Berlin

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Mittwoch, 22. November 2017

Leila Slimani - Dann schlaf auch du

"Das Baby ist tot."
Die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani hat mit ihrem Buch „Dann schlaf auch du“, für das sie in Frankreich mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde, den Alptraum einer jeden Mutter in Literatur verwandelt.  Ich glaube, wirklich jede Mutter kennt diese Furcht, dass man die Kinder zur Strafe dafür, dass man sie allein lässt, nie wieder lebend sieht.

Ich wollte dieses Buch zunächst nicht lesen. Denn ich kann es, seitdem ich selbst Kinder habe, nur schwer ertragen, wenn in einem Buch oder Film Kindern Leid geschieht. Es fällt mir schwer, davon zu abstrahieren. Dennoch war ich neugierig und las diesen ersten Satz. „Das Baby ist tot.“, der sofort eine unglaubliche Sogwirkung erzeugte. Ich konnte das Buch nicht mehr beiseitelegen.

Myriam und Paul sind ein ganz normales Pariser Paar, das so aber auch in New York, Berlin, London leben könnte. Sie hat ein Jurastudium erfolgreich abgeschlossen, er produziert Musik. Sie haben eine Wohnung mitten in der Stadt. Sie wünschen sich eine Familie. Als Mila kommt, ist es für Myriam selbstverständlich, zunächst zuhause zu bleiben. Sie hat ein hohes Ideal davon, wie sie als Mutter sein möchte. Dieses Ideal beinhaltet, dass sie sich sehr intensiv um ihr Kind kümmert, dass nur sie ihr Kind wirklich kennt und weiß, was es braucht. Schon nach geraumer Zeit fällt es ihr nicht mehr so leicht. Sie langweilt sich und die stupide Hausarbeit, das intellektuell wenig anregende Zusammensein mit einem Kleinkind sind ihr nicht genug. Nach etwas über einem Jahr kommt Adam auf die Welt, ein zweites Wunschkind für Myriam, die die Kinder auch nutzt, um vor den Ansprüchen der Berufswelt zu flüchten. Mit zwei kleinen Kindern aber kollabiert in Myriam etwas. Während ihr Mann weiter draußen arbeitet, fühlt sie sich wie im Gefängnis. Als sich ihr die Chance bietet, als Anwältin in die Kanzlei eines alten Studienkollegen einzusteigen, greift sie zu.

 „Sie hatte die Vorstellung immer weit von sich gewiesen, dass die Kinder ihren persönlichen Erfolg und ihre Freiheit beeinträchtigen könnten. Wie ein Anker, der einen mit nach unten reißt, der das Gesicht des Ertrunkenen in den Schlamm zieht. Diese Erkenntnis hat sie anfangs total deprimiert. Sie fand es ungerecht und entsetzlich frustrierend. Ihr war klar geworden, dass sie das Gefühl, unvollkommen zu sein, die Dinge nicht richtig zu machen, einen Bereich ihres Lebens zugunsten eines anderen zu opfern, nie wieder loswerden würde. Sie hatte ein Riesendrama daraus gemacht und partout nicht von ihrer Idealvorstellung der Mutterrolle abweichen wollen. Hatte darauf beharrt zu glauben, dass alles möglich sei, dass sie alle ihre Ziele erreichen würde, dass sie weder verbittert noch erschöpft sein würde. Dass sie weder die Märtyererin noch die Mutter Courage geben würde.“

Paul und Myriam geben ein Inserat auf und finden Louise, die scheinbar perfekte Nanny, Nounou genannt, die sich innerhalb kürzester Zeit in ihr Leben einnistet, die sich unentbehrlich macht, nicht nur die Kinder betreut, sondern auch den Haushalt schmeisst, unzählige Überstunden klaglos macht.  Das klingt vielleicht wie ein Klischee, aber das Buch bedient an keiner Stelle Klischeevorstellungen. Die Zeichnungen der Personen, vor allem auch Louise', sind psychologisch feinsinnig und tiefgründig. Die Verzweiflung dieser Frau, ihre Einsamkeit, ihre Armut. Sie lebt vollkommen am Rande der Gesellschaft und niemand schaut hinter ihre Fassade aus rosa Nagellack und wohl riechendem Puder. Paul und Myriam vertrauen ihr rund um die Uhr ihre Kinder an, nehmen sie mit in den Urlaub, und bemerken trotz zunehmender Zeichen nicht, wie verzweifelt, wie nah am Abgrund diese Frau sich bewegt. Sie wollen es vielleicht auch nicht bemerken, denn es würde dieses Konstrukt bedrohen, das ihr Alltag ist und der ohne Nounou nicht funktionieren könnte.
Auch Myriam wird sehr empathisch und für mich absolut überzeugend gezeichnet, in ihr das Dilemma der modernen Frau, die auch Mutter sein möchte. Die in jeder ihrer Rollen perfekt sein möchte, es könnte kaum besser beschrieben werden. Louise und Myriam. Zwei Frauen, die sich wie zwei Seiten einer Medaille gegenüberstehen. Zwei Typen, die beide nötig sind, um die moderne Gesellschaft rollen zu lassen.
Der Autorin gelingt es, diese beiden Frauen liebevoll darzustellen. Der Leser kommt beiden sehr nah und es ist unmöglich, ein Urteil über sie zu fällen. Vielmehr nimmt man das Dilemma wahr, dass die Frauen stellvertretend für die gesamte Gesellschaft tragen. Wenn Egoismus das Mittel ist, Erfolg zu haben, dann stehen Mütter, die aufgrund ihrer Rollen per definitionem ein gehöriges Maß an Selbstlosigkeit benötigen, um die Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllen zu können, in einer spagatartigen Grätsche über einem Abgrund. Jede Mutter, die Karriere machen möchte, benötigt jemanden, die an ihrer Statt für ihre Kinder sorgt. Wir wissen über Psychologie heutzutage viel zu viel, um nicht auch zu wissen, dass Kinder, deren Bedürfnisse konsequent missachtet werden, leiden. Wir wissen auch, dass es nicht damit getan ist, die Bedürfnisse von Kindern mechanisch zu erfüllen. Sie müssen wirklich geliebt werden. Wenn die Eltern dazu kaum Timeslots frei haben, dies aber eine andere Person, wie im Buch Louise, scheinbar perfekt übernimmt, klaffen die Problemzonen weit offen. Wie viele Kinder hat diese Frau bereits an Eltern statt versorgt und wie ihre eigenen Kinder geliebt? Wurde sie von irgendeinem Kind jemals wie eine Mutter zurück geliebt? Welche emotionalen Kosten verursacht ein solches Arrangement auf allen Seiten?
Das Buch ist so spannend, ich habe nicht nur in
der U-Bahn gelesen, sondern auch auf dem Weg
dorthin
All diese Abgründe unserer Gesellschaft, die sich an den Kinderfrauen und Müttern so deutlich ablesen lesen, beschreibt die Autorin glasklar und präzise, ohne Pathos. Da ist es nur konsequent, dass Paul, obzwar deutlich gezeichnet, letztendlich eine Randfigur bleibt. Er hat weder Schuldgefühle noch wird er von irgendwem verantwortlich gemacht.

