Berlin

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Montag, 29. August 2016

Buch der Woche - Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar


Nachts ist es leise in Teheran"Wir haben gedacht wir machen das einzig Richtige, hat mein Vater gesagt, das beschützt einen vor der Realität."

Vielleicht ist dies das Buch, das mir bisher am eindrücklichsten und doch unaufgeregtesten verdeutlicht, was es heißt, ins Exil zu gehen, weil man in seinem eigenen Land so derart bedroht ist, dass man dort nicht mehr leben kann.

Shida Bazyar schreibt in ihrem Buch Nachts ist es leise inTeheran, erschienen im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag, die Geschichte einer iranischen Familie, die nach der Revolution gegen den Schah das Land verlassen muss, weil die Ayatollahs ein mindestens so brutales Regime installieren, in welchem alle gefoltert werden und/oder sterben, die sich den strengen Gesetzen nicht fügen, die den Gotteskriegern nicht passen. „Pahlavi war böse, sagt er, er war ein böser und schlimmer Mann, aber diese Geistlichen, die machen alles noch viel schlimmer, Khomeini war ein Mörder, Laleh, es sind Mörder, die dieses Land regieren.“ sagt Lalehs Großvater zu ihr, als sie das erste Mal Iran besucht. Er ist Behsads Vater und hat seinen Sohn seit dessen Flucht nicht mehr gesehen. Die Familie war heimlich geflüchtet, damit niemand einen Verdacht schöpfte und unter Umständen damit selbst in Gefahr geriete.
Die Geschichte wird in vier Kapiteln und einem Epilog erzählt, jeweils von einer anderen Person. Zuerst erzählt der junge Behsad wie er kämpft gegen den Schah und dann in den Untergrund geht nach dem Sturz des Schahs, als verschiedene Gruppen erst mit- dann gegeneinander für ein neues Iran kämpfen. Es ist das Jahr 1979 und er lernt Nahid kennen, eine belesene Literaturstudentin, die ebenfalls, wie er,  auf Seiten der Sozialisten steht. Ihr Vorbild ist Che Guevara. Sie träumen davon, das Iran wie Kuba wird. 
1989. Nun erzählt Nahid, die mittlerweile seine Frau ist, von ihrem Leben in Deutschland nach der Flucht dorthin, ihr Asylantrag ist noch nicht entschieden, sie leben in einem Zustand von Unsicherheit, dürfen nicht arbeiten, nicht studieren. Es ist für mich immer wieder spannend, Deutschland, mein Land, aus der Sicht eines Menschen geschildert zu bekommen, die hierher kam, um Sicherheit zu finden. Der alles fremd ist, selbst die Menschen, die ihr freundlich gesonnen sind. „Frau Sommer trinkt vom schwarzen Tee. Frau Sommer tut immer so, als wäre das ein ganz besonderer Tee, den wir trinken. Die ersten Male hat sie immer gefragt, wie ich den mache. Ihre Blicke haben den Samowar gesucht, und ich habe ihr den kleinen verkalkten Wasserboiler gezeigt. Und dann die Teebeutel aus dem Supermarkt, der immer nach Radieschen und Essig riecht, wo immer etwas auf den Boden gekippt wurde.“ Zu jener Zeit gingen Behsad und Nahid noch davon aus, dass sich in Iran alles wieder ändern würde, dass das Unrechtsregime der Ayatollahs nicht lange dauern konnte. Sie gingen davon aus, dass sie bald nach Iran zurückkehren könnten. Der Aufenthalt in Deutschland war als Übergang gedacht, als Pause, bevor sie wieder in Iran leben konnten.
Das Buch leistet insofern zwei Dinge in wirklich fabelhafter Sprache und Erzählkunst: Es schildert uns Deutschland aus der Sicht von Flüchtlingen, und was könnte heute aktueller sein? Zum anderen schildert es uns das Leben und das Innenleben von Flüchtlingen. Auch das so aktuell wie kaum ein anderes Thema. Wir lesen, wie es sich anfühlt, die einzige Mosle in einer Klasse von Christen zu sein, und niemand merkt, jahrelang, dass bei Mosle das m hinten fehlt. Immer steht in ihrem Zeugnis das Wort Mosle, wo bei den anderen katholisch steht oder evangelisch. Laleh, die Tochter von Beshad und Nahid, fühlt sich anders, auffällig und versucht dies, mit besonders guten Noten wettzumachen.
Das dritte Kapitel erzählt uns diese Tochter, Laleh, 1999. Sie erzählt von einer Reise nach Teheran, der ersten seit der Flucht. Es scheint, das Land öffnet sich dem Westen. Es ist möglich, wieder hinzufliegen ohne die Angst, gleich verhaftet zu werden. Sie fliegt mit ihrer kleinen Schwester Tara und ihrer Mutter nach Teheran. Der Vater kommt nicht mit. Denn in dem Land wurde sein Freund im Gefängnis ermordet und er kann und will diesen Mord nicht legitimieren, indem er in diesem Land Urlaub macht. Die Tochter, aufgewachsen in Deutschland, vergleicht die beiden Länder, ihr Leben in Deutschland mit dem Leben, das sie in Iran haben würde. Sie kann sich ein Leben in Iran nicht mehr vorstellen und ist trotzdem emotional vollkommen aufgewühlt von den Erinnerungen, von den Menschen, die sie wieder verlassen muss.
„Tara hat sie einfach erst mit zehn kennengelernt, die Tanten und Onkel, und ich beneide sie darum, denn besser, man vermisst seinen Onkel erst ab zehn, als ab vier. Vielleicht hätte ich Tara schon viel früher sagen müssen, dass es wehtun wird, sie kennenzulernen und wieder zu gehen, vielleicht wäre das meine Aufgabe gewesen.“
2009, Mo erzählt, der Bruder von Laleh. Er studiert, aber eigentlich fühlt er sich fremd, verloren. Er schaut Tagesschau, verfolgt die grüne Bewegung in Iran auf You tube und fragt sich, warum er nicht dabei ist, sagt sich, dass er dabei wäre, wenn er dort leben würde. Er sagt sich auch, dass sich jetzt alles ändern kann und seine Eltern vielleicht doch noch zu den Gewinnern gehören werden. "Dabei ist das doch der Kampf meiner Eltern, der dort fortgeführt wird, dabei müsste doch gerade mein Vater dort sein, um zu sehen: Ihr Kampf ist nie gescheitert, er musste nur pausieren." 
Am Ende steht der Epilog, erzählt von der jüngsten Schwester Tara, das einzige in Deutschland geborene Kind der Familie. Ein Blick in die Zukunft. Ein Wunschtraum.

