Berlin

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Donnerstag, 15. Februar 2018

Buch der Woche - Fast dumm von Ann Cotten

Ann Cotten, Fast Dumm
Essays von on the road

Ich muss wieder reisen.
Das war mir in dem Moment klar, als ich heute Ann Cottens spannendes Buch Fast dumm, erschienen bei den Fürther starfruit publications, aus dem Briefkasten zog. Roadtrips are necessary! Very!

Schon das Coverphoto zieht mich im Grunde auf die Straße. Sofort möchte ich den Schlüssel in ein Zündschloss stecken und mich auf den Weg machen.

Es gibt sehr viele Orte, die ich unbedingt noch oder wieder sehen möchte und ich sollte damit beginnen, bevor ich so alt bin, dass ich einen Rollator brauche. Das ist nicht witzig. Ich weiß! Es gibt so viel, was ich kapieren möchte. 

Das Reisen als Übung darin, in der Nähe zu leben. Das klingt paradox, aber nur im ersten Moment. Im zweiten kann ich erklären, dass in der Nähe zu leben bedeutet: Dinge, Situationen, Menschen, Orte, sagen wir mal: das Leben, an sich heran kommen zu lassen, ohne sich mit einer Sichtblende aus theoretischem Firlefanz davor zu verbarrikadieren. Wer die Stille nicht fürchtet, der kann auch gut reisen. „Was er nicht ertragen kann, kann er nicht kapieren.“ So steht es auf der Rückseite des Buches, des ungewöhnlichen Buches. Es enthält Essays, wie schon im Titel erwähnt, von on the road. Einen Essay aus Moskau, wo Ann Cotten an einem Poetry Festival teilgenommen hat. Danach reiste sie für zwei Monate durch die USA und besuchte ihre Verwandten. Wir schreiben das Jahr 2017, Trump ist dort gerade zum Präsidenten vereidigt worden und der Schock darüber hält an. Was er nicht ertragen kann, kann er nicht kapieren, Um zu kapieren, wie einer wie Trump amerikanischer Präsident werden konnte, muss man Amerika an den Stellen ertragen, an denen er gewählt wurde. (Das gilt in einem übertragenen Sinne auch für Deutschland und die AfD, Pegida, Reichsbürgerbewegung etc. glaube ich.)  An denen er tagtäglich wieder gewählt werden würde. Das sind die Stellen, denen man sehr nahe kommen muss, sonst kapiert man gar nichts. 
Schon mehrfach bin ich selbst mit dem Auto, der Bahn und dem Flugzeug kreuz und quer durch die USA gereist. Kapiert habe ich dabei wenig. Allerdings habe ich das Land auch nicht wirklich an mich heran gelassen. Man darf keine Berührungsängste haben, wenn man etwas verstehen will. Ich bin damals einfach gefahren, habe an Raststätten gesichert meine Mahlzeiten eingenommen, in den Grand Canyon gestarrt und fast geweint, bin durch Städte gebummelt und dennoch habe ich rückblickend das Gefühl, mir dieses Land durch die Scheibe angeschaut zu haben. Ein Gefühl, das man manchmal vielleicht auch seinem gesamten Leben gegenüber haben kann? „So leben also viele wie Touristen in der Welt.“
Es geht darum, sich ganz weit aufzumachen und wirklich zu berühren, was einem auf Reisen begegnet. Sich auch davon berühren lassen, was immer die Gefahr birgt, verändert zurückzukehren. Was immer die Gefahr birgt, den Dämonen in sich zu begegnen.
Ihre eigenen Texte werden zusammengehalten, zu einem merkwürdigen Ganzen geflochten, durch Gedichte, zum Beispiel von W.H. Auden oder Majakowski. Verstörende und aufstörende Zeilen.
Dann gibt es noch die Fotos. Ich mag die Fotos. Mit ihnen wird dieses Buch mit seinem wunderbaren Titel zu einem Gesamtkunstwerk. Sie wurden oft einfach mit dem Handy gemacht. Sie sind den Fotos, die ich mache, tausendmal ähnlicher als den Fotos, die so viele andere heute machen und posten, und die so aussehen, wie wenn früher jemand Fotografie zumindest beim Lette Verein studiert hätte. Deshalb mag ich die Fotos. Sie beschönigen nicht. Sie sind. Sie zeigen. Sie fahren einem unbearbeitet an die Kehle, wie die alten Familienfotos, die einem beim Ausräumen der elterlichen Wohnung aus einer Schublade ohne Vorwarnung entgegen rutschen.

