Berlin

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Sonntag, 5. Februar 2017

Nancy Princenthal - Agnes Martin Her Life and Art

I am reading a biography about Agnes Martin, the american artist, who spent so many years in or close to Taos. I started reading it, shortly before I departed for New Mexico last August. That said, it is obviously, that it takes me an awful long time, to finish the book. So, this morning, I started to wonder, why that was the case, and the first answer was: this book is demanding. You can not just read it. It often reads like a scientists paper in art history. Many informations on places, she lived, the artists and circles, whom one could encounter there, pages and pages of  descripitions of her paintings, which I would rather expect from a catalogue of a workshow, not from a biography. The book is often filled with knowledge, which did not help me personally, to understand Agnes Martin. Fact is: she grew more and more distant. Constructions considering her mental illness (schicophrenia), which probably are researched impeccably, but still, the artist remained distant, like somebody without feelings. It all read like theory. No life in this. Maybe, this has to do with her shyness. She did'nt leave much for biographers to search through. 
Yesterday evening though, I read the part about Agnes Martins own writing (she always wrote by hand, because she preferred a quiet and a very simple life, and a typewriter would have been noisy). I found this one sentence, which totally touched me, to which I absolutely could relate:

 „Now I am very clear, 
that the object is freedom.“

I immediately knew two things: 1. that I really want to read Agnes Martins own writing and 2, that this was a very deep insight, which also is true for my own writing, actually, for my life, in general. 

„Now I am very clear, 
that the object is freedom.“

My own writing, my own life, has always been about freedom, to one day be able (attention: IDEAL!) to live and write, which is one and the same thing for me, really,  completely out of this freedom. This vast space, in which the truth reveals itself to me constantly. The truth of the next step to be taken, the next book to be read, the next sentence to be said......
Freedom from feelings and stories past, which turn us into prisoners, unconscious. Freedom from feelings and stories present, which still turn us into prisoners, unconscious of what we do, why we do it and who we are. No involvement. In order to be able to live and write in this area of freedom, which is inside, as well as outside, the ocean, the desert Namib, the Mesa near Taos, meditation, to live clearly and consciously, to write clearly and consciously.
Three years ago, my mother has died. What I remember most from those days, I spent with her at the hospital, was this freedom, this vast space. For hours, I was sitting with her, quiet, I shared a room with her, in which all involvement was gone. Freedom. Clarity. Back then, I often thought: death is not all bad, because the ego dies first, I mean, in the good cases, in the ideal cases, and all involvement stops, which probably is the ultimate in liberation ---- if you can refrain from fighting. Frankly, who can refrain from fighting pain and fear?

I want to finish this book. Although I find it, apart from this one deep moment, not engaging. I remember a biography about Georgia O’Keeffe, written by Roxana Robinson. I could not get enough of it. I read all night long, which was fantastic, because that night, I was on a train from Chicago to Santa Fe. I was on my way to Ghost Ranch, Georgia O'Keeffes home, to attend a writing workshop. But that was not the reason for this book being so engaging. It was the way it was written, the way, it told stories. I even reread it once. Robinson brought Georgia O'Keeffe absolutely alive. I, the reader, totally connected with O'Keeffe, while Agnes Martin, who I believe, is on many levels much closer to my inner world, somebody, I just knew, I would connect with, after once seeing this video, remains totally distant. She seems more distant after the read, than ever before. Which is a shame. 
I know, Agnes Martins character was quite different from O'Keeffes. She was more withdrawn. maybe not as vain, and it was probably much more difficult, to puzzle her life and being together, to catch it into some written form. But maybe, just a suggestion, some biographies should not be written? Maybe, she, Agnes Martin, would not have liked it either? 
I really want to read her own writings now, and can not wait for an exhibition of her art so nearby, hopefully sometime soon, so I can indulge in her grids and paintings, which I do love. Because I always saw in them this:

"Now I am very clear,
that the object is freedom."


For now, I will be off to Vienna on Friday, to see this exhibition of Georgia O'Keeffes work. I have been to Ghost Ranch, and I have seen some of Martins paintings in Taos, but to see a whole, big exhibition --- can't wait. 