Slimanis Buch entwickelt vom ersten Satz an „Das Baby ist tot.“ eine inhärente Logik, die einen nicht mehr los lässt.  Obwohl das Buch brutal ist, traurig, hat es doch von Anfang an eine Schönheit, die in der Sprache liegt, die so klar ist und auf den Punkt trifft. Es gibt keine Überflüssigkeiten, keinen Schnickschnack. Hier wird eine Geschichte erzählt. Vergeudet wird dabei nicht ein Wort.

Es ist ein Brennglas, das auf den Zustand unserer modernen Gesellschaft gerichtet ist. Was geschieht in dieser Gesellschaft mit Müttern, mit Kindern, mit jenen Personen, die schlecht bezahlt unsere Kinder betreuen müssen und die im Berufsleben geforderte Flexibilität der Eltern mit eigenen Opfern erst ermöglichen? Was geschieht in unserer Gesellschaft mit berechtigten Bedürfnissen und tiefen Gefühlen? Es ist ein Buch über die Einsamkeit der Frauen in unserer Leistungsgesellschaft, die immer noch mit einem großen Teil der Arbeit und des schlechten Gewissens alleine zurecht kommen müssen und auch untereinander wenig Solidarität erfahren und geben. Das erfährt Myriam zum Beispiel knallhart mit ihrer Schwiegermutter: "Sie hat Myriam verantwortungslos und egoistisch genannt. Hat an ihren Fingern all die Dienstreisen aufgezählt, die sie unternommen hatte, selbst wenn Adam krank und Paul gerade mit der Fertigstellung eines neuen Albums beschäftigt war. ... Sie hatte nicht die Kraft, sich gegen diese Anklagen zu verteidigen, ... Da war nicht das kleinste bisschen Raum für Nachsicht und Mitgefühl. Nicht ein wohlmeinender Rat wurde erteilt, von Mutter zu Mutter, von Frau zu Frau."

Last but not least ist es ein hochgradig feinsinniger und lückenlos gestrickter Thriller. Wir wissen von der ersten Seite an, dass die Kinder sterben und wer sie ermordet. Dennoch wird die Spannung von Seite zu Seite größer, will man immer unbedingter durchdringen, wie es dazu kommen konnte. Leila Slimani seziert die Vorgeschichte Schritt für Schritt. Sie erzählt einfach, was geschehen ist. So ist dieses Buch auch ein psychologisches Meisterwerk und ich möchte in vieler Hinsicht eine große Leseempfehlung für das Werk aussprechen!

Herzlichen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar. Dieses Buch wird mir sicher noch lange Stoff zum Nachdenken geben.

(c) Susanne Becker


Mittwoch, 15. November 2017

Miljenko Jergovic - Die unerhörte Geschichte meiner Familie

Wenn mich jemand fragt, welches das Buch ist, das mich in diesem zu Ende gehenden Lesejahr am meisten, am allermeisten beeindruckt hat, so würde ich antworten: Die unerhörte Geschichte meiner Familie von MiljenkoJergovic.

Das hat mehrere Gründe.
Die Fabulierlust Miljenko Jergovics ist vielleicht der erste Grund, den ich nennen würde. Wie jemand von Hölzchen auf Stöckchen kommt und ihm einfach immer mehr einfällt, er das nicht zurück hält, sondern alles alles aufs Papier bringt, das hat mich unglaublich beeindruckt und ich habe wirklich jede einzelne der 1100 Seiten mit einem körperlich spürbaren Genuss verschlungen. Hier begegnet man einem zutiefst begnadeten Erzähler. Ich wüsste keinen zweiten zu nennen, den ich mit ihm in eine Reihe stellen könnte. Im Verlauf der Geschichte nennt er selbst einige, Peter Nadas, Paul Auster unter anderen, ich denke, das ist die Reihe der Giganten, in die er gehört, und das weiß er und beansprucht seinen Platz entgültig durch diese unerhörte Geschichte. Die Parallelgeschichten von Peter Nadas sind das Buch, das er ausdrücklich dabei hat, als er zum letzten Mal Sarajevo besucht, zum letzten Mal seine sterbende Mutter aufsucht, als er wieder weg fährt, packt er dieses Buch ganz nach oben in die Reisetasche.
Miljenko Jergović: Die unerhörte Geschichte meiner FamilieEr erzählt jeden Winkel jedes Seitenarms jeder seiner Geschichten, und wenn er sie nicht erzählt, dann erwähnt er sie zumindest mit dem Hinweis, dass er darüber einen ganzen eigenen Roman verfassen könnte, leider aber nicht die Zeit dazu habe, oder die Mittel, um die in diesem Fall notwendige umfangreiche Recherche zu finanzieren. Wie Sasa Stanisic es in seiner wunderbaren Rezension des Werkes bemerkte, hat dieses Buch 1 Million Seiten. Es hat das ganze Jahrhundert, jeden einzelnen Menschen, fast jedes Thema, welches eine Rolle spielte in diesem vergangenen Jahrhundert in sich. Nichts wird ausgespart. Ganz Europa kommt darin vor. Nichts wird verschwiegen, und wenn es verschwiegen wird, dann so: Ich verschweige das jetzt! So offen ist dieses Buch und so ehrlich, so geradeheraus. Das ist der zweite Grund, warum ich es liebe. Nichts wird ausgespart und alles wird haargenau betrachtet durch das Brennglas Sarajevo und das Brennglas Stubler-Familie.

