Berlin

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Sonntag, 26. März 2017

Mein Besuch auf der Leipziger Buchmesse

Ich bin naiv und unvorbereitet zur Leipziger Buchmesse gefahren. Im Grunde wusste ich nur, dass ich mich mal ein paar Stunden im Land der Bücher treiben lassen wollte. Dabei hatte ich nicht eingeplant, dass zeitgleich zur Buchmesse der Manga Convention stattfand und dass man ständig in den langen Haaren, Schwertern und Flügeln von irgendwelchen Impersonatern verloren gehen könnte. Abgesehen davon, dass man zwischen gefühlt 2 Millionen Menschen seine Tasche, die irgendwann 100 Kilogramm zu wiegen schien, durch die Hallen und Gänge schleppen würde. Dabei hatte ich nicht ein Buch gekauft oder sonstiges Material ergattert. Aber, immerhin!, genug Wasser dabei. 
Bevor ich nach Leipzig fuhr, stellte ich mir meinen Einsatz dort folgendermaßen vor: Ich würde die Stände aller mich interessierenden Verlage kurz abklappern, mir ansonsten einfach mal Leipzig anschauen. Der Zoo soll sehr toll sein und auch der Auenwald. Weil: Bücher habe ich ja auch in Berlin genug und im Grunde benötige ich momentan nichts weniger als Ideen, welche weiteren Bücher ich noch lesen sollte. Mein SuB ist unübersichtlich genug. Mitten in der Stadt ein Wald. Welche andere Stadt hat das schon? 
Im Zug las ich. Juli Zehs „Die Stille ist ein Geräusch“, in dem sie über ihre Reise nach Bosnien nicht lange nach dem Ende des Jugoslawienkriegs erzählt. Ich las darin, stehend, denn natürlich war der Zug nach Leipzig voll bis unters Dach und selbstverständlich hatte ich keinen Platz reserviert, folgenden Abschnitt: „Ich habe Angst und ich weiß nicht, wovor. Wenn die Scheißmenschheit sich selbst den Krieg erklärt, gibt es nichts, was zu sagen oder zu denken übrig bliebe. Hör auf zu suchen. Fahr nach Hause. Sie haben im Kleinen vorgeführt, was auch im Großen jederzeit möglich ist. Das will niemand wissen, und auch ich darf es nicht wissen wollen. Wie sollte ich mich sonst zwischen Menschen bewegen, die hier wie überall ihre Grausamkeit nicht ahnen lassen, so dass ein Ausbruch von Gewalt nicht nur bis zur Sekunde, in der er geschieht, sondern auch eine Sekunde nach seinem Erscheinen wieder völlig ausgeschlossen erscheint?“

Als ich die Stelle las, ahnte ich es nicht, aber es wurde ein bisschen das Motto meines Messeaufenthalts, wie ein roter Faden, an dem es mich von einer Lesung zur nächsten treiben ließ und mich immer wieder mit diesem Thema konfrontiert fand: Gewalt, Krieg, wie die Menschen miteinander umgehen, und dass diese Gefahr, diese Grausamkeit, so viel näher an die Oberfläche auch meines Lebens gerückt ist. Viel näher, als ich es je gedacht hätte. 
Meine erste Entdeckung diesbezüglich war der Autor AbbasKhider, der 1973 in Bagdad geboren wurde. Er las am Stand von arte aus seinem Buch „Ohrfeige“ und erzählte von den Erfahrungen der Flüchtlinge in unserem Land, die in der absurden Auseinandersetzung mit der Bürokratie oft genug ihre Seele bis zur Unkenntlichkeit verdrehen müssen. Selbst ein Flüchtling aus dem Irak, der nach so wenigen Jahren ein perfektes Deutsch spricht (er ist 2000 nach Deutschland gekommen), brachte er sehr direkt eine Welt an diesen Messestand, die man normalerweise nur aus zweiter oder dritter Hand kennt, bereits zur Unkenntlichkeit verbogen durch die Deutungen und Interpretationen, wohl- oder übelmeinend, das Schicksal von Flüchtlingen gefiltert durch die Wahrnehmungslinse der eigenen Lebenssituation. 
„Jedes Asylantenheim ist ein regelrechter Schreibworkshop“, denn man begegnet Geschichten, die glaubt einem kein Mensch. Alle sind Geschichtenerzähler, weil sie ihre Realität den bürokratischen Regeln der deutschen Gesellschaft irgendwie anpassen müssen, um sich eine Chance aufs (Über)Leben zu erkämpfen.
Es klang witzig, aber es ist natürlich alles andere als das.
Auf dem Weg durch die Hallen sieht man immer wieder Solidaritätsbekundungen für Deniz Yücel, der mittlerweile seit 39 Tagen in der Türkei inhaftiert ist. #freeDeniz Banner und Plakate an vielen Ständen. Auch auf einer Treppen im Glashaus die Worte #freethewords. Es kann einem so vorkommen, als wäre die Worte, die Freiheit, die im Dichten liegt, die Freiheit des Wortes, noch nie so bedroht gewesen wie in den letzten Monaten, und dass diese Bedrohung zunimmt, nicht nur in entlegenen Ecken der Welt, wo es einem dann schon grad egal ist, sondern ganz nah. Kurz durchflutet mich eine Dankbarkeit dafür, dass ich in einem Land lebe, in dem eine solche Buchmesse möglich ist. Eine Buchmesse, auf der es von weltoffenen, empathischen, klugen Menschen nur so wimmelt. Es gibt so viele Länder auf dieser Welt, wo eine solche Messe sofort gestürmt werden würde von uniformierten Soldatenpolizisten, alle Teilnehmenden als Staatsfeinde festgesetzt oder denunziert würden. Deniz Yücel befindet sich übrigens in Einzelhaft, Folter also im Grunde. Und gestern nahmen auf brutalste Manier Polizisten mehrere Hundert Demonstranten in Minsk fest, weil sie für Europa demonstrieren wollten. Heute nahmen russische Polizisten Hunderte Demonstranten in verschiedenen Städten fest, weil sie gegen Korruption auf die Straße gingen und Donald Trump will dem öffentlichen Rundfunk das Geld abdrehen, um noch mehr Urlaub machen zu können und, selbstverständlich, zur Erhöhung des Verteidigungsetats.

