Berlin

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Donnerstag, 31. Januar 2013

Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Ich hatte schon einmal über Tilman Rammstedt geschrieben hier im Blog. Heute tue ich es wieder, aus akuellem Anlass, ich lese nämlich gerade Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters.
Weil ich plane, mich für ein Seminar bei ihm zu bewerben (und ich werde dort mit keiner Silbe, mit keinem Wort erwähnen, meine Lippen werden praktisch versiegelt sein, dass ich schon zweimal in meinem Blog über ihn geschrieben habe,) habe ich beschlossen, alle seine Bücher so peu à peu zu lesen. Auch das werde ich mit keiner Silbe, mit keinem Wort erwähnen, während des Seminars, falls er mich überhaupt annimmt.
Der Text, mit dem ich mich bewerben möchte, ist unglaublich depressiv. Ich habe heute Abend überlegt, ob ich ihn "Hommage an Ingeborg Bachmann" im Untertitel nennen soll. Ich fand das dann nicht so eine gute Idee. Deshalb habe ich einen weiteren Entschluss gefasst, heute Abend: Ich werde den Text, der auch mich selbst depressiv stimmt, weil er so unglaublich ernst und, ja, geben wir es doch hier einfach auch mal zu: negativ ist, radikal redigieren. Ich werde ihn so umarbeiten, dass er Tilman Rammstedt, naja, nicht gefällt, ich will mich ihm ja nicht anbiedern, warum sollte ich das auch? ich kenne den Mann nicht einmal. Aber damit er auch so einen Ansatz von lustiger Leichtigkeit hat, der Leser soll ruhig auch mal lachen dürfen, werde ich an Tilman Rammstedt denken und den Text dann redigieren und weiter schreiben. Ich habe erst achtzig Seiten. Damit es ein fertiger Roman wird, fehlen offensichtlich noch ein paar Seiten und weil er mich so deprimiert, werde ich damit möglicherweise nie fertig, weil ich schon schlecht gelaunt bin, bevor ich die Datei überhaupt öffne. Wenn ich mir aber jetzt vorstelle, ich denke beim Schreiben an Tilman Rammstedt (nicht so!!!! sondern an die Leichtigkeit) und an seine Bücher und deren Leichtigkeit und versuche, den Text so umzuschreiben, dass ich in dem Seminar, falls er mich nimmt, nicht als depressive Tante gleich unangenehm auffalle, da habe ich wieder Lust, mich hin zu setzen und zu arbeiten. Es erscheint mir wie eine Herausforderung, die ich gerne annehmen möchte. Endlich ist da wieder ein Ziel! In den letzten Monaten habe ich, nur um diesem Text auszuweichen, Gedichte und Kurzgeschichten am Fließband produziert. Was gut war, keine Frage! Aber der Roman, dieses unfertige, dunkle Projekt, lauert doch wie ein Schatten im Hintergrund meines Lebens. Ich kann jetzt nicht einfach weiter leben und so tun, als gäbe es ihn nicht. Wenn ich den Text jetzt umschreibe mit einer, nennen wir es, Tilman Rammstedt-Note, wenn ich ihm also diese Tilman-Rammstedt-Note verleihen könnte, das würde nicht schaden, auch mir selbst nicht. Wenn ich schon beim Lesen so lache, dann hält es mich beim Schreiben sicher nicht mehr auf meinem Stuhl. Es wird dann eine Hommage an Ingeborg Bachmann mit einer Note von Tilman Rammstedt werden. Lustigerweise tauchen die beiden jetzt wieder zusammen in einem Blogtext bei mir auf. Das war beim letzten Mal auch so, weil Rammstedt den Bachmann-Preis ja mal gewonnen hat. Mit dieser Leichtigkeit, die eine Art Gegenpol darstellt zur Bachmannschen Schwere. Obwohl, wenn man sich das Buch genau anschaut, dann ist es eigentlich nicht leicht und die Charaktere darin sind alle irgendwie depressiv. Dennoch musste ich oft lachen, während ich darin las. Wenn ich Ingeborg Bachmann lese, muss ich nie lachen. Das ist aber jetzt nicht als Vorwurf gemeint, im Gegenteil. Ich liebe Ingeborg Bachmann.
Da ist dieser Mensch, der mit seinem Leben offensichtlich nicht zurecht kommt, Tilman Rammstedt, der zig Arztbesuche absolviert, dessen Ehe zerbricht, der eine Knirscherschiene benötigt und ständig unerwiderte Mails an Bruce Willis verfasst, aus denen dann letztlich der ganze Roman besteht. "Sehr geehrter Herr Willis, ich bin es noch einmal kurz. Nur falls Sie meine Mail eben gelöscht haben sollten und es mittlerweile bedauern."
Von der ersten Zeile an ist in diesem Buch eine Art unbezwingbarer Zärtlichkeit für die Charaktere ein wichtiges Element. Zärtlichkeit für den Mailschreiber, dessen Leben offensichtlich in allen entscheidenden Bereichen (Liebe, Arbeit, Gesundheit)  gerade aus den Fugen gerät, für den ehemaligen Bankberater, der seine eigene Bank überfällt und ebenfalls in einer Krise steckt, " Mein ehemaliger Bankberater geriet manchmal ins Grübeln. "Vielleicht ist auch alles ganz anders", sagte er dann und schaute dabei knapp an mir vorbei. "Wahrscheinlich aber nicht", sagte er dann, und ich ärgerte mich darüber, dass mich das enttäuschte."
Man versteht plötzlich sogar Bruce Willis, der laut Tilman Rammstedt, der es wissen muss, auch in einer Krise steckt und deshalb von ihm eine Chance angeboten bekommt."Sehr geehrter Herr Willis, jetzt, da wir alles geklärt haben, will ich gar nicht mehr viel von Ihrer Zeit stehlen und gleich zum Punkt kommen: Ich würde Ihnen gern eine Rolle in meinem neuen Buch anbieten."
Das Buch enthält tiefe philosophische Einsichten. Manchmal lasse ich es auf die Bettdecke sinken (ich lese es meistens im Bett), starre ins Nichts oder an meine blaue Wand, und denke nach über Sätze wie diesen: "Als er selbst ist mein Bankberater verloren. Als wir selbst sind wir alle verloren. Wenn alle nur sie selbst bleiben, kommt es zu keinem glücklichen Ende, und ich bestehe auf einem glücklichen Ende."
Zum Nachdenken hat mich auch dieser Satz angeregt: "Wahrscheinlich sind noch nicht einmal Zebras gut darin Zebras zu sein." Den kann man doch sofort auf die gesamte Menschheit übertragen, fand ich, oder nicht?
Ich weiß nicht, ob ich mir das Buch gekauft hätte. Es gibt so Bücher, die möchte ich schon lesen, aber ich hoffe immer, dass sie irgendwie karmisch meinen Weg kreuzen, ohne dass ich dafür mein Portemonnaie zücken muss. Ich habe die Tage noch eine Steuernachzahlung zu begleichen, deshalb, und weil ich mittlerweile nicht mehr 32 Bücher neben meinem Bett liegen habe sondern eher 52 (Weihnachten, Geburtstag - ich nehme Geschenke für letzteren noch bis kurz vor Weihnachten an - klitzekleine Einbrüche bezüglich des Vorsatzes, mir erstmal keine Bücher mehr zu kaufen).
Ich hatte Glück, denn meine Arbeitskollegin, die ich liebe, weil sie so effizient und zuverlässig und einfach toll ist, ist mit dem Verleger von Tilman Rammstedt befreundet und sie hat mir ihr Exemplar unaufgefordert eines Tages auf den Schreibtisch gelegt. Das meine ich mit Karma! Sie hat mich sogar gefragt, ob ich in dem Werbevideo zu dem Buch, an dem sie irgendwie beteiligt war, mitspielen möchte. Ich habe panisch abgelehnt. Ja, so ist das in meinem Büro. Da liegen die tollsten Bücher rum und kein Mensch meckert, da kreuzt das Karma meinen Weg und wieder meckert kein Mensch, noch nicht einmal, wenn ich mich davor verstecke, vor meinem Karma. Ich steckte das Buch ein und fing noch in der U-Bahn an zu lesen.
"Mein ehemaliger Bankberater benutzte gern Bilder aus dem Tierreich. Ein gutes Portfolio müsste ich mir zum Beispiel vorstellen wie ein Löwenrudel, eine Privatrente wie eine Ameisenstraße, einen Bausparvertrag wie einen Regenwurm. Wenn es sich um Tiere handelte, die Laute von sich geben, machte er diese Laute nach."
Tilman Rammstedt will gerettet werden, deshalb Bruce Willis. Ich habe den Verdacht, als er es schrieb, war Tilman Rammstedt vielleicht auch in einer Krise. Er wirkt ziemlich empfindlich, vor allem, wenn Bruce Willis nicht macht, was er will. "Sehr geehrter Herr Willis, falls Sie sich fragen sollten, ob ich Ihnen heute schreibe, lautet die Antwort: Nein. Es ist vorbei. Und Sie sind schuld daran. Nur damit Sie es wissen. Gruß Tilman Rammstedt."
Ich muss sagen, ich hätte von Anfang an an Robert de Niro geschrieben. Aber ich mag das Buch trotzdem. Nach dem Buch mag ich sogar Bruce Willis. Ich sehe ihn mit anderen Augen. 
Man liest es relativ schnell runter. Man lacht. Man denkt nach. Man möchte Tilman Rammstedt mal begegnen, weil er offensichtlich ein netter Kerl ist. (Wenn er mich für den Kurs akzeptiert mit meinem dann hoffentlich nur noch semi-depressiven und doch auch leichten Text, sage ich hier Bescheid, ob das stimmt, versprochen!) Wenn er mich für den Kurs nicht akzeptiert, frage ich meine Kollegin, ob ich in dem Werbevideo für das nächste Buch von Tilman Rammstedt mitspielen darf. Er muss es erst mal schreiben, das ist klar.
Aber ich muss jetzt noch etwas unangenehmes sagen und hoffe, er liest das hier niemals: Ich lege das Buch beiseite und es wird das zweite Buch von Tilman Rammstedt sein, dass ich mit Vergnügen gelesen habe, das aber keine Chance hat, auf meine Liste von Büchern, die man unbedingt gelesen haben sollte, zu kommen.
Um in diesem Zusammenhang nochmal auf meinen eigenen Roman zurück zu kommen: Er sollte so sein, dass ich ihn mit Vergnügen schreibe, dass ihn dann viele mit Vergnügen lesen und er dann auf die Liste der Bücher kommt, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ist das denn wirklich zuviel verlangt?
Aber lest "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters" ruhig trotzdem. Es lohnt sich, finde ich. Ehrlich!
"Dieses Buch ist besser als all meine Filme zusammen." Bruce Willis


Dienstag, 29. Januar 2013

Quiet

‎"When one gets quiet, then something wakes up inside one, 
something happy and quiet like the stars."
The Hour-Glass, W. B. Yeats


I want to get quiet 
to hear myself
to feel myself
to see my truth
clearly like a glass of water
I am humble 
lets face it
do not react
just listen
do not react
try to find out what you feel
just listen
do not react
listen
until you know what you feel
until you know what is true
for you
be humble
then react



Samstag, 26. Januar 2013

My favourite books on buddhism, personal growth and spirituality

I said I would publish lists now, and I keep my promises usually.
Here comes a list of books that did not exactly change my life (though a bit they all did) but helped me shape my perspective on life and myself immensely over the past twenty years. Each of those books put a major impact into my life. and funny enough each of those books came to me by chance, by coincidence and each time it felt like stumbling over something meaningful, the universe presented to me to make me learn something, to wake me up really to what was possible for me, how much more depth and choices I was allowed to look for.