Die Autorin schafft es scheinbar mühelos, jedem einzelnen der ErzählerInnen eine ganz eigene Stimme zu geben. So erleben wir die Geschichte aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven, in verschiedenen Zeitfenstern, die die Geschichte eines Exils dokumentieren, Schritt für Schritt, Generation für Generation. Es zeigt so deutlich, warum jemand kommt, dass jemand eigentlich nur vorübergehend bleiben möchte, weil er natürlich eine Heimat hat. Es zeigt auch, wie viel emotionales Trauma geschaffen wird durch Unrechtsregime und wie vielschichtig dieses ist, und dass es nicht aufhört mit der Flucht, auch nicht für jene, die bereits in Sicherheit geboren werden. Dieses Buch, das über Iran erzählt, war für mich von der ersten Seite an übertragbar auf alle Länder, in denen momentan Mörder herrschen. Vor allem dachte ich oft an Syrien und seine Flüchtlinge. 

Während des Lesens dachte ich immer wieder: ja, warum nennen wir diese Menschen Flüchtlinge? Warum nennen wir sie nicht eigentlich Exilanten? So wie Thomas Mann ein Exilant war? Oder Bertolt Brecht. Denn auch in unserem Land haben ja einmal die Mörder regiert. Exilant hört sich viel großherziger dem Menschen gegenüber an, freundlicher als Asylant, hinter welchem Begriff sich heutzutage die Vorverurteilungen auftürmen. Asylanten sind Menschenmassen, die uns scheinbar überrollen. Exilanten sind Individuen mit intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten, welche eine Bereicherung darstellen für das Land, in das sie kommen. Ich weiß nicht, ob nur ich diesen Unterschied spüre.