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 26. Januar 2017

rauhnächte




nichts sagen, damit da ein raum ist
zwischen den tauben & den schnäbeln
für die wahrheit, die ja liebe ist,
also die wahrheit ist immer …..

während ich alle ecken frei räume
von altem schmerz von wut
die luft schwanger von rauch – vor der wahrheit
habe ich auch angst, warte ich auf mich
– durch alle gefühle gegen mich auch
hindurchgehen & einmal nicht
davon laufen – fortschritt übrigens
mich selbst zu treffen einfach so
inmitten dieser tage voller sturm
& sehnsucht räuchere ich die
vergangenheit aus allen räumen
bin ich auf dem weg zu dir
auch wenn es dauern wird - geduld

vor meinem fenster biegt sich der baum
& es ist, als hätte er sich mir zugesellt
ungeduldig die ecken auszufegen &
dabei nichts zu sagen, weil die wahrheit
sich am leichtesten ihren weg durch
ein schweigen bahnt & in der dunkelheit
nach einem heftigen sturm

(c) Susanne Becker 

Sonntag, 15. Januar 2017

Robert Seethaler - Ein ganzes Leben

"Meistens schwieg Egger während seiner Touren. "Wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu", hatte Thomas Mattl immer gesagt, und Egger teilte diese Ansicht."

In den letzten Tagen habe ich ein kleines, zartes, und doch die ganze Welt enthaltendes Buch Seite für Seite gelesen. Ich habe versucht, dabei behutsam vorzugehen und keinen Buchstaben zu übersehen, wirklich jeden Satz mit Respekt und Achtsamkeit zu lesen. So wie Robert Seethaler, der Autor, in Ein ganzes Leben, das Leben des einfachen Mannes Andreas Egger mit außergewöhnlichem Respekt und großer Hochachtung dem Leser ans Herz gelegt hat.
Heute möchte eigentlich fast jeder, den ich kenne (ich selbst natürlich auch!), etwas besonderes sein. Es ist wie so ein Mantra der heutigen Zeit, dass man besonderes leisten muss, auffallen sollte, auf gar keinen Fall ein normales und einfaches Leben führen darf. Normal ist das neue gescheitert! Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie hohl dieser Anspruch ist. Er geht an so vielem, das wesentlich ist, vorbei. Die Lektüre dieses kleinen Buches, das auf nur 185 Seiten so viel Leben entfaltet und würdigt, hat mich mit so etwas wie Demut erfüllt, Achtung auch, vor jedem einzelnen Leben.
Andreas Egger kommt als vierjähriger in ein Bergdorf. Wir schreiben den Anfang des 20. Jahrhunderts. Er kommt zu einem Bauern, der ihn, den Sohn einer Schwägerin, nur aufnimmt, weil er einen Beutel mit ein paar Geldscheinen um den Hals trägt. Seine Kindheit ist von brutalen Schlägen und harter Arbeit gekennzeichnet. Sie zeigt aber auch schon, wie stark dieser Andreas Egger ist, der sich sein Leben lang von nichts und niemandem wird beugen lassen.
Als er alt genug ist, verlässt er den Hof und heuert bei einer Firma an, die Seilbahnen baut. Die Arbeit ist hart und gefährlich.
Er baut sich ein eigenes kleines Häuschen oben am Berg.
Er lernt Marie kennen, und heiratet sie.
Er wird eingezogen und muss in den Kaukasus, an die Ostfront, wo er noch viele Jahre nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft verbringt.
Er kehrt zurück in sein Dorf und wird Bergführer für Touristen.
Am Ende seines Lebens wohnt er in einer Art Höhlenbau oben am Berg, mit Blick aufs Tal, und ist zufrieden, trotz der vielen Schicksalsschläge, obwohl sein Leben ein entbehrungsreiches und hartes gewesen ist. Es gab auch die Glücksmomente. Er wusste jeden einzelnen zu schätzen. Er haderte nicht mit dem Schicksal. Er nahm das Leben an, wie es sich ihm präsentierte, ohne auch nur einmal zu glauben, es stünde ihm etwas Besseres zu. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe das Gefühl, aus einer Generation zu kommen, in der wir alle denken, es stünde uns immer etwas Besseres zu, eventuell sogar das Beste. Nichts ist gut genug, beglückend genug für uns. Die Sehnsucht nach einem tollen einem besonderen Leben ist gierig und kennt im Grunde keine Befriedigung. Wie viele zufriedene Menschen kenne ich? So richtig viele fallen mir nicht ein. Die Tatsache, das jedes Leben wertvoll ist, wurde in meiner Lebenszeit immer mehr interpretiert als: mir steht ein perfektes Leben zu. 
Andreas Egger war irgendwie zufrieden, gemeint hier als: im Frieden mit sich und der Welt, obwohl sein Leben nach heutigen Maßstäben hart war und er nicht viel erreicht hat.