  • Suzuki Roshi Zen Mind Beginners Mind I mentioned this before. It was the first book I ever read about  buddhism and after this I was basically hooked. The minute I started reading it I also started to meditate on my friends sofa. It opened for me, a girl coming from the catholic german narrowminded smalltown world, a whole different world of how I could be. It opened a road and I am still walking this road and I am still loving it. 
  • Natalie Goldberg Writing down the bones Actually I would have to give the credit for finding buddhism to Natalie Goldberg. Because her book, over which I stumbled in an american bookstore by total accident while looking for something else did it. And then I returned to the bookstore and got Suzuki Roshi next. 
  • Sharon Salzberg Lovingkindness Just a very very good book to read and reread again and again for a person like me with hairs on her teeth and a sharp mind, the tendency to make fun about just anything and the tendency to judge even more, everything. Way to go!!!
  • Sharon Salzberg Voices of insight Another really good book by Sharon Salzberg. I mean, if I get real I might just tell you: Read all her books. You cant go wrong!!
  • Byron Katie Loving what is helped me and still helps me, since I reread parts of it often, whenever I feel stuck in some way, to change my perspective on what is. It is mind blowing to understand, how most of what you believe to be true could be basically the opposite and to understand at the same time that it really does not matter. Maybe the most liberating book I ever read. 
  • Gloria Steinem Revolution from within This book I found while going through my roommates shelf. I liked the title and I was interested in Gloria Steinem and I was not prepared for the intensity of what it did to me. It was actually the first book that made me understand that a lack of selfesteem is something societies do to their members, that children acquire it already in school, that it was something I had inherited and that it was necessary to cure this. Not just for me but for society in general. No society can be healthy if its members are weak. It helped me immensely to start a way to much more self esteem by pure understanding the mechanics of poor self esteem and how I had learned it. It helped me to act towards my daughters in a way that I would say: so far they dont suffer from low self esteem and that is fantastic.
  • Kathlyn und Gay Hendricks The conscious heart One of the best books I ever read about relationships. 
  • Lenore Friedman Meetings with remarkable women Wonderful! Packed with wise words and very interesting lifes of breathtakingly inspirational personalities, all of which happen to be women! 
  • Lenore Friedman & Susan Moon Being Bodies Another book full of wisdom and insight in questions about being a woman, being buddhist, accepting your body and yourself. Made me happy to read it and I learned a lot!
  • Amy Schmidt Dipa Ma The story of an extraordinary life. I found this book in our hallway. Sometimes people put things there they don't want anymore and one morning it was sitting there, like waiting for me. I read it in one evening and it left me deeply satisfied. Books can make me happy. This was one that did.
  • Tiziano Terzani Das Ende ist mein Anfang was a very inspirational book to me. It gave me courage again to look for my path, to listen to my inner voice. Very wise and philosophical too! 
  • Jon und Myla Kabat-Zinn Everyday Blessings. The inner work of mindful parenting was the book that saved me when I had my first child and was unable to tame my ego rebelling against the duties and chains of parenthood. I stumbled across this book the way I stumble often across books, that I need right at that  moment and it taught me more then just being a good parent, it taught me a new perspective on life. In that perspective I wasnt as important anymore as I thought I was. The best thing was, that when I started reading it, one day crossing the street I saw a flyer announcing that those two people from America were actually coming to Neukölln and to give a lecture about that book. Attending that plus reading the book was my wake up call into the happiness of being a mother. My daughter became my zen master and I pretty much believe, I am her zen master too today and now I have a second zen master, Lilly, and sometimes I feel she is even stricter then her sister.
I am always happy to hear about your books, so feel free to tell me what books shaped or maybe even changed your life!




Donnerstag, 24. Januar 2013

Retracing Happiness


I try to retrace happiness -
the smell in my aunts stable
the smell of the cows
my favourite was red and named Mia
I used to spend the summers there
as a girl
driving the tractor over the fields
running across the meadows
free and wild
feeding the little pigs
the calves rubbing their noses against me
I don’t remember much happiness
but never thought I was not happy
I just didn’t know how happiness felt
and took what I had for it.

I try to retrace happiness -
the cool water and the hot sun
on my skin when I went swimming
with another aunt
she threw me into the water
we sun bathed side by side on a blanket
I told her stories and looked at her painted toenails
she taught me how to swim
I ate French fries at the pool with her
before she had children of her own
she took me and I wanted her to be my mom
I don’t remember much happiness
but never thought I was not happy
I just didn’t know how happiness felt
and took what I had for it

I don’t remember that I missed feeling happy
I wasn’t aware of the fact that people
could be happy  all the time
the option to choose happiness
for me it was a gift,
totally at random
given to you from the universe
or god or destiny
some had it, some didn’t
it was delivered to you out of the blue
I don’t remember anybody in my family
ever saying: let’s be happy!

What is happiness anyway?