Ann Cotten ist in den USA geboren. Aber sie lebt in Wien und Berlin. Das sind zwei meiner Lieblingsstädte. Die Welt nennt sie in diesem Interview die klügste und schwierigste Dichterin in deutscher Sprache. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme. Denn mir fallen umgehend noch andere kluge und schwierige Dichterinnen ein. Aber dass sie es hat, ist eindeutig. Sie gehört für mich ab diesem Buch zur Gruppe der klügsten und schwierigsten, die ich so besonders schätze, dazu. Ohne Frage. 

Lest mal dieses Buch. Es ist wieder so eines, das glücklich macht, als Gesamtkunstwerk, nicht nur durch die Worte.

Ich danke der wunderbaren starfruit publications, meiner ersten Neuentdeckung im Bereich Verlage des neuen Jahres, sehr herzlich für das Rezensionsexemplar. Ich werde es jetzt allen Freunden, auch den Lieblingsbuchhändlerinnen, empfehlen. 
Schaut Euch auch bitte das Programm des Verlags an, da liegen noch weitere Schätze, die es zu entdecken gilt. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 14. Februar 2018

Nava Ebrahimi - Sechzehn Wörter

Sechzehn Wörter erinnert die Ich-Erzählerin Mona aus dem Iranischen. Sechzehn Wörter, die sie nie ins Deutsche übersetzt hat, weil sie mit ihrer iranischen Seite so eng verknüpft waren, dass es für sie kein deutsches Wort geben konnte. Allerdings haben diese Sechzehn Wörter auch geholfen, eine Unwahrheit zu verbergen. Sie beginnt, die Wörter zu übersetzen und somit zu entwaffnen.

Der wunderbare Roman Sechzehn Wörter von Nava Ebrahimi erzählt anhand dieser Sechzehn Wörter die Geschichte Monas und ihrer Familie. Die junge Frau, in Teheran geboren, ist schon als kleines Kind mit ihrer Mutter nach Köln gegangen, nachdem diese sich vom Vater hatte scheiden lassen. Dreizehn Jahre alt war die Mutter gewesen, als sie dem Vater verheiratet wurde von ihrer eigenen Mutter. Immer wieder muss Mona daran denken, wie der 20 Jahre ältere es über sich bringen konnte, ein Kind zu heiraten. Eine Tatsache, die sie dem Vater für immer entfremdet.

Die Geschichte setzt an mit eben jener Großmutter, Mamman-Bozorg,  die die Ehe arrangiert hat und gerade in Teheran verstorben ist. Mona und ihre Mutter machen sich auf den Weg von Köln nach Teheran, um die Großmutter zu beerdigen. Eigentlich hatte Mona gar nicht vor, mitzufahren, dann wollte sie nur ein Wochenende bleiben. Aber dann meldet sich Ramin, mit dem sie jedesmal in Teheran eine Affäre hat, und lädt sie auf eine Reise nach Bam ein. Die Mutter entschließt sich, die beiden zu begleiten, denn, wie Mona erfährt, hat sie dort am Anfang ihrer Ehe mit dem viel älteren Mann gelebt und Bam ist Monas Geburtsort. Sie ist dort mitten im Sommer in einem Zelt zur Welt gekommen. 
Entlang der Perlenschnur der Sechzehn Wörter sowie der Reise durch den Iran kommen die Erinnerungen und schafft Mona es, ein lange gehütetes und für ihre Identität entscheidendes Familiengeheimnis zu entwirren.

Das Buch ist einfach gut geschrieben. Ein Pageturner, wie man vielleicht sagen würde, aber niemals oberflächlich. Nava Ebrahimi versteht es, eine Geschichte aufzubauen und konsequent zuende zu schreiben. Sie versteht es, einem all die unterschiedlichen Charaktere wunderbar nahe zu bringen. Manchmal fiel mir bei der Lektüre das Wort „solide“ ein, und das stimmt. „Sechzehn Wörter“ ist ein sehr solide gearbeiteter, richtig guter Roman ohne Schnickschnack. Eine tolle Geschichte schnurgerade und gut erzählt.
Ich habe instinktiv danach gegriffen, zunächst eigentlich, weil mich Literatur und Filme, die mit dem Iran zu tun haben, immer interessieren. Der Iran ist für mich ein Sehnsuchtsland. Ich würde unglaublich gerne einmal dorthin reisen. Aber dann hat mich die Geschichte dieser jungen Frau auch unabhängig von meiner Faszination für den Iran gepackt.