Lesen, das ist mir bei diesem Buch wieder sehr deutlich geworden, ist für mich vor allem auch die Möglichkeit, meine eigene subjektive Sicht auf die Welt immer wieder neu zu öffnen, weit zu öffnen, und zu verstehen, wie begrenzt jeder einzelne von uns die Welt sieht. Wir wissen nichts von den Menschen, die zu uns kommen. Noch nicht einmal, wenn wir es glauben. Das Leben, das sie hinter sich lassen mussten, ist so anders, als alles, was wir kennen. Wir können es uns nicht vorstellen. Ihre Verletzungen sind so brutal und so vielschichtig, wir können keine Ahnung davon haben, denn wir haben durch die Gnade unserer Geburt (Ort & Zeit) so etwas noch nicht einmal im Ansatz erlebt. Die Generation unserer Eltern, zum Beispiel mein Onkel, der aus Schlesien hierher flüchten musste als kleiner Junge, der seine Mutter dennoch erfolgreich vor einer Vergewaltigung durch russische Soldaten beschützen konnte, der versteht sie. Er weinte einmal bei mir am Telefon, als er über diese Menschen sprach, die hier so oft so ohne jedes Mitgefühl empfangen werden. Er konnte sich erinnern, wie er sich damals fühlte als Fremder. Selbst wenn wir sie wärmen, sie nähren, sie freundlich aufnehmen, können wir ihnen die Angst um all jene, die noch dort sind, im Bombenhagel, in Folterkellern, wir können sie ihnen nicht nehmen. Wie auch? Es ist ihr Leben, das dort, in diesem fremden Land, gerade zerstört wird. Während sie ihre Haut gerettet haben und vielleicht ihre Kinder, die jetzt hier groß werden, und die alte Heimat irgendwann kaum noch wieder erkennen werden. 

(c) Susanne Becker

Freitag, 26. August 2016

poem for a bear





Today I wrote a poem in my head.
I was still asleep, now I do not remember
its words.
Today I saw a bear,
in my dreams only,
he did not look at me.
His profile was beautiful.
He had more dignity than any other being, I ever saw.

I am the invisible woman,
writing poems, in my head only,
where they belong.
Today I did yoga with a view
into the vast landscape of northern New Mexico.
It is like the sky, but in landform.
It is like the ocean, but in landform.
Today is my first day in Herekeke.
Somehow, I can already tell,
that magic is at work here.
Opening senses, I did not know, I possessed.
My thoughts are talking in verses to me,
too fast to catch, to put on paper

I am the invisible woman.
Someone is writing poems in my head,
for bears to read.


(c) Susanne Becker



Mittwoch, 17. August 2016

Afraid to leave "the zone"


Today was a good day. I awoke at about 6 a.m. to a blue sky. The air was cold, but also mild. August feels like october, but thats okay.
I was very happy to be alive, until I remembered, that I was supposed to fly to New Mexico in exactly 7 days. Not good!
I was afraid to go to New Mexico.
I stayed in bed another hour and the fear was like a storm in my body. Also in my brain. So many thoughts about accidents, misfortunes, bears, the darkness, the loneliness, losing my mind actually.
This has been so every morning for the past 2 or 3 weeks. I am nervous to go. I am afraid of all the things, which could happen, to me, but more so to Lilly. Am I endangering my little daughter by bringing her to New Mexico?
Mainly, I am afraid to leave my comfort zone. So I hear my dead mother’s voice very much alive in my head: „You are crazy! Are you crazy? What do you want in New Mexico? Do you want to be killed by terrorists? What will you do, if a bear attacks you? Are you crazy to leave your other daughter?“ And on and on she rumbles in my head, like she never died, like she was still on the phone with me. Our conversations, two times a week, would always sound like this: „You are crazy! Are you crazy?“  I can feel her voice in my blood stream, its probably turned into some genetic material by now and will shape generations to come.
When I am afraid enough to ponder the idea, that I might be crazy and should stay home, I again hear my moms voice and she says: „Well, if you don’t want to, you don’t have to go!“ She said that all the time, whenever I thought about doing anything different from what we usually did. I still wonder, how I ever left Lützenkirchen and made it to Berlin, frankly. "You are crazy! What do you want in Berlin? You wanna be unemployed and sink into some drug abyss? Are you crazy?"