„Für seine Begriffe jedoch hatte er es irgendwie geschafft und dementsprechend allen Grund, zufrieden zu sein. Von dem Geld aus seiner Zeit als Fremdenführer würde er noch eine Weile gut leben können, er hatte ein Dach über dem Kopf, schlief in seinem eigenen Bett, und wenn er sich mit seinem kleinen Hocker vor die Tür setzte, konnte er seinen Blick so lange schweifen lassen, bis ihm die Augen zufielen und das Kinn auf die Brust kippte. Wie alle Menschen hatte auch er in seinem Leben Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da.“

An noch etwas ließ mich dieses Buch sehr oft denken: an meinen Großvater, den ich hier einmal namentlich nennen möchte, weil er ein so wunderbarer Mensch gewesen ist, der ebenfalls ein hartes und entbehrungsreiches Leben geführt hat, der dabei immer ein offenes Herz behielt. Theodor Boddenberg, der mich gelehrt hat, ohne Worte, allein durch sein Tun, dass jedes menschliche Leben gleich viel Wert hat, egal, wie jemand aussieht, was jemand besitzt, woran er glaubt oder woher er kommt. Diese Lektion wurde nie ausgesprochen, aber sie wurde tagtäglich von ihm gelebt. Schon in den 60er und 70er Jahren war unser Haus immer offen für jeden, der neu ins Dorf kam oder schon ewig dort lebte. An unserem Küchentisch bekam der erste Portugiese genauso Kaffee, wie Nesme, die erste Türkin der Straße, in deren Hof am Feuer ich als Kind jahrelang täglich mit ihren kleinen Söhnen spielte und ich liebte es, dass sie den Hof mit einem Reisigbesen fegte, dass sie mehrere Röcke übereinander trug, dass sie aufgeregt schon am frühen Morgen an unsere Tür klopfte und weinend erzählte, wie in der Nacht eine riesige Ratte sie angefallen habe. Als Kind saß ich immer unter dem Küchentisch und spielte, während die Besucher, tagtäglich, Geschichten erzählten, oft mit Händen und Füßen, und Hilfe jeder Art bekamen: ein Stück Land, um endlich ein Haus bauen zu können, einen Job, Geld, einen Sack Kohlen für mau. Ich lernte, dass jedes Leben wertvoll ist. Ich ging niemals davon aus, das sich einmal in einer Zeit leben würde, in der das nicht mehr Konsens sein würde in Europa und den USA. Die letzten anderthalb Jahre haben mich diesbezüglich aufgeweckt. Vielleicht fällt mir deshalb mein Großvater so oft ein. Vielleicht wird mir deshalb erst jetzt diese seine große Lebenslektion so bewusst, dass ich sie in Worte fassen und ihn dafür ausdrücklich würdigen kann: Jeder Mensch ist wertvoll!
Aber auch: Es ist wichtig, sich nichts zuschulden kommen zu lassen. Man hat die Verantwortung dafür, ein guter Mensch zu sein. Was das ist, da gibt es eigentlich wenig Diskussionsspielraum. Die zehn Gebote sind beispielsweise, geht man nach meinem Großvater, ein ganz guter Maßstab.

Weil ich mich plötzlich in einer Welt wieder finde, in der der Wert eines menschlichen Lebens inflationär abnimmt, hier, wo ich lebe, bekomme ich manchmal Angst. Ein Buch wie das von Seethaler macht mir wieder Mut. So wie mir auch der Gedanke an meinemnen Großvater, der ebenfalls lange in Russland war, der viele Jahre gegen den Krebs gekämpft hat, der vieles von sei Hab und Gut an andere gegeben hat, der nicht einen Tag schlecht gelaunt war, der jedem geholfen hat, mir Mut macht.
Jeder Mensch ist wertvoll!

Ich möchte die Gelegenheit noch nutzen, ein weiteres Buch von Robert Seethaler zu empfehlen, welches ich im letzten Jahr gelesen habe: DerTrafikant. Leider kam ich nie dazu, es zu besprechen. Aber es ist ebenso wunderbar. Robert Seethaler ist für mich ein Meister darin, das Leben schreibend zu würdigen und die kleinen Dinge, die so leicht unbemerkt bleiben, aber im Grunde das Leben und seinen Verlauf bestimmen, in wunderschöne, noch lange in einem nachhallende Worte zu fassen.

