmal für die Zukunft genauer anzuschauen und die Wegkreuzungen, an welche man unwillkürlich immer gelangt, bewusster wahrzunehmen... natürlich in dem Wissen, dass das auch nicht wirklich einen Unterschied machen wird. Denn was geschieht geschieht.
Jeder von uns trägt in seinem Inneren ein großes schwarzes Land voll mit all jenen Geschichten, die uns niemals erzählt wurden, aber auch, die uns nicht widerfahren werden, die uns aber sehr gut widerfahren könnten. Diesen Gedanken finde ich unglaublich spannend.

© Susanne Becker



Freitag, 23. August 2013

Mein Bild vom Paradies ist zu klein für die Welt, Mist!



nicht jeder entsteint Kirschen im Paradies 
Seit zwei Jahren habe ich einen Garten. Dieser Garten ist für mich ein Paradies. Ich habe eine relativ enge Vorstellung davon, wie ein Paradies zu sein hat: Nacktschnecken in der taufeuchten Wiese, Kirschen pflücken und danach Marmelade davon machen, in der mittlerweile von der Sonne getrockneten Wiese liegen und den Schleierwolken beim Treiben über einen makellosen Himmel zuschauen, Sternschnuppen, Feuer machen, schwimmen im See, Johannisbeeren, blaue Schmetterlinge auf meinen weißen Thymianblüten, im knalle Sonnenschein auf der Terrasse Sauerkirschen entkernen, im Bikini, weil sonst alle Klamotten versaut wären, sich danach mit dem Schlauch abspritzen und juchzen, Libellen, Pflaumen, tagelang nicht duschen und es ist irgendwie auch egal, dass man stinkt, weil stinken in diesem Garten keine nahe liegende Kategorie ist….ich könnte ewig weiter Dinge aufzählen, die das Paradies für mich paradiesisch sein lassen, die dafür sorgen, dass ich jedes Mal heulen könnte, wenn ich von dort wieder weg in die Stadt muss. Versteht mich nicht falsch, ich mag die Stadt irgendwie auch, aber die Komplexität des Lebens, das man dort leben muss, überfordert mich zunehmend und ist in meiner Vorstellung von Paradies nicht enthalten. 
Ich bin anfällig für das paradiesische. Ich ignoriere alles, was meine Paradieswahrnehmung vom Leben trübt mit einem hohen Aufwand an Disziplin. Ich habe auch eine für mich gültige, stimmige Kurztheorie entwickelt, um zu erklären, warum das Paradies paradiesisch ist: Weit ab von jeder Zivilisation (wir haben dort auch kein Klo, müsste ich an diesem Punkt noch erwähnen, also schon ein Klo, aber keins mit Wasserspülung, sondern ein Torfklo, auf dessen Einzelheiten ich hier aus ästhetischen Gründen nicht eingehen möchte. Es gibt jedoch, das fanden wir in diesem Sommer heraus, ein sehr sauberes und angenehmes Klo beim kleinen Bäcker mit Kaffeeausschank am Marktplatz, mit Wasserspülung und tollen Kacheln an den Wänden. Für manche Mitglieder unserer Kleingruppe war Wasserspülung wichtig, die gingen dann sehr häufig zum Bäcker, tranken Kaffee und benutzten das Klo. Auf meine Frage, ob es dort auch eine Badewanne gäbe, eine Sauna, Wellnessmassage… trafen mich leere Blicke, naja, es gab allerdings Pflaumenkuchen und ich muss sagen, er war nicht so gut wie das Klo, aber akzeptabel ), ich schweife ab: weitab von unserer Zivilisation kommt man zu sich selbst und wird irgendwie ein wenig mehr zu der Person, die man unter all den Fassaden wirklich ist. Es hat mit Freiheit zu tun, sich gehen lassen, nicht funktionieren müssen. Man lässt sich treiben im Fluss des Lebens und kommt zu sich selbst. Ich bin drei Minuten dort und in der Regel tiefenentspannt, bevor ich das erste Schloss unserer Tür geöffnet habe. Ich muss nur eins meiner Beete anschauen, feststellen, dass die Schnecken leider mal wieder meine ganze Kürbisernte an sich gerissen haben, während das erste Insekt an meinem Ohr vorbei summt, und schon bin ich glücklich.