I am afraid to leave my comfort zone. Which means: I am afraid to lose control. Which means in the end: I am afraid to somehow die. No, worse: I am afraid, that somehow my daughter will die and its my fault.
Leaving my comfort zone, losing control, about what? About every tiny detail of my life. I am an angry person. Mostly, I am angry about being trapped in, what only a few lines ahead I called, my comfort zone, which can turn out to be a pretty narrow and dark box. This boring everyday life, in which nothing much happens. Stuck!
Lets face it, comfort zones are comfortable. Therefore, people like them. Therefore, they are traps. Which does not bother everybody. This is okay. Not everybody has to be adventurous. We need people, who love their normal lifes. The point is, I always wanted to be courageous and adventurous. I always longed to leave my comfort zone, always.
Some people hate to be challenged. They could stay on their couch all day, watch tv, going to bed early, knowing exactly what they will eat the next day for lunch at exactly noon, every day, plates on the table at noon. This was my mother. I can not remember her ever longing for something. I can not remember her ever having lunch later than noon. Of course, she was complaining all the time, which might have been, I am just suggesting here, a sign for her suppressed longing, but outwardly, she hated change and criticezed everybody, who caused change. So, yeah, she blamed life, all the time. The big changer!

So, whenever I tried to leave my comfort zone, which was for the longest time pretty identical with her comfort zone, she would feel threatened. Then I would also feel threatened. Because, in my moms eyes I could read, that everything outside of our mutual comfort zone was horrible, and dangerous. So, usually, I would decide to draw back. It took me a long time, to realize, that this withdrawal had nothing to do with me not wanting to leave „the zone“, but with fear. Fear is the biggest enemy of growth. If you want to grow, you have to face down your fears. Its a plain fact. Don't even waste time on arguing about it. Use that time to face your fears. If you want to grow, that is. You don't have to, if you don't want to. Actually, this would be a pretty intense spiritual practise, to confront a fear every day. Do something, which demands your courage, every day. Wow, that IS scary.

As long as I followed my family’s interpretation of those weird feelings, rushing through my body, creeping through my guts, whenever I thought about daring something new, something wild, I thought by not doing it after all, I was following my own free will. Like my mom said: „If you don’t want to, you don’t have to.“ And nobody was more relieved then her, when I changed my mind and stayed on the couch with her, because I obviously didn't want to...
So it took me a long time to realize: I actually wanted. Every time, I wanted to go out and explore and venture. I so longed to be adventurous and courageous. It was just, that I was afraid.

When I wake up at 6 a.m., sky blue, air mild, me afraid to leave my comfort zone, it takes me a while to realize, that I want to go, and that fear is a beautiful partner, if you want to practise to be courageous, do it every morning, at 6 a.m., like me. Just observe your thoughts and feelings and do not take them seriously. After a while, you calm down, you understand, that flying to New Mexico next Wednesday is a beautiful thing to do!

When my mom was dying, she had left her comfort zone completely behind. I still wonder, how she did that. But it felt like, she embraced the unknown, she was happy to finally jump into the wildest adventure imaginable for humans. During her last minutes on this earth, she looked at me, I embraced her and I said: have a safe trip, mom. She was not afraid at all. She ventured.
The day had been good. Blue skye, the air mild for february. She started her journey at 6 p.m.
I bit my tongue, but I really wanted to say: you are crazy! are you crazy? just to make her smile, one last time. She had humour, you know, especially, when she was dying, she smiled about everything. 