Eindrücklich vermittelt einem die Autorin, wie schwierig es ist, sein Land zu verlassen, in einem fremden Land Wurzeln zu schlagen, selbst für jene, die als Kinder nach Deutschland kommen. Obwohl dies nur unterschwellig das Thema ist, schwingt es doch die ganze Zeit mit, diese Fremdheit, die Deutschland für eine Iranerin ausmacht. Oder ganz generell: wie schwierig es ist, ein Leben im Exil zu führen. Das Buch ist somit unglaublich aktuell. Spannend finde ich es immer, das Deutschland, das ich als Deutsche kennengelernt habe, also mein Heimatland, mit den Augen von Menschen sehen zu können, die es anders kennen gelernt haben. Dass das, was wir normal finden, andere vollkommen irritieren kann. Ich finde dies immer wieder eine entwaffnende Erkenntnis, die Bescheidenheit vermittelt. Allen Illusionen zum Trotz sind wir nicht der Nabel der Welt oder die Definitionsgröße für Normalität. 

Ich danke dem btbVerlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker


Montag, 5. Februar 2018

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre Lieblingsbücher vor (23)

Die Kreuzberger Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 
Sie haben übrigens auch immer eine genial verführerische Auswahl an englischen Büchern, sowie das tollste Geschenkpapier und anderen Schnickschnack, den man dringend braucht.

Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 

Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist, und dass sie jetzt auch bei Facebook sind? 




Liebe Susanne,
es ist leicht ermüdend, wenn Bücher als "besonders" "einzigartig" und "sprachlich himmlisch" beschrieben werden.

Geht aber wirklich nicht anders.

Anja Kampmanns Buch "Wie hoch die Wasser steigen" ist bei Hanser erschienen, letzte Woche.
Den Titel finde ich nicht genial, aber egal-

Es geht um einen Mann aus Polen, der auch im Ruhrgebiet gelebt hat, im Revier neben den Gruben, um dann auf Ölplattformen in der weiten Welt zu arbeiten. Er verliert eines Nachts bei einem Sturm seinen engsten Freund.
Es beginnt die Reise nach Ungarn, woher der Freund stammte, in das Dorf und die Sachen werden dort hingelegt. 
An dieser Stelle dockt die Geschichte nochmals an und erzählt weiter die Entwurzelung des Mannes Wenzel, und wie er durch Europa reist, gleichzeitig eben sein rastloses Leben an verschieden Orten vor dem Unfall des Freundes.
Im Jetzt und rückblickend schafft die Autorin mit unglaublich dichter, lyrischer und mit tollen Metaphern gespickter Sprache die Welt, die ihn umhüllt. Die Handlung bewegt sich trotzdem aber sehr honigartig, weil die Naturbeschreibungen immer auch die Verfassung des Protagonisten widerspiegeln. Die Leserin nimmt sich Zeit,  darin zu baden. Das Sich-Treibende des Wenzel führt in dennoch mit sicherem Instinkt zurück nach Deutschland, zu dem Taubenverein und den hustenden Arbeitern.

Das nächste Mal wenn wir uns sehen, bekommst du das Leseexemplar von mir.
Drei tolle Rezensionen gab es schon, da bin ich froh!
Auch, dass ich Dir endlich mal wieder für deinen tollen Blog geschrieben habe.
Liebe Grüße,

Jessica

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Donnerstag, 25. Januar 2018

Buch der Woche - Transit von Rachel Cusk

"It was an interesting thought, that stability might be seen as the product of risk; it was perhaps when people tried to keep things the same that the process of decline began."

In TransitWas ist Liebe?

Nachdem ich In Transit von Rachel Cusk gelesen habe, würde ich sagen: Liebe ist, einem anderen zuzuhören, ihm die richtigen Fragen zu stellen und genügend Raum zu lassen, allen Raum der Welt, so dass er zu sich selbst findet.