  

 (c) Susanne Becker

Donnerstag, 12. Januar 2017

Buch der Woche - Durch Mauern gehen von Marina Abramovic

"Ich weiß nicht, ob das Kunst ist, dachte ich. Ich weiß nicht, was es ist oder was Kunst überhaupt ist. Ich hatte Kunst immer als etwas aufgefasst, das durch bestimmte Hilfsmittel zum Ausdruck gebracht wird. ... Aber diese Performance (The Artist is present) war nicht einfach Performance. Sie war das Leben. Konnte oder sollte Kunst vom Leben getrennt sein? Mehr und mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass Kunst das Leben sein muss - ..." Marina Abramamovic

"Im Katalog der Galerie wurde die Performance (The House with the Ocean View) genauer erklärt:

Die Idee: Diese Performance ist aus dem Wunsch entstanden herauszufinden, ob es möglich ist, mich selbst zu läutern, indem ich mich einer einfachen täglichen Disziplin, klaren Regeln und Einschränkungen unterwerfe.
Kann ich mein Energiefeld verändern?
Kann dieses Energiefeld das Energiefeld des Publikums und des Raums verändern?"

Marina Abramovic ist eine Performancekünstlerin, geboren 1946 in Belgrad als Tochter zweier ehemaliger Partisanen der Armee von Tito. Sie wurde erzogen, wie eine Soldatin zu sein, harte Disziplin, nicht auf die eigene Befindlichkeit achten. Ihre Mutter umarmte sie niemals und behandelte sie sehr streng. Sie wurde regelmäßig geschlagen und musste noch als sechsundzwanzigjährige Kunststudentin jeden Abend um zehn Uhr zuhause sein.
Ihre Performances haben von Anfang an immer wieder ihren Körper als Instrument genutzt und waren oft schockierend in ihrer Härte, vor allem sich selbst gegenüber. Von Anfang an erschien dieses Thema, "sich selbst zu läutern", sein Ego körperlich und seelisch zu reinigen und zu überwinden, zentral als Thema ihrer Arbeiten. In Rythm 10 spielt sie mit Messern und verletzt sich tatsächlich selbst. In Rythm 0 stellte sie sich selbst dem Publikum vollkommen passiv zur Verfügung, samt einer Reihe von Gegenständen, unter anderem eine Waffe und eine Patrone, eine Rose, eine Feder. Objekte, mit denen man ihr Vergnügen oder Schmerz bereiten konnte, sie sogar hätte töten können. Sechs Stunden lang durfte das Publikum alles mit ihr machen. Sie selbst sagte im Nachhinein, dass es der blanke Horror war und sie hinterher mehr graue Haare hatte als vorher. Überraschend (oder Moment: angesichts dessen, was gerade weltweit geschieht, finde ich persönlich es gar nicht mehr überraschend) daran ist die Schnelligkeit, mit der eine Gruppe normaler Ausstellungsbesucher zu einem Mob wird. Am Ende der sechs Stunden war Marina Abramovic praktisch nackt und blutüberströmt.
Mit ihren Performances zeigt sie die Grenzen, testet sie aus, ihre eigenen und die des Publikums. Sie lädt das Publikum immer wieder ein, sich selbst zu begegnen, in Wahrhaftigkeit. Wer zu Marina Abramovic geht, sollte nicht mit Kunst als Opium fürs Volk oder Konsumartikel rechnen.
In The Artist is Present, einer drei Monate dauernden Performance im MoMa, wo sie täglich acht Stunden bewegungslos auf einem Stuhl saß, freitags sogar zehn!, und die Besucher sich ihr gegenüber setzen durften, Augenkontakt, so lange sie wollten, war eine der erfolgreichsten Kunstaktionen jemals. Am Ende hatten 850.000 Menschen die Performance besucht. In ihr erscheint die Abramovic im Grunde wie eine Zen Meisterin. Trotz unerträglicher Schmerzen schafft sie es, präsent zu sein als Geschenk an die Menschen, 736 Stunden lang, einmal mehr unbeweglich.

"Ich war da für jeden, der da war. Die Menschen brachten mir ungeheures Vertrauen entgegen, und dieses Vertrauen wollte ich nicht missbrauchen. Sie öffneten mir ihr Herz, und im Gegenzug öffnete ich ihnen mein Herz, dann schloss ich die Augen - und dann saß jemand anders da. Meine körperlichen Schmerzen waren eine Sache. Aber der Schmerz in meinem Herzen, der Schmerz der reinen Liebe, der war viel größer.... Die schiere Menge an Liebe, die bedingungslose Liebe zu spüren, die wildfremde Menschen mir schenkten, war das unfassbarste Gefühl, das ich je hatte."