Dienstag, 22. Januar 2013

Diese Bäume sind schrecklich - Älterwerden

Vor ein paar Wochen musste ich morgens beim Anziehen niesen und konnte mich daraufhin nur noch ansatzweise bewegen. Eine Art elektrischer Schlag schoss in meinen unteren Rücken und sandte weitere kleine aber heftige elektrische Schläge in mein rechtes Bein, so dass mein Laufen eher ein Humpeln war, bei dem ich das rechte Bein hinter mir her schleifte. Ich schleppte mich durch unseren langen Flur zur Toilette, indem ich mich mit beiden Händen an den Wänden abstützte und ich fühlte mich uralt und irgendwie vom Leben gedemütigt. Jeder Schritt löste einen unglaublichen Schmerz in Hüfte und Bein aus und ich unterdrückte nur mit Mühe ein kontinuierliches Stöhnen. Zu altern kommt mir vor wie eine wirklich schlechte Sache, von der ich besser, genau wie von Zigaretten oder zuviel Alkohol, die Finger lassen würde. Rücken und Altern kommen mir ein wenig vor wie selbstverschuldet. Wenn ich alles richtig machen würde, dann könnte ich es unter Garantie hinaus schieben. Ich weiß nicht, ob jemand außer mir dieses Gefühl kennt. Aber ich habe den Eindruck, in unserer Gesellschaft ist das Ideal, jung zu bleiben, fit zu sein, schnell, kreativ, den coolen Leuten sieht man ihr Alter nicht an. Hip ist es, immer so im Schnitt zehn Jahre jünger zu wirken als man wirklich ist, sonst macht man was falsch. Wenn man sich hingegen mit den Händen an der Wand abstützend aufs Klo bewegt, ist man schon mal per se auf der falschen Seite. Dass ich bald eine Gleitsichtbrille benötige, bestätigt diesen Anfangsverdacht nur noch.
Ich lag also flach, den ganzen Montag und, ja, es war eine schlechte Wahl, ich sah mir zu allem Überfluss den Film Halt auf freier Strecke an. Ich hatte ihn einfach gerade da, von Freunden viel gutes darüber gehört und ich lag eingeklemmt zwischen meinen ganzen Wärmflaschen im Bett und heulte, weil dieser Film, in Kombination mit meinem Rücken reichte vollkommen aus, mir den Tag zu vermiesen! Ich meine VERMIESEN in riesigen Riesenbuchstaben. Ich dachte über Möglichkeiten nach, weiter jung zu bleiben, um mich zu trösten, als unter meinem Fenster mit lautem Tatütata ein Feuerwehrwagen anhielt, dessen blaues Licht mein Zimmer rythmisch einfärbte. Mein erster Gedanke war: "Toll, jetzt liege ich hier und kann mich nicht bewegen, der Tag ist eh der beschissenste seit Jahrzehnten, ist ja klar, dass jetzt auch noch ein Feuer in unserem Haus ausbricht und ich evakuiert werden muss."
Es klingelte an meiner Tür. Ich blieb im Bett liegen. Ich konnte mich nicht bewegen und ich hatte mit Sicherheit keine Lust auf die Feuerwehr. Sollten sie doch bei irgendeinem meiner Nachbarn klingeln.
Ich wollte mich einfach unsichtbar machen und hoffte, dass dieser Trick auch ein Feuer im Haus dazu bringen würde, mich zu umgehen. Als ich aber hörte, dass die Feuerwehrmänner in die Wohnung meiner 80jährigen Nachbarin gleich gegenüber geradezu stürzten und laut ihren Namen riefen, sprang ich doch aus dem Bett (ja, ich sprang, irgendwie waren die Rückenprobleme für den Moment komplett weg) und öffnete meine Tür, um zu sehen, ob mit ihr alles in Ordnung wäre. Sie erinnert mich an meine längst verstorbene Großmutter und irgendwie fühle ich mich ein kleines bisschen für sie mit verantwortlich.
Ein Feuerwehrmann stand im Türrahmen und ich fragte: "Stimmt was nicht?"
Er sah mich an, hilflos: "Sie hat einen Schlaganfall."
"Soll ich mal kommen?" fragte ich und hoffte insgeheim, er würde antworten: "Nein nein, kein Problem, sehen Sie meine Uniform? Ich habe hier alles im Griff. Legen Sie sich mal wieder hin. Sie sehen aus, als hätten Sie Rückenprobleme."
Der Feuerwehrmann wirkte aber leider plötzlich sehr dankbar und sagte: "Oh ja, bitte, das wäre gut."
Oma Witting lag in ihrer selbst gestrickten roten Wolljacke ausgestreckt auf dem Bett, mit Pantoffeln. Ich wusste, dass sie dort auch tagsüber oft lag um fern zu sehen oder zu lesen. Soweit war also alles im grünen Bereich, wenn man über die Pantoffeln hinwegsah.
Ihr Blick war aber so voller Staunen und wie der eines jungen Mädchens, als sie zu mir sagte: "Frau Susanne, ich glaube, ich habe gerade einen Schlaganfall." Sie wusste offensichtlich, wovon sie sprach. Sie war nie eine gewesen, der man was vormachen konnte. Ihre Sprache war ein wenig träger als sonst, und wie gesagt, der Blick war so weit weg, so wie aus einer anderen Welt. Aber ansonsten sah sie vollkommen normal aus.
Ich kniete mich neben sie und streichelte ihre Hand, ihren Arm. Der Feuerwehrmann hatte den Notarzt schon alarmiert. Wir warteten. Acht Minuten können eine Ewigkeit dauern, wenn jemand gerade einen Schlaganfall hat. Der Feuerwehrmann lief mit seinen schweren Stiefeln immer hin und her. Die Wohnungstür stand sperrangelweit auf und die kalte Luft kam herein, ungehindert. Die Wohnung meiner Nachbarin war plötzlich wie ein offener Raum, in den jeder eindringen und ihr beim Schlaganfall zuschauen konnte. Dass man so ungeschützt ist in einem solchen Moment und umgeben von all dieser Hilflosigkeit, ich dachte, dass das eigentlich nicht sein sollte. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist, konnte man nur hoffen, dass einen Profis umringten.
Ich kniete neben Frau Witting, meinen Rücken spürte ich immer noch nicht, aber man will so etwas nicht erleben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man so etwas auch so gut wie nie sehen oder erleben muss. Alles ist ein wenig antiseptisch und recht frrisch. Man sieht die Leute draußen, solange sie noch fit sind und selber einkaufen gehen können, dann verschwinden sie und keiner geht sie suchen. Manchmal sieht man jemanden mit einem Rollator, eine alte Dame, die schon sehr langsam vorankommt und offensichtlich Mühe hat, die Einkaufstasche selbst zu tragen. Man bietet Hilfe an, oder auch nicht (sie soll ja nicht fürchten, dass man ihr das Portemonnaie klauen will), weil man nicht weiß, wie es sich anfühlt, so langsam gehen zu müssen und kaum noch die Einkaufstasche mit einem Liter Milch und einem Brot darin tragen zu können ohne Mühe. Wenn man es wüsste, würde man vielleicht seine Hilfe ständig anbieten und dann käme man nicht mehr dazu, seine eigenen Sachen zu erledigen. Das Leben derer, die noch fit sind, zeichnet sich ja aus durch all die Sachen, die man ständig erledigen muss und die einem die Zeit wegfressen.
Solange man Dinge erledigt, im Stress ist, fühlt man sich dem Tod nicht sonderlich nahe. Dinge erledigen müssen, das ist unglaublich lebendig.
In den kurzen Momenten,  in den Zwischenzeiten, wo man mal nichts erledigt und ruhig in der Sauna sitzt oder bei einer Tasse Kaffee, in denen man darüber nachdenkt, träumt jeder von einem schnellen, schmerzfreien Tod, würdevoll. Aber ich sah Oma Witting an, während ich neben ihr kniete, und es dämmerte mir, dass die meisten Stück für Stück gehen werden, nicht mit einem wohl gesetzten Paukenschlag, würdevoll. Es wird gesabbert werden. Eines Tages könnte man einfach von der Bildfläche verschwinden,, in irgendein Pflegeheim, und Gott bewahre mich davor, mir die Zustände dort jetzt schon genauer vorstellen zu müssen, und ich lebe zwar noch, möglicherweise sogar lange, aber ich bin nicht mehr Teil dieser lebendigen Gesellschaft. Kein Mensch interessiert sich mehr dafür, was ich zu sagen habe. Dieses ganze Leben, das ich gelebt habe und in dem ich mich jahrzehntelang immens wichtig genommen habe, wird vollkommen belanglos sein. Kein Hahn kräht dann mehr danach und das letzte, was ich dann noch erwarten kann ist, dass mich jemand ernst nimmt, während er mich mit der Schnabeltasse füttert.
Älter werden ist für mich in den letzten ein bis zwei Jahren spürbar geworden, weil es plötzlich Momente gibt, in denen ich mich jemandem wie Oma Witting näher fühle als, sagen wir, jemandem in seinen Zwanzigern, der, genau wie ich damals auch, nur theoretisch begriffen hatte, dass auch er altern wird ohne schon ein Gefühl dafür zu haben, wie genau dies sein wird.
Ich kniete etwa eine halbe Stunde neben Oma Witting und redete mit ihr und streichelte sie, und dann wurde sie ins Krankenhaus transportiert. Bevor sie aus der Wohnung getragen wurde, bestand sie darauf, dass man ihr ihren Schlüssel einpackte. Ich verstand, dass er wie ein Pfand war. Mit diesem Schlüssel hatte sie das Gefühl in der Hand, dass sie wieder zurück kommen würde.
Der Schlaganfall hatte ihr Sprachzentrum betroffen. Als ich sie im Krankenhaus besuchte, war sie vollkommen klar, konnte mich aber teilweise nicht verstehen und fand auch die Worte nicht für das, was sie mir sagen wollte. Zum Beispiel zupfte sie sich immer wieder an den Haaren, und klagte: "Diese Bäume sind schrecklich." Ich schloss daraus, dass es sie abgründig nervte, dass sie nun seit Wochen im Krankenhaus lag und ihre Haare entsprechend aussahen. Sie war immer eine Frau gewesen, die auf ihr Äußeres wert legte. Es nervte sie total, dass sie nun da lag und niemand ihr dabei half, sich ordentlich zurecht zu machen.
"Ich komme wieder", sagte sie. Und das meinte sie auch. "Ich verstehe alles." Ich wusste manchmal nicht, ob ich sie darum beneidete. Ich bin ein Mensch, dem die Sprache so viel bedeutet. Die Vorstellung, ich könnte irgendwann nicht mehr in der Lage sein, das auszudrücken, was in mir vorgeht, weil ich die Worte nicht mehr finde, hat mich erschreckt. "Ich bin nicht dumm." Weiß ich doch, Oma Witting. "Ich komme wieder! Ich schaffe das!" Dabei reckte sie die Faust kampfbereit in die Luft.
Sie ist tatsächlich zurückgekehrt. Es hat sie sieben Wochen gekostet, wieder so zu Kräften zu kommen, dass sie  in ihre eigene Wohnung zurückziehen konnte. Sie braucht nun viel mehr Unterstützung als früher. Aber sie ist noch da. Und ich werde sie mir jetzt genau anschauen, ihren Weg hinaus aus diesem Leben. Man sieht alte und sehr kranke Menschen selten, auch nicht in Filmen. Dieser Tag, an dem ich den Film sah und sie dann den Schlaganfall hatte, es war, als sollte ich auf etwas aufmerksam gemacht werden. Auch du wirst sterben. Ich habe einen sehr guten Artikel zu genau diesem Thema in der New York Times gelesen. Er sei jedem empfohlen, der ein wenig Englisch kann.
Meine Großeltern hatten beide noch das Privileg, zuhause sterben zu dürfen. Ich denke, davon können die meisten in meiner Generation nur träumen. Wir räumten dafür das im Erdgeschoss gelegene Wohnzimmer unseres alten Hauses um und bauten ein Bett für sie darin auf. Mein Großvater war in dem gleichen Raum geboren, in dem er dann starb. Das hat mich immer besonders berührt. Ich frage mich, wie viele Menschen es gibt, die alt werden und in dem gleichen Raum sterben, in dem sie geboren wurden.
Als meine Großeltern starben, war ich Anfang zwanzig und Anfang dreißig. Obwohl ich bei beiden teilweise anwesend war, bezog ich das Geschehen damals in keinster Weise auf mich, so in dem Sinn: auch ich werde eines Tages sterben, schwach, pflegebedürftig werden. Aber ich kann mich noch gut an die Angst erinnern, die ich hatte. Ich hatte Angst, sie könnten in meinem Beisein sterben. Ich hatte Angst vor dem Tod.
Was ich nie vergessen werde, sind die Worte, die meine Großmutter an mich richtete, als ich sie zum letzten Mal lebendig sah. Ich lebte damals bereits in Berlin und konnte nicht so lange bleiben. Ich musste nach einigen Tagen wieder abreisen, obwohl ich wusste, dass ich sie nicht wiedersehen würde. Sie sagte: "Ich verstehs nicht, Kind, eben war ich noch beim Tanz und hab den Opa das erste Mal gesehen und jetzt soll schon alles vorbei sein?" Da wurde mir bewusst, nicht durch ihre Worte, sondern mehr noch durch diesen verwunderten Blick, den auch Oma Witting während ihres Schlaganfalls hatte, ein Blick, aus dem alle Berechnung, alle Abwehr verschwunden waren, dass mein Leben sehr schnell vergehen würde. Dass es klug wäre, es nicht zu verschwenden. Ich verstand auch, dass eigentlich jeder Tod ein Halt auf freier Strecke ist und irgendwie ungelegen kommt.

Ergänzung am 23.01.2013: Dieses Video über eine 96jährige namens Maia möchte ich diesem Text noch anfügen, immer seitdem ich es vor etwa einem Jahr gesehen habe, weiß ich, wie ich mir mein Alter wünsche. "My secret for a long life is simplicity, work and enjoyment."

Ergänzung 07.02.2013: Für alle, die diesen Text gelesen haben und wissen wollen, wie es Oma Witting geht: Sie ist immer noch zuhause. Gestern brauchte sie Hilfe beim Aufschrauben eines Milchkartons. Dann klingelt sie bei uns und holt uns rüber. Bruno, unser Kater, war schon wieder einmal unter ihrem Bett, in der Hoffnung, dass keiner es merkt und er dann Oma Wittings Katze Minka "behopsen" kann, wie Oma es ausdrückt. Sie brauchte auch Quark. Dazu fehlte ihr das Wort. Deshalb zeigte sie uns immer wieder Leinöl und sagte "Kartoffel Kartoffel", als wir hilflos drein blickten, sagte sie: "Ja esst ihr sowat denn nich?" Da verstanden wir, dass sie Quark meinte und haben ihn besorgt. Heute gabs bei ihr Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Sowat essen wir nicht so oft :-)

Freitag, 18. Januar 2013

Ich bin ein Listentyp

Es ist jetzt an der Zeit, es öffentlich zuzugeben, dass ich ein Listentyp bin. Zwanghaft. Ich liebe meinen Blog unter anderem deshalb so, weil ich hier schamlos Listen über Listen veröffentlichen kann und es auch tun werde. Lieblingsbücher, Lieblingsfilme, Lieblingslieder, Ziele für 2013, Träume bis an mein Lebensende, Schreibübungen, Schreibbücher....da fiele mir einiges ein.