Die Protagonistin, eine Schriftstellerin, frisch geschieden, ist soeben mit ihren beiden jungen Söhnen vom Land zurück nach London gezogen. Sie kauft dort ein vergleichsweise günstiges Haus, das aber im Grunde eine Bruchbude ist und nur bewohnbar nach umfangreichsten Renovierungsmaßnahmen.
Von dieser Übergangsphase vom Leben der verheirateten Landbewohnerin zum Leben der geschiedenen Stadtbewohnerin, in welcher die Söhne noch einmal beim Vater sind, solange, bis das Haus bewohnbar ist,  handelt das Buch. Oder vielmehr: es zeigt uns die Begegnungen der Protagonistin in diesem Zeitabschnitt. Friseuse, Handwerker, Ex-Freund, die hasserfüllten Nachbarn, Kollegen auf einem Literaturfest, ein Cousin und seine neue Frau et cetera.
In all diesen Begegnungen fungiert die Protagonistin hauptsächlich als Fragestellerin. Sie erzählt so gut wie nichts von sich. Sie stellt überaus kluge und geduldige Fragen, welche die Gegenüber mit großer Offenheit und Freude beantworten. Einmal mehr wird mir bei der Lektüre bewusst, wie sehr Menschen danach hungern, wahrgenommen zu werden. Mit einer überaus großen Ruhe und unaufgeregten Neugierde sucht die Schreiberin in den Worten des jeweiligen Gegenübers nach Wahrheit. Die Fragen, die sie stellt, sind intim. Manchmal ist das Gegenüber davon überrascht. Aber in der Regel wird auch dann geantwortet. So erfahren wir viel über Menschen, von denen man annehmen könnte, sie spielten für die Geschichte eigentlich gar keine Rolle. Sie sind ja nur Randerschienungen, zufällige Begegnungen. Wann wird die Protagonistin endlich von sich erzählen? Ihre Trennungsgeschichte zum Beispiel vor dem Leser offenbaren in all ihrer Intensität?

Dann dämmert es mir, wie sehr sie das die ganze Zeit tut. Die Fragen und Antworten, die große Liebe, die sie jedem Gegenüber mit ihrem Interesse schenkt, die Geschichten, die durch ihre Fragen nicht zufällig sondern gezielt ans Licht gelockt werden, sie alle erzählen von ihr und ihrer Geschichte. Ihre Begegnungen fungieren so als perfekte Spiegel ihres eigenen Seelenlebens, das am Ende des Buches offen vor dem Leser liegt.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen. In Deutschland ist es gerade am 18. Januar 2018 als Taschenbuch bei Suhrkamp erschienen.
Eine wunderbare Lektüre, die ich nur sehr empfehlen kann.

Eine weitere Besprechung des Buches findet sich bei literaturleuchtet

(c) Susanne Becker


Sonntag, 21. Januar 2018

Die Obstdiebin von Peter Handke zu verschenken

„ Diese Geschichte hat begonnen an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wurde.“
So lautet der erste Satz von Peter Handkes neuem Buch „Die Obstdiebin“.

Wie habe ich eigentlich Peter Handke für mich entdeckt? Ich weiß es noch genau, dass er für mich jahrzehntelang keine Bedeutung hatte und ich auch damit rechnete, dies würde für den Rest meines Lebens so bleiben. Ich hielt ihn für trocken und langweilig. Wohl hatte ich das ein oder andere Mal in einem seiner Bücher geblättert, aber nichts daran hatte mich in Bann gezogen. Ich wusste, dass es ihn gab, eine Rolle spielte er für mich nicht. Ich las begeistert um ihn herum und an ihm vorbei.

An einem Sonntag im Herbst ging ich in meinem Viertel spazieren. Zufällig kam ich an dem Kino Eiszeit vorbei, betrachtete mir die im Fenster hängenden Plakate neugierig. Eines zeigte Peter Handke, wie er zusammengekrümmt in einem Raum, der wie ein Atelier anmutete, auf einem kleinen Holzklappstuhl saß, eine Hand am Kinn, barfuß, lesend.
Es war die Kombination aus diesem Titel und dem Bild, die mich ins Foyer treten und ein Ticket kaufen ließ.  Ich kam dann wie verzaubert wieder heraus an diesem Herbstsonntag. Er war eine Enthüllung gewesen, eine Enthüllung dessen, wie ich gerne leben wollte. Dieses Haus, dieser Garten, die Bleistifte, dass da kein Computer war, die Waldspaziergänge, „diese kleinteilige Welt ist die Rettung“.
Danach las ich Wunschloses Unglück, dann Mein Jahr in der Niemandsbucht und gerade Der Bildverlust. Auf meinem SuB liegt noch Vor der Baumschattenwand nachts . Peter Handke hat, ich schätze, an die 90 großen Texte veröffentlicht: Tagebücher, Theaterstücke, Geschichten, Romane, Gedichte. Er ist 75 Jahre alt und kommt mir momentan produktiver vor denn je. Als würde er die Früchte seines Alters, die Weisheit aus all den Jahren, noch einmal geballt verschenken. Ich werde nicht alle seine Bücher lesen, aber ich hoffe, noch viele.
Denn niemand vermag es wie er, mich mit nur einem Satz in eine andere Welt zu manövrieren, in eine Welt, in der eine Ruhe herrschen und ein innerer Frieden möglich scheint. Seine Bücher sind wie Meditationen. Ruhige Entfaltungen der Kleinteiligkeit unserer Leben, jenseits der durchorganisierten Technik, in der unsere Welt mehr und mehr versinkt und welche die Menschen verschlingt in einem ständig wirbelnden Geschwindigkeits- und Eindrücketaumel. Er stellt dem entgegen: Pilze, Kastanien, Äpfel, Bleistifte, Taschenmesser, der Wald.
„Das Ich empfand ich heute abend als eine (von Natur) unzuverlässige Maschine zum Ingangsetzen der Welt: als ob gleichsam erst das Ich sich in Gang setzen muss, wie ein Kraftwerk, damit die Welt beleuchtet wird (erleuchtet).“ Aus dem Film: Bin im Wald.