Drei Jahre war diese Tiefenentspannung perfekt und nahm im Grunde bei jedem Besuch noch zu, so dass ich in besonders verwegenen Momenten plante, einfach nie wieder zurück zu kehren in mein normales Leben und anstatt dessen Marmelade einzukochen und ein einfaches Landleben zu führen, inkognito.
In diesem Sommer allerdings bekam das Paradies einen herben Schlag versetzt. Die Realität drang ein. Eines Nachts saßen wir noch spät auf der Terrasse, stierten in den Himmel, zählten Sternschnuppen, tranken Bier und zählten die Flaschen nicht ganz so akribisch wie die Sternschnuppen, als Hundegebell uns aufschreckte, gefolgt von einer Männerstimme: „Komm raus, wenn wir dich kriegen, wirst du deines Lebens nicht mehr froh, wir rufen gleich die Polizei…“ ,dann einer Frauenstimme: „Hast du das Schwein?“
Wir schauten uns einigermaßen irritiert an. So etwas hatte ich im Garten und auch sonst wo noch nie erlebt. „Vielleicht jagen die einen Fuchs“, schlug ich vor.
„Wieso sollten die einem Fuchs mit der Polizei drohen?“ erwiderte Armin.
Das war ein guter Punkt.
Zwei Uhr nachts. Die Jagd ging noch eine ganze Weile weiter, kreuz und quer durch die Gartenanlage, die zu einem großen Teil leer steht, viele der Hütten verfallen, die Gärten verwildern, was einen Teil der paradiesischen Atmosphäre ausmacht, man hat im Grunde kaum Nachbarn, aber plötzlich hatte gerade das auch eine gespenstische Note.
Wir saßen mucksmäuschenstill auf unserer Terrasse, manchmal kicherten wir, Hörkino, ein Phantom wird gejagt. Man hörte niemanden davon rennen, niemand kroch durchs Gebüsch, man sah auch niemanden, und dennoch verfolgten die Verfolger hartnäckig was auch immer durch die Nacht, sehr ausdauernd. Der Strahl ihrer Taschenlampe schwirrte hektisch durch die Dunkelheit. Schüsse von einem Luftgewehr knackten. Ich lauschte und beschloss irgendwann, dass die Jäger das Jagen mochten, die Idee, einen Verbrecher, Täter, Feind zu verfolgen. Es gab diesen menschlichen Drang, das im Außen zu jagen, was man selbst dorthin projiziert hatte. Ich glaube, das ist der hauptsächliche Grund für Feindschaften aller Art. Das war ein tiefer bierseliger Gedanke und weiterhin machte ich mir keine Gedanken mehr darüber. Denn in meiner Vorstellung gibt es in diesem Garten niemanden, den man verfolgen müsste. Er ist das Paradies. Ich erwähnte es bereits. Und meine Vorstellung von einem Paradies enthält weder Gejagte, noch ernsthafte Jäger.
Die feindlichsten Wesen, denen ich bislang dort begegnet war, waren Wespen, die mich auch regelmäßig attackiert und an allen möglichen Stellen vom Kopf bis zu den Füßen gestochen hatten. Aber da ich nicht allergisch reagiere und der Schmerz bei mir nach zehn Minuten wieder abklingt, konnte ich mit diesem Feind Nummer eins gut leben.
Feind Nummer zwei sind natürlich Zecken. Von denen hatte ich schon welche an Körperstellen, die ich hier jetzt nicht erwähne. Schlimmer finde ich persönlich es, wenn sie meine Kinder attackieren. Aber auch da kann ich einigermaßen drüber hinwegsehen. Wir haben eine Zeckenkarte, mit der Martin sehr gut umzugehen weiß, und ich ignoriere Borreliose. (Ja, ich habe eine Tendenz, alles zu ignorieren, was nicht in mein Glückseligkeitsbild passt. Warum auch nicht? Oder soll ich wie eine meiner ältesten Freundinnen werden, die ganze Regionen der Erde (Schweden, Brandenburg, um nur zwei zu nennen) nicht mehr betritt aus Angst vor Zeckenbissen? Ich möchte auch nicht wie meine Mutter werden, die in ihrer Wohnung in einer rheinischen Kleinstadt kugelsicheres Glas in ihre Fenster hat einbauen lassen aus Angst vor Verbrechern. Somit ist mein Hang, zwanghaft ein Paradies zu haben, auch schon psychologisch erklärt, ha.)  
Feind Nummer drei sind Mücken, harmlos eigentlich, aber beim circa zweihundertsten Mückenstich, zum Beispiel an der dünnen Haut der Fußknöchel, da vermute ich, flippt vielleicht sogar der Dalai Lama aus. Ich jedenfalls flippe aus.