(c) Susanne Becker

Dienstag, 16. August 2016

Buch der Woche - Die Glücklichen von Kristine Bilkau


"Das ist wieder einer dieser Momente, wenn etwas schmerzhaft schön ist und alles eine Einheit bildet. Sie, das Kind, die Wärme, die Ruhe, in solchen Momenten kann sie ein leises Ticken hören; dieser Moment wird nicht bleiben, sie wird ihn verlieren, vielleicht vergessen, ... Stillstand im schönsten Moment, das geht nicht, denn das hieße zu sterben."

Der Roman Die Glücklichen von Kristine Bilkau ist ein kleines Meisterwerk, das ich beinahe übersehen hätte. Denn beim ersten Anlesen vor ein paar Monaten hat mich das Buch gar nicht gepackt. Ich hatte das Gefühl, meine eigene Geschichte, diejenige meiner ganzen Umgebung zu lesen, ein Klischee. Das wollte ich nicht. Ich legte es zurück auf den SuB und war eigentlich fest entschlossen, es irgendwann zu verschenken, zum Beispiel an Leute ohne Kinder oder Senioren, Leute, für die dieses Buch wie die Beschreibung einer exotischen Welt anmuten muss. Leute, die sich nicht vorstellen können, wie prekär es heutzutage sein kann, das Wagnis einer Familiengründung zu unternehmen. Wie tief die Gefühle, die Verunsicherung sind und wie groß die Existenzangst werden kann.

Genau dieser Punkt der großen Ähnlichkeit war es dann aber am Wochenende, als ich dem Buch im Garten unter dem Kirschbaum seine zweite Chance gab, der mich sofort hinein zog in die Handlung. Die Geschichte einer ganzen Generation las ich da. Die Situationen, die dabei aufkommenden Gefühle, alles erkannte ich bis ins kleinste Detail wieder aus dem ersten Lebensjahr meiner ersten Tochter. Wie Kristine Bilkau die Befindlichkeiten ihrer beiden Protagonisten zu Papier bringt, da zeigt sie großes, psychologisches Können.
Diese Zeit, die ja eigentlich so ein bisschen die glücklichste im Leben eines Paares sein sollte und es in vieler Hinsicht auch ist, auch für mich war sie dennoch seltsam angespannt und brachte mich nicht selten, so wie die Protagonistin Isabell, beinahe an den Rand meiner Nervenkapazitäten mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Baustellenlärm (ja, Tatsache, wir hatten in den ersten Monaten auch eine Baustelle im Haus!), ständigem Schlafmangel, abendlichem zur Arbeit rennen, sobald der Mann zur Tür rein kommt und Großeltern, die weit weg und/oder eher unbrauchbar waren. Wie bei ihr und ihrem Mann Georg kamen dann die Angst vor Verlust des Jobs, Mieterhöhungen oder andere Veränderungen der prekären Lebensgrundlage, die sich die ganze Zeit am Rande des finanzierbaren herumschlug, hinzu, nicht weil mein Mann und ich schlechte Jobs gehabt hätten, sondern einfach, weil wir in einer Zeit Eltern geworden waren, wo es Sicherheit kaum noch gab, wo der Fulltimejob eines berufstätigen Elternteils nicht mehr ausreichte, um die Existenz einer Familie zu sichern, man also mit zwei Jobs und den daraus resultierenden knappen Zeitressourcen jonglierte. Außer man hatte reiche Eltern oder einen Job als Beamter. "Zu spät geboren.... Zu spät, um an seinen Beruf glauben zu dürfen, ohne Angst vor Zahlen und Umstrukturierungen. Wie gut hatten die alten Kollegen es noch. Sie strahlten diese Sicherheit aus, den richtigen Job gewählt zu haben. Im Sommer gings ins eigene Landhaus, Provence oder Toskana, und die Rente war auch komfortabel. Er fühlt sich jeden Tag ein wenig kleiner. Zu spät, um ein Familienvater zu sein, der etwas Bleibendes aufbaut. ..."