Zum Geburtstag bekam ich das Buch Die Obstdiebin, und hier kommt Ihr ins Spiel. Denn ich bekam das Buch zweimal.
Gerne würde ich das eine Exemplar an eine/n von Euch weiter geben. Wer sie haben möchte, melde sich doch bitte bei mir, mit Adresse und ich verschicke sie sofort! First come, first served.


Viel Glück!

(c) Susanne Becker 

Sonntag, 7. Januar 2018

Lissabon

Angeregt durch einen Kommentar in meinem Blog, aber noch vielmehr durch meine letzte Lissabon Reise, die gerade erst wenige Monate zurückliegt, kam mir der Gedanke, hier einmal ein paar Vorschläge zu machen für all jene, die vorhaben, in nächster oder späterer Zeit Lissabon zu bereisen. Wenn Ihr, wie ich, Eure Reisevorbereitungen gerne mit Hilfe von Lektüre, Filmen und Musik bestreitet, dann habe ich hier ein paar Ideen für Euch. Ich übernehme aber keine Haftung! Wenn Ihr Euch, wie ich, in Lissabon verliebt, gibt es nur eine Hilfe: immer wieder hinfahren.

„Quem nao viu Lisboa, nao viu coisa boa!“ („Wer Lissabon nicht gesehen hat, hat nichts Schönes gesehen.“) Portugiesisches Sprichwort, dem ich voll und ganz zustimme.

Eines der klassischen Bücher, in denen Lissabon eine Hauptrolle spielt, habe natürlich auch ich verschlungen. Nachtzug nach Lissabon, 2004  von Pascal Mercier geschrieben, ist eine wunderbare Geschichte über einen Schweizer Altphilologen, der eine Zeitreise unternimmt und auch eine Reise im Hier und Jetzt: nämlich von Bern nach Lissabon.
Die Geschichte trägt ihn und die Leser zurück in die Zeit des Salazarregimes, in die Folterkeller und zu Widerstandskämpfern gegen die Diktatur, aber auch ins heutige Lissabon, wo er auf der anderen Seite des Tejo eine Augenärztin trifft, die ihm endlich eine Brille verschreibt, mit der er etwas sehen kann.
Eine spannende Geschichte, ein Krimi, der auch philosophisch und psychologisch tiefsinnig ist.


2013 wurde das Buch von Bille August mit Jeremy Irons in der Rolle des Gregorius Mundus verfilmt. Ich mochte den Film, auch wenn er bei weitem nicht an das Buch heran kommt.


Ein anderer Film, den ich sehr gerne gesehen habe in seiner, aus heutiger Sicht, langsamen Genüsslichkeit, Altmodigkeit fast, aber dies trifft ja im Grunde ein bisschen auf alle Filme von Wim Wenders zu, und der das Lissabon zeigt, welches ich liebe: Lisbon Story. Bereits 1995 gedreht, geht es um einen Deutschen, der in der Alfama zu einer Fadoband stößt und ein Geheimnis lüften möchte. Bei der Gruppe handelt es sich um Madredeus, die für diesen Film von Wenders praktisch entdeckt und danach sehr berühmt wurde. Der Deutsche und die Sängerin erleben eine zarte Liebesgeschichte, aber die größte Liebesgeschichte erlebt der Zuschauer, der durch die alten Gassen der Stadt geführt wird. Der Film besticht durch wunderbare Bilder. Wenn man dann wirklich nach Lissabon kommt, erkennt man auf der Stelle, dass Wenders Film, zwanzig Jahre alt, dennoch das Wesen dieser Stadt eingefangen hat, welches noch immer genau so lebendig ist. In diesem Sinne sind seine Filme vielleicht doch nicht altmodisch, sondern sie gehen in die Tiefe, was heute möglicherweise mit altmodisch gleich bedeutend ist.

