Berlin

Berlin

Donnerstag, 29. September 2016

Buch der Woche - Leben von Karl Ove Knausgard

Es wird sehr viel getrunken. Es wird sehr viel die Frage gestellt: "Werde ich jemals Sex haben?" oder auch: "Kann ich überhaupt Sex haben?" Es ist ein Buch über Knausgards späte Adoleszenz, die Jahre zwischen 16 und 18 etwa - das Ende der Schulzeit und ein Jahr in Nord-Norwegen, wo er als Aushilfslehrer gearbeitet hat.
LebenDieser vierte Band von Mein Kampf, "Leben", hat mich von Anfang an nicht ganz so intensiv gepackt wie "Lieben" und "Sterben", in denen beiden ich quasi versunken war, die ich praktisch inhaliert habe. Dennoch: niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, dieses Buch halb gelesen beiseite zu räumen. Der Suchtfaktor, von dem im Zusammenhang mit ihm so viele Leser sprechen, hat mich definitiv auch hier wieder gepackt. Wie ich es schon in meiner Besprechung nach der Lektüre von Sterben erwähnte: Ich bin ein Fan von Knausgard. Das hat sich nicht geändert. Ich mag seine Art, offen und ohne Maske (zumindest gehe ich davon aus, dass es so ist), über sein gesamtes Leben zu berichten, dabei keine eigene Schwäche (oder solche von anderen) herunter spielend. Er stellt sich selber bloß und gibt jedem anderen Menschen damit die Erlaubnis, zu sein, ohne sich zu verstellen. Das hat schon einen ganz besonderen Reiz in einer Zeit, in der Fassaden und Äußerlichkeiten eine derart immense Wichtigkeit zu haben scheinen.

Also nochmal: es wird sehr viel getrunken, auch durchaus gekotzt. Das hat mich teilweise seltsam berührt. Ich habe diese endlosen Passagen, in denen er Besäufnisse und Parties aller Art beschrieb, teilweise ungeduldig gelesen. Ich bin ein Fan von Lieben und Sterben, ich denke, weil beide mit meiner aktuellen Wirklichkeit oder jener, die noch nicht sehr lange zurück liegt, am meisten zu tun haben. Ich bin eine Leserin, die sich unglaublich gerne identifiziert. In einem Buch über einen jungen Typen, der säuft und darauf wartet, endlich entjungfert zu werden, ist das nur peripher möglich.
Wie in allen bisherigen Knausgard Büchern ging es mir auch in diesem immer wieder so, dass ich damit rechnete, gleich würde etwas schreckliches geschehen. Oft schreibt er in einem Tonfall und mit einer Technik, die wahnsinnige Spannung aufbaut, man gruselt sich beinahe, und dann passiert im Grunde ... nichts. Also, es passieren so Dinge, die einem auch selbst passieren: man geht zurück in seine Wohnung nach einem Spaziergang, macht sich einen Kaffee, legt eine Platte auf, setzt sich an den Schreibtisch und beginnt, seine erste Kurzgeschichte zu schreiben. Mir kam der Gedanke, dass dies einer seiner "Tricks" ist, ohne das ich dies abwertend meine, dass man als Leser nicht wegkommt von ihm: er ist unglaublich gut darin, selbst bei den alltäglichsten Beschreibungen, eine Spannung aufzubauen, die ich sonst nur als Kind bei Aktenzeichen XY erlebt habe.
Leben ist das Buch, in dem Knausgard erzählt, wie er zu schreiben begann. Er geht in das einsame Nord-Norwegen, um sich neben der Tätigkeit als Lehrer ganz ohne weitere Ablenkungen aufs Schreiben konzentrieren zu können. Wir erleben die Reaktionen seiner ersten Leser, seine Besessenheit und seinen Ehrgeiz. Da ist jemand, der wirklich schreiben will und wie wir heute wissen: der dies auch umgesetzt hat.
In diesem Buch umschleicht Knausgard auch die Mädchen. Er möchte endlich entjungfert werden. Er verknallt sich mehrere Male, er hat Freundinnen, er stellt Mädchen erfolglos nach, er fantasiert über sie. Natürlich legt man das Buch nicht aus der Hand, bis man erfahren hat, ob er nun, oder ob nicht. Das ist ja auch klar. Man will es irgendwann circa genauso dringend wissen wie er selbst. In der Zwischenzeit liest man, und das ist durchaus prima und ein vollkommener Genuss sogar an mancher Stelle, von all den alltäglichen Details aus dem Leben des jungen Knausgard. Man erinnert sich an seine eigene Spätpubertät, und fragt sich, wie er es überhaupt mit 18 geschafft hat, einigermaßen den Lehrer zu mimen. Man selbst hat ja auch viel getrunken und hatte relativ häufig irgendeinen Jungen im Kopf, man feierte Parties und lag nachts in den Wupperwiesen mit sehr viel Obstwein,  man stellte auch Jungen nach, oder sie stellten einem nach. Die Details und Alltäglichkeiten des eigenen Lebens waren in etwa so spannend wie die von Knausgard. Aber seine liest man, die eigenen würde man noch nicht mal aufschreiben. Und als Lehrerin hätte man in dieser Zeit mit Sicherheit nichts zustande gebracht. Das habe ich bewundert, dass er trotz seiner Jugend und seiner beständigen Trunkenheit möglicherweise kein ganz schlechter Lehrer war.
Was fehlt in diesem Band sind die vielen philosophischen, literarischen und kunstgeschichtlichen Einschübe, die für mich die beiden zuerst von mir gelesenen Bücher bereichert haben. Ich mag es, wenn er anfängt, zu theoretisieren. Im Gegensatz dazu ist dieses Buch pralles Leben. Das hat auch etwas. Wenn es überhaupt theoretische Einschübe gibt, sind sie kurz und prägnant und haben mit einer konkreten Situation zu tun.