Der wunderbare Film über diese Performance und das Buch mit den Porträts derer, die ihr gegenüber saßen, geben einen Eindruck davon, wie intensiv und transformierend diese Performance war - wie transformierend ein Mensch sein kann, der wirklich präsent ist. Es gibt zu der Performance noch ein weiteres Buch von Klaus Biesenbach, dem Chef des MoMa. Nachdem ich den Film gesehen hatte, dachte ich, dass es eigentlich ausreichen würde, für den Rest meines Lebens ganz still da zu sitzen, präsent für alles und jeden. Würde das nicht genügen, die gesamte Bandbreite der menschlichen Existenz zu erleben? Muss es denn wirklich immer sein, dass man alles durch sein Ego und seine Projektionen ins Chaos verstrickt?
Wirklich in dieses Nichts eintauchen, das in einem so erschreckend lauert.

Ich war nach The Artist is Present auf der Stelle ein Marina Abramovic Fan. Aus verschiedenen Gründen: Ihr Mut, ihre Intensität, ihre Weisheit, und die Tatsache, dass sie es als Frau wagt, vollkommen kompromisslos ihren Weg zu gehen. Durch Mauern eben! Das alles hat mich inspiriert und für mich ist sie ein unglaublich wichtiges Rolemodel, das ich auch meinen Töchtern nahebringen möchte.
Deshalb musste ich unbedingt ihre Autobiografie, Durch Mauern gehen, lesen. Sie hat mich nicht enttäuscht. Natürlich ist das Buch kein literarisches Highlight, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Es ist aber eine fabelhafte Lebensgeschichte, leicht und gut erzählt, so dass ich es wirklich als Pageturner empfand und die 469 Seiten in vergleichsweise kurzer Zeit las. Ich habe mich nicht eine Minute dabei gelangweilt. Gut, das Buch hat mir auch gezeigt, dass Marina Abramovic doch keine Zen Meisterin ist, dazu ist ihr Ego zu groß. Aber das ist ja eigentlich auch keine Überraschung. Als derart erfolgreiche und mutige Künstlerin benötigt sie ein großes Ego, sonst würde sie sich weder auf die Bühne noch ins Rampenlicht begeben. Dabei ist sie aber durchaus selbstkritisch. Sie benennt ihre eigenen Schwächen und Fehler offen, gnadenlos auch teilweise die von anderen. Besonders spannend sind da natürlich ihre beiden großen Liebesgeschichten, mit dem deutschen Künstler Ulay und dem Italiener Paolo, die beide jeweils zwölf Jahre dauerten, die beide für sie mit extremen Enttäuschungen und Verletzungen endeten. Dass sie darüber so offen schreibt, zeigt für mich auch ihre Größe. Denn von beiden Männern wurde sie belogen und betrogen. Das tut nicht nur weh, sondern man fühlt sich mit Sicherheit gedemütigt. Sie verbirgt das nicht. Sie zeigt ihre Wunden genauso wie ihre Stärken.

Atemberaubend ist ihre Kreativität. Ihre Performances und Aktionen dringen immer tiefer in sich selbst und in das Leben ein. Sie zeigen dem Publikum die Möglichkeit, sich selbst wahrhaftig zu begegnen. Sie gründet ein Ausbildungsinstitut, an dem Lady Gaga eine ihrer ersten Teilnehmerinnen war. Für sie kann Kunst nicht abseits vom Leben existieren. Kunst ist das Leben - Das Leben ist Kunst. Diese Aussage hat mich sehr an Joseph Beuys erinnert (mit dem die Abramovic in den 70er Jahren zusammen getroffen ist), jeder Mensch ist ein Künstler. Dieser Gedanke hat mich schon seinerzeit beflügelt, dass jeder von uns kreativ ist, sein kann, sein sollte und sein Leben von seiner eigenen Kreativität gestalten lassen sollte, nicht von fremden Ansprüchen? Jeder von uns kann durch Mauern gehen.
In dem Buch werden viele ihrer Performances ausführlich geschildert, ihre Entstehungsgeschichte erzählt, was mir noch einmal die Ungewöhnlichkeit ihres Denkens, dessen Mut und Grenzenlosigkeit, gezeigt hat. Oder vielleicht ist Grenzenlosigkeit der genau falsche Ausdruck. Denn natürlich hat ihr Denken, ihr Mut Grenzen. Sie unterscheidet sich von mir, von uns, weil sie diese Grenzen immer weiter steckt und damit den Kanon ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen unerbittlich ausweitet. Es ist, als wären die Grenzen für sie lediglich da, um überwunden zu werden. In jeder Hinsicht. Es gibt kaum eine abgelegene Weltgegend, in die sie nicht gereist ist. Sei es, um für ihre Kunst zu recherchieren, sei es, um an Meditationsretreats mit strengsten Regeln teilzunehmen. Viele Fotos machen das Erzählte lebendig. Ich habe das Buch unglaublich gerne gelesen und fand es in vieler Hinsicht inspirierend. Sicher werde ich noch viel darüber nachdenken, immer wieder hinein schauen und mir jetzt erst einmal die anderen beiden oben erwähnten Bücher, sowie zum wiederholten Mal den Film The Artist is present anschauen.