Was können Schriftsteller in einer Welt ausrichten, die von Krieg, Populismus und Demokratiefeindlichkeit immer stärker geprägt zu werden scheint? Als nächstes fand ich mich in Halle 4 wieder, beim Café Europa, eine Diskussion zum Thema Rechtspopulismus in Österreich und Deutschland, mit den Schriftstellern Eva Menasse ( die auch ihr neues Buch Tiere für Fortgeschrittene auf der Messe vorstellte), Robert Misik und Ingo Schulze. Der Grundton blieb hoffnungsvoll: dass die jungen Leute, vor allem auch durch Beispiele wie Trumps in den USA, derart abgeschreckt und politisiert werden und ein Abdriften nach Rechts, in faschistoide, autoritäre Strukturen verhindern werden hier bei uns. Aber auch das Bewusstsein, wie viel Wählerpotenzial hinter den Rechtspopulisten steht, wenn man bedenkt, dass sie in Österreich 46% geholt haben. Die Hälfte der Bevölkerung in vielen Ländern findet es mittlerweile wählbar, rassistisch zu sein. 
Als die Diskussion vorüber war, eröffnete sich vor meinen Augen ein Sitzplatz, über den ich mich sehr freute. Wer schon einmal auf der Buchmesse war, versteht, was ich meine.
Ich blieb also sitzen, ohne zu wissen was als nächstes im Café Europa kommen würde.
Es war die Vorstellung des Buches „Glückliche Wirkungen“ vom Propyläen Verlag, einer Anthologie von 57 Autoren aus OSZE-Staaten, die sich in ihren Texten, inspiriert durch das Goethe-Zitat, glücklichen Zuständen annähern sollten. Während ich dort saß, kam mir der Gedanke, dass dieser Messetag im Grunde das für mich ist, was auch die Bücher, die Autoren, das eigene Schreiben immer mehr für mich werden: Lehrerin in Empathie, ein Ort, an dem man Weltdeutungen begegnet, die man selbst im Alltag niemals leisten könnte. Bücher erzeugen bei mir glückliche Wirkungen, indem sie mich öffnen. „Nicht die Bestätigung dessen, was ich selber denke, sondern eher das Gegenteil“, so drückte es Dr. Michael Krüger, einer der Herausgeber des Buches, aus. Es geht darum, den Horizont zu öffnen, öffne deinen Geist, damit dein Denken die Richtung ändern kann (ich glaube, so ähnlich hat das mal Frank Zappa gesagt). Darum geht es bei guter Literatur. Darum geht es umgekehrt bei all den unwohlen Gefühlen, die einen befallen angesichts der politischen Situation und ihrer Protagonisten. Diese Protagonisten und ihre Anhänger zeichnen sich aus durch ein verschlossenes Herz und einen engstirnigen Verstand, sie sind kleingeistig, kleinmütig, von Angst besessen, humorlos, trennen zwischen uns und denen und bauen gezielt Feindschaftsszenarien auf, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Ihre Welt ist eine, in der zu leben mich ersticken würde.

„Gerechtigkeit unter den Völkern, diese fantastische Idee, ist eine Illusion.“ Auch das sagte Michael Krüger, und machte es fest am Beispiel der Literaturübersetzungen. Wer von uns kann fünf große Schriftsteller aus, sagen wir Turkmenistan nennen, dessen Seite in dem Buch im Übrigen weiß blieb. Denn kein Schriftsteller dort hatte den Mut, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen.
Jene, die sich für Literatur interessieren, so Krügers Appell, müssten immer wieder Übersetzungen einfordern, gerade auch aus Sprachen, gerade auch aus Ländern, wo es bislang wenige Übersetzungen gibt. Denn nur so lernen wir Lebenswelten kennen und verstehen, die uns absolut fremd sind. Nur so lernen wir, das Verhalten anderer zu verstehen, das uns, gemessen an unseren Maßstäben, als Affront vorkommen mag oder einfach nur sonderbar. Literatur ist reicher als alle anderen Diskursformen, auch offener. Politik, im Vergleich, repetiert vielmehr immer gleiche Positionen, ohne die Leichtigkeit der Poesie. 
Anwesend aus dem Kreis der Teilnehmer an der Anthologie waren die kroatische Schriftstellerin Ivana Sajko, die sich gerade in Berlin aufhält im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums am LCB. Ihre Übersetzerin las einen berührenden Text über Krieg und Gewalt, wie die Menschen miteinander umgehen, wie man bei den täglichen Nachrichten von im Mittelmeer sterbenden, in Aleppo getöteten Kinder überhaupt noch einer Depression entgehen kann. Denn sobald man sich auf diese Nachrichten und Bilder einlässt, fällt einen eine unsägliche Trauer an. Dann schließt sie, dass auch hier wieder, wie schon im Jugoslawienkrieg, ihr Kindergedanke, ihr naiver Kindergedanke das einzige ist, das sie vor einer Depression bewahrt: „ Liebe, der Glaube an ihre Kraft und ihre Vernunft. Nur die Liebe kann die Menschen retten.“
Es lasen dann noch der Ukrainer Serhij Zhadan sowie die Finnin Katja Kettu.