Isabell und Georg leben mit ihrem kleinen Sohn Matti in einer schönen Altbauwohnung, in einem angesagten Viertel, in einer deutschen Großstadt. Isabell ist Cellistin und hat gerade nach der Babypause wieder angefangen zu arbeiten. Jeden Abend, ausser montags, muss sie in den Orchestergraben und bei einem Musical spielen, inclusive Solo. Leider zittern neuerdings ihre Hände, unkontrollierbar, vor allem beim Solo. Natürlich eine Metapher für die Grundverunsicherung, die sie empfindet, auch durch die neue Rolle als Mutter, in der sie alles unbedingt ganz richtig machen möchte. Sie fürchtet, dass sie bald auf das Zittern angesprochen werden wird, dass sie ihre Arbeit verlieren könnte. Ein Teil von ihr wünscht es sich auch. Dieser Teil möchte sich ganz zurück ziehen in ihr höhlenartiges Mutterleben mit einem Säugling. Immer noch schläft Matti die Nächte nicht zuverlässig durch, der Schlafmangel rüttelt an Isabells Nerven. An den Tagen kommt sie nicht immer dann zum Üben, wenn es nötig wäre. Ihre "Pausen" sind nicht mehr abhängig von ihrer eigenen Planung, sondern von tausend kleinen Umständen: wird Matti schlafen, werden irgendwelche Geräusche ihn vorzeitig wecken?
"Die Erkenntnis, keinen Einfluss auf den Lärm und die Launen ihres Kindes zu haben, macht sie noch ungeduldiger; die Zeit zum Üben hängt am seidenen Faden, ..."
Der Druck auf Isabell wächst und als Leserin spürt man ihn mit jeder Zeile zunehmen. Man spürt, wie sie langsam an den Rand ihres Lebens gedrängt wird. Man zittert dem Moment entgegen, in dem sie über diesen Rand hinwegstolpern könnte. Man ahnt nichts Gutes.

Das Haus ist eingerüstet, wird saniert. Das ist nicht nur wegen des ständigen Lärms am Tage eine Bedrohung, sondern es könnte auch eine Mieterhöhung nach sich ziehen. Werden sich Isabell und Georg diese Wohnung, in der Isabell schon mit ihrer Mutter als Kind gelebt hat, noch lange leisten können? Ist es nicht ein Merkmal unserer Generation, dass man ständig fürchtet, das Haus könne eingerüstet, saniert, wärmegedämmt werden und man selbst lebt am Ende irgendwo am Stadtrand in einer Platte mit Blick auf die Autobahn?
Georg ist Redakteur bei einer Zeitung. Er arbeitet an einer Serie über Aussteiger, über Menschen, die alternative Lebenskonzepte versuchen, auf dem Land. Nebenbei klickt er sich durch Immobilienportale, checkt Häuser in allen möglichen Gegenden, Häuser mit Garten aus, und stellt fest, dass er sich mit seinem Gesparten noch nicht einmal die Grundsteuer würde leisten können.
Dann kommt die Betriebsversammlung, wo man per Videoübertragung aus dem Haupthaus des Verlags darüber informiert wird, dass zwar erst einmal alles so weiter geht, es aber zu Umstrukturierungen kommen wird. "Die Einleitung, freundliche, einstudierte Floskeln. Lange Phase der Verhandlungen, schwere Entscheidung, Tradition und Veränderung, große Herausforderungen, Formulierungen, die zu erwarten waren. Depressive Marktlage, neue Besitzer, starke Investorengruppe, Visionen, Risiko, Einschnitte."
Ist es ein Merkmal unserer Generation, dass wir uns zwar einbilden, unser Leben absolut selbst zu gestalten, es letztendlich aber von starken Investorengruppen mehr abhängt, als von unserem freien Willen, ob wir morgen arbeiten und wo wir übermorgen wohnen werden? Eben noch für handgemachte Brötchen bei der Brotmanufaktur im Kiez angestanden, morgen schon beim Amt, wegen Hartz IV eine Nummer ziehen?