Der dritte Grund ist, dass es ausgeht von dem Sterben seiner Mutter, und so vieles, was er in der so genannten Reportage Mama Ionesco niederschreibt, erinnert mich 1:1 an das Sterben meiner Mutter und wie ich mich damals fühlte, wie man versucht, dem Unvermeidlichen, dem Schmerz, der Angst auszuweichen. Das ist ein subjektiver Grund. Aber  das macht ja nichts. Ausgehend also vom Sterben der Mutter erzählt er die Geschichte seiner Familie mütterlicherseits, der Familie Stubler, die mit ihm, der keine Kinder hat, zuende gehen wird. Er erzählt, und wenn nötig, erfindet er auch ein wenig, die Geschichten aller möglichen Familienmitglieder und bietet damit eine Tour de Force durch die Geschichte Jugoslawiens, vom 1. Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg. Es zeigt die Vernichtung der Juden, die Vertreibung, die Ustascha und ihre Verbrechen, die Uneindeutigkeit, in welcher sich die Menschen dieses, und im Grunde jedes Ortes angesichts der Geschehnisse, die dann irgendwann Geschichte sein werden, befinden.
Die Mutter stirbt in Sarajevo, dem Geburtsort Jergovics, den er allerdings während der Einkesselung der Stadt im Jahr 1993 verlassen hat. Er lebt seitdem, prominent angefeindet, in Zagreb.
Für das Sterben seiner Mutter, zu der er, und die zu ihm, immer ein schwieriges Verhältnis hatte, kehrt er ein letztes Mal nach Sarajevo zurück, lässt sich von der Mutter die Geschichten erzählen, die sie noch erinnert. Er hatte einen Roman über diese Familiengeschichte mütterlicherseits bereits vor längerer Zeit begonnen, Die Stublers hatte das Manuskript geheißen. Aber er musste damit aufhören. Denn er stieß an eine Wand aus Schweigen. Im zweiten Weltkrieg war der ältere Bruder der Mutter, Mladen, unter nicht ganz klaren Umständen ums Leben gekommen. Darüber wurde sehr viel geschwiegen. Aufufernd geschwiegen. Keiner sprach davon. So dass auch dem Dümmsten irgendwann klar war, dass sich hinter dieser Wand die wahre Geschichte verbirgt. Die Großmutter hatte alle Fotos und Briefe, alles, was an den Erstgeborenen, heiß geliebten Sohn erinnerte, vernichtet in ihrer Trauer. Dieses Schweigen erstickte die Erzählung, an der er schrieb. Als die Mutter nun also im Sterben lag, nutzte Jergovic die Gelegenheit, sie zum Erzählen zu bringen, auch, um die eigene Unsicherheit dieser emotional so intensiven Situation mit ihr in den Griff zu bekommen.

„Die Erzählung, die in unserer Mitte, mitten in unserer Pein aufleuchtete, brachte uns einander nahe. Sie musste die zweifelsohne schlimmeren Qualen aushalten, und meine waren schon so, dass ich es kaum aushielt. Die Pein war von der Art, dass ich noch im Schlaf alles präsent hatte.
Die Erzählung war Ausdruck absoluten Glücks.“

Wo sie sich nicht erinnert, denkt er sich Wahrscheinlichkeiten aus, die aber vermutlich genau so geschehen sind, oder nicht. Im Grunde spielt das gar keine Rolle.
Ein Zentrum der Erzählungen ist dabei immer wieder dieser Bruder der Mutter, Mladen, der aufgrund der Überzeugung seiner Mutter nicht zu den Partisanen gegangen war, sondern zur deutschen Waffen SS, was möglich gewesen war, da die Familie ursprünglich deutsch war, aus dem rumänischen Banat stammte. Jergovics Großmutter wollte ihren Sohn um jeden Preis retten, und dachte, er sei bei der Waffen SS am sichersten. Sie setzte ihren Willen gegen Mladen durch, der bei einem letzten Heimaturlaub geplant hatte, zu den Partisanen zu fliehen, sie setzte sich gegen den Ehemann durch, der von Anfang an nichts hielt von den Deutschen, die seiner Meinung nach den Krieg verlieren würden.
Sie hatte einen großen Irrtum begangen, eine Fehleinschätzung, und dieser Irrtum sollte Mladen das Leben kosten. Dieser Irrtum sollte die Mitglieder dieser Familie, ihre Beziehungen untereinander formen und bestimmen bis in die Gegenwart. Hätte Miljenko Jergovic Kinder, auch sie würden durch diesen Irrtum beeinflusst werden. So stark ist die Vergangenheit. So gnadenlos wirkt das, was vor uns war, auf uns, bis ins Heute (Dieses Thema war ja auch schon präsent in meinem letzten Blogbeitrag über Ruth Zylberman. Auch Jergovic erforscht, genau wie sie, die Topographie unserer Lebensräume.)
Von Mladens Tod hat sich die Familie, so scheint es, bis heute nicht erholt. So ist Jergovics Roman in meinen Augen vor allem eine Verarbeitung dieses Todes, der das Leben seiner Mutter vollkommen bestimmte und somit ihr Verhältnis zu ihm. Es ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit, auch mit der Mutter, von der er sich niemals geliebt fühlte. Es ist eine Abrechnung mit der Tatsache, dass Miljenko Jergovic sich von seiner Mutter niemals geliebt fühlte. Mit der Tatsache, dass er ihr das noch übel nimmt, als sie im Sterben liegt. Es ist eine Abrechnung mit der Tatsache, dass seine Geburtsstadt Sarajevo ihn verstoßen hat. Er versucht damit zurande zu kommen. In meinen Augen gelingt es ihm. Alles hat mit allem zu tun.
Das Buch ist zutiefst menschlich. Es zeigt den Menschen in seiner Abgründigkeit und als das Wunder, welches er ja auch ist. Beides. Das ist der vierte Grund. Diese Erzählung ist Ausdruck absoluten Glücks, sie macht somit die Leserin glücklich, absolut, auf jeder Seite. Irgendwo las ich, noch bevor ich das Buch begonnen hatte, dass es zu lang sei und sich an vielen Stellen unnötig wiederhole. Ich kann dem nicht zustimmen. Ich habe keine Seite, keinen Satz gefunden, die ich persönlich als überflüssig betrachten würde. Wo es Wiederholungen gab, und von denen gab es einige, hatte ich niemals das Gefühl, sie seien überflüssig. Vielmehr empfand ich, dass Jergovic mit jeder Wiederholung ein wenig tiefer eindrang in das vergangene Geflecht, auf welchem sein Leben gründet. Jede Wiederholung führte uns eine Schicht tiefer in den Raum.

Keine Frage innerhalb einer Familie ist jemals ganz und objektiv zu beantworten, es sei denn, man hat den Mut, die Antwort zu (er)finden. Jergovics Buch zeigt unter anderem eines sehr deutlich: dass Erinnerung, Geschichte eine subjektive Angelegenheit ist. Wer den Mut hat, die Lücken zu füllen, der kreiert möglicherweise eine Geschichte, die wahrhaftiger ist als die Wirklichkeit. Es geht bei der Erinnerung, bei der Erzählung von Geschichte ja nicht nur um Fakten. Es geht um einen Seelenraum, in dem diese Familie Stubler und ihre Mitglieder und Nachfahren die wurden, die sie waren und sind. Es geht um den Seelenraum, in dem Miljenko Jergovic der wurde, der er ist. Diesen Raum hat er abgeschritten und die Fakten, die er präsentiert, sind die Wahrheit.

Der fünfte Grund, warum ich Jergovics Buch so liebe, ist der Mut, der aus jeder Seite spricht. Miljenko Jergovic ist einer der mutigsten Schriftsteller, die ich aktuell nennen könnte, ich persönlich. Andere kennen andere Schriftsteller. Er kritisiert alle, vor allem sich selbst, aber auch anderen gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund. Das kommt vielleicht gerade auf dem Balkan, wo der Krieg noch nicht sehr lange her ist und die Nationalitäten sich im Grunde nicht im Frieden befinden, sondern in einem schmorenden Waffenstillstand, es kommt dort nicht gut an. Er erträgt die Angriffe, den Hass, das Ausgegrenztsein. Er verschweigt sie nicht, denn sie gehören zum Seelenraum der Erzählung, die sein Leben ist. 