"Die Leute waren dermaßen besessen von unwichtigen Dingen, sie suchten so lange, bis sie irgendwas fanden , das nicht funktionierte, und dann schlugen sie zu, statt das große Ganze zu sehen: Hier gehen wir, die Menschen auf der Erde, und sind doch nur eine kurze Weile hier, inmitten all des Fantastischen um uns herum: Gräser und Bäume, Dachse und Katzen, Fische und Meere, ein mit Sternen übersäten Himmel. Und dann regt sich jemand über eine gerissene Gitarrensaite auf? Über einen zerbrochenen Trommelstock? Scheißbettzeug, das man vor langer Zeit verliehen hat? Wirklich, was ist bloß los mit euch?"

Also Fazit: Das Buch hat mich nicht so gepackt wie Lieben und Sterben. Dennoch würde ich es jederzeit noch einmal lesen. Dennoch kann ich es kaum erwarten, Träumen und Spielen in die Hände zu bekommen!
Klar?
Und wie Martina Büttner es am 27.7.2015 so schön bei literaturleuchtet bemerkte: "Man kann getrost mit jedem der Bände beginnen, denn man wird ohnehin noch alle anderen lesen."

Ich danke btb herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars.


Freitag, 16. September 2016

Trust




To be with the open questions,
without expecting answers.
All, the endlessness offers,  is yours.
All, the quietude offers, is yours.

To be with the open questions,
without expecting answers,

might become your life.

Who am I as a mother?
Who am I as a woman?
Who am I as a friend?
Who am I as a partner?
How do I write a good novel?
What is my novel about?

To be with the open questions.
Your open questions, whatever they are,
Quiet and patient –
burning in their fire at times – the rest will follow
- Trust –



(c) Susanne Becker

Donnerstag, 15. September 2016

Book of the Week - The Vegetarian by Han Kang

The Vegetarian
"Sister...all the trees of the world are like brothers and sisters."

I suppose, everyone feels it, this wild side, some more, some less. We have it in us. It connects us with life, with nature, with animals and plants, not just other human beings. In order to live and function in a human society, in our kind of human society, we have to suppress this side more or less completely, in order to not be considered weird, or even sick. Too much feeling, to much sensibility, and you can not share this capitalist, high achievement way of life, in which control is one of the most important assets.
For me, before everything else, The Vegetarian by Han Kang is a book about a woman ( and it is not coincidental, that it has to be a woman, since in every society, ancient and modern, women have been and are still considered the ones most connected to life and nature), who basically wants to leave the brutality of human behaviour. She starts by not eating meat anymore. Since this woman lives in South Korea, where the diet is rather meat centered and where family traditions and traditional lifestyle are still much deeper grounded, then in western societies, this decision brings many reactions by people close to her to the surface, reactions, which ultimately say more about those people, then about the woman, Yeong-hye.
The book shows, what could happen, if somebody decides to listen to her wild side, to not suppress its voice anymore.