Das Buch ist klar und kühl geschrieben, wie ein Protokoll. Die schnörkellose Sprache greift einem mit ihrem absoluten Mangel an Emotionalität immer wieder fast an die Kehle. Meisterhaft hat Kristine Bilkau ein Porträt unserer Zeit, einer Generation geschrieben, so meisterhaft, dass einem das Erkennen immer mal wieder im Halse stecken bleibt. Diese Existenzangst, diese Bedrohung, kommt unauffällig und auf leisen Sohlen daher, niemand sagt laut: "Ich kann mir die Brötchen jetzt nur noch im Discounter leisten!" Denn jeder, der langsam absteigt, schämt sich vor denen, die noch drin sind im Spiel. Diese leise Existenzangst hat Kristine Bilkau wirklich auf den Punkt eingefangen und transportiert sie durch ihr Buch direkt zum Leser. Wunderbar! Aber auch gruselig!

Ich muss jetzt leider weiter lesen! Entschuldigt mich also für den Rest des Abends.

P.S. Mein Dank an den Luchterhand Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars. Es hat ein wenig gedauert, aber Leute, das Buch gefällt mir jetzt außerordentlich!


(c) Susanne Becker

Dienstag, 9. August 2016

affront

Ron Mueck: “Man in a Boat” von 20. April bis 6. September 2016 
im Theseustempel, täglich von 11 bis 18 Uhr.


den anderen 
eine absolute nacktheit schulden
wie einen augenaufschlag
einen blowjob geben schüttelst du mir
nicht einfach die hand sondern
erzählst mir sofort 
unaufgefordert
vom peinlichsten
das dir je widerfahren ist 
obwohl ich nicht zuhöre
so als wäre es ein affront 
seine geheimnisse zu verbergen


(c) Susanne Becker

Donnerstag, 4. August 2016

no resistance




to not fight
with what is
to be absolutely quiet
although you believe
to be absolutely right
feeling how all the
not spoken words
seem to suffocate
you for the longest
time until they
dissolve until they
leave a room
so much room
all or nothing to
dance and sing in
like you did never before



(c) Susanne Becker

Freitag, 29. Juli 2016

Buch der Woche - Wider die Natur von Tomas Espedal

"Er blies seine Trompete, und mich traf der Gedanke, wie falsch ich lebte, so schwach und feige, so still und vorsichtig; ich wollte werden wie dieser Mann mit Hut und Poncho, ich wollte ein aufrichtiger, kompromissloser Mensch werden, ich wollte so schreiben, wie er sang, ich wollte ein schwieriger, ehrlicher Mann sein."

In seinem Buch Wider die Natur berichtet Tomas Espedal von der Beziehung eines älteren Mannes, eines Mannes von 48 Jahren, mit einer jungen Frau, einer Frau von Anfang 20. In der Öffentlichkeit werden die beiden nicht selten für Vater und Tochter gehalten. Sie schämen sich, in der Öffentlichkeit zu sein, wegen des Altersunterschiedes, der wider die Natur zu sein scheint. Sie ziehen sich in ihr Haus zurück. Dort ist der Mann, aus dessen alleiniger Sicht alles geschrieben wird, so glücklich wie noch nie zuvor. Er liebt, wie noch nie zuvor.
ImageNach sechs Jahren verlässt die junge Frau ihn. Für sie ist es die erste wirkliche Beziehung und sie möchte jetzt mehr erleben, all das erleben, was er bereits erlebt hat.
Der Mann, der Ich-Erzähler Tomas Espedal, zieht sich in den Keller des Hauses zurück und füllt Notizbücher. In diesen schreibt er über die Beziehung, aber auch über vergangene Beziehungen, über die großen Lieben seines Lebens.

"Jedes Mal, wenn ich "meine" schreibe, muss ich daran denken, wie wenig uns wirklich gehört; nichts gehört uns. Unsere Kinder nicht, unsere Eltern nicht, unsere eigene Geschichte nicht, auch unsere Kindheit und Jugend nicht oder unsere Freunde und Freundinnen, die Liebsten nicht; nichts gehört uns."