Auf dem Rückweg zur Garderobe, eigentlich schon so ein wenig ausgetrocknet und stolpernd vor Erschöpfung, kam ich durch die Glashalle und wer sitzt auf dem Blauen Sofa? Terézia Mora. Das war für mich ein besonderes Geschenk. Denn ich verehre, und das weiß jeder, der meinen Blog kennt, diese Schriftstellerin besonders. Sie hat den diesjährigen Preis der Literaturhäuser gewonnen und las aus ihrem Buch Die Liebe unter Aliens.
Besonders lustig fand ich ihre Antwort auf die Frage des Leiters des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, ob Lesungen für sie eigentlich nur eine unangenehme Verpflichtung seien, wie das ja bei vielen ihrer Kollegen der Fall sei. Darauf sagte sie, dass sie immer sehr lange an ihren Büchern schreibt. In diesen Jahren trifft sie selten Menschen, die es überhaupt interessiert, was sie da macht. Sie trifft zum Beispiel andere Eltern auf dem Spielplatz oder in der Schule ihres Kindes und die fragen dann: „Und was machst Du so?“ und dann sagt sie, dass sie immer noch an diesem Buch schreibt und dann antworten diese Eltern: „Ja, ich habe ja mit dem Lesen aufgehört.“ Ich hätte sie küssen können ob der offensichtlichen Verwirrung, die ihr diese Tatsache immer wieder neu bereitet, dass die Welt von Menschen nur so wimmelt, die nicht lesen. 
Deshalb freue sie sich auf Lesungen. Denn dort treffe sie jene Menschen, die nicht mit dem Lesen aufgehört haben.
Auf der Buchmesse bekommt man den Eindruck, dass sehr viele Menschen nicht mit dem Lesen aufgehört haben. Das war ein irres Gefühl, in dieser Welt herum zu laufen, die vollkommen aus Büchern besteht. An jeder Ecke sieht man berühmte Menschen: am Frühstückstisch saß Lukas Bärfuss praktisch neben mir, auf der Messe sah ich, unter anderem Jo Lendle, den Herausgeber Klaus Schöffling, den ich ebenfalls am Frühstücksbüffet meines Hotels sah (der Schöffling Verlag und der Guggolz Verlag waren in diesem Jahr im übrigen Preisträger des Kurt Wolff Preises für Verlage), Heiner Geissler, Feridun Zeimoglu, Nora Bossong, Ronja von Rönne und und und.
Es war für mich wie für andere vielleicht, wenn sie Fernsehstars sehen. Ich war total geflasht. Schon jetzt freue ich mich auf die Messe im nächsten Jahr, zu der ich sicher wieder fahren werde. Auch, wenn ich wirklich, also ganz bestimmt nicht, Tipps für interessante Bücher brauche. Auch wenn ich bis zum nächsten Jahr mit Sicherheit meinen Stapel neben dem Bett eher vergrößert als verkleinert haben werde.
Auf der Rückfahrt las ich wieder Juli Zeh. Diesmal fand ich diese Stelle: " But literature" fragt sie, "finds the truth? Or is it creating its own?"
"Gute Frage", sage ich. "Die Antwort darauf ist wie ein Haus mit zahlreichen Stockwerken, in denen viele gemischtethnische Familien aus Jas und Neins wohnen."
Mein Fazit: In diesem Haus möchte ich leben!

(c) Susanne Becker



Donnerstag, 16. März 2017

er schenkt es schweigend

am ende der worte
hülle ich dich in mein
schweigen es wird
wie zuhause sein

in die unendlichkeit der räume,
die sich öffnen, sobald die worte
einen nicht mehr verstummen.
in mein herz ein einziger blick,
so dass ein sommer,
kirschkerne in der hosentasche,
die bühne betreten kann.
ein endloser sommer,
der auch den winter
ausdauert, den frost,
der sich der erde widmet,
hinweg atmet. ein lächeln.
er schenkt es schweigend.

(c) Susanne Becker

Samstag, 11. März 2017

Perform a random act of kindness every day

Vor nicht allzulanger Zeit sah ich diesen Ted Talk von Amanda Palmer.
Was sie darin sagte, vor allen Dingen über zufällige Nähe, mit völlig Fremden, hat mich nie wieder losgelassen. Seitdem bin ich freundlicher geworden, so als eine Art Selbstversuch. Was geschieht, wenn Du wildfremde Leute einfach ganz offen anschaust und dabei lächelst? Lustigerweise strahlen die meisten sofort zurück, als hätten sie nur darauf gewartet, dass jemand in ihrem Gesicht ein Lciht anzündet. Seltsamerweise also ist durch Amanda Palmer und meinen auf ihren TedTalk folgenden Selbsetversuch mein Universum ein freundlicheres geworden. Seltsamerweise, ja vielleicht vielmehr logischerweise, bestehen meine Tage seitdem aus so unzählig vielen Momenten von Nähe, mit Freunden und mit Fremden. Jeder dieser Momente erzeugt Glück.

Gestern schrieb ich diesen kleinen Text dazu, der vermutlich noch in dem Roman, an dem ich gerade arbeite, Verwendung finden wird. Aber zunächst einmal hier, in meiner persönlichen kleinen Schatzkiste, meinem Blog.

Wenn es darum geht, Räume zu öffnen, dann kann dies immer nur und zuerst im eigenen Bewusstsein geschehen.

Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
möglicherweise sogar einem Fremden gegenüber, 
besser sogar einem Fremden gegenüber. 
Das erhöht den Grad der Zufälligkeit noch um ein gehöriges, zufriedenstellendes Maß. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
arglos müsste er sein, jeden Tag, 
das nun nicht zufällig, sondern als eine Art Selbstverpflichtung dem Leben gegenüber, 
jenen gegenüber, die sehr unfreundlich die Macht der Welt an sich reißen. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit und begreife, 
dass du umgehend ein Teil der Widerstandsbewegung bist, 
die sich gegen all das Negative stellt, das gefühlt oder empirisch belegbar diese Welt gerade so rücksichtslos an sich zu reißen scheint, möglicherweise zerstören wird. 
Das wissen wir noch nicht.

Begehe einen zufälligen Akt, täglich, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, einem Fremden gegenüber. 
Genieße die sich daraus ergebende absolute Freiheit. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
möglicherweise dem nächsten Menschen gegenüber, 
der Deinen Pfad kreuzt und stelle fest, wie zufällig absolute Nähe geschieht, 
so zufällig, Du kannst Dich im Grunde hundertprozentig darauf verlassen, 
dass zufällige Nähe entstehen wird, wenn Du zufällig freundlich bist zu Menschen. 
Spare Dich und Deine Freundlichkeit nicht länger auf. 
Vergeude Dich und Du wirst sehen, was geschieht. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 8. März 2017

Hermann Hesse - Das Glasperlenspiel

Es gab Momente, da verstand ich nichts und wollte das Buch einfach beiseite legen.
Das Buch! Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse, sein letzter und umfangreichster Roman, sein Alterswerk, erschienen 1943, in zwei Bänden (ja, das Buch ist sehr dick!). Es lag in meinem Stapel ungelesener Bücher, seitdem ich circa 20 war. Ich habe noch die alte, dunkelgrüne Suhrkamp Ausgabe. Gekauft in einer Buchhandlung am Opladener Markt, die es schon lange nicht mehr gibt. Begonnen habe ich das Buch gefühlt zehnmal, und immer wieder beiseite gelegt, weil ich einfach nichts verstand. Einmal bin ich bis Seite 100 gekommen, weiter nie. Ich beschloss dann, dass man vermutlich doch alt sein müsste, um es zu verstehen, Alterswerk eben! Jetzt bin ich einigermaßen alt und ich kann den Erfolg vermelden: Diesmal hab ichs geschafft. Ich bin durch!

Das Glasperlenspiel„Versenkung und Weisheit waren gute, waren edle Dinge, aber es schien, sie gediehen nur abseits, am Rande des Lebens, und wer im Strom des Lebens schwamm und mit seinen Wellen kämpfte, dessen Taten und Leiden hatten nichts mit der Weisheit zu tun, sie ergaben sich, waren Verhängnis, mussten getan und erlitten sein.“

Ist es möglich, ein Leben, das der Meditation und dem Wissen gewidmet ist, in einem normalen, menschlichen Alltag zu leben, oder muss man dazu nach Kastalien oder in den Wald gehen? Wenn ich die Weisheit entdeckt habe, die letztlich darin bestehen muss, dass all das, was im Alltag eine Rolle spielt, nicht mehr ist als eine Illusion, werde ich dann noch schreiben wollen? Worüber sollte ich dann schreiben? Vielleicht war alles, um das man sich im Leben sorgte und mit dem man sich verstrickte, nicht mehr, als eine Illusion, ein Traum. Wir träumen unser Leben und nehmen es ernst. Aber in Wahrheit ist es nur das Instrument, die Weisheit zu erlangen, die darin besteht zu erkennen, dass dieses Leben nur ein Traum ist. Wir können uns für immer in den Wald setzen oder an dem Ort, an den das Leben uns gestellt hat, das tun, was ansteht, ohne noch damit zu hadern.

Das Buch beginnt bei Josef Knecht, einem Jungen, der nach Kastalien berufen wird, einem Hort der Wissens- und Weisheitspflege, an den nur die besten (männlichen) Schüler geladen werden, um Kastalier zu werden. Einmal ein Kastalier, bleibt man dort für immer. Man kehrt nicht in das normale Leben zurück. In Kastalien studiert man die einzelnen Wissenschaften, ein Schwerpunkt liegt bei der Musikwissenschaft. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Glasperlenspiel, welches auf höchster Ebene die verschiedenen Wissenschaften und ihre Erkenntnisse miteinander unter immer neuen Überschriften verbindet und verknüpft, somit das Wissen auf immer höhere Ebenen treibt. Einmal im Jahr findet das große Glasperlenspiel statt, zu dem aus allen Gegenden des Reiches die Gäste und Zuschauer angereist kommen. Das Spiel wird angeleitet vom Magister Ludi, dem Glasperlenspielmeister, einem der höchsten Würdenträger Kastaliens. Josef Knecht wird als noch verhältnismäßig junger Mann, er muss so um die 40/50 Jahre gewesen sein, zu diesem Magister Ludi ernannt und erfüllt sein Amt vorbildlich, so wie er auch in jeder anderen Hinsicht ein vorbildlicher Kastalier ist, der das Zeug dazu hat, ein ganz großer Kastalier zu werden. Allerdings treiben ihn Zweifel um und die Sehnsucht nach dem Leben außerhalb Kastaliens, dessen elfenbeinturmartige Begrenzung er sieht. Er möchte am wirklichen Leben außerhalb Kastaliens teilhaben. Geschult durch Kastalien glaubt er nun, dem Leben draußen etwas zurück geben zu können, zu müssen. Er möchte seine Weisheit und seine Begabung nicht im Elfenbeinturm belassen. So tut er, was noch kein Magister vor ihm getan hat: er verlässt Kastalien, um als Hauslehrer in der Welt zu leben.
Am Ende der Lebensbeschreibung dieses außergewöhnlichen Josef Knecht finden sich dann noch Texte von ihm, Gedichte, sowie drei Lebensläufe, die er einst, als Junge, für die Schulleitung hat schreiben müssen. Sie stehen im Buch wie beinahe eigene Geschichten, sind aber aufs engste mit den Gedanken und Ideen Josef Knechts verwoben und geben weiteren Aufschluss über ihn.