The Vegetarian is a very intense read. It is not possible to withdraw from its imagery and the psychological force, it develops from the beginning on. One is drawn into this unusual story and fascinated by the personalities of the four people, we get to know during the read.
The center is, of course, Yeong-hye, the young woman, who decids to stop eating meat.
There is her husband, who solely married her, because he wanted a normal, average wife, and she seemed so average, that he was not even really too attracted to her.
Than there is her sister In-Hye, who lives a normal life, who adapts so perfectly to the requests of society and family, that she sometimes wonders herself, if she ever has been alive at all. And there is her brother-in-law, who is an artist, which somehow connects him by profession to something like a wild side of human existence, which he than starts to explore intensely, inspired by Yeong-hye, her extreme decision and her even more extreme reaction to every try of stopping her.

What touched me the most from the first page on, was Yeong-hyes loneliness. She was, especially in her marriage, alone and somewhat isolated. Her husband seemed to be one of the most boring and mediocre people, I ever met, in real life or on the page.
In the first part, narrated by this husband, he describes her, and it is plain, that he is a narrow-minded and shallow person, only interested in superficialties, in functioning in society, in not arising too much attention. Compared to him, she quickly seems unique and interesting. Her wild side shows already in the supposedly "happy" times of her marriage, when to her husbands surprise, she doesn't like to wear a bra, to me the perfect symbol of capturing a woman's wild side.
Her brother-in-law, from whose perspective the second part is told, is fascinated by her, especially after she cut herself in front of the entire family, when her father tried to forcefeed her meat. He wants her to participate in a rather daring art project, and even falls for her. It seems, he might be somebody, who also, through his art, connects somewhat to a rather wild side, and therefore senses her depth, who could be important and close to her. During the read, there were moments, when I thought, they could be together, it could work. But looking back, I am not sure anymore. This is just one of the many points, one keeps pondering after reading this challenging book.
The third part is told from her sisters point of view. In-hye is possibly the person closest to her, and therefore most threatened by Yeong-hyes behaviour. She feels left behind in normality, while her sister frees herself from the restraints of functioning in society.

"She was no longer able to cope with all that her sister reminded her of. She'd been unable to forgive her for soaring alone over a boundary she herself could never bring herself to cross, unable to forgive that magnificent irresponsibility that had enabled Yeong-hye to shuck off social constraints and leave her behind, still a prisoner. And before Yeong-hye had broken those bars, she'd never even known, they were there."

The South Korean author has won the Man Booker International Prize with this small masterwork, where every word aims precisely at the goal, to tell this story as concentrated and intense as possible. Not one word too much. The reader is guided closely along the storyline, captured by the elegance and beauty of Han Kangs style, transported perfectly by translator Deborah Smith into an impeccable English.
The Vegetarian is for me a universal story about somebody, who is different.
It is also a book about anorexia nervosa, a diagnosis, so often found among beautiful, unusual young women. For me, this book also states, that this illness, like many illnesses indeed, is a symptom of a inhuman society, in which the sick act out the problems, the entire society has - just like children act out the problems of dysfunctional familys. The most sensitive members of a dysfunctional society act out those, with different symptoms.
To look closely at the world and its suffering, this is, maybe, the most important message, this book portends for me. It is not without danger, to look at the suffering. One might end up wishing to become a tree. But is it really so bad to wish to be a tree? Or, as the book on page 162 asks provocatively: "Why, is it such a bad thing to die?"
As a reader, you shiver, but you are also invited to dive deep with Han Kang into existential questions about life and come up with your very own answers.