Dies ist für mich ein großes Buch! Ich habe jede Seite genossen und geliebt und kann es Euch nur von Herzen empfehlen. Um es mit den Worten Stanisics zu sagen: "Dies ist ein großes Buch, und so viele große Bücher liest man nicht, aber wenn man eines erwischt, dann weiß man das sofort."  

Ich danke dem Schöffling Verlag sehr herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Als nächstes werde ich im übrigen nun endlich, es liegt hier gefühlt seit ewig, Paul Austers 4 3 2 1 lesen und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Jergovic diese Wahl gutheißen würde. 

Im übrigen gibt es auf meinem Blog noch die Rezenzion seines Buches Vater, welches von ebendiesem und seiner Familie handelt. Viel dünner, aber genauso gut!

(c) Susanne Becker





Montag, 6. November 2017

Ruth Zylberman, die Topographie des Lebens erforschen

Wir befinden uns in einer Schicht über den Vergangenheiten. All das, was bereits geschehen ist, liegt unter uns, gestapelt. Lage für Lage stapelt die Vergangenheit sich unter uns, wie eine geologische Gesteinsformation. All die Leben und Tode, die Taten und Untaten, sind da und bilden das psychische Gelände, auf dem wir unseren Lebensweg zurück legen. Wenn wir aufmerksam sein können, so aufmerksam, wie es uns nur irgend möglich ist, dann können wir diese Schichten erspüren.

Das vergangene Wochenende war für mich ein Wochenende der französischen Schriftstellerin und Filmemacherin Ruth Zylberman. Am Freitagabend begann ich ihr Buch Vermisstenstelle zu lesen, das gerade im Secession Verlag erschienen ist.
Am Samstag kam sie selbst nach Berlin und stellte im Neuköllner Kino Wolf ihren neuen Dokumentarfilm 209 Rue St. Maur, Paris, 10Ème, The Neighbors – vor.

Sowohl in diesem Film als auch in ihrem Buch geht es um Topographie, um das Gelände oder auch den Raum, in dem wir leben, der gestaltet wurde durch das, was zuvor in ihm geschehen ist, was sozusagen darunter sich befindet, und auch um den Raum herum, in so vielen Schichten, die verschüttet sind. Wenn man in aller Stille und mit großer Aufmerksamkeit gräbt, kann man die Schichten finden und sie sprechen zu einem. Ruth Zylberman ist unglaublich aufmerksam. Das ist vielleicht die erste Eigenschaft, die mir an ihrem Werk, dann auch an ihrer Person, aufgefallen ist. Sie ist so aufmerksam, dass sie die Stimmen der Wände zu enthüllen vermag, welches uns umgeben. Ein scheinbar normales Haus erzählt ihr seine Geschichte. Sie ist so aufmerksam, dass sie in Berlin das Leben Rosa Luxemburgs spürt. Ich glaube, sie spürt überall die Leben, die vor ihr da waren.

Vor ein paar Jahren saß ich einmal mehrere Stunden im Raum der Namen, das ist ein Teil des Denkmals für die ermordeten Juden  hier in Berlin. Die Namen aller ermordeten Menschen werden genannt und erscheinen schwarz auf weiß auf einer Leinwand. Die Einzelheiten, die man von ihnen weiß, werden erzählt. Bei manchen ist es so gut wie nichts. Bei manchen erfahren wir etwas mehr. Man könnte sehr lange dort sitzen und kein Name würde sich wiederholen. Immer noch sind nicht alle erfasst, die ermordet wurden. Man kann übrigens spenden. Zur Erstellung einer Biografie benötigen die Wissenschaftler circa 60€. Denn sie müssen die Schichten durchforsten und sehen, was sie von Rashid, Leonid, Mascha außer ihren Namen noch an die heutige Oberfläche holen können. Wie alt waren sie? Wann wurden sie deportiert? Wo kamen sie als erstes hin? Hatten sie einen Verlobten, Kinder, eine Ehefrau, eine Arbeit?
Ruth Zylbermans Film ist ein wenig wie dieser Raum. Sie findet die Geschichten, die das Haus in der Rue St. Maur zu erzählen hat. 
Jene Menschen, die man noch direkt befragen kann, werden weniger. Bald wird es niemanden mehr geben, der den Holocaust erlebt hat. In dem Gespräch, welches die Übersetzerin Patricia Klobusiczky nach dem Film mit Ruth Zylberman führte, sagte sie an einer Stelle: „Ich habe keine Pflicht zur Erinnerung.“ 
Wie kann man einen Raum (ein Haus, eine Stadt, diese Erde) bewohnen, wenn in der Vergangenheit eigentlich alles daran gesetzt wurde, einen zu vernichten, einem jedes Recht auf ein Leben abzusprechen. Wenn es einen eigentlich gar nicht geben sollte? Das ist vielleicht eine Art Grundfrage der Arbeit Zylbermans.
Ein Haus, eine Stadt, diese Erde sind wie Mütter, in deren Leib man sich geborgen fühlt. Oder auch nicht. Denn alles, was geschah, ist da, ist spürbar. 
Die Wahl auf genau dieses Haus im jüdischen Bezirk von Paris fiel zufällig und hat mit ihrer eigenen Geschichte, die derjenigen der Kinder, die überlebten, so nah ist, nichts zu tun. Mit Absicht wählte sie ein fremdes Haus und nicht zum Beispiel eines, in dem ihre Mutter, die Bergen-Belsen überlebt hat, als Kind gewohnt hat.
Anhand alter Listen des Einwohnermeldeamtes konnte sie Schritt für Schritt, wie in einem Puzzle, rekonstruieren, wer in den 30er und 40er Jahren in diesem Haus gelebt hat. Miniaturmodelle des Hauses, an den Fenstern die Namen jener, die dahinter gelebt haben. 300 Menschen. Ein Großes Haus. Viele jüdische Familien, aus verschiedensten Ländern. Exilanten, die aus Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei nach Frankreich gekommen waren, auf der Flucht vor Pogromen, Armut, weil für sie Frankreich das Land der Menschenrechte und der Brüderlichkeit war. In ihrer Vorstellung.
Ruth Zylberman fand die Überlebenden: in den USA, in Nantes, in Tel Aviv, in Australien, in Paris, und diese Menschen öffneten sich ihr in einer Weise, die man so nicht erwarten darf. Sie ließen sich befragen und erinnerten sich, teilweise an Dinge, die sie Jahrzehnte vergessen hatten, weil der Schmerz viel zu groß gewesen wäre.
Von den ehemals 100 jüdischen Bewohnern des Hauses wurden 52 deportiert. Andere, hauptsächlich einige der Kinder, wurden von Nachbarn versteckt, oder mit Hilfe von Rettungsorganisationen vor der Deportation bewahrt.
Alle haben sie ein ganzes Leben und sich selbst verloren. Auch die Überlebenden. Die Kinder, die zwar gerettet wurden, sahen aber ihre Eltern nie mehr wieder, ihre Geschwister, sie wussten, wie zum Beispiel der heute in Amerika lebende Henry, nichts mehr von ihrem früheren Leben. „Ich habe alles hinter mir gelassen.“ Gerade an seiner Person wird deutlich, wie heilsam dieser Film für die Beteiligten war. Als er sich endlich ein wenig den von Ruth nach USA mitgebrachten Erinnerungen und seinen Gefühlen stellen kann, spürt jeder Zuschauer, wie gut dieser Film ist. Er ist nicht nur gut für den Zuschauer, er ist auch offensichtlich gut für die daran Beteiligten.
Am Ende des Films treffen sie sich alle im Hof des Hauses in Paris, sie reisen an mit ihren Kindern und Nachfahren. Sie erkennen sich, sie umarmen sich, sie erzählen sich noch mehr Erinnerungen.