Ich danke dem Luchterhand Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker

Freitag, 30. Dezember 2016

my favourites 2016



Meine Musik 2016

Dass David Bowie gestorben ist, hat das Jahr auf der Stelle überschattet und hing wie ein schlechtes Omen über dem Januar (ich gehe jetzt gar nicht weiter darauf ein, dass sich dieses schlechte Omen ziemlich krass durchs ganze Jahr hindurch immer wieder bewahrheitet hat )- aber irgendwie auch inspirierend. Ein Genie bis zum Schluss. Wenn man so abtreten kann, hat man den Kreis rund gemacht. Ich musste oft an etwas denken, das ich einmal gelesen habe, vielleicht beim Dalai Lama: dass es eine große Verantwortung ist, als Mensch geboren zu werden. Denn in jedem von uns steckt der Samen zur Erleuchtung, aber eben auch der zur Bösartigkeit. David Bowie hat für mich, in dieser Hinsicht, mit seiner Musik, seinem Sterben, eine Richtung gewiesen, an der ich mich gerne orientiere.

Dies waren meine liebsten Songs 2016

Lazarus David Bowie
Black Star David Bowie

Das Jahr setzte sich fort als eines der herben Verluste: Prince starb am 21. April, am Geburtstag meiner Tochter Sign O the times
drei meiner besten Freunde in Wien
Wiederentdeckt habe ich Pearl Jam durch den Song:  Thumbing my way Die Band war vor Jahren schon einmal eine absolute Lieblingsband. Ich weiß noch, als ich in Amerika lebte und alleine einen Cross Country Trip von Virginia nach Nevada machte. In Albuquerque/New Mexico kaufte ich mir bei einem Stop in einem Musikladen ein gebrauchtes Tape des Albums Ten. Ich hörte es den ganzen restlichen Weg über und Songs wie Black, Jeremy oder Alive werden für mich für immer mit der Landschaft Amerikas verknüpft bleiben, dem Gefühl wilder Freiheit, der verzweifelten Suche nach einem Motel, der Angst, dass der Sprit möglicherweise doch nicht bis zur nächsten Tanke reicht und der Verwegenheit, mit der man anfängt, sich selbst seine Träume zu erzählen, während man stundenlang hinterm Steuer klebt.


Fünf Filme haben mich in diesem Jahr wirklich begeistert!

Happy Welcome
No Land's Song
Das Blaue vom Himmel
Die Geträumten
Bin im Wald, kann sein dass ich mich verspäte

Meine liebsten Bücher 2016

2016 war mal wieder, was Bücher betraf, ein unsäglich volles und reiches Jahr für mich. Ich habe die Mayröcker entdeckt und Teju Cole, Nell Zink und endlich Herrndorf und in den letzten Wochen dann auch noch Peter Handke. Ich habe wirklich außergewöhnlich viele großartige Lesestunden verbracht. Ich konnte die Bücher nicht auf fünf reduzieren, und ganz ehrlich: ich könnte locker noch weitere fünf tolle Bücher auflisten.
Mein Tipp für 2017? Lesen Lesen Lesen! Alles, was den Geist öffnet in dieser, vielleicht bilde ich es mir nur ein?,  immer engstirniger werdenden Welt, tut gut. #LesengegenFaschismus soll ein Motto für 2017 werden, und ganz oben auf der Liste jener Bücher und Autorinnen, auf die ich mich schon freue in diesem Zusammenhang, steht Hannah Arendt mit Über das Böse und Eichmann in Jerusalem. Aber hier erst einmal die tollen Bücher von 2016, von denen jedes einzelne mich absolut begeistert hat! Solange es Menschen gibt, die solche Bücher schreiben und lesen, ist da Hoffnung!