Das Buch handelt von Menschen, die sich von der Allgemeinheit abheben, weil sie das Verlangen und die Fähigkeit haben, tiefer in das Leben und seine Bedeutung einzudringen, weil sie nach Wissen und Erleuchtung streben. Josef Knecht, auch die in seinen Lebensläufen zentralen Figuren: der Regenmacher, Josephus Famulus und Dasa, alle zeichnen sich aus durch eine besondere Fähigkeit und den starken Wunsch, Wahrheiten zu erkennen, den Sinn und die Bedeutung des Lebens zu durchdringen. Alle sind sie somit Alter Egos von Josef Knecht. Diese Fähigkeit sondert sie ab von den, wenn man sie so nennen mag, normalen Menschen. Sie werden von diesen auch durchaus als Sonderlinge wahrgenommen, beziehungsweise nehmen an einem normalen Alltag mit Arbeit, Brot verdienen oder ähnlichem so gut wie nicht teil. Wenn sie daran teilnehmen, wie Dasa, oder auch Josef Knecht, nachdem er Kastalien verlassen hat, führt dies nicht zu Erfüllung oder Frieden – im Gegenteil. Die Verknüpfung der beiden Regionen: Geistiges und Materielles, scheint zum Scheitern verurteilt.

„Man musste lernen, den Menschen als ein schwaches, selbstsüchtiges und feiges Wesen zu sehen, man musste einsehen, wie sehr man selbst an allen diesen üblen Eigenschaften und Trieben teilhabe, und durfte dennoch daran glauben und seine Seele davon nähren, dass der Mensch auch Geist und Liebe sei, dass etwas in ihm wohne, das den Trieben entgegensteht und ihre Veredlung ersehnt.“

Ich habe das Buch an vielen Stellen genossen, weil es sich mit Themen beschäftigt, die mich selbst ins Nachdenken bringen, die für mich auch durchaus Lebensthemen sind.
Fragen wie: Ist die Wahrheit tatsächlich in Worten vermittelbar? Kann man im Alltag funktionieren, wenn man im Grunde den Wunsch hat, sich intellektuell und/oder spirituell in höchste Höhen zu begeben?
Es gab Momente, da wollte ich das Buch dennoch wieder beiseite legen, diesmal endgültig, weil ich nichts verstand. Aber auf den letzten Seiten, am Ende der Geschichte Dasas, fiel alles für mich an seinen Platz und ich hatte das Gefühl, sehr viel gelernt zu haben. Dies ist ein Buch wie eine lange Meditation. Ein Buch im Grunde wie das ganze Leben, und das Erwachen aus diesem Traum.

Hesse postuliert eine strikte Trennung zwischen den beiden Welten des Geistigen und des Materiellen. Ich sehe diese Trennung grundeigentlich nicht so scharf. Für mich sind beide eins. Es gibt kein Leben, das der geistigen Welt unwert wäre. Wenn ich an die Lehren von berühmten Zen-Meistern des letzten Jahrhunderts denke, (Charlotte-Joko Beck, Suzuki Roshi z.B.) dann kommt da immer wieder die Aufforderung, Erleuchtung beim Abwaschen des schmutzigen Geschirrs oder beim Windeln wechseln der Kinder anzustreben. Zen imAlltag ist ein bekanntes Buch von Beck.
Ich glaube, dass die Trennung auch eine sehr männliche Sicht ist, vielleicht auch eher war. In einer Zeit, als in der Regel Männer sich dazu entschließen konnten, allem weltlichen den Rücken zu kehren und sich ganz Bereichen wie Philosophie, Spiritualität oder Kunst zu widmen, kümmerten sich die Frauen dennoch um die Kinder und den Haushalt. Den Frauen stand der Weg nach Kastalien auch in Hesses Buch so wenig offen, dass sich darin noch nicht einmal jemand darüber wundert, dass das ganze Kastalien nur aus Männern besteht. Die Frauen von Hesse haben die Männer eher behindert oder aus der Fassung gebracht. Im besten Fall haben sie den Männern Söhne geboren, niemals eine Tochter. Eine gute Mutter konnten sie den Söhnen selten sein, dazu bedurfte es dann wieder eines Meisters, per se eines Mannes.
Das Glasperlenspiel ist ein Männerbuch, es ist frauenlos. Ich dachte dies sehr oft bei der Lektüre. Es ist ein vollkommen aus Männerperspektive geschriebenes Buch, in dem Frauen praktisch gar nicht vorkommen. Dies hat mich, so wunderbar ich das Buch auch fand, doch immer wieder irritiert. Es ist ein Buch der Männerbündelei, in welchem Frauen nur die verschiedenen Rollen der Störerin von geistiger Ruhe übernehmen, also auf der niedrigen Seite des Materiellen stehen, während Männer mehr oder weniger überzeugend das Geistige verkörpern.
Das Glasperlenspiel ist auch das Buch eines zutiefst an östlicher Spiritualität und Buddhismus interessiertem westlichen Autors, der die Zeit nicht mehr erleben durfte, in der der Buddhismus den Westen regelrecht eroberte, vor allen Dingen Nordamerika, und dort eine Integration in den Alltag erfuhr, beziehungsweise es müsste eher umgekehrt heißen: der Alltag wurde in die Zen Lehre integriert. Denn die meisten westlichen Buddhismus-Schüler konnten es sich nicht leisten, oder wollten es nicht, ihren Alltag für ein Klosterleben zu verlassen. So handelten die Dharmavorträge plötzlich von Liebeskummer, Kinderkrankheiten oder stressigen Situationen im Job, von Haustieren, Angst vor Arbeitslosigkeit, von allem, dem ganzen normalen Leben. Irgendwie denke ich, das hätte ihm gefallen. Er hätte erfahren, dass die Trennung, die er solange fühlte, mit der er kämpfte und an der er litt, gar nicht notwendig ist. Die Trennung ist im Grunde Teil des Dualismus, der im Buddhismus keinen Bestand mehr hat und also überwunden werden muss.