Zylberman - VermisstenstelleMein Gedanke: Bei dem Film geht es nicht ums Erinnern, per se, sondern es geht um Heilung. Es gibt keine Pflicht, zu heilen. Aber es ist besser, wenn man diesen Weg beschreitet. Ruth Zylberman hat mit diesem Film so viel Glück und Heilung zu diesen Menschen bringen können und damit auch etwas universelles geleistet. Denn jede individuelle Heilung heilt den Gesamtraum, in dem wir alle leben, wenn man bei diesem Bild bleiben kann.  Sie erforscht den Raum und dann bringt sie etwas Gutes in diesen Raum hinein und verändert ihn dadurch.

Im Secession Verlag ist nun also Ruth Zylbermans erstes Buch auch gleich auf Deutsch erschienen, Vermisstenstelle. Am Sonntag, noch ganz unter dem Einfluss des gesehenen Filmes stehend, beendete ich es beinahe atemlos. Darin wird die Geschichte einer Frau erzählt, die sich das Leben nehmen möchte, weil eine Verzweiflung in ihr so groß wird, dass sie sich ihrer nicht länger erwehren kann. Die Ich-Erzählerin begibt sich im Lauf der Geschichte auf die Spurensuche dieser Verzweiflung und folgt ihr nach Bergen-Belsen, nach Warschau und durch die Pariser Straßen, in denen sie aufgewachsen ist, in denen sie im Jetzt mit einem Mann und einer kleinen Tochter lebt.
Die Mutter der Ich-Erzählerin hat als Kind, gemeinsam mit Mutter und Schwester, Bergen-Belsen überlebt.
„Mamas Gesicht, schroffer Schutzschild, den ich nach geologischen Spuren des Kindes absuche, das sie einmal gewesen ist, des Kindes, das, wie ich weiß, wie ich schon immer gewusst habe, ohne es je erfahren zu müssen, dem Schnee und der Kälte entronnen ist, vor langer Zeit, aus tiefem Schnee…mit dem tödlichen Schnee in Berührung gekommen ist, mit den übereinander gestapelten Leichen….“

Der Vater ist seit der Deportation verschwunden. Dann aber findet sich ein Dokument des Amtes für vermisste Personen, aus dem hervorgeht, dass er ebenfalls in Bergen-Belsen war und bei der Befreiung des Lagers durch die Engländer offensichtlich noch lebte. Sie fährt mit ihrer Mutter nach Bergen-Belsen, um nach weiteren Spuren des Vaters zu suchen. Dort sieht sie, wer ihre Mutter einmal gewesen ist, im Lagers. Sie sieht die Version ihrer Mutter, die die Nazis aus einem unschuldigen Kind gemacht haben. „Sie kauerte wie ein Tier, wie ein Affe, wie ein Wolf, wie ein Hund. Sie war klein wie ein Kind. Sie sah sich um, und ich erkannte, dass sie die Gegenwart ihrer Schwester, ihrer Mutter suchte. Sie suchte ihre Meute. Sie hätte jeden Moment ….. unsichtbare Brotkrümel verschlingen können. Sie hätte aufstehen, über Leichen hinwegsteigen, diejenigen wegstoßen können, die von ihrer Suppe etwas abhaben wollten, hätte ein grausames, abscheuliches Kind sein können. …. als ich sie auf dieser leeren Lichtung sah, …. -, Mama war genau das gewesen, Affe, Wolf, Hund. … War als Kind grausam und abscheulich gewesen. Das war der Ursprung, das Brandmal, dem weder ich, ihr Wunder, noch die Häuser von Paris… die Rettungsversuche gewachsen waren. Hinweggefegt. Die mögliche Heimkehr war ein Trugbild.“
Die Nazis haben den Menschen ihr Menschsein genommen, indem sie sie in Situationen brachten, in denen nichts mehr galt, was Menschen untereinander als Regel anerkennen. Es gab nur Grausamkeit, Brutalität. Selbst Kinder verloren ihre Unschuld, wurden zu Tätern angesichts des puren Triebes, in diesem Schlachthaus irgendwie zu überleben. Selten habe ich eine Szene gefunden, in der mir so deutlich wurde, wie die Nazis die Seelen der Menschen zerfetzt haben.
In ihrem Film sagt ein alter Mann, der als 7jähriger Junge seine Eltern und seinen Cousin verloren hat und sich fortan vollkommen alleine durch die Lagerwelt schlagen musste, er sei nie wirklich aus dem Lager zurück gekehrt, ein Teil von ihm sei für immer dort geblieben.
Ruth Zylberman ist eine der Nachkommen jener Generation, die die Lager überlebt hat, aber die nie ganz von dort zurückgekehrt sind. Sie erforscht das Gelände, auf dem sie leben kann und fragt mit ihren Werken, wie sie diesen Raum bewohnen kann, aus dem sie eigentlich eliminiert werden sollte.
Sie tut dies mit einer Zartheit, einer Zurückhaltung, einer feinen Sprachlichkeit, sowohl im Buch als auch im Film, dass man nicht einmal wirklich denkt, es geht um sie. Es ist immer offenbar, dass sie unser aller Raum abschreitet und erklärt, in Schichten, die so tief sind, dass sie gerade heute von vielen wieder vergessen scheinen. Sie taucht in die Schichten ein und ist ganz still. Sie transportiert mit ihren Werken das an die Oberfläche, was sie findet. Sie macht uns damit ein großes Geschenk.

Das Buch wurde von Patricia Klobusiczky übersetzt, die ich bereits einmal bei dieser Lesung mit Molly Antopol im Jüdischen Museum erleben durfte.
Sehr von Herzen danke ich dem Secession Verlag für das Rezensionsexemplar des Buches.