Seitdem mir dämmerte, dass das Leben für mich zu komplex ist, um es in den Griff zu bekommen, habe ich damit begonnen, Listen zu führen. Das war, als ich Mutter wurde. Da fingen die ganzen Aufgaben, die man so im Laufe eines Tages erledigen musste, durfte, sollte, vor allem, wenn man nebenbei berufstätig war und in einer Großstadt lebte, irgendwann an, mir über den Kopf zu wachsen und ich legte meine erste Liste an. Ich merkte, wie gut es sich anfühlte und ließ der ersten gleich ein paar weitere folgen.
Die Jahre vorher waren kein Rausch der listenlosen Sorglosigkeit gewesen. Nein, das nicht, ich hatte immer schon eine Vorliebe für Listen. Aber in meinem früheren Leben waren es keine endlosen Aufzählungen von Dingen, die ich erledigen musste.
Ich schreibe für alles und jedes Listen, auch Listen über Listen, die ich unbedingt führen sollte (Listen der Geschäfte, in denen ich am liebsten einkaufe, Liste meiner Lieblingsschauspieler seit 1975, Lieblingsfernsehserien.....)
Im Büro habe ich immer eine Liste liegen mit den Dingen, die ich im Laufe der Woche, des Monats, des Jahres erledigen möchte. Ich finde es wahnsinnig befriedigend, Dinge darauf abzuhaken. Komischerweise finde ich es aber genauso befriedigend, für eine abgehakte Sache fünf neue hinzuzufügen. Ich fühle mich dann absurderweise wichtig, für fünf Minuten, dann fühle ich mich gestresst und fange damit an, die Listen durchzugehen nach Dingen, die wirklich unwichtig sind, und die bis 2027 warten können.
Listen zu verwalten  ist eine wahnsinnig befriedigende Angelegenheit. Meditation ist es eigentlich. Man hat danach Ordnung im Kopf hergestellt. Es ist im Grunde eine spirituelle Sache, denn es macht meinen Kopf leer. Alles, was ich auf einer Liste habe, kann ich im Kopf wegpacken, so dass der manchmal regelrecht aufgeräumt wirkt.

Auf meinem Schreibtisch zuhause habe ich Einkaufslisten für die diversen Geschäfte, in denen ich regelmäßig einkehre, um unseren unübersichtlichen Haushalt aufzustocken. Die führe ich kontinuierlich: dm-Liste, Bioladen-Liste, Aldi-Liste, Kiez-Liste (das gibts nur in Berlin und bedeutet, alle die Sachen, die ich in diversen Geschäften in meiner Nachbarschaft einkaufen muss, dazu zählen Buchladen, Apotheke, Rewe, türkischer Gemüseladen, Schreibwarengeschäft). Wenn ich dann zum Einkaufen losziehe, vergesse ich die Listen in der Regel (an die Pfandflaschen denke ich dagegen wirklich immer!) und stehe dann im Laden, und versuche, mir ins Gedächtnis zu rufen, was auf den Listen gestanden hat. Ich versuche es visuell, gebe vor, ich hätte das fotografische Gedächtnis und stelle mir die Liste genau vor, wie sie auf meinem Schreibtisch liegt, ich versuche sie, zum Greifen nah vor mir zu sehen, in allen Einzelheiten. Klappt das nicht, gehe ich zu mehr kognitiven Mitteln über, indem ich mich daran zu erinnern versuche, was ich wann darauf geschrieben habe. Das kann dann komplexer werden, weil ich auch wieder unsere Schränke innerlich inspizieren muss, um durch freie Assoziation der darin enthaltenen Lücken auf die Einkaufslisten rückzuschließen (also: ah, wo normalerweise das Mehl steht, war eine Lücke und ich wollte ja Kuchen backen, also kaufe ich jetzt Mehl/so in der Art).  Beide Methoden sind sehr gut, um meine langsam absterbenden Gehirnzellen zu trainieren.
Wenn ich doch daran denke, die Listen einzustecken, stehe ich in 90% der Fälle im Laden und finde sie nicht mehr wieder und beschäftige mich und die Verkäufer meines Vertrauens damit, zehn Minuten in all meinen Mantel-, Hosen- und sonstigen Taschen danach zu suchen. Wenn ich sie finde, stelle ich in weiteren 90% der Fälle fest, dass ich meine Lesebrille vergessen habe. Ich kann die Liste also nicht entziffern, außer ich renne mit ihr mehrfach nach draußen ans Tageslicht (geht im Winter nur, wenn ich um die Mittagszeit einkaufe), dort funktionieren meine Augen noch einigermaßen. Das ist in manchen Läden, vor allem im Kiez, nicht nötig, da wende ich mich wieder an die Verkäufer meines Vertrauens und leihe mir kurz deren Lesebrillen aus. Ich habe aber auch schon ein winziges Stück Käse für 7.12€ in der Bio-Company gekauft, weil ich die 7 für eine 1 hielt. Unnötig zu sagen, dass ich an der Kasse keine Wimper zucken ließ, sonder die 7€ so selbstverständlich aus meinem Portemonaie abzählte, als wären wir Millionäre.

Die meisten Listen führe ich allerdings in meinem Tagebuch.
Vorne ist eine Liste der Bücher, die ich im Laufe des Bandes lese oder gelesen habe, sowie eine Liste der Filme, die ich gesehen habe. Ich versehe die Bücher und Filme mit Sternchen, wenn sie mir besonders gefallen haben (ich sage doch, dass ich zwanghaft bin). Ich vermerke auch, ob ich sie im Kino oder als DVD gesehen habe und mit wem.
Hinten in meinem Tagebuch habe ich viele Listen, ich liste sie der Einfachheit halber einfach auf:
1. Schreibprojekte: Deadlines, Wettbewerbe, zu kontaktierende Verlage, Texte, die ich fertig stellen sollte, Schreibthemen, denen ich mich widmen muss/will, Stipendien, Workshops, für die ich mich bewerben sollte und was mir sonst noch so unterkommt.
2. Dinge, die ich in meinem Leben, am besten noch während dieses Tagebuchbandes, unbedingt tun möchte: nach USA auswandern, ein Haus auf Formentera kaufen, den Bachmann-Preis gewinnen waren Punkte, die im Laufe der Jahre auf dieser Liste landeten, sich teilweise jahrelang darauf hielten, weil ich dachte, Visualisation könnte so funktionieren und momentan eher nicht mehr darauf stehen, weil ich realistischer (resignierter???) geworden bin. Aber ich erwähne sie, um so einen Geschmack davon zu vermitteln, wofür diese Liste gedacht ist: dass ich mir meine Träume bewusst mache nämlich.
3. Meine Finanzen: da liste ich immer genau auf, was ich so in meinen verschiedenen Spartöpfen besitze und ich freue mich tierisch, wenn ich in ein Tagebuch von 1986 blicke und feststelle, dass sich der Betrag tatsächlich mittlerweile verdoppelt hat. Oha, das mit der Millionärin, wenn ich so weiter mache, könnte noch bis 2089 klappen.
4. Dinge, die ich dringend erledigen muss (zum Augenarzt, eine neue Lesebrille besorgen steht beispielsweise gerade drauf). Diese Liste ist immer sehr lang, vor allem, seitdem wir die Hütte mit Garten haben. Schuppen neu bauen, Hütte streichen (innen und außen), Treppe machen, bevor sie ganz zusammen bricht,....
5. Bücher, die ich unbedingt lesen möchte. Diese Liste sprengt regelmäßig die letzte Seite, so dass ich mittlerweile bei Goodreads bin. Da kann ich Bücher ankreuzen, soviel ich will.

Was ich an diesen Listen in meinen Tagebüchern mag, ist erstens: sie zu führen, das gibt mir die Illusion einer Struktur oder eines roten Fadens; zweitens: in den Listen der Vergangenheit zu stöbern. Ich liebe es, auf der Liste meiner Träume und Wünsche Dinge zu finden, die ich mir mittlerweile längst erfüllt habe. Oder auch: "Lächerlich, wie unreif ich damals war! Wie konnte ich nur vier Kinder haben wollen????"

Und nun nochmal zu dem Punkt, dass ich früher, als ich noch allein und sorglos und in einem Party-, Reise-, Alkohol- und Nikotinrausch lebte, niemals Listen geführt habe, in denen es darum ging, etwas zu erledigen.  Ich habe schon als Teenager in meinen Tagebüchern Listen geführt. Da ging es dann  um ein Bild meines Lebens, das ich vielleicht versuchte, festzuhalten. Ich listete alles auf, was für mich irgendeine Bedeutung hatte:

  • Listen der Menschen, die ich im Laufe des Tagebuchs getroffen hatte, in Klammern vermerkte ich immer, aus welchem Ort diese Menschen kamen 
  • Listen meiner besten Freunde (mit Ort/toll war es, als meine Freunde international wurden, aber kurz danach habe ich mit dieser Liste aufgehört)
  • Listen der Männer, die ich klasse fand (Robert de Niro, Lothar aus dem Physikkurs, Jim Morrison)
  • Listen der Namen, die ich mir für meine zukünftigen Kinder vorstellen konnte (David und Anna waren da immer die absoluten Favoriten, oder Charlotte, dann traf ich meinen Mann und der sagte: "Nur über meine Leiche!")
  • Listen der Orte, an denen ich gewesen war (Leverkusen, Köln, Bonn, Aachen, Münster und Amsterdam)
  • Listen der Orte, die ich unbedingt kennen lernen wollte (Asien, Afrika, Australien, Schweden)
  • Listen meiner Lieblingslieder; finden sich teilweise hier wieder




Mittwoch, 16. Januar 2013

disappointment


disappointment is something
to throw in the face of the world
it is a dear feeling
not that I like it
I am just so used to it
feeling disappointed
can be comforting
soothing
helpful in various situations
high expectations
should anybody fulfill my dreams?
disappointment is a protection
against the pain of
what is

Dienstag, 15. Januar 2013

the singing woman



under my skin
sits like a surprise
to be opened day after day
a little box with a red ribbon
the revelation
that I live in peace
that nobody ever raped me
that nobody ever tortured me
that nobody ever threatened my life
I can open my mouth and
scream my opinion into this universe
and nobody will punish me for it
sitting on this island of blessed souls
I tend to complain too much
about the weather
about my neighbors
about my life
in general
in general it is not easy to be happy
there is no should
in happy
a gift
but I could sing instead
really
I could sing every day of my life
I have reason to sing
a song of gratitude
not of pain
we are together in this

the kind of peace I live in
is exceptional
I mean just look at the rest of the world
it is exceptional
people get raped all the time
people get killed all the time
people get tortured all the time
people sit in jail for voicing an opinion all the time

under my skin
sits like a surprise
to be opened day after day after day
a little box with a red ribbon
the revelation
that I might have been spared
this time
yet there is this thought
sitting in my throat
we are together in this