„Wie Ihr Leben auch aussehen mag, ich möchte Sie ermutigen, es zur Übung werden zu lassen.“ Charlotte Joko Beck

Denn: wer im Strom des Lebens schwimmt, der kann in diesem Strom zur Weisheit vordringen.
Seine Taten und Leiden sind nicht Verhängnis, sondern das Instrumentarium, an dessen Hand man das Leben verstehen lernt, an dessen Hand man mit großer Ausdauer lernt, seine Perspektive so zu öffnen, dass man die Weisheit erblickt.
„Der inneren Öffnung, die einem Menschen möglich ist, sind keine Grenzen gesetzt.“ Charlotte Joko Beck
Das Buch ist ein großes Buch, eines jener Bücher, die man, wenn man ist wie ich, gelesen haben sollte in seinem Leben. Leicht liest es sich nicht. Es ist ein Buch, das Konzentration und auch ein wenig Mühen abverlangt. Aber das ist gut. Ich mag solche Bücher! Am Ende fühlt man sich immer reich beschenkt und hat noch Wochen danach Stoff zum Nachdenken. Es ist ein Buch, das nach all den Jahren immer noch dazu beiträgt, den Menschen von innen zu öffnen.

(c) Susanne Becker

Montag, 27. Februar 2017

Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari

Es geschieht mir nicht häufig, dass ich ein Buch lese und es dann am liebsten in Gänze zitieren würde, weil eigentlich das ganze Buch wie ein großes Gedicht ist, welches mit seinen Worten in die Tiefen der menschlichen Existenz abtaucht, um dort dem Grauen nicht auszuweichen. Welcher Mut gehört dazu, ein solches Buch zu schreiben, in sich diesen Schmerz zu finden, aus dem die Worte aufs Papier bluten?

Ich empfinde, dass wir in einem Zeitalter der Angst leben. Alle haben Angst. Viele erliegen dieser Angst und suchen nach Sündenböcken und schnellen Lösungen. Das Wegducken vor der Angst ist eigentlich das Schlimme an ihr. Wer seiner Angst nachgibt, der hat verloren. Mut ist, der Angst ins Auge zu schauen und dann so lange diese Angst auszuhalten, bis der Schlamm sich gesetzt hat, der Schlamm im eigenen Inneren, der einen dazu bringen möchte, um sich zu schlagen. Die Angst aushalten, bis das Wasser wieder klar ist, um dann aus dieser Klarheit heraus zu handeln. Keine Klarheit ist klarer als jene, die nach durchlebten, heftigen Gefühlen auftritt.

Dieses Buch ist wie eine Katharsis. Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari, erschienen im, ich muss es noch einmal sagen, wunderbaren SecessionVerlag. Poetisch vom ersten bis zum letzten Wort. Das Original aus dem Französischen übersetzt hat Christian Rusiczka.

Heute war ich im Ocelot Buchladen in Mitte, um gleich ein Exemplar dieses Buches als Geschenk für meinen Kollegen zu kaufen. Ich suchte herum und als ich fragte, „Habt ihr dieses Buch, das gerade erst heute erschienen ist?“ Da nickten die beiden Buchhändlerinnen „Ja, aber natürlich, das ist doch ein befreundeter Verlag!“ Wir strahlten uns an. Denn wir wussten auf der Stelle, dass wir den gleichen Geschmack haben. Gleich am Eingang lag ein großer Stapel!
Beim Bezahlen fragte mich die eine Mitarbeiterin: „Wer glauben Sie, ist in dem Buch der Erzähler?“
Ich: „Ich weiß nicht, aber ich dachte mir irgendwann, dass es einfach Jérôme Ferrari ist, der Schriftsteller selbst, der uns berichtet vom Abtauchen in die menschlichen Tiefen, von der Begegnung mit Menschen, die wir beide vermutlich in unserem Leben so nicht treffen werden, von denen es aber im Grunde sehr viele gibt.“
Sie nickte: „Ja, zu dem Schluss bin ich irgendwann auch gekommen. Aber zuerst dachte ich, der Erzähler wäre Gott. Bis dann irgendwann über Gott geschrieben wird.“
„Für mich ist es ein Protokoll über die Suche nach Gott in unserer Zeit, in einer Lebenswelt, die mit meiner nichts zu tun hat. Von der ich aber annehme, dass sehr viel mehr Menschen in ihr leben, als in meiner.“
„Ein Paralleluniversum."
"Ja, das aber vielleicht dichter bevölkert ist als mein Universum."
"Ich sehe es genauso!“
Ich bin also heute meinen Lieblingsbuchhändlerinnen untreu geworden, was ich praktisch nie tue. Aber ich habe es nicht bereut. Für ein solches Buchkaufgespräch lohnt es sich!