Früher hatte ich trotzdem manchmal, nachts, Angst im Garten. Denn als Kind lag ich am Freitagabend immer bäuchlings vor der halb geöffneten Wohnzimmertür meiner Großeltern und guckte heimlich Aktenzeichen XY mit (meine Mutter saß im Sessel neben meinem Großvater und ich vermute, da könnte ein Kausalzusammenhang existieren zum kugelsicheren Glas). Da konnte man was lernen über die Menschen und wie sie mordeten (mit Besteck zum Beispiel und indem sie nachts in Wohnungen und Häuser eindrangen, in denen hilflose Frauen alleine sehr sehr ahnungslos schliefen).
Nach zwei Jahren Gartenglück habe ich diese Angst aber schon lange wieder abgelegt, weil ich lieber den Grillen lauschen möchte, oder der Nachtigall, als den Schritten potenzieller Mörder, die dann später via Aktenzeichen XY gesucht werden.  Okay, ich gebe zu, die Angstfreiheit, vor allem, wenn ich allein im Garten war oder allein mit den Kindern, die habe ich mir erarbeiten müssen. Wenn man aus einer Familie kommt, deren Mitglieder schon gegen halb vier Uhr nachmittags alle Türen und Fenster verriegeln, weil es dämmert, lebt man tendenziell eher in einem von Feinden besetzten Universum. Sehr sehr unbequen, ein solches Universum. Es beinhaltet für meinen Geschmack zu viele Einschränkungen.

Am letzten Wochenende war ich dann wieder im Garten. Bei meinem Abendspaziergang traf ich auf ein Paar, das am Wegesrand Mirabellen pflückte. Wir kamen ins Gespräch und schnell stellte sich heraus, dass sie „die Jäger“ gewesen waren. An dem Punkt wollte ich eigentlich gleich weiter gehen, weil ich schon am dramatischen Zucken im Auge des Mannes erkannte, dass er mir keine Informationen geben würde, die meiner Glückseligkeit in irgendeiner Weise zuträglich sein würden.
Und genau so war es dann auch: während sie meine Tochter mit Mirabellen abfüllten, schilderten sie mir in dramatischen Farben einen Garten, in dem es von Einbrechern nur so wimmelte und im besagten Fall war es vermutlich ein Pädophiler gewesen, der sich an ihre Kinder heran machen wollte. Er hatte an die Scheibe der Hütte geklopft, in welcher die Kinder alleine einen Film schauten (warum Kinder um zwei Uhr nachts noch einen Film schauten, wurde nicht weiter erörtert, ging mich ja auch nichts an im Grunde, das Gespräch drehte sich nicht um Pädagogik sondern um Verbrechensbekämpfung). Die Kinder jedenfalls riefen erschrocken bei den Eltern in der Nachbarhütte an, die dort grillten (um 2 Uhr nachts?????, o.k. ich habe einen Hang, bei mir unangenehmen Themen Fragen zu stellen, auf die sonst niemand käme). Diese liefen sofort hinüber und hörten, wie jemand im Gebüsch hockte und keuchte (an dieser Stelle lief mir schon ein kalter Schauder über den Rücken und ich fühlte mich in die Welt meiner Kindheit zurück versetzt, aber ich fragte mich doch auch, warum er dort hockte und nicht einfach davon lief, heraus aus der nach allen Seiten hin vollkommen offenen Gartenanlage, warum ließ er sich stundenlang durch die Gärten jagen, wenn er längst im nächsten Feld hätte verschwinden können?). „Klar, wer keucht da rum, ist doch klar. Das muss ein Pädophiler gewesen sein, oder wer soll das sonst gewesen sein?“ Das Zucken im Auge des Mannes hatte etwas leicht fanatisches. Macht mich nervös, so was, ich gebs zu.
„Ein Fuchs?“ schlug ich also vor und musste gleichzeitig daran denken, wie im letzten Sommer die Kinder mich mitten in der Nacht panisch weckten, weil angeblich jemand unter ihrem Fenster ganz laut keuchte. Ich wollte eigentlich nicht nachschauen, aber ich war ja die Erwachsene, also, die Mutter. Folgerichtig musste ich mich tapfer verhalten und leuchtete mit meiner Taschenlampe und einem ziemlich klopfenden Herzen aus dem Fenster. Was ich fand, und ich kann nur sagen, das Atmen war sehr laut und sehr beunruhigend, waren zwei Igel, die Nase an Nase in der Wiese saßen und sich offensichtlich unterhielten. Aber klar, Igel klopften nicht an Fenster, das musste sogar ich zugeben, Füchse vermutlich auch nicht.
Die beiden, also nicht die Igel, sondern das Paar, bewaffneten sich deshalb mit Luftgewehr und Taschenlampe und jagten den Hund hinter ihm her:
das ist Mopsi, er wohnt auch im Garten, aber nicht in unserem
“ Wir hatten ihn mehrfach fast, wir waren so nah an ihm dran, aber zum Schluss ist er uns doch entwischt, aber vorher hat er noch bei Marion eine Kettensäge geklaut.“ (Entschuldigung, aber ich muss jetzt noch mal eine Frage einschieben: Wofür hat Marion im Garten eine Kettensäge?)
Auch in Berlin wurden sie übrigens ihres Lebens selten froh, denn als sie noch in Kreuzberg lebten, schossen andauernd Leute aus ihren Autos heraus auf die Straße. (ähem, ich wohne auch in Kreuzberg und habe so etwas noch nicht erlebt). Seit sie in Reinickendorf leben, wird ihre Tochter von „Ausländern“ (Achtung, meine nächste Frage: Was wählen die wohl??? Ich habe da eine Ahnung.) angemacht, um den Block gejagt, bedroht. Meine Tochter läuft alleine durch Kreuzberg und wurde noch nie gejagt, angemacht oder bedroht. Ich selbst übrigens auch nicht. Weder von Ausländern noch von Deutschen. Ich zweifle all diese Erlebnisse gar nicht an. Vermutlich saß wirklich jemand keuchend neben ihrer Hütte und wurde von ihnen stundenlang gejagt. Vermutlich schossen vor ihrer Nase tatsächlich ständig irgendwelche Idioten aus ihren Autos heraus. Marion wird einen total nachvollziehbaren Grund dafür haben, dass sie im Garten eine Kettensäge hat (ich meine hatte, jetzt ist sie ja weg). Dennoch ging ich nachhause und fragte mich erneut, wie es möglich sein konnte, dass ich mit Menschen im gleichen Universum lebte und es dennoch ein völlig anderes war. Kennt jemand außer mir das Gefühl, ein Space Alien zu sein? Werde ich irgendwann von Scotty auf meinen richtigen Planeten gebeamt? Kann ich dorthin meinen Garten mitnehmen? Sollte ich vielleicht weniger auf mein Ego achten?
Hallo altes Haus, sagte ich zu meinem Garten, als ich ihn nach diesem für mich etwas kräftezehrenden Gespräch wieder betrat und war froh, seine vertrauten Züge zu erblicken. Tiefenentspannung kehrte zurück. Aber was mich dann wirklich geärgert hat, war die Tatsache, dass sie, sobald es dunkel wurde, wieder verschwand und ich mit unglaublich laut klopfendem Herzen die halbe Nacht wach lag und irgendwelche Geräusche hörte, die mir Angst machten. 
Es ärgert mich irgendwie auch, dass meine Theorie insofern zu stimmen scheint, als dass sich jeder in diesem Paradies entspannt (ich meine: total gehen lässt) und nicht bei jedem führt es dazu, dass er stundenlang Kirschen entkernt, manche streifen auch mit einem Luftgewehr durch die klare Sommernacht. 
Es hat mit Freiheit zu tun, sich gehen lassen, nicht funktionieren müssen. Man lässt sich treiben im Fluss des Lebens und kommt zu sich selbst. Seufz.