I have been spared
and yet I have not

This poem was inspired by the movie Incendies/Die Frau die singt 

Freitag, 11. Januar 2013

Gertrud lernt den Nachbarn kennen aus Schwäne lieben anders



Ihr Nachbar Cornelius Kowalski hatte einen Unfall, in dem Jahr als Ursel etwa dreizehn Jahre alt war. Er stürzte beim Äpfelpflücken von der Leiter und brach sich den Oberschenkelhals. Die Kowalskis hatten einen großen Garten, der mit seiner schmalen Seite an den viel kleineren Garten von Gertrud und Rudolf direkt angrenzte, sich von dort über mehrere Grundstücke hinweg erstreckte, so dass man von ihrem Zaun aus einen weiten Blick über diesen Garten hinweg hatte. Oft stand Gertrud am Zaun und ließ den Blick schweifen über diese Oase, die ganz offensichtlich jemand mit gärtnerischem Verstand so angelegt hatte. Man sah eine Wiese, die im Sommer mit wilden Blumen überwuchert war. Es wurde bei den Kowalskis nicht überall regelmäßig gemäht. Rudolf ärgerte das sehr. „Die ganzen Samen von dem Unkraut fliegen rüber zu uns. Rücksichtslos nenne ich das. Aber der Herr Oberlehrer hat ja seine eigenen Regeln.“ Es war eine Tatsache, dass sich Rudolf Herrn Kowalski unterlegen fühlte, weil dieser Lehrer war, Fremdwörter benutzte und einen Garten anlegte, der in keiner Weise den quadratisch und ordentlich sortierten Gärten der Nachbarschaft entsprach. Dieser Garten war wild, überwuchert, überall blühte und zirpte es und die Wiese war eingerundet von blühenden Hecken und Obstbäumen. Sie war somit eine direkt gerichtete Kritik an den quadratisch und ordentlich angelegten Gärten der Nachbarschaft. Wenn Gerda am Zaun stand und einfach hinein träumte in dieses bunt gemusterte saftige Grün, dann freute sie sich. Der Garten maß wenigstens zweitausend Quadratmeter. Von der Straße aus war er kaum einsehbar. Überall wuchsen Hecken und Sträucher. Gertrud wusste, dass er es war, der den Garten pflegte. Reden tat sie mit seiner Frau, vorne vor der Haustür. Hinten im Garten sah man sie höchstens mal am Wochenende, wenn sie sich sonnte auf einer großen Liege neben dem hellblau gestrichenen Geräteschuppen. „Wie kann man seinen Schuppen hellblau anpinseln. Ich bitte dich, Gertrud, der Mann hat den Verstand verloren.“ Rudolf fühlte sich von diesem Nachbarn nicht selten direkt in seinem Seelenfrieden bedroht.  Er schüchterte auch Gertrud ein. Anfang 50, sah er auffallend gut aus für einen Mann ihres Ortes und seines Alters. Kaum ein Bauchansatz zeigte sich über dem Hosenbund und man sah ihm an, dass er nicht dumm war. Er ragte heraus unter den Männern hier, die an sich selbst keine allzu großen Ansprüche stellten. Manche der Frauen in dem Ort machten sich zum Narren, sobald er beim Metzger oder auf dem Sportplatz auftauchte und jede wollte, dass er sie beachtete. Gertrud tat das nicht, sie würdigte ihn normalerweise keines Blickes. Später sagte er ihr, dass er sie für arrogant gehalten habe. Das war sie auch. Aber nicht auf ihn gerichtet, sondern auf die anderen Frauen. Sie wollte sich nicht benehmen wie diese.
Er war, soweit sie es beobachten konnte, zu allen Frauen stets gleich höflich. Wenn er im Garten war und einen von ihnen sah, winkte er und rief eine Bemerkung zum Wetter über die Hecke herüber, mehr nicht. Im Nachhinein kam es ihr so vor, als habe sie damals bereits bei jeder Begegnung eine leichte Beschleunigung ihres Herzschlags wahrgenommen. Aber damals waren ihr diese Beschleunigungen nicht bewusst gewesen, möglicherweise bildete sie sie sich im Nachhinein auch nur ein. Ein großer Teil der Vergangenheit bekam in der Rückschau neue Bedeutungen, wenn man sich verliebte. Da wurden Dinge zu Zeichen und Omen, die einem vorher nicht aufgefallen waren. Die Gespräche. Mit seiner Frau Hedwig unterhielt sie sich manchmal, wie gesagt, länger, aber niemals tiefer. Sie war eine berufstätige Frau, sie war selten zuhause, ihre Söhne kamen schon gut allein zurecht. Sie verdrehte die Augen über ihren Mann, der außer seinem Garten nichts verstand. So unter Frauen verdrehte sie die Augen, so wie alle Frauen untereinander über ihre Männer die Augen verdrehten, manchmal. Verbündete, miteinander vertraut, weil sie das gleiche Schicksal teilten, mit dem Mitglied einer vollkommen fremden Spezies verbunden zu sein. Es war also eine höfliche, jedoch distanzierte Nachbarschaftlichkeit. Und doch verteidigte sie, Gertrud, Cornelius immer gegenüber seiner eigenen Frau. Woraufhin diese einmal sagte, und es klang im Nachhinein wie ein Omen: „Tja, vielleicht hätten Sie besser meinen Mann geheiratet.“ Das muss man sich mal vorstellen. Das sagte sie einfach so. Später dachte Gertrud, dass sie recht gehabt hatte. Aber damals war ihr diese Bemerkung einfach nur unangenehm gewesen und sie schämte sich für ihre Nachbarin, weil man so etwas nicht sagte, nicht unter Fremden, die sie schließlich waren, da gab man sich eine solche Blöße nicht.
Nachdem Cornelius den Unfall gehabt hatte, veränderten sich die Verhältnisse vollkommen.
Da seine Frau Hedwig arbeitete, ihre beiden Söhne waren auf dem Gymnasium und hatten täglich bis zum Nachmittag Unterricht, und Cornelius nicht laufen konnte, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, für sechs lange Wochen sollte er auch nicht laufen, um das Bein nicht zu belasten und die Heilung nicht zu behindern, bat Hedwig ihre Nachbarin Gertrud an den Vormittagen, wo sie doch sowieso die ganze Zeit zuhause war, bei ihm gelegentlich nach dem Rechten zu sehen, ihm das Essen aufzuwärmen, das sie für ihn am Abend vorgekocht hatte. Hedwig Kowalski wirkte zu diesem Zeitpunkt genervt. Sie war Studienrätin, sie hatte eine Aufgabe im Leben, Gertrud war Hausfrau, da konnte man sie fragen, um Hilfe, da waren die Verhältnisse im Grunde geklärt, ohne dass man über sie hätte reden müssen. Hedwig wollte Gertrud bezahlen für ihre Hilfe, eine Art Dienstleistung, aber Gertrud winkte ab und sagte, dass sie als Nachbarin eine solche Hilfe selbstverständlich leisten könnte, ohne dafür eine Gegengabe zu erwarten, gar kein Problem. Zu sich selbst sagte sie: „Das hättest Du gerne, Hedwig Kowalski, dass deine Nachbarin mit dem kleineren Garten, mit dem kleineren Haus und den Kittelschürzen, auf die du immer schon herabgeschaut hast, die polnische Pflegerin ersetzt.“
Sie bekam den Hausschlüssel der Kowalskis und die beiden vereinbarten, dass Gertrud immer gegen elf Uhr kommen sollte, damit Cornelius sich darauf einstellen konnte. Es war genau die Zeit am Morgen, an der sie sich sonst immer ein wenig gelangweilt hatte. Sie hatte dann begonnen, sich die Quadrate für ihre Decke auszudenken und vorzubereiten, die sie an den Abenden nähen wollte.