„Gewiss, die Dinge enden schlecht, und doch, du wärest fortgegangen und du wärest, sobald die Umarmung der Welt zu drückend geworden wäre, zurückgekehrt zu dir nach Hause. Aber so ist es eben nicht gelaufen, denn die Dinge enden auf ihre rätselhafte und grausame Weise schlecht und lassen sämtliche Illusionen der Hellsichtigkeit an sich zerschellen.“

Von Anfang an weiß man also, die Dinge enden schlecht. Dieses Buch wird uns nicht erklären, wie wunderbar die Welt ist. Hier wird das Geworfensein der menschlichen Existenz deutlich gemacht am Beispiel zweier Personen, die symptomatische Rollen übernehmen in unserem von Gier und Kriegen zerfressenen Hier und Heute: Söldner an einem Checkpoint im Libanon und Headhunterin.
Ein junger Mann verlässt sein französisches Dorf und wird Söldner auf der Suche nach Bedeutung, in der Hoffnung, sich zu spüren. Die Sehnsucht, ein besonderes Leben zu führen, nicht in der langweiligen Alltäglichkeit, Sinnlosigkeit, stumpf zu enden. Er begegnet dem Tod, der ihn verschont, aber doch verändert. Als er in sein Dorf zurückkehrt, ist es nicht mehr sein Zuhause. Er erinnert sich an seine Teenagerliebe zu Magali, die mittlerweile in einer Stadt lebt und als Headhunterin in einer gänzlich auf Optimierung ausgerichteten Firma arbeitet und sich vollkommen mit dieser Welt identifiziert. Sie ist wie ein Teil der Corporate Identity, sowie alle anderen Mitarbeiter dort auch. Sie leben für und durch die Arbeit und empfinden darin eine Illusion von Sinn.
Der junge Mann schreibt Magali einen Brief. Er möchte sie wiedersehen. Sie ist wie ein Synonym von Liebe für ihn. 
„…so ist sie jener Teil von dir, der heil geblieben ist. Vielleicht der einzige.“

Er wartet auf ihre Antwort, während sie den Brief zunächst in den Tiefen ihrer Tasche vergräbt. Nachdem sie ihn gelesen hat, erinnert sie sich an die Freiheit der Vergangenheit, die unbegrenzten Möglichkeiten, Liebe, Gefühle, alles im Grunde Störfaktoren in ihrem jetzigen Leben.
Beide, der junge Mann und Magali, sind auf ihre Weise gebrochen. Wird sie auf seinen Brief reagieren?
So war dieses Buch für mich auch eine wunderbar zarte, traurige Liebesgeschichte. Liebe in den Zeiten von Krieg und Gier. Große Hoffnung, sie schwingt viele Seiten mit, auf das einzige, das heil geblieben ist.
„So heftig wir die Welt auch verurteilen, so sind wir doch ein Teil von ihr, und dies muss akzeptiert werden, denn außerhalb der Welt, da ist nichts, keine Ruhe, keine Güte, …“

Dies ist kein freudiges Buch. Es ist vielmehr ein drastisches Buch und ließ mich an etwas denken, das ich einmal bei Terézia Mora, ich glaube, in ihrem Buch Nicht sterben, gelesen habe, über die Drastik beim Erzählen, dass man dahin gehen muss, wo es weh tut, aber man muss es auf eine Weise tun, dass man den Leser nicht verliert. Es gibt zum gleichen Thema auch noch einen Essay von ihr aus der Zeitschrift Bella Triste (Nr. 16, leider vergriffen, aber die wunderbare Redaktion hat mir den Text eingescannt und gemailt) besorgt. Die Mora sagt im Grunde dies: dass es die Aufgabe des Schriftstellers ist, Drastisches zum Ausdruck zu bringen, dem Leser vor Augen zu führen. Er muss dies mit einer so perfekten und schönen Sprache tun, dass der Leser, obwohl ihm der Text zu nahe kommt, dennoch nicht anders kann als weiter zu lesen. Wenn der Text nicht schön ist, aber dem Leser dennoch auf die Pelle rückt, wird er ihn in die Ecke pfeffern. Für mich ist Ferraris Buch ein wunderbarer Beweis dieser Mora-These. Denn die Sprache ist einmalig schön! Sie ist tatsächlich ein Grund, dass man immer weiter liest, auch wenn es weh tut, und man sich davon stehlen möchte.

Das Leben ist etwas, das weh tut. Auch! Nicht nur! Kunst muss es wagen, diese Region des absoluten Schmerzes nachzuspüren. Das Buch ist wie ein Requiem, ein Buch voller Schmerz, das einen jedoch bei der Lektüre mit einem großen Reservoir an Ruhe und Güte beschenkt, also kathartisch. Denn es ist wahr, und man versteht dies während der Lektüre sehr genau: der Söldner, der Krieg, der Tod, die im kapitalistischen Optimierungswahn sich selbst Verlierende, sie sind ein Teil von uns, von unserem Leben. Ja, im Grunde sind auch sie Gott. Dies macht Angst. Wir können nur bestehen, wenn wir uns vor der Angst nicht wegducken, sondern hindurch gehen, aufrecht. Die Angst führt zur Wahrheit.
Ein Gott Ein Tier ist für mich eine dringende, eine absolut aktuelle Lektüre gewesen, und hat mir einmal mehr gezeigt, wie unglaublich sensibel dieser Verlag seine Manuskripte auswählt. Für mich einer der Verlage, die heute wirklich am Puls der Zeit publizieren. Ein Verlag, der Poesie und Politik auf einzigartige Weise immer wieder verbindet. Hut ab!