Ein Jahr in Lissabon ist ein leicht zu lesendes kleines Buch von einer Deutschen, erschienen im Herder Verlag, die sich so sehr in die Stadt am Tejo verliebt hat, dass sie beschließt, ein ganzes Jahr dort zu leben und darüber zu schreiben, vor allen Dingen über den Alltag. Es soll kein Buch für Touristen sein, sondern zeigen, wie es sich dort lebt. Gut lebt es sich dort. Nach der Lektüre hatte ich umgehend Lust, selbst mindestens ein Jahr in dieser wunderbaren Stadt zu bleiben. 

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, ist natürlich ein Muss, wenn man sich auf Lissabon vorbereiten möchte. Hier habe ich mal ein wenig zu ihm geschrieben. Nein, niemand kann nach Lissabon fahren und Pessoa übergehen. Als ich im Oktober dort war, wohnte ich in der Mouraria. Um zum Tejo zu kommen oder in die Einkaufsstraßen, nach Barrio Alto oder zum berühmten Aufzug, kreuzte ich regelmäßig seine Rua dos Douradores. Jedes Mal durchzuckte mich etwas, das fast wie ein religiöses Gefühl war. Ehrfurcht vielleicht. Ich wandele auf den selben Steinen, auf denen er (oder der fiktive Charakter dieses großen Buches) jeden Tag zu seiner Arbeit im Büro ging. Schön ist auch das Casa Fernando Pessoa. Ich habe noch immer die Eintrittskarte von meinem Besuch dort vor dreieinhalb Jahren. An der U-Bahnhaltestelle Chiado sitzt er selbst, lebensgroß, und die Touristen lassen sich mit diesem Metall-Pessoa fotografieren. 
Generell hat es mich beeindruckt, wie lebendig die Literatur in Lissabon ist und wie sehr die Literaten, ob noch lebend oder längst verstorben, eine Rolle spielen im Straßenbild und verehrt werden. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die älteste Buchhandlung der Welt, nicht weit von der Pessoa Statue, genau in Lissabon befindet. Die Livraria Bertrand.
Hier ist noch einmal ein älterer Text von mir über zeitgenössische portugiesische Schriftsteller.
Jose Saramago, der portugiesische Literaturnobelpreisträger, dem in Lissabon ebenfalls ein Museum gewidmet ist, eigentlich ist es eine Stiftung, das Casa de Bicos, und dessen Asche vor diesem Museum unter einem Olivenbaum begraben ist, hat unzählige Bücher geschrieben. Empfehlen möchte ich Claraboia oder Wo das Licht einfällt. Denn ich finde die Idee so wunderbar, dass ein ganzes Buch in einem einzigen Haus spielt, einem Mietshaus, dessen Bewohner wir lesend dabei beobachten, wie sie versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Viele seiner Werke sind auf Deutsch bei Hoffmann & Campe erschienen.

Der Sarkophag von Luís Vaz de Camoes übrigens, dem Nationaldichter Portugals, ist sogar in Belem aufgebahrt, so wie derjenige der Könige Portugals. Dies nur noch einmal als Anmerkung bezüglich der Bedeutung, die Schriftsteller in Portugal geniessen. Ich weiß nicht, ob ich etwas Vergleichbares in irgendeinem anderen Land je wahrgenommen hätte. Belehrt mich gerne!

Peixoto  ist ein zeitgenössischer und sehr erfolgreicher portugiesischer Schriftsteller, der in Lissabon lebt und sehr viel reist. Die deutschen Übersetzungen seiner Bücher erscheinen im Wiener Septime Verlag. Einmal durfte ich ihn bei einer Lesung erleben und fand ihn einen sehr beeindruckenden Menschen. Hier ist meine Rezension zu seinem Buch Das Haus im Dunkel.

Noch ein letzter Lektüretipp: Lissabon Eine Stadt in Biografien, erschienen im Merian Verlag. Darin enthalten sind die Biografien vieler bekannter früherer und heutiger Bewohner der Stadt, an deren Lebenswegen entlang man sich durch die Straßen bewegen kann. Natürlich Fernando Pessoa, Jose Saramago, aber auch die Fadista Amàlia Rodrigues oder die Malerin Paula Rego, deren Museum in Cascais mehr als empfehlenswert ist, sind darin enthalten.