© Susanne Becker
Fotos by Armin Staudt

Mittwoch, 21. August 2013

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen Ihre aktuellen Lieblingsbücher vor


Die Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen ab jetzt in loser Folge  hier Bücher vor, die Ihnen gerade am besten gefallen. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 


Alle hier vorgestellten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 
Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist?












liebe susanne-

wieder ein buchtip

Alen Meskovic, Ukulele Jam    Metrolit Verlag

jung sein in jugoslawien während des krieges. verliebt sein, musik
hören, in discos gehen, im meer baden. das buch, wo ich am ehesten die
jugoslawischen kriegswirren begriffen habe.

liebe grüße katja


bis 17

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mo- fr  9.30 uhr - 19.00 uhr

sa10.00 uhr - 16.00 uhr

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  tel. 030-69 56 51 93

www.ebertundweber.de <http://www.ebertundweber.de>


Montag, 19. August 2013

silent treatment

silent treatment
could be a way of life
stars shedding
their humble light
on the crown of my head
(today I read that every
minute on a square mile only
one ten thousandth of an
ounce of starlight
spatters to earth)
is there togetherness?
I mean up there?
I know you are here
you know I am here
fire glowing right
in front of us
miles apart
our chairs are empty
though we are sort of
sitting there side by side
nothing more to say
words are hollow
compared to
what must be forgotten


© Susanne Becker
Foto by Armin Staudt

Mittwoch, 14. August 2013

Longlist für den Deutschen Buchpreis

Hier ist die Longslist für den Deutschen Buchpreis. Wenn Ihr auf den Titel klickt, könnte Ihr Näheres zum jeweiligen Buch erfahren. Persönlich werde ich als erstes "Die Ordnung der Sterne über Como" lesen und dann vielleicht Terézia Moras "Ungeheuer", Judith Kuckarts "Wünsche",  auch Uwe Timms "Vogelweide" hört sich großartig an. Und damit habt Ihr im Grunde auch schon, zack zack aus dem Bauch raus, meine persönlichen Favoriten.
 