It is published in German under the title Die Vegetarierin and was published by the Aufbau Verlag.
Many bloggers read it in German, some wrote aboutit. Here are two examples:
Die Buchbloggerin
Ruth liest

(c) Susanne Becker


Samstag, 3. September 2016

fire



the sky - a poem
rewritten every instant
clouds telling stories
with many or few colours
of what was what is
what will be when the sun goes down

each night a new scenario
to burn your past in the fire

she who seeks light shall
not be afraid of the fire
one has to be burned like the day
in an ever more perfect sunset
to be born again every morning
in an ever more perfect sunrise

to burn your past in the fire
every word you ever wrote
every word you never wrote

she who wants to be alive
needs not fear the bears
needs not fear the fire
needs not fear the dark
light of the soul & the emptiness
to burn your past in the fire
every word you ever wrote
every word you never wrote

(c) Susanne Becker


Montag, 29. August 2016

Buch der Woche - Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar


Nachts ist es leise in Teheran"Wir haben gedacht wir machen das einzig Richtige, hat mein Vater gesagt, das beschützt einen vor der Realität."

Vielleicht ist dies das Buch, das mir bisher am eindrücklichsten und doch unaufgeregtesten verdeutlicht, was es heißt, ins Exil zu gehen, weil man in seinem eigenen Land so derart bedroht ist, dass man dort nicht mehr leben kann.