Espedal ist ein sehr guter Freund von Karl-Ove Knausgard, ebenfalls Norweger und die beiden Schreibprojekte ähneln sich, zumindest in ihrer anfänglichen Ausrichtung: so ehrlich und schonungslos wie möglich über sich selbst zu schreiben.
Für mich persönlich endet dort bereits die Parallele. Denn beide sind so unterschiedlich in dem, was sie schreiben und wie sie es schreiben, dass ich niemals das Gefühl hatte, sie überhaupt vergleichen zu wollen. Ich könnte nicht sagen, wer von beiden mir besser gefällt. Ich mag, ich mochte beide. Vor allem aber mag ich diese Ausrichtung. Sie hat für mich beinahe ein neues  Literaturgenre in meinen Lesehorizont eingeführt. Bücher von Männern, die schonungslos ihre eigene Alltäglichkeit auf eine Weise zu Papier bringen, die nicht langweilig ist, nicht eine Seite lang.
Schonungslose Offenheit – es geht eigentlich nur noch um die Wahrheit und die Stille, möglichst ohne Absicht, sich selbst zu produzieren, zum Ausdruck zu bringen. Freie Assoziationen, ein Eindringen in eine unglaubliche Tiefe, sowohl emotional, als auch intellektuell, als auch, obwohl darauf überhaupt nicht herum gepocht wird, spirituell. Für mich waren zum Beispiel die Bücher von Knausgard unter anderem auch mit die spirituellsten Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Mir fällt in dieser Reihe immer wieder auch Navid Kermani ein, der mit Dein Name eine Chronik verfasst hat, die Knausgards und Espedals Unterfangen auf die Spitze treibt, in dem dort wirklich alles aufgeschrieben wird. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit Kermani auch Dinge erfunden hat. Aber seine Chronik des Alltäglichen war eine Chronik des Heiligen, Kochen, Kinderwagen schieben, schreiben, lieben, verschmäht werden, Tote nicht vergessen, verschmähen, das Herz gebrochen haben, ein Herz brechen, sich erbrechen, trinken, essen, im Internet flirten...alles gehört hinein und wird zur Poesie, zum Heiligen.
Was für mich diese Autoren ausmacht, was sie für mich so überaus empfehlenswert und lesenswert macht, ist dieses immer wieder aufs Neue ausgehen von dem leersten aller möglichen leeren Blätter, dem Ausgehen von der leersten aller möglichen Stillen im eigenen Inneren, der stillsten aller stillen Stellen im eigenen Sein, der puren Subjektivität, und sich von dort Heraustasten, herausschreiben an eine mögliche Bedeutung, die nicht konstruiert wird, sondern heraus geholt wird aus dem kompromisslosen Schreibzustand, der Einsamkeit, dem auf sich selbst zurück geworfen sein. Diese Wahrheit, die vielleicht für einen, der sie liest, auch eine Bedeutung haben könnte, eine Wahrheit, die für einen ganz kurzen, für einen wunderbaren Moment aufflackert wie ein sehr helles Licht und bei allen Büchern dieses Genres das Subjektive zum Objektiven macht. 
Wenn ich ehrlich bin, macht mich diese Art zu schreiben süchtig und auch glücklich. Ich bin unendlich glücklich für jedes weitere Buch von Espedal, das mir noch bevor steht. 

"Nein, das Glück kommt jäh und unerwartet, es ist eine ganz selbständige, unabhängige Größe, es tritt ein ohne Vorboten, wie ein Naturereignis, ein Regenbogen, eine Sternschnuppe, ein Blitzschlag oder ein Feuer, furchteinflößend und schön; auch das Glück wirft alles über den Haufen."

Aber auch glücklich für jedes weitere Buch dieser Ausrichtung von jedem anderen Autor. (Vor Glück tanzen könnte ich, weil ich noch 3!!! Knausgards ungelesen vor mir habe).  Gerade bin ich auf der Suche nach weiblichen Autorinnen, die für mich in diese Richtung schreiben und mir fiel sofort Jenny Offil ein, Dept. of Speculation
Wenn Ihr weitere Tipps habt, immer her damit.


(c) Susanne Becker