 (c) Susanne Becker 

Donnerstag, 19. Oktober 2017

#fbm17 & Hannah Arendt

Man hört in den letzten Tagen sehr viel über die Buchmesse in Frankfurt und was da bezüglich Nazis geschehen ist, oder nicht geschehen ist. Mittlerweile gibt es auch eine Petition, die unter anderen von Uwe Tellkamp unterschrieben wurde. In dieser geht es um die Meinungsfreiheit, und dass diese auf keinen Fall eingeschränkt werden darf. Aber damit hat es doch wohl nichts zu tun, oder? Widerstand gegen menschenverachtende Positionen gleichzusetzen mit Einschränkung der Meinungsfreiheit ist per se schon irgendwie eine Verdrehung der moralischen Grundsätze, die ich persönlich ein wenig abenteuerlich finde.

Ich lese gerade ein wunderbares Buch. Eichmann in Jerusalem von Hannah Arendt. Als ich heute beim Zahnarzt saß und auf meine Tochter wartete, las ich das Kapitel, das sich mit jenen Ländern befasst, die dem Naziregime nicht so willfährig zur Hand gegangen sind in Bezug auf die Vernichtung des jüdischen Volkes. Das waren Dänemark, Bulgarien, Italien und Schweden. Sie analysiert die Situationen in diesen Ländern recht genau. Dabei kommt sie in Bezug auf Dänemark, dem einzigen Land, in dem man sich offen den Nazis widersetzte, auch, unter anderem, zu der Erkenntnis, dass Widerstand zu leisten und offen und laut zu sagen, wenn Dinge nicht in Ordnung sind, eher Meinungsfreiheit stützt. Weil sie letztendlich Regime, die diese wirklich einschränken wollen, unmöglich macht. Die funktionieren nämlich nicht, wenn eine Bevölkerung Rückgrat hat. Die Situation in Dänemark zeigte, dass in einem Land, in welchem das Verhalten der Nazis nicht normal gefunden wurde, diese Nazis nicht nur mit ihren Plänen nicht so weit kamen wie in anderen Ländern, sondern dass sogar die in Dänemark stationierten Nazis nach geraumer Zeit unter diesem subversiven Einfluss die Befehle aus Berlin sabotierten. Man könnte sagen: Ihr nationalsozialistischer Elan schmolz ein wenig dahin.

"Ebenso wie Dänemark zeigten sich auch Schweden, Italien und Bulgarien nahezu immun gegen den Antisemitismus, doch von diesen drei in der deutschen Einflusssphäre befindlichen Nationen wagten es nur die Dänen, den deutschen Herrschern gegenüber den Mund aufzumachen. ... Der deutsche Wehrmachtskommandeur proklamierte den Ausnahmezustand und führte das Standrecht ein; das hielt Himmler für den geeigneten Augenblick, um die Judenfrage zu erledigen, deren "Lösung" längst überfällig war. Aber Himmler hatte mit einem wichtigen Faktor nicht gerechnet, nämlich .... dass die deutschen Beamten, die nun jahrelang in diesem Land gelebt hatten, nicht mehr die gleichen waren. .... dass gerade die dort (in Dänemark) eingesetzten Kräfte (der SS) sich sehr häufig gegen Weisungen von Zentralstellen gewendet haben".

Gehorsam, Mitläufertum, das sukzessive Abbauen moralischer Werte funktioniert nur dann reibungslos, wenn es in einem Umfeld geschieht, in welchem dieses Verhalten gutgeheissen oder zumindest nicht offen kritisiert wird.
Sobald man in einem Umfeld ist, in dem man mit offenem Widerstand konfrontiert wird, gerät die Festigkeit ins Schwanken und Täter hinterfragen ihr Verhalten. Opportunismus ist eben doch recht menschlich, auch unter überzeugten Nazis, genauso wie der ausgewachsene Drang zur Konformität.

Auf die Anwesenheit von rechten Verlagen bei der Buchmesse, auf die Anwesenheit rechter Abgeordneter im Bundestag, auf das salonfähig werden rechter, rassistischer, islamophober Positionen passt dies für mich deshalb, weil ich denke, dass ein Klima, in dem all das schon wieder als normal gilt und als im Rahmen der Meinungsfreiheit etc. erlaubtes Verhalten auch von Journalisten und Schriftstellern eingefordert wird, genau das macht: es schafft ein kuscheliges Klima, in welchem dies Tag für Tag ein Stückchen mehr Normalität wird und die Protagonisten sich gemütlich einrichten. Wenn aber das Klima kritisch bleibt und ihre Denkansätze nicht Eingang ins allgemeine Stimmungsbild finden (o.k., ich gebe zu, ich träume jetzt mal ein bisschen auf hohem Niveau!), dann fühlen sie sich nicht so wohl, dann hilft das ihnen, ihre Standpunkte zu hinterfragen. Sie wollen ja dazu gehören. Also sollte man sich ihren Positionen GAR NICHT anpassen, sondern immer weiter massiv Widerstand leisten. Nur das führt dazu, dass sie irgendwann einknicken. Im Moment scheint ja teilweise das Gegenteil zu geschehen: der Drang der Gesellschaft, mit den rechten Positionen zu kuscheln, um nicht unangenehm aufzufallen, nimmt für mich ein wenig Überhand.

Jeder, der offen dagegen anschreibt, spricht oder postet, trägt  aber dazu bei, dass gezeigt wird: Eure Positionen sind nicht normal. Rassistische, menschenverachtende, islamophobe Parolen sind nicht normal. Sie sind auch nicht gewünscht. Sie widersprechen nicht nur unserem gesunden Menschenverstand, sondern auch allem, wofür unsere Gesellschaft steht. Offenheit, Freiheit, Brüderlichkeit, Toleranz. Und da komme ich zum Punkt, der mir sehr wichtig ist: Menschenverachtung und Rassismus zu äußern, das hat mit Meinungsfreiheit in meinen Augen gar nichts zu tun. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen und das ist ein toller Trick, den rechte Denker sehr sehr gerne anwenden. Sie greifen Menschen an und wenn man ihnen den Mund verbieten will, sagen sie: "Ej, Alter, Meinungsfreiheit. Ich darf sagen, was ich will."
Menschenverachtende, rassistische Parolen haben aber eher was mit Kriminalität zu tun. Man probiert, wie weit man gehen kann, bevor man Ärger kriegt und man steckt die Grenze stetig ein Stückchen weiter. Es ist deshalb wichtig, sich auch nicht ein Haarbreit so zu verhalten, dass man den Anschein erweckt, man könne diesen Parolen oder ihren Vertretern zustimmen. Das macht sie immer vertrauter. Irgendwann merkt man nicht mehr, dass sie längst eingezogen sind in unser alltägliches Denken und es mit bestimmen. (Oder ist das vielleicht schon längst geschehen?)