Shida Bazyar schreibt in ihrem Buch Nachts ist es leise inTeheran, erschienen im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag, die Geschichte einer iranischen Familie, die nach der Revolution gegen den Schah das Land verlassen muss, weil die Ayatollahs ein mindestens so brutales Regime installieren, in welchem alle gefoltert werden und/oder sterben, die sich den strengen Gesetzen nicht fügen, die den Gotteskriegern nicht passen. „Pahlavi war böse, sagt er, er war ein böser und schlimmer Mann, aber diese Geistlichen, die machen alles noch viel schlimmer, Khomeini war ein Mörder, Laleh, es sind Mörder, die dieses Land regieren.“ sagt Lalehs Großvater zu ihr, als sie das erste Mal Iran besucht. Er ist Behsads Vater und hat seinen Sohn seit dessen Flucht nicht mehr gesehen. Die Familie war heimlich geflüchtet, damit niemand einen Verdacht schöpfte und unter Umständen damit selbst in Gefahr geriete.
Die Geschichte wird in vier Kapiteln und einem Epilog erzählt, jeweils von einer anderen Person. Zuerst erzählt der junge Behsad wie er kämpft gegen den Schah und dann in den Untergrund geht nach dem Sturz des Schahs, als verschiedene Gruppen erst mit- dann gegeneinander für ein neues Iran kämpfen. Es ist das Jahr 1979 und er lernt Nahid kennen, eine belesene Literaturstudentin, die ebenfalls, wie er,  auf Seiten der Sozialisten steht. Ihr Vorbild ist Che Guevara. Sie träumen davon, das Iran wie Kuba wird. 
1989. Nun erzählt Nahid, die mittlerweile seine Frau ist, von ihrem Leben in Deutschland nach der Flucht dorthin, ihr Asylantrag ist noch nicht entschieden, sie leben in einem Zustand von Unsicherheit, dürfen nicht arbeiten, nicht studieren. Es ist für mich immer wieder spannend, Deutschland, mein Land, aus der Sicht eines Menschen geschildert zu bekommen, die hierher kam, um Sicherheit zu finden. Der alles fremd ist, selbst die Menschen, die ihr freundlich gesonnen sind. „Frau Sommer trinkt vom schwarzen Tee. Frau Sommer tut immer so, als wäre das ein ganz besonderer Tee, den wir trinken. Die ersten Male hat sie immer gefragt, wie ich den mache. Ihre Blicke haben den Samowar gesucht, und ich habe ihr den kleinen verkalkten Wasserboiler gezeigt. Und dann die Teebeutel aus dem Supermarkt, der immer nach Radieschen und Essig riecht, wo immer etwas auf den Boden gekippt wurde.“ Zu jener Zeit gingen Behsad und Nahid noch davon aus, dass sich in Iran alles wieder ändern würde, dass das Unrechtsregime der Ayatollahs nicht lange dauern konnte. Sie gingen davon aus, dass sie bald nach Iran zurückkehren könnten. Der Aufenthalt in Deutschland war als Übergang gedacht, als Pause, bevor sie wieder in Iran leben konnten.
Das Buch leistet insofern zwei Dinge in wirklich fabelhafter Sprache und Erzählkunst: Es schildert uns Deutschland aus der Sicht von Flüchtlingen, und was könnte heute aktueller sein? Zum anderen schildert es uns das Leben und das Innenleben von Flüchtlingen. Auch das so aktuell wie kaum ein anderes Thema. Wir lesen, wie es sich anfühlt, die einzige Mosle in einer Klasse von Christen zu sein, und niemand merkt, jahrelang, dass bei Mosle das m hinten fehlt. Immer steht in ihrem Zeugnis das Wort Mosle, wo bei den anderen katholisch steht oder evangelisch. Laleh, die Tochter von Beshad und Nahid, fühlt sich anders, auffällig und versucht dies, mit besonders guten Noten wettzumachen.
Das dritte Kapitel erzählt uns diese Tochter, Laleh, 1999. Sie erzählt von einer Reise nach Teheran, der ersten seit der Flucht. Es scheint, das Land öffnet sich dem Westen. Es ist möglich, wieder hinzufliegen ohne die Angst, gleich verhaftet zu werden. Sie fliegt mit ihrer kleinen Schwester Tara und ihrer Mutter nach Teheran. Der Vater kommt nicht mit. Denn in dem Land wurde sein Freund im Gefängnis ermordet und er kann und will diesen Mord nicht legitimieren, indem er in diesem Land Urlaub macht. Die Tochter, aufgewachsen in Deutschland, vergleicht die beiden Länder, ihr Leben in Deutschland mit dem Leben, das sie in Iran haben würde. Sie kann sich ein Leben in Iran nicht mehr vorstellen und ist trotzdem emotional vollkommen aufgewühlt von den Erinnerungen, von den Menschen, die sie wieder verlassen muss.
„Tara hat sie einfach erst mit zehn kennengelernt, die Tanten und Onkel, und ich beneide sie darum, denn besser, man vermisst seinen Onkel erst ab zehn, als ab vier. Vielleicht hätte ich Tara schon viel früher sagen müssen, dass es wehtun wird, sie kennenzulernen und wieder zu gehen, vielleicht wäre das meine Aufgabe gewesen.“
2009, Mo erzählt, der Bruder von Laleh. Er studiert, aber eigentlich fühlt er sich fremd, verloren. Er schaut Tagesschau, verfolgt die grüne Bewegung in Iran auf You tube und fragt sich, warum er nicht dabei ist, sagt sich, dass er dabei wäre, wenn er dort leben würde. Er sagt sich auch, dass sich jetzt alles ändern kann und seine Eltern vielleicht doch noch zu den Gewinnern gehören werden. "Dabei ist das doch der Kampf meiner Eltern, der dort fortgeführt wird, dabei müsste doch gerade mein Vater dort sein, um zu sehen: Ihr Kampf ist nie gescheitert, er musste nur pausieren." 
Am Ende steht der Epilog, erzählt von der jüngsten Schwester Tara, das einzige in Deutschland geborene Kind der Familie. Ein Blick in die Zukunft. Ein Wunschtraum.

Die Autorin schafft es scheinbar mühelos, jedem einzelnen der ErzählerInnen eine ganz eigene Stimme zu geben. So erleben wir die Geschichte aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven, in verschiedenen Zeitfenstern, die die Geschichte eines Exils dokumentieren, Schritt für Schritt, Generation für Generation. Es zeigt so deutlich, warum jemand kommt, dass jemand eigentlich nur vorübergehend bleiben möchte, weil er natürlich eine Heimat hat. Es zeigt auch, wie viel emotionales Trauma geschaffen wird durch Unrechtsregime und wie vielschichtig dieses ist, und dass es nicht aufhört mit der Flucht, auch nicht für jene, die bereits in Sicherheit geboren werden. Dieses Buch, das über Iran erzählt, war für mich von der ersten Seite an übertragbar auf alle Länder, in denen momentan Mörder herrschen. Vor allem dachte ich oft an Syrien und seine Flüchtlinge. 