Die ersten Male gab sie ihm nur etwas zu trinken und machte ihm das Essen warm. Sie blieb in der Küche oder auf der Terrasse und wartete, bis er fertig gegessen hatte. Dann räumte sie das Geschirr in die Spülmaschine und ging recht schnell wieder. Sie redeten über das Wetter, mehr nicht, und waren extrem höflich zueinander. Gertrud schminkte sich ein wenig, bevor sie zu ihm ging. Sie zog die Kittelschürze aus, die sie zuhause immer trug und am Anfang trug sie Hosen und T-Shirts, irgendwann dann die Kleider, die ganz rechts in ihrem Kleiderschrank hingen, auf der Schrankseite, die sie schon lange nicht mehr geöffnet hatte. Diese Kleider waren ewig nicht getragen worden. Aber ihr Körper hatte sich nicht verändert mit den Jahren, mit der Geburt eines Kindes. Sie war die gleiche üppige Person mit exakt den gleichen Rundungen an den richtigen Stellen geblieben. Das Kleid, das sie sich zum ersten Hochzeitstag genäht hatte, hellblau, es saß wie angegossen. Lippenstift. Ein Hauch Parfum. Es öffnete sich ein Raum. Sie betrat ihn. Wie bin ich hierher gekommen? Es war nichts. Sie ging einfach nur hinüber, brühte Kaffee auf, machte Essen warm, wischte übergelaufenes auf, wie zuhause, im Grunde, und doch vollkommen magisch. Ein Raum voller Möglichkeiten. Ja, die meisten blieben ungenutzt im Leben, aber diese wollte sie plötzlich mit aller Macht ergreifen.
Schon am zweiten Tag fragte er sie, ob er ihr vorlesen dürfte. „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi. Sie nickte, verunsichert, vermutlich wurde sie rot. „Kann ich dabei ein wenig sauber machen?“ „Sie sind doch nicht als Putzfrau hier.“
“Wenn du gehofft hattest, in der Zukunft etwas zu sein und etwas zu leisten, so wirst du als Ehemann auf Schritt und Tritt spüren, dass für dich alles zu Ende ist, dass dir jede Arena verschlossen ist, außer dem Salon, wo du dann mit einem lakaienhaften Höfling und einem Idioten auf gleicher Ebene stehen wirst…Ein schöner Genuss!” Seine Stimme war dunkel, getragen, als Lehrer war er, so dachte sie, daran gewöhnt, vorzulesen. „Lesen Sie das Ihren Schülern vor?“ „Nein, ich lese meinen Schülern nicht vor. Sie müssen selbst lesen. Ich habe früher meinen Kindern vorgelesen. Schon lange will aber hier niemand mehr, dass ich ihm vorlese.“
Er tat sich selber leid. Warum auch nicht? Sie bat ihn, ihr mehr vorzulesen.
In Gertruds Haus gab es ja keine Bücher. Ursel, na gut, ihre Tochter Ursel schleppte kistenweise Bücher ins Haus. Neuerdings. Sie war dreizehn, da hatte sie das Lesen für sich entdeckt. Zu Weihnachten wünschte sie sich ein Regal. Das alles erzählte sie Cornelius. „Keine Bücher?“ Diese Frage war ihr plötzlich peinlich. „Nein, wir lesen nicht. Wir sehen eher fern.“ Er nickte und dann las er weiter.
Während er las, betrachtete sie ihn unauffällig. Da war eine Quelle für sie, und sie strotzte plötzlich von einer Energie, wie sie sie seit den Tagen in Ohligs Saal nicht mehr erlebt hatte. Sie blieb etwa eine Stunde bei ihm, wärmte ihm noch sein Essen auf, arrangierte es auf einem Teller und stürzte sich dann zuhause sofort auf die Kiste mit den Stoffresten. Sie nähte in dieser Zeit eine ganze Reihe von Quadraten für ihre Decke. „…dass für dich alles zuende ist.“ Schwarzer Stoff mit einer Diagonalen von links oben nach rechts unten in Gold. Sie gab ihm ihre Telefonnummer, für den Fall, dass an den Nachmittagen, bevor seine Familie heimkam, irgendein Problem auftreten würde. Einmal rief er an: „Mir ist das ganze Essen vom Teller in den Schoß gerutscht. Könnten Sie noch einmal herkommen, bitte?“
Sie lachte: „Wir könnten uns auch duzen. Es ist irgendwie blöde, wenn wir uns weiter siezen, wo ich jetzt schon Dein Bett sauber mache.“ Es war eine regelrechte Sauerei, Sauce und Gemüsestückchen, zerquetscht und matschig, überall, vor allem in der Ritze zwischen den beiden Matratzen, die eine, links, eindeutig unbenutzt, er lag rechts. Sein Pyjama war voll, musste gewechselt werden, das war nicht einfach. Sie musste ihm beim Ausziehen helfen. Sie sah seine nackten Beine, seinen Po, und errötete und dann war es ganz normal, als gehörte es dazu, dass er in ihrer Gegenwart auch einmal nackt wäre. Ganz normal. Er und sie. „Ja, ich denke du hast recht, wir sollten uns duzen.“ Da war ein Raum, in dem sie einander ganz einfach zugehörten. Unglücklicherweise war dieser Raum einer der schönsten, die Gertrud jemals in ihrem Leben betreten hatte. Das war für die weitere Bewältigung ihres Alltags eher hinderlich.
„Du hast eine sehr schöne Stimme“ sagte Cornelius, „am Telefon“. Sie spürte, wie ihre Ohren von Wärme durchpulst wurden. Möglicherweise war dies das einzige Kompliment, das ihr je gemacht worden war. „… dass für Dich alles zuende war.“ Weil es aus so einer Tiefe kam, einem Raum, der groß war, viel größer als alle Räume, in denen sie sich bislang bewegt hatte. Wenn es zuende wäre, dann wäre da dieser Schmerz, zu gewaltig, um seiner habhaft werden zu können in einer angemessenen Art und Weise. Es war natürlich alles zuende, unvorhergesehenerweise war der Anfang ihrer Ehe mit Rudolf, so muss man es sagen, auch der Anfang vom Ende ihrer Träume gewesen. Aber obwohl sie das damals ganz deutlich wusste, konnte sie es einfach immer noch nicht glauben.
Als sie mit Rudolf getanzt hatte, da hatten sie große Schritte, wilde Umdrehungen geteilt und es hatte nicht so gewirkt, als würden sie sich gemeinsam mit nur einem halben Leben zufrieden geben. Dennoch gab es keine Möglichkeit, diese Halbheit einer Ganzheit entgegenzustellen, möglicherweise etwas einzuklagen. Bei wem auch?
Dann ging sie zu ihrem Nachbarn, sie ging zu Cornelius, der vor kurzem noch Herr Kowalski mit dem großen Garten gewesen war, in den hinein sie ihre Träume geträumt hatte. Herr Kowalski, der immer samstags um halb drei begann, einen Teil seiner Wiese zu mähen. Und da der Garten riesig war, konnte das dauern, manchmal bis gegen achtzehn Uhr, bis er endlich damit fertig war. Das machte Rudolf wahnsinnig. „MAN HAT JA HIER NIE SEINE RUHE!“ Er konnte wütend werden auf eine leise Art und Weise, die sie ängstigte, manchmal, weil dieses Verhalten dem Rest seines Wesens so gar nicht zuzugehören schien. Wenn aber Cornelius Kowalski der Auslöser war, dann wurde er auf eine laute und heftige Weise wütend. Sie nervte der Rasenmäher auch. So war es nicht. Einmal mähte Rudolf, nur um sich zu rächen, am Sonntagmorgen ihren Rasen. Eine ganze Stunde lang fuhr er mit ihrem Benzinrasenmäher, der immer wieder ausging, der laut war, in ihrem Garten hin und her. Sie stand nervös am Küchenfenster und blickte hinaus, darauf wartend, dass irgendein Nachbar kam und sich beschwerte. Man durfte am Sonntag weder Rasen mähen noch Wäsche aufhängen draußen und das wusste Rudolf auch. Das waren geklärte Verhältnisse bei ihnen im Ort. Irgendwann schlug Hedwig Kowalski ziemlich laut und demonstrativ ihre Balkontür zu. Mehr nicht.
Als sie begann, hinüber zu gehen, machte Rudolf Witze darüber am Anfang. Aber auch er fand es selbstverständlich, einem Nachbarn zu helfen. „Wie siehts denn in deren Haus aus?“ wollte er wissen. „Sie haben viele Bücher.“ „Aha, sind also wirklich so oberschlaue, was?“ Er schmunzelte konspirativ, als wären sie beide solchen Menschen, die es nötig hatten, Bücher zu lesen, Lichtjahre voraus. Nicht ein einziges Mal kam er auf den Gedanken, sie könnte diesen so anderen Mann womöglich ihm vorziehen.
Ich sehe mich zum ersten Mal. Silberner Stoff, auf dem sie das Gesicht einer Frau mit feinen Stichen stickte. Da hatte sie bereits ein Geheimnis, da betrog sie bereits ihren Mann in Gedanken. Vielleicht sollten Männer, die frisch aus einem Krieg kommen, nicht als erstes heiraten und so tun, als wären sie noch die Alten. Wem hätte sie erzählen sollen, was mit ihr geschah? Daraus wäre nichts als Schmerz entstanden. Darüber ließ sich nicht sprechen. Also verschloss sie der Frau auf dem silbernen Quadrat mit kleinen schwarzen Stichen den Mund.
Er malte ein Bild für sie, den Blick auf seinen Garten aus dem Fenster heraus, an dem er den größten Teil des Tages saß oder lag. Was du erwartest, kommt niemals von selbst zu dir schrieb sie hinten auf das Bild und dann versteckte sie es in einem Quadrat, ganz klein zusammen gefaltet. Sie nannte das Quadrat einfach nur Geheimnis und es war rot, sonst nichts. Rot wie die Liebe. Nach drei Wochen hatte er einen Rollstuhl und er schaffte es, sich hineinzusetzen und sie fuhr ihn durch seinen Garten. Der Garten der Kowalskis war größer als ein Fußballfeld und verwinkelt mit kleinen gepflasterten Wegen, einem Teich mit Goldfischen, blühenden Blumen in allen Farben, Rosen, einer Steinmauer, die mediterran überwuchert war, an einem Ende. Über die beschwerten sich die Nachbarn auf der anderen Seite gerne und in den Büschen hingen Spiegel und es standen kleine Statuen darin, natürlich keine Gartenzwerge. All das hatte sie von ihrem Zaun aus gar nicht sehen können.  Cornelius war Philosophielehrer an einem Gymnasium in der Kreisstadt, drei Kilometer entfernt von ihrem Ort. Es war ganz einfach zu erkennen, worum es ging, darum, ganz andere Räume zu betreten, als jene, in denen man sich normalerweise in so einer Art Alltag bewegte. Es ging nicht um Dinge, die man erledigen musste oder um Ärger mit den Nachbarn. Es ging um etwas ganz ruhiges, friedliches. Wenn sie wieder zuhause in ihrer Küche war, ließ sie jedes Wort, das sie gewechselt hatten, durch sich hindurch wandern, ging das ganze Gespräch wieder und wieder durch, die Worte waren nicht wichtig, sondern nur Angelhaken, mit deren Hilfe sie sich in den Raum zurück katapultierte und glücklich war. Cornelius’ Garten war ein grünes Quadrat, mit Blüten übersät, die sie alle stickte. Das war eigentlich die einzige Phase, in der sie stickte. Es geht darum, ganz andere Räume zu betreten, innerlich. Auf den Zettel schrieb sie: Es geht nicht um Selbstmitleid. Die Räume waren licht und weit und es gab in ihnen keine Urteile, keine Zwänge.
Als Cornelius ihr mitteilte, dass seine Ehe ein Desaster war, überraschte es sie nicht. Sie hatte genug gesehen, um dies längst zu wissen.  „Hedwig wollte mich eigentlich verlassen. Wir haben vor dem Unfall darüber gesprochen. Sie wollte ausziehen, in eine eigene Wohnung, drüben in der Stadt. Jetzt verstehen wir uns gerade zwar ganz gut. Ich gehe aber davon aus, dass sie mich verlassen wird. Sobald ich wieder laufen kann, werde ich ihr wieder zu bestimmend sein. Ich denke, wir verstehen uns jetzt gut, weil ich nicht viel machen kann.“ Er grinste und ein wenig störte es sie, dass er in ihrer Gegenwart negatives über Hedwig andeutete. „Meine Ehe ist auch nicht so gut, aber es gibt keinen Weg, sie zu beenden.“ Das für dich alles zuende ist konnte sehr verschiedene Bedeutungen annehmen.
Er nahm ihre Hand. „Warum nicht?“ Sie zog sie nicht weg. „Weil ich nicht den Mut habe, Ursels Leben zu zerstören.“ Sie wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Ihr Körper zitterte und sie brachte kein weiteres Wort mehr hervor an diesem Morgen. Schweigend schob sie ihn zurück zum Haus und lächelte, als sie ging. Er winkte ihr zu. Sie kam sich vor, als nähme sie an einer Verschwörung teil.
Selbst wenn Hedwig sich von Cornelius trennen würde, würde sie doch niemals die Kraft aufbringen, sich von Rudolf zu trennen und von Ursel. Es war vollkommen klar, dass sie in ihrem Leben bleiben würde und der Gedanke brachte sie beinahe um den Verstand.
Als sich das Ende ihrer gemeinsamen Zeit näherte, merkte sie, dass sie kaum noch hingehen konnte. Sie hielt die Abschiede nicht aus. Danach ging sie hinüber in ihr Haus und weinte zwei Stunden, manchmal weinte sie den ganzen Tag. Sie weinte beim Kochen und abends vorm Fernseher beim Nähen. Sie weinte im Bett, sobald Rudolf neben ihr eingeschlafen war. Niemand bemerkte etwas. Niemand fragte sie jemals, warum sie so rote Augen hatte oder warum ihr Gesicht so nass war.
Trauer  wurde ihr liebstes Quadrat. Auf grünem Untergrund eine wilde mit Blumen überwucherte Hecke, darin ein Spiegel. Sie hatte einen echten kleinen Puppenspiegel auf das Quadrat genäht.
Am letzten Tag ging sie hin, in ihrer Kittelschürze und ohne Make up, ohne Parfum, und sie trug auch sonst nichts darunter. Sie schob Cornelius, der eigentlich schon wieder laufen konnte, aber sich noch schonen sollte so gut es ging, in einen Teil des Gartens, den niemand einsehen konnte. Sie stellte sich vor ihn und schaute ihm in die braungrünen Augen und dann öffnete sie mit zitternden Fingern unsicher die einzelnen Knöpfe, bis sie fast nackt vor ihm stand. Er zog sie an sich und sie liebten sich dann, ganz langsam im Sitzen, auf dem Rollstuhl. „Das ist mein Abschiedsgeschenk an Dich gewesen“, sagte sie, nachdem sie wieder mit zugeknöpftem Kittel vor ihr stand. Er nickte. Keiner von beiden sprach ein Wort, als sie ihn zurück zum Haus schob. Auf der Terrasse winkte er ab, als sie ihm noch hinein helfen wollte. „Du gehst jetzt besser. Ich schaffe das allein. Ich muss es alleine schaffen und ich kann das.“ Sie schauten sich noch einmal kurz an und dann sie ging sie hinüber und weinte, sie weinte den ganzen Tag.