Wenn Ihr in Berlin wohnt und in der Zwischenzeit auch kulinarisch ein wenig verreisen wollt, empfehle ich Euch das Pastel in der Wrangelstaße oder dessen Mutterhaus Bekarei in der Dunckerstraße. Dort gibt es die echten Pastel de Natas (sogar in veganer Variante, das macht sie natürlich etwas weniger echt), und in der Dunckerstraße gibt es auch das göttliche Pao de Deus, sagte man mir.

Viel Spaß und até breve a Lisboa!

(c) Susanne Becker


Samstag, 30. Dezember 2017

My List of Favourites 2017

Am Ende eines jeden Jahres stelle ich eine Liste zusammen mit den Filmen, Büchern, Musikstücken, Orten, die mir in dem Jahr am meisten Freude gemacht haben, an denen oder mit denen ich "random acts of closeness" erleben durfte. Heute, bei einem Spaziergang durch die Stadt wurde mir klar, dass ich diese Dinge auch deshalb auswähle (oder sie mich), weil ich an ihnen oder mit ihnen einen Zustand innerer Stille erfahren durfte, das Gefühl, mich in einem unendlichen inneren Raum zu bewegen, der meine Kreativität und mein Glück nährt. Somit hat mich jede einzelne dieser Begegnungen weiter gebracht auf meinem Weg.
Wenn ich einen Vorsatz für 2018 haben würde, und wahrscheinlich habe ich ihn in diesem Moment, in dem ich ihn hier aufschreibe, gerade öffentlich getroffen, dann wäre es dieser: so viel Stille wie möglich in mein Leben bringen, durch gute Freunde und neue Menschen, gute Bücher, gute Filme, gute Musik, Yoga, Meditation, das Verweilen an Orten, die die Stille in mir befruchten, somit das Lernen, somit das open your mind als rund um die Uhr Grundhaltung, somit das Erleben von Random acts of closeness.
Ich wünsche Euch in diesem und vielen anderen Sinnen ein gutes Jahr 2018 🙏


Meine liebsten Filme waren gar nicht alle so still, dennoch haben sie mir unglaubliche Einsichten und das Erkennen von starken Wahrheiten ermöglicht. Beim Zuschauen war ich immer ganz da und bei mir.

Die schmerzhafteste Einsicht hatte ich sicherlich bei dem Film, I am not your Negro. Ich verstand, dass die positive Entwicklung, von der ich mein Leben lang wie selbstverständlich ausgegangen war in meinem luxuriösen, friedlichen Leben, nicht stattgefunden hat, nicht auf einer allgemeinen Ebene. Die gleichen Menschen, die James Baldwin oder Anne Frank das Leben schwer gemacht haben, die töten, ausgrenzen, Wut zur Politik erklären und im Großen und Ganzen das Gegenteil von einem offenen Geist und einem offenen Herzen personifizieren, sind immer noch, zwei Generationen später, genau so aktiv. Sie übernehmen gerade in vielen Ländern, wie zum Beispiel den USA, aber auch hier in Europa, die Herrschaft. Was kommen wird, könnte dunkel, sehr dunkel sein. Deshalb wünsche ich mir Aufmerksamkeit und den Mut, sich zu widersetzen.

Filme


I am not your Negro

Körper & Seele



One more Time with Feeling

Gleißendes Glück

Bücher

In der ersten Jahreshälfte gab es nur wenige Bücher, die mich  wirklich gepackt haben. Da waren im Grunde nur Erpenbeck und Seethaler.
Aber dann kam die zweite Jahreshälfte und plötzlich die Bücher, die mein Lesejahr ausmachten und mich unglaublich bereicherten und inspirierten. Es wurde dann auch ein Lesejahr, in welchem ich besonders viele sehr umfangreiche Bücher las,  was dazu führte, dass ich mit manchen Büchern, wie Jergovics Familiengeschichte, viele Wochen verbandelt war. Sie wurden zu Freunden, die Bücher, die Schreiber und die Charaktere und ein wenig fiel der Abschied schwer. So auch bei Auster, den ich gerade erst beendet habe. Es wurde auch das Jahr, in welchem es ein Lyrikbuch in die Riege meiner Lieblingsbücher des Jahres schaffte und in welchem ich Peter Handke noch mehr für mich entdeckte. Ich sah die wunderbare Deborah Feldman lesen und war bei einem Verlagsabend beim ebenso wunderbaren Secession Verlag und das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse. Literarisch war es für mich ein wirklich tolles Jahr.