Wie Hannah Arendts Buch zeigt, stärkt Widerstand auch im gesamten Umfeld Mut und Rückgrat und den klaren Blick auf das, was moralisch in Ordnung ist und was nicht.
"Dieses einzige uns bekannte Beispiel von offenem Widerstand einer Bevölkerung scheint zu zeigen, dass die Nazis, die solchem Widerstand begegneten, nicht nur opportunistisch nachgaben, sondern gewissermaßen ihre Meinung änderten: unter Umständen haben offenbar auch sie die Ausrottung eines ganzen Volkes nicht mehr so selbstverständlich gefunden."

Uwe Tellkamps Unterschrift hat mich irritiert. Aber jetzt weiß man halt, wo er steht. Ist doch auch o.k. Das schmälert nicht die Tatsache, dass Der Turm ein gutes Buch ist. Aber es schmälert mit Sicherheit ab jetzt mein Interesse an ihm, weil ich dieses relativierende Geschwafele echt nicht mehr hören kann.

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Buch der Woche - Im Herbst von Karl Ove Knausgard

„Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann, und diese Stärke macht es möglich, den anderen mit Hilfe von Vergebung in die Knie zu zwingen.“

Knausgards Buch Im Herbst ist voll mit solchen Erkenntnissen. Meist schüttele ich den Kopf und sage: nein, nein, das stimmt so nicht. Seltener nicke ich und stimme ihm zu. Das oben genannte Zitat ist ein wunderbares Beispiel dafür, was Knausgard mit dem Leser macht. Er schleudert ihm seine Weltsicht entgegen. Dabei sind die Gegenstände seiner Welt äußerst vielschichtig: in einem Absatz schreibt er noch über Erbrochenes, im nächsten schon über Vergebung, Apfelbäume, Thermosflaschen oder Krieg. Man findet die übliche Dichte an Themen, die so typisch für Knausgards Bücher ist. Er schreibt im Grunde über alles, alles interessiert ihn. Sein Spektrum reicht von Pisse bis zu Flaubert.
Im Herbst ist ein Buch, das Knausgard schrieb, als er und seine Frau Linda ihr viertes Kind, die Tochter Anne, erwarteten. Es ist ein Buch, geschrieben für dieses Kind, das im Leib der Mutter heran wächst, während der Vater draußen das tut, worin er gut ist: er sammelt die Welt für dieses Wesen und schildert sie mit Worten. Seine Welt. Seine Weltsicht. Spürbar auf jeder Seite die Liebe zu seiner Familie, den Kindern, dem kleinen Wesen, das bald zu ihnen stoßen wird. Spürbar auch die Neugierde, wer da kommen wird und die Freude, ein weiteres Mitglied in die Familie aufnehmen zu können. Seine Freude überträgt sich bei mir, der Leserin, in eine Freude darüber, dass jemand so akribisch diese unsere Welt anschaut, da ist auch sehr viel Ehrfurcht, und sich die Mühe macht, alles, was ihm dazu einfällt, in Worte zu fassen. Für seine Tochter Anne, aber natürlich auch für mich und für jeden anderen, der die Welt durch diese Linse aufmerksam betrachten möchte.
Man muss seiner Sicht auf die Welt nicht zustimmen. Ich tue es in vielen Fällen nicht. Aber wieder, wie eigentlich bei allen Knausgard – Büchern, bleibt die Schönheit dieses Unterfangens an sich, die Zartheit, der Mut. Dass da jemand sitzt, in seinem kleinen Schreibkämmerlein, und die Welt einfängt, sie versucht, so zu beschreiben, dass da ein Sinn, eine Liebe erkennbar werden, das ist einfach schön.

Viele der Essays sind gar nicht besonders tiefsinnig, es sind kleine Momentaufnahmen, dennoch regten mich sehr viele zum Nachdenken an, auch zum eigenen Schreiben. Vor allem auch dann, wenn ich nicht seiner Meinung bin, wenn ich die Welt anders sehe. Dabei wirkt das Büchlein so mühelos dahin geschrieben. Als läse man im Grunde in einem Notizblock von ihm.
Mein Lieblingsessay ist der über die Knöpfe. Er erinnerte mich sofort an meine Kindheit und daran, wie meine Mutter tagtäglich an der Nähmaschine saß und selbstverständlich auch eine große Dose mit vielen, verschiedenen Knöpfen besaß. Der Essay erinnerte mich daran, wie schön es ist, Dinge zu bewahren, die man besitzt.

"Meine Kinder wachsen ohne eine solche Knopfschachtel auf, sie haben ihre Eltern niemals beim Nähen gesehen, denn wenn sich bei uns ein Knopf löst, sortieren wir das Kleidungsstück aus und kaufen ein neues. Das widerstrebt mir....Schätze ich Genügsamkeit und Armut mehr als Überfluss? Ja, in gewisser Weise tue ich das wohl."

Dieses Buch, der erste Band aus der Jahreszeiten-Serie, ist ein wunderbarer Einstieg in das Werk Knausgards. Denn die kleinen Essays sind nie länger als 2-3 Seiten, das Buch insgesamt hat 280 Seiten. An diesem Buch kann man erproben, wie man es mit Knausgard hält und dann zu den dicken Wälzern weiter ziehen, falls man sich verliebt hat. Oder aber sagen: Okay, dieser Knausgard ist nichts für mich.
Das Buch enthält Bilder der norwegischen Künstlerin VanessaBaird, welche es in meinen Augen zu einem kleinen Schatzstück machen. 

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker



Donnerstag, 5. Oktober 2017

Lesung: Losfahren mit Manal al-Sharif im Deutschen Theater Berlin

„Nenn‘ Leute wie mich nicht Aktivistin, das ist der erste Fehler, den Ihr macht. Wir alle sollten Aktivisten sein, sobald Unrecht geschieht.“

Am Montagabend las Manal al-Sharif im Deutschen Theater aus ihrem Buch Losfahren, soeben erschienen im Secession Verlag.

Geboren und aufgewachsen in Saudi Arabien, einem jener Länder weltweit, in welchem die Situation der Frauenrechte kaum schlechter sein könnte, war Manal al-Sharif zwar daran gewöhnt, dass sie unter anderem nirgendwo ohne männliche Begleitung hingehen konnte und natürlich auch nicht Autofahren durfte. Aber sie wollte dies nicht akzeptieren. Also ließ sie sich von ihrem Bruder das Fahren beibringen („Die Lektion dauerte dreißig Minuten, danach bist du auf dich gestellt.“), lieh sich von einem Freund ein Auto, fuhr, begleitet von einer Freundin, die zur Feier des Tages ein rosa Kopftuch trug „Wenn wir schon verhaftet werden, möchte ich gut aussehen“, fuhr ein wenig Auto, ließ sich dabei filmen, stellte das Video in YouTube ein und wurde verhaftet. Sie verbrachte neun Tage im Gefängnis, und wurde unter anderem frei gelassen, weil Hillary Clinton persönlich für sie intervenierte.

"Wenn das Gesetz mich nicht akzeptiert, akzeptiere ich das Gesetz auch nicht."