Navid Kermani Dein Name (meine Besprechung)
Sasa Stanisic Fallensteller (meine Besprechung)
Joachim Meyerhoff Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (meine Besprechung)
Teju Cole Open City (meine Besprechung)
Nell Zink The Wallcreeper (meine Besprechung)
Wolfgang Herrndorf Arbeit & Struktur Ich habe mehrfach versucht, dieses Buch zu besprechen. Aber jeder Versuch lief immer wieder auf die eine Erkenntnis hinaus: Ich kann es nicht. Jedes meiner Worte ist profan angesichts dieses Buches. Ein mutiger Mensch begegnet dem Tod viel früher als erwartet und setzt sich damit auseinander. Er tut dies, ohne sich wegzuducken, ohne Gnade mit sich oder den anderen, unglaublich mutig schaut er seinem eigenen Sterben ins Auge, der Hoffnung und ihrem Abflauen, den Möglichkeiten, die ihm bleiben, und lässt uns daran teilhaben. Jede Seite ein Geschenk an Mut und Menschlichkeit. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.
Jonathan Safran Foer Here I am (meine Besprechung) Auf Deutsch ist es mittlerweile im Kölner Kiwi Verlag unter dem Titel Hier bin ich erschienen.
Friederike Mayröcker cahier (meine Besprechung)
Peter Handke Wunschloses Unglück (meine Besprechung)

Taos Pueblo
Meine Lieblingsorte 2016

New Deli Yoga, das tollste Café in meinem Kiez - herrliches Essen und kostenlose Yogasessions bei der krass netten Besitzerin Maria, die, das haben wir irgendwann festgestellt, aus dem gleichen kleinen Ort in NRW kommt, wie ich :-)
Wien, mausert sich langsam zu einer meiner Lieblingsstädte.
Herekeke, New Mexico, wo ich mit Lilly drei Wochen lang zum Schreiben war und jede Minute ein Genuss, eine Inspiration, ein Traum war!
Wiese neben dem Haus in Herekeke, New Mexico

Ausstellung in Wien

Wien

(c) Susanne Becker

Montag, 26. Dezember 2016

Buch der Woche - Wunschloses Unglück von Peter Handke

Auf diesen Titel "Wunschloses Unglück", muss man erst einmal kommen, diese auf der Zunge zergehende Poesie, deren Aussage allein einen schon zum Denken bringt - und dann damit noch das Leben, dass seelische Ausharren, das Sichzusammenreissen einer typischen, unsichtbaren Frau zu beschreiben, die zufällig seine Mutter ist, die sich zufällig, weil sie es nicht mehr aushielt, das Leben genommen hat, als sie 51 Jahre alt war, Peter Handke selbst war damals 30. Ein junger Mann, der seine Mutter durch Suizid verliert und darüber ein Buch schreibt, das ich in vieler Hinsicht selbstlos, vor allem aber feministisch nennen würde, ein großes Buch.

"Nun ging ich von den bereits verfügbaren Formulierungen, dem gesamtgesellschaftlichen Sprachfundus anstatt von den Tatsachen aus und sortierte dazu aus dem Leben meiner Mutter die Vorkommnisse, die in diesen Formeln schon vorgegeben waren, denn nur in einer nicht-gesuchten, öffentlichen Sprache könnte es gelingen, unter den nichtssagenden Lebensdaten die nach einer Veröffentlichung schreienden herauszufinden....
Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit."