Musik

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war ich noch einmal auf einem Konzert. Ich habe Nick Cave hier in Berlin gesehen. Nach einer Minute war mir bereits klar, warum der Mann ein Star ist, und dass ich absolut froh bin, gekommen zu sein. Ich mag nicht alle seine Lieder. Aber ich mag ihn, das Universum, das er kreiert, in dem er lebt und das besonders ist und kompromisslos. Deshalb ist auch sein Film One more Time with Feeling, in dem man so tiefe Einblicke in Trauer und Liebe als menschliche Grunderfahrungen erhält, auf der Liste meiner Lieblingsfilme. Nick Cave verwandelte die riesige Max Schmeling Halle in einen intimen Ort, an dem er, scheinbar nur mit uns, exklusiv, den Tod seines Sohnes Arthur betrauerte, dann wieder zurück sprang in die Zeit, in der er selbst in Berlin lebte und so das volle Spektrum seiner Genialität vorführte. Es war wie ein Akt von großer Freundschaft, mit dem er das Publikum beschenkte, uns alle, so viele Menschen ( ca.10 000), an seiner Trauer und seiner Liebe teilnehmen zu lassen. Alexander Gumz nannte das Konzert in der Berliner Morgenpost einen Trauergottesdienst. Damit trifft er eine Hälfte, die andere Hälfte war ein Liebesakt. Nick Cave schafft es, aus einer Sporthalle einen Ort zu machen, der so intim ist, dass man sich fühlt wie in einer kleinen, schummrigen Bar, Sekunden, bevor ein Fremder einen anspricht und das ganze Leben sich ändert.
Ich habe jetzt übrigens Blut geleckt in puncto Konzerte und mir schon eine Karte für Pearl Jam besorgt, die im Juli 2018 in der Waldbühne spielen.
2018, das Jahr, in dem ich einmal mehr verstand, wie groß Berlin ist, wie bunt, wie offen ... und dass ich an all dem teilnehmen kann. Dankbarkeit!

Pearl Jam 💓


wunderbarer Song von dem Film Körper & Seele



Nick Cave in Berlin
Gus Black, ein Zufallsfund 
  • Pearl Jam Thumbing my way back to heaven 
  • Laura Marling What he wrote (aus dem Film Körper & Seele) 
  • Nick Cave, die ganze Show 
  • Gus Black The world is on Fire 

Orte
  • Leipziger Buchmesse Einfach die ganze Messe, nur toll, dort herum zu laufen und all diese Schreiber zu sehen, die man toll findet. Hier ist noch ein Text, den ich seinerzeit darüber geschrieben habe. Ich freue mich schon auf die nächste Messe im März! 
  • der Berliner Stadt Forst und die Seen darin
    Müggelsee an einem frühen Nachmittag im Dezember
  • Prag, die Gerhard Richter Ausstellung, war für mich im Grunde auch ein Zufallsfund. Ich war mit dem Auto auf dem Weg ins Burgenland unterwegs und dachte nicht, dass ich in Prag anhalte. Da hält jeder an. Ich wollte lieber in irgendeiner kleinen tschechischen Stadt Rast machen für die Nacht. Aber dann, Lilly und ich waren auf der Autobahn schon vorüber gerauscht, nahm ich zu meiner Überraschung die nächste Ausfahrt und steuerte den Wagen zurück in die bunten Straßen dieser fabelhaften Stadt. Wir ließen uns den ganzen Abend treiben und ich sah, dass im Palais Kinski eine Werkschau von Gerhard Richter stattfand. So fuhren wir auf dem Rückweg vom Burgenland noch einmal nach Prag und schauten uns die Ausstellung an. Lilly: "Das halte ich nur für Dich aus!" Ich fand es herrlich und freue mich, dass 2018 so ein Jahr war, in dem ich in zwei Lieblingsstädten zwei Lieblingskünstler sehen durfte. Denn im Februar war ich noch in Wien und habe mir dort im Kunstforum die Werkschau von Georgia O'Keeffe angeschaut. 
    Kunstforum Wien

Prag, die Sonne geht unter hinter der Karlsburg

  • Jardim Estrela Eine Oase der Ruhe und Schönheit in einer meiner absoluten Lieblingsstädte: Lissabon Ich bin so froh, dass ich es in diesem Jahr noch einmal geschafft habe, hinzureisen. 
    Lissabon

(c) Susanne Becker