Ein paar Tage später griff sie zum Telefon und rief ihn an, um ihm ein Angebot zu machen. Er akzeptierte das Angebot.

Montag, 7. Januar 2013

Zora Neale Hurston

"There are years that ask questions and years that answer.”

Zora Neale Hurston, great writer of the american south, born in Alabama on January 7th, 1891 "Their Eyes were watching God" is a fantastic book -
I am sure all her other books are wonderful as well.
I got this one book from a friend, also born in Alabama, and I loved it. It showed me a world, utterly strange and unknown for a young and pretty immature woman from Germany.
I am sure all her other books are wonderful as well and with this short post I want to encourage you all to go out and get one and read it. It is worth it!!!

And this is what Garison Keilors Writer's Almanac wrote about her today:

"It's the birthday of novelist, folklorist, and anthropologist Zora Neale Hurston, born in Notasulga, Alabama (1891). She grew up in Eatonville, Florida, America's first incorporated all-black town. Much of Hurston's writing is set there, and many of her characters are based on the residents. Although she loved her hometown, she felt set apart from others. "Often I was in some lonesome wilderness, suffering strange things and agonies while other children in the same yard played without a care," she said. "A cosmic loneliness was my shadow. Nothing and nobody around me really touched me." When she was 14, Hurston's mother died, and she was passed around from relative to relative. She took a job as a wardrobe girl for a Gilbert and Sullivan repertory touring company. She traveled with them for 18 months, reading constantly. She eventually finished high school in Baltimore while working full time as a live-in maid.
In 1920, she enrolled in Howard University. Her first story, Spunk, was published in Opportunity magazine five years later, when it won second prize in a fiction contest. At the awards dinner, Hurston met author Fanny Hurst, who hired Hurston as her assistant and arranged for her to receive a scholarship to Barnard College. While in New York, Hurston published the "Eatonville Anthology," a series of 14 brief sketches, some only two paragraphs long, including glimpses of a woman beggar, an incorrigible dog, a backward farmer, the greatest liar in the village, and a cheating husband.
On returning to New York, Hurston became part of the Harlem Renaissance. And it was there, in just seven weeks, that she wrote her masterpiece Their Eyes Were Watching God (1937.) It's the story of a black woman in rural Florida named Janie Crawford and her three marriages: the first to the farmer Logan Killicks, who treats her like a slave, the second to the politician Jody Starks, who treats her like a queen, and finally to the penniless Tea Cake Woods, with whom she finally finds true love.
Although for a time Hurston was the most prolific and most famous black woman writer in America, interest in her work faded away in the 1950s, and so did her money. She worked at odd jobs for the next 10 years, writing a few magazine articles every now and again. She wrote three novels that were rejected for publication. Her death in 1960 in a welfare home went largely unnoticed and she was buried in an unmarked grave. In 1973, novelist Alice Walker visited the cemetery and placed a marker in the field where Hurston lay, which reads, "Zora Neale Hurston, A Genius of the South." She wrote an article about the event called "In Search of Zora Neale Hurston" (1975), which sparked renewed interest in Hurston's writing.
Zora Neale Hurston said: "Those that don't got it, can't show it. Those that got it, can't hide it."

Sonntag, 6. Januar 2013

One year after my death


One year after my death
I will still be sitting on my cloud
(my cloud has my name on it with a neon sign,
that’s how I know, arriving in heaven, that it is my personal cloud)
looking down to that place I came from,
and I will be missing everything.
Most of all I will be missing my girls
and I really do not want to go into this
because I am not even sick or something, I will not die soon, probably,
but I still could cry my eyes out thinking about how much I will miss them.
I can get worked up right here and now about this!
Thinking about how much I will still miss them
one year after my death – the thought alone is killing me.
This is ridiculous.

One year after my death
I will miss all the times I laughed
and could still laugh, if still alive.
I wonder: do dead people laugh at all?
I mean this hysterical laughing,
this pee in your pants laughing
I share with my girlfriends and with my colleagues at the office?

One year after my death I will still miss my life,
because it was so alive and I like that about it – I do.
I will probably miss all those things I am bitching about
as a daily routine (one has to have some sort of routine)
I will miss them a lot: bad drivers, insurance companies,
my boss, my life as a housekeeper, dish washing, the daily cooking,
the standing in front of the aisles in the grocery store and wondering:
what the hell should I cook today? the knowledge that somebody at the table
will complain no matter what you cook, the laundry, the dusting,
the rain on my skin, the rain on my window, days in a row,
never ending rain, the melted dirty snow,
the dry air in the winter, that makes my skin wrinkle,
the fact that I am aging,
paying the bills, going to the dentist,
fights with my husband,
my mother, my reading glasses,
the fact that I will not be able to read all the books I want to read,
never having a minute for myself,
cleaning the cat’s litter box (yuck)
my job, looking for a parking space in our neighbourhood,
the summers in Germany,
the winters in Germany.

One year after my death I will still miss life.
Because it is so alive.
I like that about it
a lot!

Samstag, 5. Januar 2013

Ursel - In meinen Himmeln war immer auch eine Ordnung aus Schwäne lieben anders


Ich nahm eine Unordnung wahr. In meinem Kopf schwirrten die Widersprüche meines Lebens aufeinander los. Wie Wolkenbänke prallten sie aneinander und verursachten ein tägliches Unwetter, und nicht selten blieb ich im Regen stehen.
Mein ganzes Leben schien in einer Unordnung verloren gegangen zu sein, Schritt für Schritt hatte sich ein Chaos hineingeschlichen. Schattenlandschaften jagten über meinen Himmel, der niemals klar gewesen war, nicht tiefblau, nein, das nicht. Meine Himmel waren immer Wolkenkreaturen gewesen, aber still, Schäfchenwolken manchmal, oder Bänder über ein blasses Blau gezogen wie Tücher aus heller Seide, niemals zuvor diese schwarzen Wolkenungetüme, die den Himmel an sich rissen. Da war immer auch eine Ordnung gewesen in meinen Himmeln.
Ich hatte einen Weg gesehen, das schon ganz früh, das eigentlich schon mit dem ersten wirklichen Buch, das ich las. Es war Das Tagebuch der Anne Frank. Das nächste Buch war von Hesse und danach habe ich mich durch alles gegraben, was es mit bunten Kleidern damals von Suhrkamp gab. Regenbogenfarben, ordentlich nach Farben im Regal sortiert.
Der ganze Weg war von Büchern gesäumt, eines folgte dem nächsten, als wiese mir die aktuelle Lektüre den Weg zum nächsten Buch, und jedes Buch markierte einen neuen Schritt in die Richtung, die mich an ein Ziel führte, das ich nur diffus erahnte, das aber sehr viel mit Glück zu tun haben würde. Ich wusste immer, wie es weiter gehen musste. Da war ein roter Faden, dem konnte ich folgen und es war ganz einfach. Während ich las, füllte ich ein Notizbuch nach dem anderen. Ich führte Buch über mein gesamtes Leben, innen wie außen, da war eine Tintenspur, die alles zusammen hielt, seitdem ich das Lesen entdeckt hatte, zwölf Jahre alt.

Rosenkranz

Ein goldener Faden
viele Jahre lang
Dekaden lang
viele
bin ich trunken von Hoffung -
rote Perlen, kleine und große, dunkel- und hellrote, alle Rottöne dieser Welt
auf einem goldenen Faden
aufgereiht -
MEIN LEBEN
entlang diesem Faden.
Wie eine blinde Frau mit einem inneren Auge,
lese und schreibe ich von diesem inneren Auge
geführt,
die Bedeutungen.
Jede Perle hat eine Bedeutung.
Meine Freundin Gabriele 1969,
Das Tagebuch der Anne Frank,
ich fand es in dem Buchladen am Marktplatz, 1965,
in dem ich täglich war,
nach der Schule.
Nachhause wollte ich eigentlich nicht.
Der Freund meines Kommilitonen,
der mir als erster von Buddhismus erzählte 1973.
Jede Perle hat mein Leben verändert
oder ich sollte sagen,
enthüllt.
Es wurde, was es werden sollte
von Anfang an.
MAGIE!
Das erste Buch von Suzuki Roshi,
in einem Buchladen in der Südstadt,
Köln, 1973, auf Englisch.
Es war eine magische Zeit!
Der Buchladen ist eine große Perle.
Köln ist noch größer- um nur einige zu nennen.
Meine Kinder – die größten Perlen.

Da sind so viele mehr.
Mein Leben
Mein Leben
Mein Leben

Meine Art, magisch zu denken ist,
dass ich weiß,
ich weiß,
ich weiß,
der Faden mit all diesen Perlen
war schon da,
war immer schon da,
wird bleiben.
Ich muss einen Weg von Perle zu Perle finden -
eine blinde Frau
mit ihren Büchern
eine blinde Frau
mit ihren Notizbüchern.
Der Weg offenbart sich nicht immer leicht,
liegt nicht gerade vor mir bis zum Horizont.
Da sind Jahre, die im Nebel verschwinden,
vergangene, aber auch zukünftige.
Wohin mich wenden?
Ganze Dekaden, in denen ich mich
durch und durch
verloren fühlte,
in denen ich mich
durch und durch
verloren fühle -
mein Leben -
ein magischer blinder Spaziergang
entlang an einer Reihe von Perlen,
aufgereiht auf einem goldenen Faden,
führen sie mich
ans Ende.
Die letzte wird ganz nah bei der ersten sein.
Ich werde es wissen,
sobald ich sie berühre.