Weitere Bücher von Jerôme Ferrari im Secession Verlag: Predigt auf den Untergang Roms, welches mir im Ocelot auch sehr ans Herz gelegt wurde und für das Ferrari im Jahre 2012 den Prix Goncourt erhalten hat; Balco Atlantico; Das Prinzip; Und meine Seele ließ ich zurück

Herzlich danke ich dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

(c) Susanne Becker




Sonntag, 5. Februar 2017

Nancy Princenthal - Agnes Martin Her Life and Art

I am reading a biography about Agnes Martin, the american artist, who spent so many years in or close to Taos. I started reading it, shortly before I departed for New Mexico last August. That said, it is obviously, that it takes me an awful long time, to finish the book. So, this morning, I started to wonder, why that was the case, and the first answer was: this book is demanding. You can not just read it. It often reads like a scientists paper in art history. Many informations on places, she lived, the artists and circles, whom one could encounter there, pages and pages of  descripitions of her paintings, which I would rather expect from a catalogue of a workshow, not from a biography. The book is often filled with knowledge, which did not help me personally, to understand Agnes Martin. Fact is: she grew more and more distant. Constructions considering her mental illness (schicophrenia), which probably are researched impeccably, but still, the artist remained distant, like somebody without feelings. It all read like theory. No life in this. Maybe, this has to do with her shyness. She did'nt leave much for biographers to search through. 
Yesterday evening though, I read the part about Agnes Martins own writing (she always wrote by hand, because she preferred a quiet and a very simple life, and a typewriter would have been noisy). I found this one sentence, which totally touched me, to which I absolutely could relate:

 „Now I am very clear, 
that the object is freedom.“

I immediately knew two things: 1. that I really want to read Agnes Martins own writing and 2, that this was a very deep insight, which also is true for my own writing, actually, for my life, in general. 

„Now I am very clear, 
that the object is freedom.“

My own writing, my own life, has always been about freedom, to one day be able (attention: IDEAL!) to live and write, which is one and the same thing for me, really,  completely out of this freedom. This vast space, in which the truth reveals itself to me constantly. The truth of the next step to be taken, the next book to be read, the next sentence to be said......
Freedom from feelings and stories past, which turn us into prisoners, unconscious. Freedom from feelings and stories present, which still turn us into prisoners, unconscious of what we do, why we do it and who we are. No involvement. In order to be able to live and write in this area of freedom, which is inside, as well as outside, the ocean, the desert Namib, the Mesa near Taos, meditation, to live clearly and consciously, to write clearly and consciously.
Three years ago, my mother has died. What I remember most from those days, I spent with her at the hospital, was this freedom, this vast space. For hours, I was sitting with her, quiet, I shared a room with her, in which all involvement was gone. Freedom. Clarity. Back then, I often thought: death is not all bad, because the ego dies first, I mean, in the good cases, in the ideal cases, and all involvement stops, which probably is the ultimate in liberation ---- if you can refrain from fighting. Frankly, who can refrain from fighting pain and fear?

I want to finish this book. Although I find it, apart from this one deep moment, not engaging. I remember a biography about Georgia O’Keeffe, written by Roxana Robinson. I could not get enough of it. I read all night long, which was fantastic, because that night, I was on a train from Chicago to Santa Fe. I was on my way to Ghost Ranch, Georgia O'Keeffes home, to attend a writing workshop. But that was not the reason for this book being so engaging. It was the way it was written, the way, it told stories. I even reread it once. Robinson brought Georgia O'Keeffe absolutely alive. I, the reader, totally connected with O'Keeffe, while Agnes Martin, who I believe, is on many levels much closer to my inner world, somebody, I just knew, I would connect with, after once seeing this video, remains totally distant. She seems more distant after the read, than ever before. Which is a shame. 
I know, Agnes Martins character was quite different from O'Keeffes. She was more withdrawn. maybe not as vain, and it was probably much more difficult, to puzzle her life and being together, to catch it into some written form. But maybe, just a suggestion, some biographies should not be written? Maybe, she, Agnes Martin, would not have liked it either? 
I really want to read her own writings now, and can not wait for an exhibition of her art so nearby, hopefully sometime soon, so I can indulge in her grids and paintings, which I do love. Because I always saw in them this:

"Now I am very clear,
that the object is freedom."


For now, I will be off to Vienna on Friday, to see this exhibition of Georgia O'Keeffes work. I have been to Ghost Ranch, and I have seen some of Martins paintings in Taos, but to see a whole, big exhibition --- can't wait. 

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 26. Januar 2017

rauhnächte




nichts sagen, damit da ein raum ist
zwischen den tauben & den schnäbeln
für die wahrheit, die ja liebe ist,
also die wahrheit ist immer …..

während ich alle ecken frei räume
von altem schmerz von wut
die luft schwanger von rauch – vor der wahrheit
habe ich auch angst, warte ich auf mich
– durch alle gefühle gegen mich auch
hindurchgehen & einmal nicht
davon laufen – fortschritt übrigens
mich selbst zu treffen einfach so
inmitten dieser tage voller sturm
& sehnsucht räuchere ich die
vergangenheit aus allen räumen
bin ich auf dem weg zu dir
auch wenn es dauern wird - geduld

vor meinem fenster biegt sich der baum
& es ist, als hätte er sich mir zugesellt
ungeduldig die ecken auszufegen &
dabei nichts zu sagen, weil die wahrheit
sich am leichtesten ihren weg durch
ein schweigen bahnt & in der dunkelheit
nach einem heftigen sturm

(c) Susanne Becker