Während des Lesens dachte ich immer wieder: ja, warum nennen wir diese Menschen Flüchtlinge? Warum nennen wir sie nicht eigentlich Exilanten? So wie Thomas Mann ein Exilant war? Oder Bertolt Brecht. Denn auch in unserem Land haben ja einmal die Mörder regiert. Exilant hört sich viel großherziger dem Menschen gegenüber an, freundlicher als Asylant, hinter welchem Begriff sich heutzutage die Vorverurteilungen auftürmen. Asylanten sind Menschenmassen, die uns scheinbar überrollen. Exilanten sind Individuen mit intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten, welche eine Bereicherung darstellen für das Land, in das sie kommen. Ich weiß nicht, ob nur ich diesen Unterschied spüre.

Lesen, das ist mir bei diesem Buch wieder sehr deutlich geworden, ist für mich vor allem auch die Möglichkeit, meine eigene subjektive Sicht auf die Welt immer wieder neu zu öffnen, weit zu öffnen, und zu verstehen, wie begrenzt jeder einzelne von uns die Welt sieht. Wir wissen nichts von den Menschen, die zu uns kommen. Noch nicht einmal, wenn wir es glauben. Das Leben, das sie hinter sich lassen mussten, ist so anders, als alles, was wir kennen. Wir können es uns nicht vorstellen. Ihre Verletzungen sind so brutal und so vielschichtig, wir können keine Ahnung davon haben, denn wir haben durch die Gnade unserer Geburt (Ort & Zeit) so etwas noch nicht einmal im Ansatz erlebt. Die Generation unserer Eltern, zum Beispiel mein Onkel, der aus Schlesien hierher flüchten musste als kleiner Junge, der seine Mutter dennoch erfolgreich vor einer Vergewaltigung durch russische Soldaten beschützen konnte, der versteht sie. Er weinte einmal bei mir am Telefon, als er über diese Menschen sprach, die hier so oft so ohne jedes Mitgefühl empfangen werden. Er konnte sich erinnern, wie er sich damals fühlte als Fremder. Selbst wenn wir sie wärmen, sie nähren, sie freundlich aufnehmen, können wir ihnen die Angst um all jene, die noch dort sind, im Bombenhagel, in Folterkellern, wir können sie ihnen nicht nehmen. Wie auch? Es ist ihr Leben, das dort, in diesem fremden Land, gerade zerstört wird. Während sie ihre Haut gerettet haben und vielleicht ihre Kinder, die jetzt hier groß werden, und die alte Heimat irgendwann kaum noch wieder erkennen werden. 

(c) Susanne Becker

Freitag, 26. August 2016

poem for a bear





Today I wrote a poem in my head.
I was still asleep, now I do not remember
its words.
Today I saw a bear,
in my dreams only,
he did not look at me.
His profile was beautiful.
He had more dignity than any other being, I ever saw.

I am the invisible woman,
writing poems, in my head only,
where they belong.
Today I did yoga with a view
into the vast landscape of northern New Mexico.
It is like the sky, but in landform.
It is like the ocean, but in landform.
Today is my first day in Herekeke.
Somehow, I can already tell,
that magic is at work here.
Opening senses, I did not know, I possessed.
My thoughts are talking in verses to me,
too fast to catch, to put on paper

I am the invisible woman.
Someone is writing poems in my head,
for bears to read.


(c) Susanne Becker



Mittwoch, 17. August 2016

Afraid to leave "the zone"


Today was a good day. I awoke at about 6 a.m. to a blue sky. The air was cold, but also mild. August feels like october, but thats okay.
I was very happy to be alive, until I remembered, that I was supposed to fly to New Mexico in exactly 7 days. Not good!
I was afraid to go to New Mexico.
I stayed in bed another hour and the fear was like a storm in my body. Also in my brain. So many thoughts about accidents, misfortunes, bears, the darkness, the loneliness, losing my mind actually.
This has been so every morning for the past 2 or 3 weeks. I am nervous to go. I am afraid of all the things, which could happen, to me, but more so to Lilly. Am I endangering my little daughter by bringing her to New Mexico?
Mainly, I am afraid to leave my comfort zone. So I hear my dead mother’s voice very much alive in my head: „You are crazy! Are you crazy? What do you want in New Mexico? Do you want to be killed by terrorists? What will you do, if a bear attacks you? Are you crazy to leave your other daughter?“ And on and on she rumbles in my head, like she never died, like she was still on the phone with me. Our conversations, two times a week, would always sound like this: „You are crazy! Are you crazy?“  I can feel her voice in my blood stream, its probably turned into some genetic material by now and will shape generations to come.
When I am afraid enough to ponder the idea, that I might be crazy and should stay home, I again hear my moms voice and she says: „Well, if you don’t want to, you don’t have to go!“ She said that all the time, whenever I thought about doing anything different from what we usually did. I still wonder, how I ever left Lützenkirchen and made it to Berlin, frankly. "You are crazy! What do you want in Berlin? You wanna be unemployed and sink into some drug abyss? Are you crazy?"