Peter Handke hat dieses Buch im Januar/Februar 1972 geschrieben, seine Mutter war gerade sieben Wochen tot. Er schrieb es im Zustand tiefer Trauer, um der Sprachlosigkeit zu entgehen.
In einer beklemmenden Eindringlichkeit gelingt es Handke, die Enge, die eine räumliche ist und eine der Möglichkeiten, auch finanziell,  aber auch in Bezug auf die erlaubten Gefühle und Erlebnisse, des Lebens seiner Mutter, zu zeichnen. 1920 geboren, hat sie den Einmarsch Hitlers in Klagenfurt erlebt, was mich unwillkürlich an Ingeborg Bachmann denken läßt. Keine hat wie sie die Enge der Verhältnisse, auch noch lange nach dem Ende des Krieges und der Hitlerherrschaft, geschildert, aber auch die Enge der Gefühle und Möglichkeiten eines Frauenlebens unter Männern.
Dass dies auch ein Mann vermag, und dann noch in Bezug auf seine eigene Mutter, das finde ich bemerkenswert. Denn immerhin schafft Peter Handke es mit diesem schmalen Büchlein, das zu erzählen, was ja auch seine Kindheit war. Er schafft es ohne jede Bitterkeit, ohne Vorwurf, ohne überhaupt sich in irgendeiner Weise in das Bild zu drängen. Er dient als Spiegel für die Seele seiner Mutter, und setzt ihr somit ein Denkmal, das ich für sehr einzigartig halte. Das mir auch zeigt, mit welcher Größe man es zu tun hat, wenn man Peter Handke sagt.
Vor ein paar Wochen sah ich den Film Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte.
Eine wunderbar eindringliche und leise Studie über sein jetziges Leben in einem verwunschenen Haus in der Nähe von Paris. Man sieht ihn Kastanien schälen, nähen, schreiben und immer wieder die Fragen der Regisseurin, oft genug unwirsch, beantworten. Der Film machte mir deutlich, wie er arbeitet, dass sein Schreibprozess immer ein ganz innerliches Eintauchen ist, sein ganzes Leben grundeigentlich eine Meditation, um die Worte zu finden, und das erst, nach all den Jahren des Lesens, in denen ich Handke konsequent ignoriert hatte, machte mich so neugierig auf ihn, dass ich mir das Wunschlose Unglück wünschte. Es lag unterm Weihnachtsbaum und ich las es an einem Abend und Morgen.
Ich war schon unglücklich in meinem Leben, aber mein Unglück war immer gekennzeichnet durch eine Unmenge an Wünschen und Sehnsüchten, deren Erfüllung mein Unglück, da war ich mir jeweils sicher, beenden könnte. In den meisten Fällen habe ich mich nicht getäuscht. Wer wunschlos unglücklich ist, dem ist alles Streben abhanden gekommen, der ist eingefroren in ein graues Jetzt, in dem das Funktionieren schon eine immense Leistung darstellt, das Nichtmehrfunktionieren dann der einzige Ausweg.
Das Leben von Handkes Mutter ist stellvertretend für so viele Frauenleben. Man möchte glauben, nur für Frauen aus den Generationen unserer Mütter oder gar Großmütter. Natürlich denke ich an all die Krankheitssymptome meiner eigenen Mutter, die kein Arzt je zu diagnostizieren wusste, und wo ich in der Rückschau das Unglück als Verursacher so glasklar erkenne. Oder die Mutter einer Freundin, die immer ausgeglichen und unauffällig wirkte. Bis ich Jahre später erfuhr, dass sie immer betrunken war, schon am Morgen. Aber es sind nicht nur die Frauen der vergangenen Generationen, die dies betrifft. Man muss sich nur in Dörfern und kleinen Städten umsehen, in engmaschig und konservativ gestrickten Familien, da werden die Potentiale von Frauen noch genauso dazu, und oft genug nur dazu verwendet, dass es die Familie nicht auseinander knallt.

"Von Anfang an erpreßt, bei allem nur ja die Form zu wahren; schon in der Schule hieß für die Landkinder das Fach, das den Lehrern bei Mädchen das allerwichtigste war, "Äußere Form der schriftlichen Arbeiten"; später fortgesetzt in der Aufgabe der Frau, die Familie nach außenhin zusammenzuhalten; keine fröhliche Armut, sondern ein formvollendetes Elend; die täglich neue Anstrengung, sein Gesicht zu behalten, das dadurch allmählich seelenlos wurde."

Peter Handke macht in seinem schmalen Büchlein nicht nur eine unsichtbare Frau sichtbar, die zufällig seine Mutter war. Für mich hat er damit Heerscharen an unsichtbaren Frauen sichtbar und fühlbar gemacht. Er hat einen typischen Zustand weiblichen Seins in große Literatur verwandelt. Er hat somit etwas für seine Mutter getan, das sie selbst nicht mehr tun konnte, aber wonach sie sich, so denke ich, ein Leben lang gesehnt hatte: dass sie gesehen wird, dass sie einen Raum hat, in dem sie sein kann, wie sie ist, denn "...sie war imstande, sich ein Leben vorzustellen, das nicht nur lebenslängliches Haushalten war."

Für mich ist dieses Buch also ein feministisches, weil es den Möglichkeiten eines Lebens, eines Frauenlebens nachspürt, das so niemals stattgefunden hat. Es wirft ein liebevolles Licht auf all das Leben, das nie stattfindet, weil Frauen in patriarchalen oder einfach unhinterfragten Strukturen nicht sie selbst sein können. Da es das Leben seiner Mutter war, spürt man seinen Schmerz in jedem Satz. Der Text somit auch die minutiöse Beschreibung einer schmerzenden offenenWunde. Dass er dennoch nicht einmal in den Mittelpunkt sich rückt, macht seine Größe aus, als Mensch und als Schriftsteller.

(c) Susanne Becker




Donnerstag, 15. Dezember 2016

talking is not what i meant



no need to run from what is
talking is not what i meant ever
learn to listen in such a way
grasp the other as well as truth
too many lies are out there already
no need to add your personal vision
opinion of what should what could be
or not to learn to listen in a way like
creating space the universe allowing
an other to unfold truth in all its shades
metaphors of what is real or not a puzzle
of life does it matter? your voice in my
head feels every story i need to know
no need to talk but listen even to myself

(c) Susanne Becker