Manal al-Sharif ist eine beeindruckende Frau. Spannender fast noch, als die Passagen aus ihrem Buch, die von der Schauspielerin Christina Athenstädt gelesen wurden, fand ich die Antworten al-Sharifs auf Hatice Akyüns viele Fragen. Es wurde einmal mehr so deutlich, dass wir hier wenig von Menschen wissen, die beispielsweise in Saudi Arabien leben, dass die Medien uns im Grunde mit einem Schubladenwissen versorgen, das kaum Platz für individuelle Menschen lässt. Wir erhalten ein vorgefertigtes Bild, welches leicht manipulierbar ist, weil es kaum auf echten Begegnungen oder lebendigen Fakten beruht. Umso glücklicher bin ich deshalb jedesmal, wenn dieses Bild erschüttert wird in mir und ich durch eine echte Begegnung spüre, wie die Strukturen in meinem Bewusstsein zurecht gerückt werden. In diesem Sinne ist die Lesereise Manal al-Sharifs ein großartiger Beitrag dazu, die Menschen dieser Welt zusammen zu bringen und unser Verständnis füreinander zu fördern. 

Das Autofahren war für Manal al-Sharif ein Weg in die Freiheit, nicht nur für sich persönlich, sondern für alle Frauen. Die Unfreiheit der Frauen besteht ja überall zumeist auch auf der Anhäufung vieler kleiner Unbeweglichkeiten im Alltag, die sich zu einem Gebilde summieren, welches ein Leben nur noch in einem sehr eingeschränkten Umkreis gestattet. Wenn eine Frau nicht Auto fahren oder nicht ohne einen Mann das Haus verlassen darf, ist der Radius ihres Lebens klein. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nirgendwo hinfahren darf, dass ich immer einen Mann brauche, der mich fährt, dann kann ich mein momentanes Leben im Grunde von A bis Z vergessen. Lachend berichtete sie, wie gerne ihr Bruder sie dabei unterstützt habe, da er es leid war, zwei Frauen, seine eigene und sie, überall hinfahren zu müssen. Denn die Unfreiheit der Frauen bedeutet im ganz konkreten sofort auch Unfreiheit für die Männer. Hier noch einmal das Video, in dem sie durch die Straßen fährt und selbst so eindrücklich von der Unfreiheit spricht, die das Fahrverbot für alle Frauen, für alle Menschen Saudi Arabiens, bedeutet und warum auch so viele Männer ihre Bewegung Woman2Drive unterstützen. 
Auf ihre Frage ans Publikum, wer von uns Ahmed, ihren Freund, der ihr für das Youtube Video ihr Auto geliehen hatte, für einen Helden hielte, meldeten sich nicht viele. Manal al-Sharif verwunderte dies, denn, so versuchte sie uns deutlich zu machen, auch Männer leiden unter der Unterdrückung der Frauen und diejenigen, die ihnen helfen, werden genauso mit Repressalien belangt wie jede Frau. Wenn Frauen in einer Gesellschaft nicht frei und gleichberechtigt sind, ist es niemand in dieser Gesellschaft.

Die von Manal al-Sharif und vielen Mitkämpfer*innen ins Leben gerufene Organisation Woman 2 Drive hat gerade in den Tagen, in denen sie zur Vorstellung ihres Buches nach Deutschland kommt, einen riesigen Erfolg zu feiern: per königlichem Dekret ist es Frauen ab Mitte 2018 erlaubt, in Saudi Arabien Auto zu fahren. Welche Gründe genau dahinter stehen, bleibt ein wenig dubios, aber die Autorin ist sich sicher, dass es sich nicht um einen plötzlichen Gesinnungswandel handelt. Die Machthaber in Saudi Arabien gehen im Großen und Ganzen immer noch davon aus, dass Frauen im Grunde unfrei bleiben müssen. Aber es gibt gute wirtschaftliche Gründe, Frauen das Autofahren zu gestatten. Lachend wies sie darauf hin, dass die Krise der saudiarabischen Wirtschaft gut für die Frauenbewegung sei.

So wird ihre Lesereise zwar zu einer Art Beweis dafür, dass Unrecht bekämpft werden kann, erfolgreich. Eine Überzeugung, die wie mir scheint, gerade heute, wo es oftmals eher so wirkt, als wäre Unrecht an so vielen Fronten auf dem Vormarsch, sehr notwendig ist.
Glaubhaft verkörperte sie im Deutschen Theater Rückgrat, Mut, Gelassenheit. Heute lebt sie in Australien. Es wird für sie schwierig werden, nach Saudi Arabien zurück zu gehen. Die Möglichkeit, dass sie wieder verhaftet wird, ist durchaus gegeben. Aber, wie sie sagt: Ich habe davor keine Angst mehr. Ich war im Gefängnis. Ich weiß, wie es ist. Also muss ich keine Angst mehr haben.
Wenn man gelesen und gesehen hat, wie furchtbar diese Tage im Gefängnis für sie waren, sind ihre Worte umso beeindruckender. Diese Frau zu sehen, macht aber auch deutlich, wie viel Macht das Unrecht hat, wie fragil der Erfolg ist, und dass er einem schnell genommen werden kann. Nicht alle in Saudi Arabien freuen sich über die Aufhebung des Fahrverbots. Viele sind dagegen und werden möglicherweise auch mit Gewalt dagegen vorgehen. Durch ihre Freude über den Erfolg schimmerte immer auch spürbar die Skepsis darüber, wie genau die Aufhebung umgesetzt werden wird. Dennoch: Sie kann es kaum erwarten, zurück zu kehren und in Saudi Arabien mit dem Auto herum zu fahren. 

Der Abend mit dieser klugen und weltoffenen Frau hat mir einmal mehr gezeigt, dass Widerstand nichts mit Gewalt zu tun, sondern sehr viel mit einer inneren Haltung und sehr viel Würde. 
Jemand wie sie kann niemals besiegt werden. "Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen."

Hier noch ein Link zu einem tollen Text über die Autorin aus der Hannoverschen Allgemeinen  und ich freue mich jetzt schon darauf, das Buch zu lesen!

Noch ein paar Tage ist sie übrigens in Deutschland unterwegs. Heute in Köln, morgen in Bremen. Vielleicht schafft Ihr es ja noch, sie zu sehen, 

(c) Susanne Becker

Dienstag, 3. Oktober 2017

In die Sehnsucht

Sich selbst in die Sehnsucht tragen.

Tiefer als möglich in diese Landschaft,
sich hinein begleiten -
den Innenraum wässern, kommend,
auf halbem Schritt, nicht entgegen,
einer Art Glück gestolpert, natürlich
Tränenknäuel, auch, gewickelt,
hauchzart aus Befindlichkeiten
verschiedener Art, das ist ja menschlich.

Klar, wer aus der Wüste, lächelnd,
die Träume sammelt, die Tränen auch,
der kann in der Sehnsucht lesen,
dem ist sie ein offenes Buch.

(c) Susanne Becker