I am afraid to leave my comfort zone. Which means: I am afraid to lose control. Which means in the end: I am afraid to somehow die. No, worse: I am afraid, that somehow my daughter will die and its my fault.
Leaving my comfort zone, losing control, about what? About every tiny detail of my life. I am an angry person. Mostly, I am angry about being trapped in, what only a few lines ahead I called, my comfort zone, which can turn out to be a pretty narrow and dark box. This boring everyday life, in which nothing much happens. Stuck!
Lets face it, comfort zones are comfortable. Therefore, people like them. Therefore, they are traps. Which does not bother everybody. This is okay. Not everybody has to be adventurous. We need people, who love their normal lifes. The point is, I always wanted to be courageous and adventurous. I always longed to leave my comfort zone, always.
Some people hate to be challenged. They could stay on their couch all day, watch tv, going to bed early, knowing exactly what they will eat the next day for lunch at exactly noon, every day, plates on the table at noon. This was my mother. I can not remember her ever longing for something. I can not remember her ever having lunch later than noon. Of course, she was complaining all the time, which might have been, I am just suggesting here, a sign for her suppressed longing, but outwardly, she hated change and criticezed everybody, who caused change. So, yeah, she blamed life, all the time. The big changer!

So, whenever I tried to leave my comfort zone, which was for the longest time pretty identical with her comfort zone, she would feel threatened. Then I would also feel threatened. Because, in my moms eyes I could read, that everything outside of our mutual comfort zone was horrible, and dangerous. So, usually, I would decide to draw back. It took me a long time, to realize, that this withdrawal had nothing to do with me not wanting to leave „the zone“, but with fear. Fear is the biggest enemy of growth. If you want to grow, you have to face down your fears. Its a plain fact. Don't even waste time on arguing about it. Use that time to face your fears. If you want to grow, that is. You don't have to, if you don't want to. Actually, this would be a pretty intense spiritual practise, to confront a fear every day. Do something, which demands your courage, every day. Wow, that IS scary.

As long as I followed my family’s interpretation of those weird feelings, rushing through my body, creeping through my guts, whenever I thought about daring something new, something wild, I thought by not doing it after all, I was following my own free will. Like my mom said: „If you don’t want to, you don’t have to.“ And nobody was more relieved then her, when I changed my mind and stayed on the couch with her, because I obviously didn't want to...
So it took me a long time to realize: I actually wanted. Every time, I wanted to go out and explore and venture. I so longed to be adventurous and courageous. It was just, that I was afraid.

When I wake up at 6 a.m., sky blue, air mild, me afraid to leave my comfort zone, it takes me a while to realize, that I want to go, and that fear is a beautiful partner, if you want to practise to be courageous, do it every morning, at 6 a.m., like me. Just observe your thoughts and feelings and do not take them seriously. After a while, you calm down, you understand, that flying to New Mexico next Wednesday is a beautiful thing to do!

When my mom was dying, she had left her comfort zone completely behind. I still wonder, how she did that. But it felt like, she embraced the unknown, she was happy to finally jump into the wildest adventure imaginable for humans. During her last minutes on this earth, she looked at me, I embraced her and I said: have a safe trip, mom. She was not afraid at all. She ventured.
The day had been good. Blue skye, the air mild for february. She started her journey at 6 p.m.
I bit my tongue, but I really wanted to say: you are crazy! are you crazy? just to make her smile, one last time. She had humour, you know, especially, when she was dying, she smiled about everything. 


(c) Susanne Becker