Mirko Bonné: Nie mehr Nacht (Schöffling & Co., August 2013)

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt (Wallstein, März 2013)

Thomas Glavinic: Das größere Wunder (Hanser, August 2013)

Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang (Hanser, Mai 2013)

Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden (Hanser, Februar 2013)

Daniel Kehlmann: F (Rowohlt, September 2013)

Judith Kuckart: Wünsche (DuMont, März 2013)

Olaf Kühl: Der wahre Sohn (Rowohlt.Berlin, September 2013)

Dagmar Leupold: Unter der Hand (Jung und Jung, Juli 2013)

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C. H. Beck, Januar 2013)

Clemens Meyer: Im Stein (S. Fischer, August 2013)

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2013)

Terézia Mora: Das Ungeheuer (Luchterhand, September 2013)

Marion Poschmann: Die Sonnenposition (Suhrkamp, August 2013)

Thomas Stangl: Regeln des Tanzes (Droschl, September 2013)

Jens Steiner: Carambole (Dörlemann, August 2013)

Uwe Timm: Vogelweide (Kiepenheuer & Witsch, August 2013)

Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten (Jung und Jung, Februar 2013)

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (Diogenes, August 2013)

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como (Blumenbar, März 2013)

Montag, 12. August 2013

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre aktuellen Lieblingsbücher vor

Ich bin stolz und glücklich, meine ersten Gastbloggerinnen vorstellen zu dürfen: 

Die Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert, die ab jetzt in loser Folge Bücher hier vorstellen, die Ihnen gerade am besten gefallen. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 

Alle hier vorgestellten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist?



hi susanne-
hier meine aktuellen favoriten-
gestern frisch gelesen_

anna und anna- charlotte inden, hanser juli 2013 , 12,90 €
wunderbarer, einfühlsamer briefwechsel von oma und enkelin über die
erste liebe. kein bisschen aufgesetzt- rührend schön!

ansonsten:
scherben- ismet prcic- suhrkamp 2013 21,95 €
verstörender roman über einen jungen mann im jugoslawischen
kriegsirrsinn. sprachlich und inhaltlich fantastisch!

Die ordnung der sterne über como- monika zeiner- blumenbar bei aufbau 2013, 19,99 €
zwei männer, eine frau; zwei freundschaften , eine liebe, ein spannender
roman in traumschöner sprache!

liebe grüße katja

bis 17.00 uhr bestellt am nächsten morgen da!

mo- fr  9.30 uhr - 19.00 uhr

sa10.00 uhr - 16.00 uhr

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Samstag, 10. August 2013

i sit in silence

i sit in silence
hanging my thoughts on the line
side by side one by one
like my laundry

summer is running out of time
my dreams
side by side one by one
the air is getting crisp
in the mornings and the sun
at certain moments
seems to blink its bright shining eye
at me in exhaustion
it has been a marvellous summer





on the other side
of the grassy hill
white clouds are wandering
a herd of airy sheep
off towards the Great Eastern Sun
taking my thoughts
summer running out of my dreams
to another place
side by side one by one




© Susanne Becker
Fotos by Armin Staudt


Mittwoch, 7. August 2013

someone is calling my name

someone is calling my name
me i am deaf
especially to myself
busy with talking too much
to myself
drowning the truth in
a bucket full of water words
meaningless really
streaming down my throat

i am calling my name
it could be
that i’ll answer one day
without a word

someone is calling my name
with a meaning
a reason
or without
who cares
water words
descending into my life
every second
on this desperate wave
my tongue
my mouth too dry to be quiet
to keep breathing
under a veil of silence
would be my ideal

someone is calling my name
sssshhhhhht – quiet
listen (spoken in a soft whisper)
do you hear someone
calling my name?
the wind caresses the tree
its leaves quivering with anticipation
of whatever
who cares
cherries dropping into the meadow
my feet bloody red from their juices
hey caller from a distant future
may I beg you to shut the f**k up?
you are too close
much too close



© Susanne Becker
Foto by Armin Staudt