Der Faden riss, sofort, nachdem ich Jürgen kennen gelernt hatte. Es war das Aufeinanderprallen zweier Welten, Wirklichkeiten, und ich war unverzüglich bereit, alle bisherigen Wichtigkeiten sich in Nichts auflösen zu lassen. Da war kein Wert, der noch gegolten hatte. Da war nur diese unwiderrufliche Sehnsucht, seine Haut zu spüren, nicht mehr allein zu sein.
Die erste Wohnung, in der wir lange wohnten, in der wir zwei Kinder bekamen, war zu klein, das Leben so eng, dass Bücher, Zeit zu lesen, zu schreiben nicht mehr übrig blieben. Nachdem die Kisten von Geschirr und anderen Alltäglichkeiten entleert waren, der Wickeltisch und das Kinderbett aufgestellt, wanderten die Bücherkisten in den Keller, auch die Notizbücher. Sie waren der Schnee von gestern. In meinem neuen Leben fanden sie keinen Raum. Der Faden gerissen.
Als wir sie endlich nach oben holen konnten, in der neuen Wohnung, wo ich eine kleine Kammer für mich bekam, da begann die Suche für mich und ich schaute in den Himmel, ob da noch jene Wolkenformationen zu sehen waren, die ich von früher kannte. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, bei jeder Gelegenheit, und suchte die Ordnung. Meine. Das war ein Unterschied.
Es ist so: Wenn man sein Leben in Ordnung bringen will, tritt man unter Umständen eine sehr lange Reise an und deshalb stand ich früh auf an jenen Tagen, an denen ich begann, meine Familie zu verlassen. Damals wusste ich noch nicht, dass dies das Ergebnis meiner Reise sein würde. Ich stand früh auf, so wie meine Mutter, als erste, aber nicht, um die Öfen zu heizen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, wenn es draußen noch dunkel war und versuchte lesend, eine Ordnung zu finden, schreibend eine Ordnung wieder herzustellen, während langsam der Tag zwischen den Häusern hervor in die Straßen und durch die Fenster in die Häuser kroch, auch in meines, praktisch gegen meinen Willen. An so manchem Morgen wünschte ich, es würde niemals hell werden. Ich könnte mich für immer in dieser Dunkelheit nur um mich selbst drehen. Es stimmt: Ich war mir wichtig damals.
Die Schatten lösten sich auf, Vögel zwitscherten im Hof. Die Mitglieder meiner Familie entließen sich vom Bett in den Tag. Der Ablauf war eingetaktet wie in einer Fabrik oder einer gut aufeinander abgestimmten Manufaktur. Ich machte mit. Ich widersetzte mich nicht. Aber ich war schon da ein Außenseiter. Ich saß an der Außenseite, wir stellten das Produkt Familie her, ich reichte Dienstleistungen herein, aber ich verstrickte mich nicht mehr wirklich und in der Peripherie fühlte ich mich am wohlsten. Denn dort war ich mit mir allein.
Ein Leben ist aus so vielen Fäden gewoben. Nicht nur einer davon ist rot. Manche haben sich verknotet, auch rote, unter anderen. Die Finger werden einem wund bei dem Versuch, sie zu entwirren. Da ist immer die Angst, es könne einer davon reißen, für immer, verloren ein ganzes Leben sodann, so dass ein Anschluss schwer werden dürfte, vielleicht unmöglich. Das ist natürlich die größte Angst. Unmöglich! Es musste all dem eine Ordnung zugrunde liegen und die versuchte ich zu erkennen, schreibend und lesend.
Ich begann zu schreiben als ich zwölf Jahre alt war. Ich tat es, um meinem unglücklichen Zuhause zu entfliehen. Es öffnete einen Raum für mich, in dem ich eine andere sein konnte. Ich begann also zu schreiben, weil ich eine Autorin, eine Schriftstellerin sein wollte, und das war im Grunde jemand oder vielleicht sogar etwas, mit dem niemand in meiner Familie von Arbeitern, Hausfrauen und Bauern jemals in Berührung gekommen war. Schriftsteller waren eventuell nicht einmal Menschen, aber wenn sie es doch waren, dann lebten sie sehr weit weg von unserem Zuhause und suhlten sich in einem faulen und wertlosen Lebensstil. Ich liebte das und wollte genau das auch tun.
Es gab kein Buch bei uns außer denjenigen, die ich zu kaufen begann von meinem Taschengeld. Ich gab mein ganzes Taschengeld für Bücher aus. Ich verbrachte jeden Nachmittag in dem Bücherladen in der Nähe meiner Schule. Das erste Buch, das ich mir kaufte, war Anne Franks Tagebuch. Es gehört auf die Liste jener Bücher, die alle lesen sollten, bevor sie sterben. Ihr Schreiben berührte mich so sehr, dass ich mein eigenes Tagebuch begann, nachdem ich ihres gelesen hatte. Viele Jahre lang begann ich jeden Eintrag darin mit „Liebe Anne“, so wie sie die ihren mit „Liebe Kitty“ begonnen hatte. In meiner Vorstellung war Anne Frank meine Seelenverwandte, meine beste Freundin, die Person, der ich alles mitteilen konnte, meine Sehnsüchte, meine Klagen. Ich begann zu schreiben, um zu fliehen und auch um jemand zu werden der möglichst weit entfernt von meinem Zuhause war.  Während ich immer noch in meiner Kindheit gefangen war, mutierte ich allabendlich an meinem Schreibtisch in meinem winzigen Zimmer mit der braunen Blümchentapete in eine berühmte und sehr kluge Person. Es zeigte sich mir sehr schnell, dass ich es liebte, an einem Schreibtisch zu sitzen und dass mich Bücher, Notizbücher, Stifte regelrecht süchtig machten. Ich kann mich besoffen schnüffeln an dem Duft einer Buchhandlung. Ich verbrachte in der Oberstufe sehr viel Zeit in der Schulbibliothek, lesend, und schreibend über das, was ich las und ich entschied dort, dass ich Philosophie studieren würde, um noch mehr lesen und schreiben zu können. In meinen Träumen lebte ich in Paris und war eine enge Freundin von Camus, Sartre und de Beauvoir. Ich hatte den Traum, veröffentlicht zu werden, berühmt zu werden, reich sogar. Ich wollte wie Simone de Beauvoir, wie Ingeborg Bachmann sein, ich wollte wie ein Bohème leben und bis ich fünfundzwanzig Jahre alt war, fand ich die Vorstellung noch nicht einmal schlimm, mich umzubringen oder in meinem eigenen Bett zu verbrennen, gerne in Rom, weil meine Zigarette aufs Kissen fällt, Feuer fängt und ich zu benebelt bin, um es früh genug zu bemerken, bis ich tot bin, da merke ich es vielleicht, aber es macht nichts mehr. Die Idee berühmt zu werden wegen eines berühmten Todes machte mir nichts aus, im Gegenteil. Ich war total verliebt in das Bild der weiblichen, verzweifelten Poetin, ich trank ihre Gedichte, Sylvia Plath, Anne Sexton….Ich war bereit, tief in die Materie der menschlichten Traurigkeit einzutauchen und darüber zu schreiben. Ich glaube, ich änderte meine Meinung über das tragische Sterben, als ich fünfundzwanzig Jahre alt war. Ich meine, ich habe nie wirklich etwas getan, das mich in Gefahr gebracht hätte außer zu viel zu rauchen und ein bisschen  zu viel zu trinken. Es war mehr die Idee eines tragischen Lebens, die mich ansprach, nicht es wirklich zu leben. Ich war niemals der Typ für Stress und Leiden.
In den Jahren, in denen meine schreibende und meine lesende Persönlichkeit unter einem Berg von Familienleben begraben lag, da kam ich vielleicht den tragischen Gefühlen von Frauen wie Sexton und Plath näher, als mir lieb war, und sie waren ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte.
Zurück im Schreiben verbrachte ich sehr viel Zeit damit, diese Dinge genau auszuloten und festzulegen, zu welchem Punkt sie mich bringen würden, so dass ich mich dort konkretisieren konnte. Es gab ein  Muster, das allem eingewoben war. Solide und sicher. Fand ich es, so hoffte ich, würde ich genau wissen, was zu tun war. Ein Muster würde die Richtung weisen, in die ich mich bewegen musste. Ein Muster war für mich nur schreibend zu finden. Ich webte eine Decke aus Worten, unter der ich mich versteckte, mit mir allein. Das waren bei weitem die besten Momente. Eine Außenseiterin an der Peripherie unter einer Decke aus Worten lag ich ausgestreckt im Schatten des nahenden Tages, im Schatten der fliehenden Nacht, Schwester, Heimat, und stellte mir Fragen. Diese Fragen waren wie Koans. Denn die Antworten lagen im Bereich jenseits aller Worte, allein und sehnsuchtsvoll. Finde mich! Finde mich! Es war ein Springen in den Abgrund und im freien Fall offenbarten sich die Antworten, die niemand aussprechen konnte. Aber alle wussten sie. Wie viele Familien basieren darauf, dass eine Mutter ihr tiefstes Inneres verleugnet, jeden Morgen als erste aufsteht oder als letzte zu Bett geht, nicht, um nach der Wahrheit zu suchen, sondern um die Öfen zu heizen? Wie viele Familien basieren auf dieser Wärme, die vor ihrem Erwachen tagtäglich produziert und dann über den Tag hinweg durch ein stetiges Bemühen aufrecht erhalten wird? Manche findet beim Heizen ihre Wahrheit, fast gegen ihren Willen und behält sie für sich, weil es ihr nicht möglich ist, eine Familie zu zerstören, weil ihr der Schmerz der anderen eine solche Angst einjagt, dass sie es vorzieht, zu verharren. Wie viele Frauen werden inwendig zu steinernen Statuen einer Idealvorstellung, die in den Köpfen alter Männer geboren wurde und verlieren ein ganzes Leben dabei?
Ich hatte es nicht in mir, diese Frau der Wärme  zu sein. Ich fand die Antworten und sie waren ein Traum, wortlos zunächst,  Frau der Kälte, bis ich ihn einkleidete in kleine Fetzen aus Gedankenreihen, aneinander geknotet, hielten sie ihre winzigen Händchen, Poesie, all die Träume, unter meinem schützenden Silbenmantel zusammen und warteten auf ihren Ausdruck, Musik, Ausbruch auch. Natürlich ist es dann wie eine alles zerstörende Explosion gewesen. Die Wahrheiten, die Klarheiten drängten sich, der Damm war nun einmal geöffnet, er ließ sich nicht mehr verschließen, mit einer Mächtigkeit auf, dass es ein Zurück nicht mehr gab.

Hinter der Tür lauscht
eine Antwort
auf die Frage
die ich nicht stellte,
bisher,
lauscht eine Frage
auf meinen Atem
stelle mich
stelle mich
an die Wand
hinter den Schrank.
Ruhig fließen die Tage
dahin die Tränen
ins Tal.
Hinter der Tür
wartet die Liebe
auf ihren Einsatz
Zauber
horcht eine Antwort
auf eine Frage
ohne jeden Sinn
die sich selber stellt
atemlos
willenlos.
Nur so
geht es voran
ins Tal.
Hinter der Tür
rauscht der Fluss
der vorherrschenden Meinungen
und fährt den
Fragen
den nicht gestellten
über den Mund.